Hair (Untertitel The American Tribal Love-Rock Musical) ist ein US-amerikanisches Musical, das als Meilenstein der Popkultur in den späten 1960er Jahren gilt. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Gruppe der Hippie-Bewegung. Buch und Liedtexte stammen von Gerome Ragni und James Rado, die Musik ist von Galt MacDermot. Nach einer Off-Broadway-Vorpremiere im Oktober 1967 in Joseph Papp’s Public Theater begann die Produktion im April 1968 mit der Uraufführung am Broadway.
Hair gilt als eines der erfolgreichsten Musicals überhaupt und wurde in der Folge auch in zahlreichen anderen Ländern aufgeführt. Erstaufführung der für Deutschland in die deutsche Sprache adaptierten Fassung Haare war am 24. Oktober 1968 in München. Erst 1977, lange nach Ende der Hippie-Bewegung, wurde Hair durch Miloš Forman verfilmt und 1979 veröffentlicht.
Gerome Ragni und James Rado schrieben Hair als lyrischen Theater-Text. Sie hatten sich am Broadway als Schauspieler kennengelernt. Ragni spielte in Hamlet, Rado in Luther. Die Auseinandersetzung mit der Provokation des modernen Theaters und mit der Entwicklung der amerikanischen Hippie-Bewegung forderte sie zu einer schöpferischen Dokumentation heraus. So entstanden die Texte für Hair.
Ragni und Rado formulierten die Unruhe der jungen Generation: Protestschrei und provokative Aktion, mystische Wirklichkeitsflucht und philosophische Spekulation. Der Härte mancher Texte stehen Passagen zarter Poesie gegenüber. Der Widerspruch in der Form macht die Spannung des Inhaltes deutlich. So entstand ein Material, das den Leser oder Hörer beansprucht und zuweilen sogar erschreckt. So war es konsequent, diesen vitalen Text musikalisch und schauspielerisch zu überformen und in die Disziplin der Bühne zu spannen.
1968 brachte Michael Butler, der sogenannte „Hippie-Millionär“, das Musical vom Off-Broadway an den Broadway. Bevor den etwa 100 Off-Broadway-Aufführungen weitere über 1800 Aufführungen im Biltmore Theatre am Broadway folgten, nahm Tom O’Horgan einige Änderungen vor. So enthielt beispielsweise die ursprüngliche Fassung nicht die Nacktszenen, die in der Broadway-Inszenierung für Aufsehen sorgten, dafür aber eine Szene, in der die Bühne von Polizisten erstürmt wird, die versuchen, die Aufführung zu verhindern.
Der Erfolg dieses Stückes war nicht aufzuhalten: Nach Stockholm und London begann am 24. Oktober 1968 in München der Siegeszug durch Deutschland. Auch in den deutschen Aufführungen gab es Eingriffe durch den Staatsanwalt, als ein 15-Jähriger sich auf der Bühne entblößte.
Der ehemalige Organist und Kirchenmusiker Galt MacDermot schrieb die Musik. Er schilderte, dass er in Südafrika Anfang der 1960er Jahre rhythmisch dazulernte; er bezeichnet diese Phase als eine seiner wichtigsten. Daher rührt, dass fast alle Melodien in Hair eigentlich kirchentonal (dorisch, äolisch, lydisch) sind, und auch die Einfachheit und die Eingängigkeit der Lieder. Betrachtet man nur die Melodien ohne Harmonien, erinnern diese stark an Gesänge des gregorianischen Chorals. Durch die Harmonisierung, Rhythmisierung und Instrumentierung wurde die Musik so erfolgreich. Galt MacDermot war 1966 ein versierter und bekannter Komponist. Er sagte, dass er die Kompositionen innerhalb von drei Wochen gemacht habe. Etwa 20 Texte und Lieder, die nicht in das Musical aufgenommen worden waren, veröffentlichte Galt MacDermot später unter dem Titel „DisinHAIRited“ (ein Wortspiel mit dem Homophon disinherited, deutsch enterbt).
Bertrand Castelli, der als Anführer von Friedensmärschen mehrere Male ins Gefängnis musste, wurde als Regisseur bestellt. Er setzte die radikal pazifistische Philosophie des Musicals um und inszenierte in elf Ländern.
Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Hair entstand und spielt in den späten 1960er Jahren. Die USA führten den Vietnamkrieg und etwa 500.000 junge Amerikaner waren zu diesem Zeitpunkt dort eingesetzt. Beim Großteil der Soldaten handelte es sich um Wehrpflichtige, die allgemeine Wehrpflicht in den USA wurde erst 1973 abgeschafft. Als Reaktion auf die Brutalität und die Opfer des Krieges entwickelte sich eine große Protestbewegung. Es kam zu zahlreichen Demonstrationen und symbolischen Aktionen, beispielsweise dem Verbrennen von Einberufungsbefehlen oder den in Vietnam erhaltenen Auszeichnungen. Etwa 50.000 amerikanische Kriegsdienstverweigerer entzogen sich der Einberufung und flohen nach Kanada.
Der Protest gegen den Krieg fiel zeitlich zusammen mit Forderungen auf Veränderung der als „autoritär“ angesehenen Gesellschaftsstrukturen sowie mit dem Aufkommen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Im April 1967 demonstrierten in New York 400.000 Menschen, im August 1963 fand der „Marsch auf Washington“ statt, an dem 100.000 Menschen teilnahmen, allen voran u. a. auch der Regisseur von Hair, Bertrand Castelli, der dafür ins Gefängnis gehen musste. Vor dem Lincoln Memorial forderte Martin Luther King, Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung und Gegner des Krieges, eine von Rassismus und Gewalt befreite Gesellschaft.
Die Proteste blieben nicht auf die USA beschränkt; in vielen Industrienationen der westlichen Welt kam es zu Studentenunruhen. Die sogenannten Mai-Unruhen, die nach Studentenprotesten im Mai 1968 zunächst durch die Räumung einer Fakultät der Pariser Universität Sorbonne ausgelöst wurden, führten zu einem wochenlangen Generalstreik, der ganz Frankreich lahmlegte. Die deutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre war eine vielschichtige politische Bewegung, die die „herrschenden Verhältnisse“ in der Bundesrepublik kritisierte und bekämpfte.
Lange Haare junger Männer sowie „verschmuddelte“ Kleidung, wie zerrissene Bluejeans und „Opa-Mode“ mit Weste, waren damals beliebte Symbole für eine Protesthaltung gegenüber dem „Establishment“. Die Antwort von Teilen der Gesellschaft bestand darin, „Langhaarige“ als Nichtstuer und Gammler zu beschimpfen. Hair beschreibt die Gefühle vieler junger Leute in dieser Zeit, insbesondere aber die der so genannten „Hippie-Kultur“. Die „Hippies“ – im deutschen Programmheft „Blumenkinder“ genannt – waren nicht herumstreunende Kinder, sondern von den Studentenrevolten beeinflusste Jugendliche vorwiegend der bürgerlichen Klasse: Studenten, Schüler, aber auch „Ausgeflippte“.
Im späteren Film ist es eine „Straßengang“ in New York ohne Bezug auf die weltweiten Studentenrevolten. Der Protest gegen die Gesellschaft als Ganzes ist dabei nicht immer von der jugendlich-ambivalenten Haltung bei der Abnabelung vom Elternhaus zu trennen: “My hair like Jesus wore it, Hallelujah, I adore it. Hallelujah; Mary loved her son. Why! Don’t my mother love me?” (deutsch: „Mein Haar, wie Jesus es trug, Hallelujah, Ich verehre es. Hallelujah; Maria liebte Ihren Sohn. Warum(!) liebt meine Mutter mich nicht?“), in der deutschen Originalfassung: „Ging vor rund zweitausend Jahren Jesus nicht mit langen Haaren, und Maria liebte ihren Sohn – nur meine Mutter hasst mich“.
Hair erzählt die Geschichte einer Gruppe gegen das Establishment eingestellter langhaariger (daher der Name des Musicals) Hippies, die in New York City leben und lieben und sich gegen die Einberufung als Soldaten für den Vietnamkrieg auflehnen. Der frisch vom Land hinzugestoßene Claude Hooper Bukowski, die junge Frau Sheila und ihr charismatischer Zimmergenosse Berger leben in einer Dreiecksbeziehung lustvoll, aber ziellos in den Tag hinein.
Claude gerät, hin- und hergerissen zwischen den patriotischen Impulsen seiner bürgerlichen Herkunft und den im Kreise seiner neuen Freunde erstarkten pazifistischen Idealen, in einen inneren Konflikt, denn mit Eintreffen der Einberufung muss er sich entscheiden, ob er – wie die anderen – den Kriegsdienst verweigern (und damit eine drohende Gefängnisstrafe und gesellschaftliche Ächtung in Kauf nehmen) oder seine pazifistischen Ideale missachtend sich der militärischen Autorität unterwerfen, Menschen töten und sein Leben in Vietnam riskieren soll.
Vergleich Bühneninterpretationen – Filmversion
Die Inhalte der verschiedenen Bühnen-Darstellungen und der Verfilmung unterscheiden sich erheblich.