H. Benne Henton, eigentlich Benjamin Hopkins Henton (* 23. Oktober 1877 in Shelbyville, Illinois; † 9. Juli 1938 in Philadelphia) war ein dem Ragtime sowie dem frühen Jazz zuzuordnender US-amerikanischer Altsaxophonist und der erste in den Vereinigten Staaten geborene Vertreter seines Faches, der internationale Reputation erlangte. Insbesondere in den 1910er Jahren trug er mit zahlreichen Tonaufnahmen und seinem furiosen Spiel in verschiedenen Bands maßgeblich zur Steigerung der Popularität des Saxophons in der Bevölkerung bei. Er gilt nach wie vor als der erste „Superstar“ dieses Instruments und der erste Musiker, der ein Saxophon-Solo aufgenommen hat. In späteren Jahren tat er sich als Musiklehrer, Unternehmer, Musikalienhändler, Dirigent und Autor hervor.
Der Künstler wurde als Sohn des Waggonbauers Isaiah Henton (1836–1924) und Susan A. Freshwater (1839–1904) unter dem bürgerlichen Namen Benjamin geboren. Seine Eltern hatten 1858 geheiratet. Benne hatte fünf ältere Geschwister:
Dora A. (* 1859; ⚭ William Oaks)
Alice M. (* 1861–1940; ⚭ Elias Miller)
Minnie A. (* 1862–1945; ⚭ Electious Downs)
John Rodney (1866–1951; ⚭ Gertrude Richardson)
Er lebte in seiner Kindheit mit der Familie im Ridge Township (Shelby County, Illinois). Später wohnte er um 1907 in La Porte (Texas) und verbrachte dort nach eigener Aussage zweieinhalb der glücklichsten Jahre seines Lebens. Im März besagten Jahres wurde Henton für zwölf Monate als Sekretär in den Vorstand der Friedhofs-Gesellschaft gewählt, die den neuen Cedarhurst Cemetery konzipierte, gestaltete und verwaltete. Um 1910 lebte er in seiner Geburtsstadt Shelbyville bei seiner Schwester Alice und ihrem Mann Elias, um 1917/1918 in Atlantic City und ab etwa 1920 in Philadelphia. 1915 hatte er Mabel Jane Vickers (* 1894) geheiratet.
Henton, der in der Öffentlichkeit nie sein Alter genannt hatte, starb am 9. Juli 1938 sechzigjährig und wurde vier Tage später auf dem North Cedar Hill Cemetery (Sec. K, Lot 35, 36, 49, 50, Boardman Crypt) in Philadelphia beigesetzt.
Musikalische und berufliche Laufbahn
Wie viele Saxophonisten fand auch Henton seinen Weg in die Musik über die Klarinette. Früh zeigte sich seine musikalischen Neigung, als er bereits mit drei Jahren auf dem Instrument großes Geschick bewies, Töne zu erkennen und zu halten. Im Alter von zehn Jahren gehörte er einer kleinen Stadtkapelle in Tower Hill (Illinois) an. Als sich im Teenageralter sein weiterer künstlerischer Werdegang abzuzeichnen begann, wollte ihn seine Familie von diesen Überlegungen abbringen. Stattdessen sollte er entweder eine Karriere als Priester oder als Rechtsanwalt einschlagen. Um dem zu entgehen, das Land bereisen und als professioneller Musiker arbeiten zu können, schloss er sich zunächst der Band des Ringling Brothers Circus an, tourte allerdings auch mit Minstrel Shows.
Hentons favorisierte Tonart auf der Klarinette war stets Es-Dur. Bereits mit 15 Jahren bewarb er sich – offenbar überzeugt vom eigenen Talent – im Februar 1893 um eine Aufnahme in die Band des bekannten Dirigenten John Philip Sousa, wurde allerdings abgelehnt.
Wahrscheinlich inspirierten ihn die Darbietungen des zur damaligen Zeit sehr bekannten Saxophon-Komödianten Knox Wilson zum Umstieg auf dessen Instrument. Den Schritt vollzog er 1903 und erlernte das Saxophonspiel in Chicago. Dort arbeitete Henton mit zahlreichen Violinisten und Opern- beziehungsweise Operettensängern zusammen, was sein Augenmerk auch auf die unterschiedlichen Tonlagen der menschlichen Stimme als Mittel zum künstlerischen Ausdruck lenkte – und darauf, dass das Saxophon diese von allen Instrumenten am besten imitieren kann.
Über die folgenden Stationen von Hentons Karriere liegen nur bruchstückhafte Informationen vor, die beispielsweise weder genaue Aussagen über Datum noch über Dauer einzelner Engagements oder Zusammenarbeiten ermöglichen. Gesichert ist jedoch, dass er bereits im folgenden Jahr am 31. März 1904 als Leiter des Saxophonquartetts bei der vom Komponisten Richard Strauss selbst dirigierten ersten Aufführung der Sinfonia domestica auf US-amerikanischem Boden in der New Yorker Carnegie Hall spielte. Die vorherigen Aufführungen in Deutschland hatten in Ermangelung geeigneter Musiker noch keine der daher ad libitum komponierten Saxophon-Passagen beinhaltet. Er war Solist in der bekannten Band Allessandro Liberatis (1847–1927) sowie in Thomas D. van Ostens Marine-Band, ehe er mit anderen Musikern die szenische Rezitatorin und Bühnenkünstlerin Lulu Tyler Gates begleitete – dabei spielte er zunächst noch sowohl Klarinette als auch Saxophon. Während dieser unklar definierten Periode stand er unter dem Management des Redpath Lyceum Bureau und des Slayton Lyceum Bureau. 1906 war Henton dann Gründungsmitglied der Band von Bohumir Kryl (1875–1961).
Bereits kurz nach seinem Umstieg auf das Saxophon hatte er als Ausnahmetalent gegolten und seine Auftritte wurden stets mit großem Lob und Bewunderung bedacht. Ab 1909 nahm er für die Victor Talking Machine Company sowie Edison Records zahlreiche seiner Arrangements auf Phonographenwalzen und Schellackplatten auf – ab 1911 auch eigene Kompositionen. Die Aufnahmen fanden Absatz in aller Welt und erhielten in der Regel äußerst positive Rezensionen. Wie schon seit spätestens Ende August 1909 für mehrere Saisons, stieß er auch im Juli 1916 wieder als Solist und Assistenz-Dirigent zur Band von Patrick Conway (1865–1929) und absolvierte mit ihr in den folgenden Jahren viele Auftritte.
Am 11. Juni 1919 reiste er nach New York City, um zweitägige Proben mit Sousas Band zu absolvieren. Auch diesem waren weder Hentons mittlerweile herausragender Ruf noch die Tatsache, dass das Saxophone bei Musikern und Publikum eine nie da gewesene Beliebtheit erreichte, verborgen geblieben und als er im Sommer wie jedes Jahr einige Neubesetzungen vornahm, engagierte er mit insgesamt sieben Saxophonisten mehr als je zuvor. Auch Henton überzeugte ihn und wurde – anders als noch 26 Jahre zuvor – in die Gruppe aufgenommen; er war als publikumswirksamer Solist, die anderen als Sextett vorgesehen.
Wenig später brach man zu einer großen, 20 Konzerte umfassenden Tour durch Kanada auf, in deren Verlauf Henton am 30. Juni im Rahmen der Calgary Exhibition seinen ersten Auftritt mit der Band hatte. Dieser Termin – wie auch alle weiteren der fünfwöchigen Tour in Edmonton, Saskatoon, Winnipeg und Regina – waren Buchungen der Western Canada Fairs Association. H. Benne Henton wurde schnell zu einem Publikumsliebling und erhielt bei den Konzerten auch ausreichend Möglichkeiten, sich zu profilieren. Zwischen dem 7. August und dem 14. September gastierte man in Willow Grove (Pennsylvania), unter anderem mit einigen Park-Konzerten. Am 15. September schließlich begann in Westfield (Massachusetts) der eigentliche Hauptteil der Saison: Die jährliche Transcontinental Tour der Band, die zwölfte insgesamt.
Zumeist wurden an den Auftrittsorten, die sich über die gesamten Vereinigten Staaten erstreckten, eine nachmittägliche Matinée sowie eine Abendvorstellung gegeben. Hentons Soli waren anders als jene früherer Sousa-Saxophonisten nicht einem festen Programmplatz zugeordnet. So spielte er manchmal an siebter Stelle, manchmal an achter Position und manchmal an zweiter. Je nach Applaus, der für ihn in der Regel überschwänglich ausfiel, schenkte er dem Publikum noch ein oder zwei Einzelzugaben oder wurde dabei vom Saxophon-Sextett begleitet. Sein Repertoire in dieser Zeit bestand aus dreizehn Musikstücken, von denen er drei selbst komponiert und drei weitere selbst arrangiert hatte.
Zum einschneidenden Datum wurde der 5. Januar 1920. An diesem Tag war die Gruppe in Winston-Salem gebucht und sollte eine Matinée sowie ein abendliches Konzert spielen. Die Musiker waren verärgert über des Öfteren mangelhaft koordinierte Hotelbuchungen zum Ende der Tour und nicht abgesprochene Fahrplanänderungen bei der 660 Kilometer langen Zugverbindung vom letzten Auftrittsort Nashville (3. Januar) nach Winston-Salem. Übermüdet und in schlechter Stimmung beschloss man, seinen Unmut dadurch kundzutun, die Matinée nicht zu spielen; der zweite Auftritt sollte allerdings wie geplant stattfinden. Auch H. Benne Henton beteiligte sich am Protest. Schließlich betraten von den 57 Musikern der Band nur 19 die Bühne und absolvierten die Matinée. Das musikalische Niveau der Veranstaltung war trotz aller Ausgleichsbemühungen dementsprechend mangelhaft. Anschließend bot Sousa dem Publikum eine Rückerstattung des vollen Eintrittspreises an diejenigen an, die dies wünschten. Keiner der Zuhörer ging jedoch auf dieses Angebot ein. Sousa war als Reaktion auf den Streik außer sich. In seinen Augen war es auch unter den widrigen Umständen unentschuldbar für einen Musiker, einen vertraglich vereinbarten Auftritt vor dafür zahlendem Publikum abzusagen, wenn man physisch dazu in der Lage wäre. Er wies seinen Personalchef an, bis auf eine Ausnahme (Perkussionist Gus Helmecke) keinen der streikenden Musiker nach Ende der Tour fünf Tage später jemals wieder für ein Engagement in der Band zu berücksichtigen. So endete auch Hentons Zeit bei Sousa nach 208 Tagen und 119 Auftritten.