Hồ Chí Minh (Aussprache [hò̤wcǐmɪɲ]; ; Hán Nôm 胡志明; * 19. Mai 1890 in Kim Liên, Nghệ An als Nguyễn Sinh Cung; † 2. September 1969 in Hanoi) war ein vietnamesischer Revolutionär und marxistisch-leninistischer Politiker, Premierminister (1945–1955) und Präsident (1945–1969) der Demokratischen Republik Vietnam.
Nach mehreren Stationen im Ausland, darunter Paris und Moskau, gehörte Hồ Chí Minh 1930 in Hongkong zu den Gründern der Kommunistischen Partei Indochinas, aus der später die Kommunistische Partei Vietnams hervorging. 1941 wurde er in Vietnam zum Anführer der neu gegründeten Việt Minh, die im Zweiten Weltkrieg gegen die japanischen Besatzer und die vichy-französische Kolonialmacht kämpfte, die mit den Japanern kollaborierte. Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit am 2. September 1945 ging der Kampf um Vietnam jedoch weiter: zuerst im Indochinakrieg gegen Frankreich (1946–1954), dann im Vietnamkrieg (1955–1975), dessen Ende Hồ Chí Minh nicht mehr erlebte.
Nach der Wiedervereinigung Vietnams wurde Saigon, die frühere Hauptstadt Südvietnams, 1976 ihm zu Ehren in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt.
„Hồ Chí Minh“ war ursprünglich nur einer seiner zahlreichen Decknamen. Er gab sich zu dieser Zeit als chinesischer Journalist aus, behielt den Namen aber später.
Da Hồ Chí Minh bis zu seiner Präsidentschaft viel im Untergrund arbeitete sowie seit seiner ersten Abreise aus Vietnam von der französischen Sûreté (der Sicherheitspolizei) und anderen Geheimdiensten verfolgt wurde, verwendete er ständig neue Namen. Es wird vermutet, dass ihm bis zu 50 Pseudonyme zugerechnet werden können. Erschwert wird die Forschung dadurch, dass Hồ Chí Minh zeitlebens äußerst geheimnisvoll mit seinen Namen und seiner Vergangenheit umging. Selbst zu dem Decknamen Nguyễn Ái Quốc, unter dem er ein bekanntes Komintern-Mitglied in Moskau und Paris gewesen war, wollte er sich später jahrelang nicht bekennen.
Die bekanntesten und wichtigsten sind: sein Kindername Nguyễn Sinh Cung (阮生恭); der Name während seiner Schulzeit und seiner ersten Schiffsreisen um die Welt: (tự, 字) Nguyễn Tất Thành (阮必成, Nguyễn muss [sein Ziel] erreichen). Nach dem Ersten Weltkrieg, als er in Frankreich politisch aktiv wurde, tat er dies unter dem Namen Nguyễn Ái Quốc (阮愛國, Nguyễn liebt sein [Vater]land oder: „Nguyễn der Patriot“); und schließlich seit 1942 Hồ Chí Minh (胡志明, Hồ klarer Wille). In Vietnam wird er auch heute noch Bác Hồ (伯胡, Onkel Hồ) genannt. Weitere Pseudonyme waren unter anderem Lý Thụy (李瑞), Hồ Quang (胡光) und Tống Văn Sơ bzw. Sòng Wénchū (宋文初).
Nguyễn Sinh Cung wurde vermutlich am 19. Mai 1890 in dem kleinen Dorf Kim Liên in der mittelvietnamesischen Provinz Nghệ An als jüngstes von drei Geschwistern geboren. Er gab später im Laufe seines Lebens immer wieder verschiedene Geburtsdaten an, die von 1894 bis 1903 reichen. Das Jahr 1890 gilt mittlerweile als die „offizielle“ Version, die zwar noch immer von einigen Forschern angezweifelt wird, aber aufgrund einiger bekannter Ereignisse aus der Kindheit als plausibel angesehen werden kann.
Auch über den Tag seiner Geburt besteht in der Forschung Uneinigkeit. Es ist gut möglich, dass der 19. Mai absichtlich mit jenem Datum zusammenfällt, an dem 1941 der Việt Minh gegründet wurde. Da im ländlichen Vietnam zudem oft keine Aufzeichnungen über Geburtstage gemacht wurden, ist ebenso denkbar, dass Hồ Chí Minh seinen Geburtstag selbst nicht kannte.
Kindheit und Jugend in Vietnam
Hồs Vater Nguyễn Sinh Sắc war ein konfuzianischer Gelehrter, der es bis zum Äquivalent einer Doktorprüfung schaffte, was für Angehörige der Landbevölkerung ungewöhnlich war. Nguyễn Sinh Sắc schlug jedoch lange Zeit bewusst nicht den Weg einer bürokratischen Laufbahn ein, sondern blieb für ein bescheidenes Gehalt Lehrer in seiner Heimatregion. Für Nguyễn Sinh Sắc war dies auch eine Form des Protests gegen die französische Kolonialverwaltung. Da er stark vom Konfuzianismus geprägt war, lehnte Nguyễn Sinh Sắc aber eine Auflehnung gegen die eigentliche vietnamesische königliche Obrigkeit oder gar eine Revolution vehement ab. Er überwarf sich später deswegen mit seinem Sohn.
Nguyễn Sinh Cung (Hồ Chí Minh) wurde von Zeitgenossen als wissbegieriger, gelehriger Schüler beschrieben, der schon in jungen Jahren eine Abneigung gegen die französische Besatzung zeigte, aber darüber hinaus weitgehend unpolitisch blieb. Mit Eintritt in das Schulalter erhielt er von seinen Eltern den Namen „Nguyễn Tất Thành“.
Bei einer Bauerndemonstration gegen die Steuern und die Lebensumstände unter dem Kolonialregime in der Königsstadt Huế, in die der Vater mit den Söhnen schließlich 1906 gezogen war, schloss sich Nguyễn Tất Thành den Bauern an, um zwischen Vietnamesen und Franzosen zu dolmetschen. Thanh besuchte zu diesem Zeitpunkt eine französische Schule. Da weder Bauern noch Obrigkeit zu Zugeständnissen bereit waren, endete die Demonstration im Kugelhagel französischer Soldaten. Nguyễn Tất Thành wurde als „Aufrührer“ am folgenden Tag der Schule verwiesen.
Reisen in Europa und in die Vereinigten Staaten
Vermutlich durch dieses Ereignis erst recht politisiert, zog Nguyễn Tất Thành erst nach Sàigòn und heuerte schließlich auf einem französischen Dampfer an, um Frankreich zu sehen. Noch immer hatte er keine konkrete Vorstellung, wie und in welcher Weise man gegen die Kolonialherrschaft vorgehen könne. Vereinzelte vietnamesische Intellektuelle stritten schon damals über einen „gewaltsamen“ und einen „reformistischen“ Weg. Nguyễn Tất Thành erklärte damals Begleitern, er wolle die Okkupatoren besser verstehen lernen und müsse dazu Frankreich kennenlernen. 1911, im Alter von 21 Jahren, verließ Nguyễn Tất Thành Vietnam.
Über seine Reisezeit liegt vieles im Dunkeln. Neben mehreren kurzen Stationen in Frankreich lebte er sowohl einige Zeit in New York und Boston als auch in England. In London arbeitete er dabei als Küchengehilfe im Carlton-Hotel unter dem Küchenchef Auguste Escoffier. Vermutlich 1917 kehrte er nach Frankreich zurück. Ab 1919 ist sein Leben wieder besser dokumentiert, da die französische Geheimpolizei seine Spur aufgenommen hatte.
Politische Sozialisation in Frankreich
In Paris schloss sich Nguyễn Tất Thành der Section Française de l'Internationale Ouvrière (SFIO), einem Vorläufer der sozialistischen Partei Frankreichs (Parti socialiste) an, sowie der „Association des Patriotes Annamites“ (Gemeinschaft der annamitischen Patrioten), einem Verein, der sich an Vietnamesen richten sollte, die in Frankreich leben.
Die Gründung der Association fiel in eine Zeit, in der sich im Zuge der Vorschläge des US-Präsidenten Woodrow Wilson zahlreiche koloniale Organisationen in der Hoffnung auf verbesserte politische Mitsprache zusammenschlossen. Am 18. Juni 1918 veröffentlichte die Association eine Petition, in der Nguyễn Tất Thành forderte, Wilsons Ideen müssten auch für die französischen Kolonien in Indochina verwirklicht werden. Der Ton der Petition war moderat; der Begriff „Unabhängigkeit“ kam nicht vor. Nguyễn Tất Thành schrieb den Text vermutlich nicht allein, sollte aber für die folgenden drei Jahrzehnte als jener „Nguyễn Ái Quốc“ („Nguyễn, der Patriot“) bekannt werden, dessen Name unter der Petition stand. Der Text erregte Aufsehen, blieb jedoch sowohl national als auch bei den Friedensverhandlungen von Versailles folgenlos.