Gustav Abraham Schickedanz (* 1. Januar 1895 in Fürth; † 27. März 1977 ebenda) war ein deutscher Kaufmann und Unternehmer. Er gründete 1927 das Versandhaus Quelle.
Gustav Schickedanz wurde am 1. Januar 1895 als Sohn des Werkmeisters Leonhard Schickedanz und der Haushaltsgehilfin Eva Elisabeth Schickedanz geb. Kolb in Fürth (im Haus Theresienstraße 23) als zweites Kind geboren. Am 2. September 1901 wurde er in der Volksschule an der Schwabacher Straße eingeschult. Im September 1905 trat er in die Königlich Bayerische Realschule mit Handels-Abteilung (das spätere Hardenberg-Gymnasium Fürth) an der Hirschenstraße ein, wo auch der zwei Jahre jüngere Ludwig Erhard zur Schule ging. Mit durchschnittlichen Leistungen erlangte Schickedanz dort im Juli 1911 den Schulabschluss und die „wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst“ (Mittlere Reife). Am 1. Juli 1911 (nach anderen Angaben schon während der Schulzeit, eventuell als Praktikant) begann er eine Lehre bei der Firma J. W. Spear & Söhne, die er mit Zeugnis vom 26. September 1913 absolvierte.
Er trat am 1. Oktober 1913 seinen Militärdienst beim Infanterieregiment Nr. 21 an, vor dessen Beendigung der Erste Weltkrieg begann. Als Teil der 6. Armee war das Regiment an den Grenzschlachten des Ersten Weltkriegs beteiligt. Schickedanz wurde am 8. Oktober 1914 am Unterschenkel verletzt. Als heimatdiensttauglich wurde er nach einem Lazarettaufenthalt zunächst zur Kommandantur des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr versetzt. Nach Kriegsende war er als Unterzahlmeister in der Trainkaserne in Fürth stationiert, noch im März 1919 fragte er wegen einer gewünschten weiteren Dienstverpflichtung an. Im April 1919 war er nach eigenen Angaben Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats.
Berufseinstieg und Geschäftsgründung
Am 30. Juni 1919 wurde er auf eigenen Wunsch aus dem Militärdienst entlassen und trat als Angestellter in die „Kurzwarenhandlung en gros“ von Otto Lennert in Fürth ein, wo er sich nach einiger Zeit – mit finanzieller Unterstützung durch die Familie seiner künftigen Frau – mit 15.000 Mark als Teilhaber einkaufte.
Er heiratete am 28. September 1919 die Bäckerstochter Anna Babette Zehnder (* um 1896; † 13. Juli 1929). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor (Leo und Louise).
Am 13. Juli 1929 erlitt die Familie einen schweren Verkehrsunfall mit einer „große[n] Horch-Limousine“ (vermutlich Horch 8) auf der Ingolstädter Landstraße unweit des Münchner Burgfriedens. Die Fahrerin Anna Schickedanz und der fünf Jahre alte Sohn Leo kamen dabei ums Leben, sein 72-jähriger Vater starb drei Tage später. Gustav Schickedanz sowie der Buchhalter Robert Klaus und dessen Ehefrau erlitten schwere Verletzungen. Die vierjährige Luise Schickedanz sowie der drei Jahre alte Günther Klaus blieben unverletzt.
Am 7. Dezember 1922 ließ Schickedanz den eigenen „Großhandel mit Kurzwaren“ in das Handelsregister eintragen. Sitz des Geschäftes war das Haus Moststraße 35 in Fürth. Zur Belegschaft zählten außer ihm anfangs nur seine Frau Anna, sein (berenteter) Vater Leo und seine Schwester Liesl, später dann noch vier Lehrmädchen. Vorteilhaft für die Entwicklung des jungen Unternehmens war dabei, dass ab dem 20. November 1923 im Deutschen Reich die Rentenmark ausgegeben und damit die Hyperinflation beendet wurde. Der Jahresabschluss für 1923 ergab für Schickedanz’ Unternehmen einen Vermögensbestand von 10.604 Rentenmark.
Entwicklung des Vertriebsmodells
Schon seit der Geschäftsgründung griff Schickedanz erneut seine Überlegungen zu einer Einkaufskette bzw. zur Sammelbestellung auf, die er schon bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Otto Lennert verfolgte. Der gemeinsame und entsprechend höher rabattierte Einkauf sollte nicht nur dem beteiligten Einzelhändler nützen, sondern durch eine – wenn auch nur anteilige – Weitergabe der erzielten Rabatte auch dem „Letztkäufer“ (Endverbraucher). Der positive Effekt für den Unternehmer war nach der Konzeption von Schickedanz eine daraus folgende höhere Bindung der Kunden an das eigene Geschäft. Schickedanz stellte einen Handlungsreisenden ein und besuchte auch selbst die Gemischtwarenhändler in den Dörfern und Kleinstädten vieler ländlicher Gebiete in ganz Nordbayern. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, da die Einzelhändler nicht glauben wollten, dass niedrigere Preise zu einem höheren Umsatz und zu einem höheren Gewinn führen konnten.
Dagegen sah Schickedanz zunehmend bei den Endverbrauchern mehr Erfolge und Möglichkeiten. Er konnte die Basis eines eigenen Kundenstamms aufbauen, der vorwiegend aus Frauen in ländlichen Gegenden bestand. Diese „Landfrauen“ kamen aufgrund des hohen Zeitaufwands nur gelegentlich in die Stadt und kauften bei Schickedanz dann vor allem Waren, die der örtliche Kleinhändler nicht führte. Schickedanz schickte diesem Kundenkreis zunehmend Preislisten und Information über Neuheiten zu. Vor allem ermöglichte er die Bestellung per Post, sofern sich die Kunden in einer Kundenkartei registrieren ließen. Die Kundenkartei war neben dem Lager ein zentrales Element des seinerzeit relativ jungen Versandhandels, den Schickedanz auf die spezifischen Bedürfnisse ländlicher Bevölkerungsteile zuschnitt.
Anfang Dezember 1926 änderte er die Firma seines Unternehmens in Gustav Schickedanz, Kurz- & Wollwaren en gros und zog aus den relativ beengten Verhältnissen des Hauses an der Moststraße in die große Liegenschaft Königswarterstraße 10 (am Ort der heutigen Gebäude Königswarterstraße 14–16), zudem erwarb er von der Zichorienfabrik Julius Cohn das gegenüber gelegene Geschäftshaus Hindenburgstraße 10 (heute Fürther Freiheit 10).
Am 1. Januar 1927 trat die fünfzehnjährige Grete Lachner als fünftes Lehrmädchen in das Unternehmen ein.
Schickedanz zog die Konsequenzen aus seinen Überlegungen zum Direktverkauf (in der später zum Teil verwirklichten Idealform des Direktvertriebs) und gründete am 26. Oktober 1927 das Versandhaus Quelle GmbH mit Sitz in Fürth, Geschäftsadresse war die Königswarterstraße 10. Die Eintragung in das Gesellschaftsregister beim Amtsgericht Fürth erfolgte am 7. November 1927. Vorteilhaft waren dabei die Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung und politischen Beruhigung in der Phase der sogenannten „Goldenen Zwanziger“. Gegenstand des Unternehmens war der „Versand mit Kurz- und Wollwaren und einschlägigen Artikeln“. Das Stammkapital betrug 20.000 Reichsmark.
Schickedanz war zunächst darum bemüht, mit seinem Versandhandel an Endverbraucher keine Kollisionen mit den Interessen der von ihm ebenfalls belieferten Einzelhändler zu verursachen. Die Schickedanz-Großhandelskataloge und die Quelle-Versandhauskataloge unterschieden sich anfangs nur äußerlich, die Inhalte waren identisch. Der Schwerpunkt verschob sich jedoch zum Versandhandel, Schickedanz schrieb hierzu in den 1940er Jahren: „Das gutgehende Großhandelsgeschäft musste alle verfügbaren Beträge abgeben, um neu Investierungen für das Versandgeschäft zu ermöglichen, die in der Hauptsache und immer wieder der Werbung und dem Aufbau einer umfangreichen, nach amerikanischem Vorbild eingerichteten Kundenkartei galt.“
Zunächst konzentrierte sich Schickedanz auf Wollwaren und kaufte Markenrechte wie die bei Verbrauchern schon gut eingeführte Marke „Dukatenwolle“ auf. Schickedanz gelang es dabei zunehmend, dass sich Lieferanten und Produzenten seinen „Kalkulationserfordernissen“ anpassten. Der zunehmende Geschäftsumfang verlangte immer wieder die Verwirklichung neuer Ideen zu dessen Bewältigung. Mit der Post konnte er das Privileg vereinbaren, wonach er die Sendungen über eine Eigene Postabfertigung ausliefern durfte.
Am 13. Juli 1929 starben bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von München die Ehefrau, der Sohn und der Vater von Schickedanz. Er selbst wurde schwer verletzt und verfiel in Depressionen; seine Schwester Liesl Kießling übernahm zeitweise die Geschäfte. Unmittelbar nach dem sogenannten Schwarzen Donnerstag am 24. Oktober 1929 nahm er wieder die Arbeit auf.
1932 kaufte Schickedanz vom bayerischen Staat das ca. 8000 m² großes Fabrikgebäude Artilleriestraße 40 und 42 (heute Merkurstraße) in Fürth, er schrieb hierzu: „Diese waren dringend notwendig, um mein Warensortiment bedeutend vergrößern zu können, so dass der Verbraucher bei mir nicht nur die Artikel, die zu seiner Bekleidung notwendig waren, sondern alles einkaufen konnte, was ihm in seiner ländlichen Abgeschiedenheit begehrenswert erschien“. Der Großhandel blieb an der Königswarterstraße, der Gebäudekomplex war inzwischen von Schickedanz größtenteils übernommen worden. 1928 lagen die Auflagen für Preislisten und Prospekte bei 10.000 bis 30.000, 1932 waren schon Mindestauflagen von 150.000 erforderlich, der Kundenstamm lag Ende 1932 bei 200.000. Der Umsatz entwickelte sich von ca. 75.000 Reichsmark 1929 trotz Deutscher Bankenkrise, Weltwirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit auf 2,8 Mio. Reichsmark im Jahr 1932 und 7,2 Mio. Reichsmark im Jahr 1933.