Gustav Mahler (* 7. Juli 1860 in Kalischt, Böhmen; † 18. Mai 1911 in Wien, Österreich-Ungarn) war ein österreichischer Komponist am Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Er war nicht nur einer der bedeutendsten Komponisten der Spätromantik, sondern auch einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit. Die wichtigsten Stationen seines Wirkens waren Hamburg (1891–1897), Wien (1897–1907) und New York (1908–1911). Als Direktor der Wiener Hofoper versuchte er sich an einer Reform des Musiktheaters.
Gustav Mahler entstammte einer jüdischen deutschsprachigen Familie. Sein Großvater war Šimon Mahler, Pächter und später Besitzer einer Weinbrennerei in Kalischt. Dessen Sohn Bernard Mahler (* 1827 in Lipnitz; † 1889 in Iglau) heiratete 1857 Marie Herrmann (* 1837 in Ledetsch; † 1889 in Iglau), sie stammte aus der Familie eines Seifenfabrikanten. Nach der Heirat erwarben die Eltern Gustav Mahlers zu der Weinbrennerei einen Gasthof in Kalischt, das spätere Geburtshaus Gustav Mahlers.
1860 verkauften Mahlers Eltern ihren Gasthof und das Geschäft in Kalischt und zogen in die mährische Stadt Iglau, die das Zentrum der deutschsprachigen Iglauer Sprachinsel war. Dort verbrachte Mahler den überwiegenden Teil seiner Jugend. Er musste mit ansehen, wie der Vater die Mutter schlug.
Von den vierzehn Kindern starben sechs früh. Gustav war der Zweitgeborene; sein Bruder Isidor war bei Gustavs Geburt jedoch schon gestorben. Der überraschende Tod seines zwei Jahre jüngeren Bruders Ernst im Jahr 1875 löste in dem 15-jährigen Gustav Mahler ein dauerhaftes Trauma aus.
Beide Eltern starben im Jahr 1889, als Mahler noch keine dreißig Jahre alt war. Danach fühlte er sich verpflichtet, für seine jüngeren Geschwister zu sorgen. Er half seinen Brüdern, bis sie selbstständig waren. Einer von ihnen wanderte nach Amerika aus. Mahler nahm seine Schwester Justine zu sich, die ihm bis zu ihrer Heirat viele Jahre den Haushalt führte. Justine (1868–1938) und Mahlers jüngste Schwester Emma (1875–1933) heirateten die Brüder Arnold bzw. Eduard Rosé, die Musiker im Philharmonischen Orchester von Wien waren.
Als Gustav Mahler fünf Jahre alt war, begann seine musikalische Ausbildung auf dem Klavier. In Iglau (Jihlava) wurde er von insgesamt sieben Musikern der Stadtkapelle und des örtlichen Theaters unterrichtet. Mit sechs Jahren komponierte er erste Stücke, die jedoch nicht erhalten sind. Er besuchte die Volksschule, später das Gymnasium. Er las sehr viel, hörte Volks- und Tanzmusik bei entsprechenden festlichen Gelegenheiten, die Militärmusik der in Iglau stationierten Soldaten und in der Synagoge auch jüdische Musik. Alle diese Elemente sind in seinen Werken immer wieder zu finden.
Mit zehn Jahren trat er zum ersten Mal als Pianist auf, und mit zwölf Jahren gab er Konzerte mit technisch sehr anspruchsvollen Stücken von Franz Liszt und Sigismund Thalberg.
Mit fünfzehn Jahren ging er auf Empfehlung eines Freundes der Familie nach Wien ans Konservatorium und studierte bei Julius Epstein (Klavier) und Franz Krenn (Komposition). In beiden Fächern gewann er im nächsten Jahr den ersten Preis. Mitstudenten waren unter anderen Hans Rott, Hugo Wolf und Mathilde Kralik von Meyrswalden. Den Schulstoff lernte er als Externer selbstständig weiter. 1877 stellte er sich der Abschlussprüfung am Gymnasium in Iglau. Beim ersten Versuch fiel er durch; beim zweiten Mal schaffte er es. Im Dezember hörte er die Uraufführung von Anton Bruckners 3. Sinfonie und wurde beauftragt, einen vierhändigen Klavierauszug dafür herzustellen. 1878 schrieb er den Text für Das klagende Lied nach einem Märchen in der Bechstein-Sammlung, beendete das Kompositionsstudium mit dem Diplom und gewann mit einem Klavierquintett, das verschollen ist, den ersten Preis. In den Konservatoriumsjahren arbeitete er an zwei Opern, die unvollendet blieben: Die Argonauten nach einem Drama von Franz Grillparzer und Rübezahl. An der Universität studierte er einige Semester lang Archäologie, Geschichte, bei Eduard Hanslick Musikgeschichte und hörte Vorlesungen bei Bruckner.
Während dieser Studienjahre in Wien gehörte Mahler mit Siegfried Lipiner und anderen zu dem philosophischen und literarischen Freundeskreis um Engelbert Pernerstorfer, woraus Lebensfreundschaften entstanden und wodurch er vielfältige geistige Anregungen bekam. Für einige Jahre wurde er so auch zum strengen Vegetarier. Friedrich Eckstein schrieb in seiner Autobiografie:
1880 wurde Gustav Mahler Kapellmeister im Sommertheater in Bad Hall und vollendete im November die Kantate Das klagende Lied.
Es folgten verschiedene Kapellmeisterstellen, an denen er hauptsächlich Opern zu dirigieren hatte und mit diesem Genre reiche Erfahrungen sammeln konnte. Er hörte auch die bedeutendsten Dirigenten seiner Zeit mit Konzerten, machte deren Bekanntschaft sowie die der Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Richard Strauss. Die Stationen waren: Laibach (1881–1882), Olmütz (1883), Kassel (1883–1885), Prag bei dem Intendanten Angelo Neumann (Juli 1885 bis 1886), Leipzig (Juli 1886 bis Mai 1888) als Kollege von Arthur Nikisch, mit dem es zu Rivalitäten kam, und Budapest (Oktober 1888 bis März 1891), wo er Königlicher Operndirektor war.
Er kam (1883) auch zum ersten Mal nach Bayreuth, sah Festspielaufführungen und machte die Bekanntschaft von Cosima und Siegfried Wagner. In Budapest besuchte Brahms eine Vorstellung des Don Giovanni, in der Lilli Lehmann sang, und er war von Mahler als Dirigent sehr beeindruckt.
Von März 1891 bis 25. April 1897
war Mahler erster Kapellmeister am Stadt-Theater in Hamburg, wo er in der Bundesstraße 10 wohnte. Dort leitete er u. a. 1892 die deutsche Erstaufführung von Tschaikowskis Oper Eugen Onegin, und zwar „im Beisein des höchst zufriedenen Komponisten“, für den Mahler das Dirigat übernahm, da dieser am deutschen Libretto verzweifelte. Er gehörte inzwischen zu den anerkannten Dirigenten Europas, dessen große Städte er als Gastdirigent bereiste, z. B. mit großem Erfolg London von Juni bis Juli 1892. Mahler hatte in diesen Jahren ein überaus anstrengendes Arbeitspensum. Er dirigierte mehr als heute üblich, beispielsweise in der Saison 1894/95 138 von 367 Vorstellungen, dazu acht philharmonische Konzerte. Im selben Jahr komponierte er verschiedene Lieder, vollendete die 2. Sinfonie, leitete in Berlin die Uraufführung ihrer ersten drei Sätze und komponierte in wenigen Sommerwochen fünf Sätze (außer dem ersten) der 3. Sinfonie. In Hamburg legte er außerdem mit seiner Opernarbeit den Grundstein zu einem neuen Musiktheaterstil.
Der Hamburger Musikkritiker und Komponist Ferdinand Pfohl verteidigte das kompositorische Schaffen Mahlers in zahlreichen Artikeln gegen wütende Angriffe. Besonders wichtig wurde Mahlers Freundschaft mit dem jungen Bruno Walter, der als Chorleiter und Korrepetitor durch eine Empfehlung von Bernhard Pollini an das Stadttheater kam. Bruno Walter folgte Mahler auch als zweiter Kapellmeister nach Wien. Er setzte sich im Lauf seines ganzen Lebens für Mahlers Musik ein und schrieb ein Buch über ihn.
Von 1897 bis 1907 hatte Mahler die in Europa herausragende Stellung des ersten Kapellmeisters und Direktors der Hofoper in Wien inne. Ende 1896 hatte er Kontakte zu hochgestellten Persönlichkeiten in Wien geknüpft, um seine dortigen Chancen zu eruieren und einer antisemitischen Pressekampagne gegen ihn vorzubeugen. Im April 1897 konnte er den Vertrag mit der Wiener Hofoper unterzeichnen. Für seine Antrittsvorstellung am 11. Mai 1897 wählte er Wagners Lohengrin. Wie Stefan Zweig in seinen Memoiren schrieb, rief die Ernennung des jungen Gustav Mahler (er war erst 36 Jahre alt) in Wien allgemeines Erstaunen hervor.
Am 9. März 1902 heirateten Mahler und die 19 Jahre jüngere Alma Schindler in der Wiener Karlskirche. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor (* 1902 und * 1904), von denen die ältere schon im Alter von vier Jahren starb (siehe Ehe und Kinder).
Unter Mahlers Leitung entwickelte sich die Wiener Hofoper zu einem der führenden Häuser der Opernwelt. In dem Repertoire, das Mahler am Herzen lag – Mozart, Beethoven und Wagner –, leistete er Hervorragendes. Der einzige Schwachpunkt seiner Direktion war, dass es kaum Uraufführungen gab. Einzige Ausnahme war die Wiener Erstaufführung von Gustave Charpentiers Louise im Jahr 1903. Als Mahler im Jahr 1905 die Oper Salome von Richard Strauss uraufführen wollte, wurde die Aufführung vom Hofzensor verboten, nach dessen Urteil das Salome-Libretto gegen die Sittlichkeit verstieß.