gustaf nagel, eigentlich Gustav Nagel (* 28. März 1874 in Werben als Carl Gustav Adolf Nagel; † 15. Februar 1952 in Uchtspringe), war ein deutscher Naturmensch und Wanderprediger. Er wird der Bewegung der Lebensreformer zugerechnet und war auch als „Vorkämpfer einer vereinfachten Rechtschreibung“ bekannt. Langjähriges Zentrum seines Wirkens war die altmärkische Stadt Arendsee sowie der gleichnamige See, an dessen Ufer er seine Tempel- und Kuranlage errichtete. Dort wird bis heute auf unterschiedliche Weise sein Andenken gepflegt.
Wanderungen und Vortragsreisen, die Nagel leicht bekleidet und barfuß unternahm, führten ihn Anfang des 20. Jahrhunderts bis ins Heilige Land. Zeitgenössische Medien berichteten ausführlich über den „Naturmenschen“, der viele Anhänger und Neugierige anzog, aber auch lebenslang mit Spott und feindseligen Aktionen konfrontiert war. Zeitweilig war er entmündigt, die nationalsozialistischen Behörden nahmen ihn in sogenannte Schutzhaft im Konzentrationslager Dachau und brachten ihn später in der Nervenheilanstalt Uchtspringe unter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von DDR-Behörden erneut zwangsweise dort eingewiesen und durfte die Einrichtung bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen.
Gustav Nagel wurde als achtes Kind einer Gastwirtsfamilie in Werben geboren. Sein Vater Carl Friedrich Ludwig Nagel galt als erfolgreicher Geschäftsmann. Im Jahr 1863 hatte er in der Werbener Innenstadt ein Grundstück mit einem baufälligen Wohngebäude erworben. Unter großem finanziellen Aufwand hatte er das abgängige Haus abreißen und ein neues Fachwerkgebäude, das spätere Geburtshaus Gustav Nagels, an selber Stelle errichten lassen. Dieses Haus, das der Vater viele Jahre als Gastwirtschaft zum weißen Schwan betrieb, ist weitgehend erhalten. Die im Westgiebel eingelassenen Initialen C. N. erinnern an seinen Erbauer. Das Haus befindet sich in der Nähe des Werbener Marktplatzes. Eine dort angebrachte Tafel erinnert heute an den Wanderprediger. Gustav Nagels Mutter Louise war eine geborene Hennings. Sie stammte aus dem bei Arendsee gelegenen Gestien. Sie unterstützte ihren Sohn ideell und materiell bis zu ihrem frühen Tod 1897.
Bis Ostern 1888 besuchte Nagel die Werbener Stadtschule. Besondere Begabungen zeigten sich in den Unterrichtsfächern Zeichnen und Rechnen. Auch wurde seine schnelle Auffassungsgabe gelobt. Kurze Zeit später trat er eine kaufmännische Lehre in der Arendseer „Materialwaren-, Manufaktur-, Konfektions- und Kolonialwarenhandlung“ Albrecht an. Wegen eines chronischen Katarrhs sowie verschiedener Allergien musste er jedoch die Ausbildung abbrechen. Nagel begann, sich mit der Naturheilkunde und in diesem Zusammenhang vor allem mit den Lehren des Pfarrers und Hydrotherapeuten Sebastian Kneipp zu beschäftigen. Nagel fing an, sich in eiskaltem Wasser abzuhärten und mit Rohkost zu ernähren. Er lehnte es ab, Schuhe zu tragen und begann, sich „wie Jesus“ zu kleiden. Auch ließ er seine Haare wachsen. Hin und wieder trug er einen talarartigen Umhang; häufiger jedoch zeigte er sich in einem knappen Lendenschurz. Anfang der 1890er Jahre wandte er sich ganz der vegetarischen Lebensweise zu, erfuhr dabei eine auch äußerlich sichtbare Besserung seines angeschlagenen Gesundheitszustandes und bot seinen Rat sowie seinen praktischen Beistand anderen Kranken an.
In der ihm eigenen „ortografi“ bezeichnete er sich jetzt als „praktischer fertreter der naturheilkunde“, versprach Hilfe bei Kopfschmerz, Stuhlverstopfung, Trunksucht, Fallsucht, Veitstanz, Stottern, Bettnässen und Onanismus. Gustav Nagels Lebensweise und vor allem seine äußere Erscheinung führten zum Konflikt mit seinem Vater. Er verließ das elterliche Haus und baute sich in einem Wald – nicht weit von Werben entfernt – eine Erdhöhle und schmückte sie mit Fahnen und Blumen. Die örtliche Presse wurde auf ihn aufmerksam, veröffentlichte Artikel über den „Waldläufer“ und zeigte Fotografien seiner ungewöhnlichen Behausung. Sowohl Sympathisanten als auch „Spaßvögel“ machten sich auf den Weg zum Höhlenbewohner. Während die einen seinen Predigten lauschten, trieben die anderen mit ihm ihre nicht immer harmlosen Scherze. Der Vater Carl Nagel enterbte seinen Sohn und beantragte ein Entmündigungsverfahren. Der Antrag wurde zunächst abschlägig beschieden. Man versuchte ihn aber amtlicherseits wegen groben Unfugs zu belangen und untersagte ihm schließlich, die Erdhöhle als Wohnung zu benutzen.
Nagel zog nach Rathenow, wo er kurze Zeit später in das örtliche Krankenhaus eingewiesen wurde, um ihn wegen einer möglichen Geisteskrankheit zu beobachten. Aus dieser Zeit stammte auch sein Spottname „Schnitzelheiliger“. Die Illustrirte Zeitung hatte ihn 1899 in einer Reportage so genannt, weil er aus Buntpapier Collagen mit symbolischem Inhalt erstellt und mit ihnen die Wände und Decken seiner Rathenower Wohnung verziert hatte. Von Rathenow ging es weiter an den Arendsee, der zum Zentrum seines künftigen Wirkens werden sollte. In der Nähe des Arendseer Schützenhauses errichtete Nagel seine zweite Erdhöhle, die von aufgebrachten Bürgern alsbald zerstört wurde. Es folgten Anzeigen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Begründet wurden sie unter anderem mit dem Hinweis auf seine spärliche Bekleidung. Am 13. August 1900 wurde Gustav Nagel schließlich durch das Amtsgericht Arendsee entmündigt. In der Begründung hieß es: „[...] glaubt, mit Gott und den Engeln zu sprechen und sieht Sterne, die ihm den Weg zeigen.“
In den folgenden Jahren reiste er als Wanderprediger in Thüringen und Franken umher und besuchte dabei auch mehrfach Berlin. Er lud in Städten und Dörfern zu religiösen und lebensreformerischen Versammlungen ein, verkaufte mit großem Gewinn eigene Schriften sowie Bildkarten, die ihn als Heilsbringer zeigten. Seine Vorträge hatten erstaunlichen Zulauf, was nicht zuletzt den Pressemeldungen über ihn und seinem exzentrischen Lebensstil zu verdanken war. Seine Vorträge fanden sowohl im öffentlichen Raum als auch in Festsälen statt. In Berlin sprach er 1902 in Pohles Festsaal, in der Tonhalle sowie in Buggenhagens Festsaal. Über 1000 Zuhörer hatten sich eingefunden. Seine Reisen in den Jahren um die Jahrhundertwende verschafften ihm ein gutes finanzielles Polster. Schon 1901 verdiente er sein Geld überwiegend durch den Verkauf von Postkarten mit seinem Porträt. Bis 1902 ließ er 50.000 Postkarten mit sechs Motiven drucken, die er zu 10 Pfennigen das Stück verkaufte. Noch vorhandene Einzahlungsbelege des sogenannten Postquittungsbuches weisen einen Bestand von 3777,85 Mark aus (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund 32.000 Euro). Weitere Einnahmen deponierte er bei Freunden und bei seinem Vater. Mit den eingenommenen Geldern beabsichtigte Nagel, seine Reise zu den heiligen Stätten Palästinas zu realisieren.
Höhepunkt seiner Wanderjahre war 1903 ein Besuch Jerusalems. Die Reise, bei der ihn anfangs ein Esel und ein Hund begleiteten, führte über Genthin, Kassel und Ulm nach Ascona zum Monte Verità, einem Anfang des 20. Jahrhunderts bekannten Treffpunkt von Vertretern unterschiedlicher alternativer Bewegungen. Eine der Begründerinnen des Siedlungsprojektes schrieb später über diesen frühen Gast:
Das erwähnte Schiff betrat Nagel im Hafen von Genua. Von Ascona am Lago Maggiore war er über Mailand dorthin gewandert. Am 25. November 1902 gelangte er über Neapel nach Capri. Seine Absicht war es, dort Karl Wilhelm Diefenbach, den „Urvater aller Alternativbewegungen“, und dessen wohl engsten Mitarbeiter Hugo Höppener, besser bekannt unter dem Namen Fidus, zu treffen. Die geplante Begegnung misslang, da die beiden ortsabwesend waren. Nagel begab sich auf die Weiterreise. Noch im Dezember 1902 erreichte er über Port Said die ägyptische Großstadt Alexandria, die zur Zeit seines Besuches noch unter britischer Kontrolle stand. Von dort ging es weiter nach Jerusalem. Den Heiligen Abend 1903 verbrachte er in der Geburtskirche in Bethlehem und nahm am dortigen Weihnachtsgottesdienst teil. Seine Absichten waren nicht touristischer Natur; „er kam als sündiger Pilger. Immer wieder warf er sich auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem in den Staub und betete“. In einem Weihnachts- und Neujahrsgruß an seinen Vater gab er am Fuß des Karmel-Gebirges einen ausführlichen Bericht über seine Eindrücke und Erfahrungen im Gelobten Land. Am Ende heißt es aber: „o ich habe fast sensucht nach dem schönen deutschen winter, dem schönen schne.“ Von Jaffa aus trat Nagel die Rückreise an, die ihn zunächst über Konstantinopel nach Budapest führte. Von dort wanderte er weiter nach Italien, von wo aus er ein zweites Mal nach Capri übersetzte und mit der „Diefenbachjüngerin“ Marianne Konhäuser, seiner späteren Ehefrau, erste Hochzeitspläne schmiedete. Über Positano, Wien und Dresden kehrte er schließlich nach Arendsee zurück.