An diesem Tag

Gulag

Vielfältiges Repressionssystem mit Straf- und Arbeitslagern in der Sowjetunion

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Das Kürzel Gulag bezeichnet das Netz von Straf- und Arbeitslagern in der Sowjetunion, im weiteren Sinne steht es für die Gesamtheit des sowjetischen Zwangsarbeitssystems, das neben Lagern und Zwangsarbeitskolonien auch Sonderlager des MWD, Spezialgefängnisse, Zwangsarbeitspflichten ohne Haft sowie in nachstalinistischer Zeit ebenfalls einige psychiatrische Kliniken als Haftverbüßungsorte umfasste. Im weitesten Sinn ist das gesamte sowjetische Repressionssystem gemeint.

Gulag beziehungsweise GULag steht im Sprachgebrauch der sowjetischen Behörden für russisch Главное управление лагерей (abgekürzt ГУЛаг, betont auf der letzten Silbe) oder offiziell auch Главное управление исправительно-трудовых лагерей и колоний, transkribiert Glawnoje uprawlenije isprawitelno-trudowych lagerej i kolonij, übersetzt „Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und -kolonien“. Zunächst war diese Behörde der Geheimpolizei GPU der RSFSR zugeordnet. Nach Gründung der Sowjetunion 1922 wurde die Geheimpolizei nach dem sowjetrussischen Modell der GPU auf alle damaligen Unionsrepubliken ausgeweitet und 1923 in OGPU umbenannt. 1934 wurde die OGPU dem NKWD, dem sowjetischen Innenministerium, eingegliedert.

Von 1930 bis 1953 waren in den Lagern mindestens 18 Millionen Menschen inhaftiert. Mehr als 2,7 Millionen starben im Lager oder in der Verbannung. In den letzten Lebensjahren Stalins erreichte der Gulag mit rund 2,5 Millionen den Höchststand an Insassen. Hinzu kamen in diesem Zeitraum rund sechs Millionen Personen, die als „Sondersiedler“ oder „Arbeitssiedler“ zum Verbleib an ihrem Arbeitsort verbannt waren. Während des Zweiten Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren hielt die Sowjetunion ferner rund vier bis sechs Millionen Kriegsgefangene in Lagern des GUPWI (Главное управление по делам военнопленных и интернированных, transkribiert Glawnoje uprawlenije po delam wojennoplennych i internirowannych, übersetzt „Hauptverwaltung für Angelegenheiten von Kriegsgefangenen und Internierten“) fest und forderte von ihnen Zwangsarbeit. Unmittelbar nach Kriegsende kamen 700.000 Insassen von Filtrationslagern hinzu. Fachleute gehen heute davon aus, dass insgesamt rund 28,7 bis 32 Millionen Menschen in der Sowjetunion Zwangsarbeit zu verrichten hatten.

Im Strafwesen des Russischen Reiches nahmen Verbannungen (ссы́лка ssylka) und das System der Katorga einen wichtigen Platz ein. Die Katorga wies dabei eine Reihe typischer Anzeichen von Arbeitslagern auf: Verurteilungen, harte körperliche Arbeit ohne besondere Fachkenntnisse, einfachste Behausungen und Arbeitszwang. Sie spielte sich überwiegend in den dünn besiedelten, lebensfeindlichen, aber rohstoffreichen Regionen Sibiriens und im russischen Fernen Osten ab. Als Inbegriff des Katorga-Systems galt im 19. Jahrhundert die Strafkolonie auf der entlegenen Insel Sachalin. Die Katorga-Häftlinge, die zu mehrjährigen oder lebenslangen Strafen verurteilt worden waren, arbeiteten häufig in Bergwerken und in der Holzwirtschaft. Als Strafkategorien betrafen Ssylka und Katorga verurteilte politische Gegner wie zum Beispiel die Dekabristen und Narodniki oder die Bolschewiki, aber auch Schwerkriminelle.

Von 1824 bis 1889 wurden 720.000 Menschen nach Sibirien verbannt. Im Vergleich dazu blieb die Katorga eine seltenere Strafe, 1906 waren von ihr rund 6.000 Personen betroffen, 1916 lag diese Zahl bei 28.600. Literarisch setzten sich Fjodor Dostojewski (Aufzeichnungen aus einem Totenhaus), Anton Tschechow (Die Insel Sachalin) und Lew Tolstoi (Auferstehung) mit Verbannung und Zwangsarbeit auseinander und machten damit die fernen Haftverbüßungsorte im europäischen Russland bekannt.

Nach der Februarrevolution 1917 wurde die Katorga-Strafe abgeschafft. Eine Neuauflage erlebte die wiedereingeführte harte Strafvollzugsform katorga (katorshnye raboty, KRT) in Form der sogenannten Stalin-Katorga ab 1943 bis zur Etablierung der Sonderlager des MWD 1948. Die Stalinschen Katorga-Lager waren Lager mit besonders scharfem Regime sowohl für „Politische“ als auch für „Kriminelle“.

Lager zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Neben russischen Bestrafungstraditionen zählt auch die internationale Entwicklung des (Isolierungs-)Lagers zu den Wurzeln des Gulag. Im Kubanischen Unabhängigkeitskrieg (1895 bis 1898) richteten spanische Militärs sogenannte Konzentrationslager (campos de reconcentración) ein, um die kubanische Zivilbevölkerung von Aufständischen zu trennen, die für die Souveränität der Insel kämpften. Im Zweiten Burenkrieg (1899 bis 1902) zwangen britische Militärs burische Frauen und Kinder sowie im Burengebiet lebende Afrikaner in concentration camps. Deutsche Kolonialtruppen isolierten auf Geheiß der Reichsregierung unter Bernhard von Bülow von 1904 bis 1908 in Deutsch-Südwestafrika Angehörige der Herero und Nama in Konzentrationslagern.

Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg sorgte für die Zunahme von Lagern. Die Kriegsgefangenenlager waren dabei militarisiert, die Lagerinfrastruktur und die Arbeitskraft der Gefangenen wurden intensiv genutzt, die Lagerarchitekturen glichen sich an.

Der Krieg rechtfertigte nicht nur auf den Schlachtfeldern ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken. Auch innerhalb der kriegführenden Staaten grassierte die Suche nach Feinden, Spionen und potenziellen Kollaborateuren, beispielsweise im Russischen Reich. Die Erfahrungen mit Lagern waren auch dort allgegenwärtig: Internierte Soldaten des Russischen Reiches kannten sie, ebenso ihre Angehörigen. Aber auch Arbeitgeber, die die Arbeitskraft von Kriegsgefangenen der russischen Lager nutzten, waren mit den Lagern vertraut, gleiches galt für Nachbarn sowie für das Verwaltungs- und Wachpersonal derartiger Einrichtungen.

Ursprung und Entwicklung bis zum Deutsch-Sowjetischen Krieg

Revolution, Bürgerkrieg und Terror

In den Wirren, die auf die Februar- und die Oktoberrevolution folgten, breitete sich Gewalt in der Zivilgesellschaft Russlands aus. Die Bolschewiki befeuerten sie, indem sie mit Bezugnahme auf die Jakobiner der Französischen Revolution nach dem Vorbild des Grande Terreur auf Terror setzten. Nachdem die Linken Sozialrevolutionäre die gemeinsame Regierung mit den Bolschewiki verlassen hatten, weil sie die Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk (3. März 1918) ablehnten, ließen die Bolschewiki Anhänger ihres früheren Partners in Gefängnisse und Konzentrationslager einliefern. Häufig waren diese Konzentrationslager vorher Kriegsgefangenenlager gewesen – die militärische Institution wandelte sich damit in eine politische.

Im August 1918, der Russische Bürgerkrieg tobte bereits seit Monaten, griff Lenin den Terminus Konzentrationslager auf. Er forderte Terror gegen „Kulaken“, „Popen“ und Mitglieder der Weißen Armee; „zwielichtige Elemente“ seien in ein Konzentrationslager zu sperren. Zu zentralen Organen terroristischer Gewalt entwickelten sich seit 1917 die Tscheka, danach die GPU beziehungsweise ab 1923 deren Nachfolgeorganisation, die OGPU. Nach dem Attentat auf Lenin am 30. August 1918, ausgeführt durch die Anarchistin und Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan, legitimierte ein Beschluss des Rates der Volkskommissare vom 5. September 1918 die systematische Anwendung von Rotem Terror gegen „Klassenfeinde“ und deren Verbringung in Konzentrationslager. 1921 gab es 48 derartige Lager in 43 Gouvernements. Neben früheren Kriegsgefangenenlagern fanden auch Klöster als Konzentrationslager Verwendung.

Während und nach dem Russischen Bürgerkrieg war der Einsatz sogenannter Arbeitsarmeen für die weitere Entwicklung des Gulag-Systems als Wirtschaftsfaktor von nicht unerheblicher Bedeutung. Es handelte sich dabei um eine militarisierte Form der Zwangsarbeit, der Soldaten der Roten Armee zur Behebung der negativen wirtschaftlichen Folgen des Kriegskommunismus unterworfen wurden. Bereits Anfang der 1920er Jahre in der 1. Periode der Arbeitsarmeen – von 1942 bis 1946 gab es sie erneut – sind Parallelen zwischen den Arbeitsarmeen und dem Gulag deutlich erkennbar. Gemeinsame Merkmale waren Arbeitszwang beziehungsweise Zwangsarbeit, der massenhafte Einsatz von Arbeitskräften zur Schwerstarbeit, militärische Kommandowirtschaft, ein Prämiensystem für die Erfüllung von Arbeitsnormen sowie daran gekoppelte Essensrationen.

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