Die Grube Messel ist ein stillgelegter Ölschiefer-Tagebau und eine international bedeutende Fossilfundstätte in Messel (Ortsteil Grube Messel) im Landkreis Darmstadt-Dieburg in Hessen. Wegen der hervorragenden Qualität der dort geborgenen Fossilien aus dem Eozän wurde sie 1995 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt.
Bislang wurden dort Vertreter aller Wirbeltiergroßgruppen sowie Insekten und Pflanzen gefunden. Die bekanntesten Vertreter der Messel-Fauna sind wohl die beiden frühen Pferdeartigen Propalaeotherium und Eurohippus, von denen bislang über 70 Individuen ausgegraben wurden. Weitere bedeutende Funde sind der Kranichvogel Messelornis cristata und Darwinius masillae („Ida“), ein früher Primat.
Die Bergbaugeschichte der Grube Messel begann 1859 mit der Errichtung einer Raseneisenerzgrube. Beim Abbau des Erzes stieß man auf die braunkohleartigen Verlandungshorizonte des Messeler Sees, die anfangs ebenfalls noch abgebaut wurden. Schließlich stieß man bis zum Ölschiefer vor, auf dessen Gewinnung sich der Abbaubetrieb bis zur Schließung der Grube im Jahre 1971 konzentrierte.
Der Ölschiefer wurde ab den 1880er Jahren von der eigens dazu gegründeten Gewerkschaft Messel abgebaut und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Grube zur Gewinnung von Erdölprodukten verschwelt. Für die Beförderung der Bergbauprodukte aus der Grube und der Abfallprodukte aus der Verschwelung auf die Halden bestanden verschiedene Bahnsysteme (siehe →Grubenbahnen Messel).
Bereits 1876 wurde während der ersten Versuche des Abbaus von Ölschiefer ein Alligatorenskelett gefunden (Crocodilus ebertsi). Ernst Wittich veröffentlichte 1889 eine erste umfassendere wissenschaftliche Abhandlung über die Grube Messel. 1912 erhielt das seinerzeit Großherzogliche Landesmuseum Darmstadt die Rechte an Fossilfunden aus dem Messeler Ölschiefer.
Die Gewerkschaft Messel ging 1923 in den Besitz der Stinnes-Riebeck’schen Montan- und Ölwerke AG (ab 1925 Teil der I.G. Farben) über. Während des Zweiten Weltkriegs galt die Messeler Produktion als kriegswichtig, um die Wehrmacht mit Treibstoff zu versorgen. Zur Aufrechterhaltung der Produktion wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt (siehe auch Zwangsarbeit in der Grube Messel).
1945 wurde das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Werk von der US-amerikanischen Militärverwaltung beschlagnahmt und dem I.G. Farben-Central-Office in Frankfurt am Main unterstellt, das mit der Abwicklung der I.G. Farben betraut war. Neun Jahre später, 1954, erfolgte die Gründung der Paraffin- und Mineralölwerk Messel GmbH, die vom Land Hessen die Schürfrechte an der Grube erhielt. 1959 wurde die GmbH vom schwedischen Ytong-Konzern übernommen, der dort die Schwelabfälle des Ölschiefers zu Gasbetonsteinen verarbeitete. 1962 wurde die zunehmend unrentabel gewordene Mineralölgewinnung eingestellt und Ölschiefer wurde von dort an nur noch in relativ geringen Mengen abgebaut.
1970–1990: Mülldeponie oder Grabungsstätte
Noch vor dem endgültigen Ende des industriellen Ölschieferabbaus fiel die Wahl bei der Suche nach einem geeigneten Standort für eine zentrale Mülldeponie für Südhessen auf die Grube Messel. Grund dafür war zum einen ihre Größe und zum anderen ihre zentrale Lage im Rhein-Main-Gebiet. Dass die Errichtung einer solchen Deponie zwangsläufig auch zum Ende der Fossilgrabungen geführt hätte, spielte in diesen Überlegungen keine größere Rolle, zumal auch Wissenschaftler seinerzeit dem Messeler Ölschiefer in dieser Hinsicht keinen außergewöhnlich hohen Wert beimaßen. Erst nach Ende des industriellen Ölschieferabbaus 1971 machten private Fossiliensammler aufsehenerregende Funde, und das unterschätzte Potenzial der Grube wurde zunehmend deutlich.
Im Jahr 1974 wurde der Zweckverband Abfallbeseitigung Grube Messel (ZAGM) gegründet und die Grube für die Öffentlichkeit gesperrt. 1975 erhielt das Forschungsinstitut Senckenberg auf eigenes Drängen hin Grabungsbeteiligung in der Grube, woraufhin seither regelmäßig Grabungen durchgeführt werden. 1976 veröffentlichte der Senckenberg-Paläontologe Jens Franzen einen Aufsatz, in dem er den Messel-Fossilien eine herausragende Bedeutung bescheinigt. 1977 beantragte der ZAGM die Planfeststellung beim Hessischen Oberbergamt bezüglich der Großdeponie. Aufgrund des mittlerweile offensichtlichen hohen wissenschaftlichen Wertes der Grube erhoben die Senckenberger Forscher 1979 Einspruch beim Oberbergamt gegen den Planfeststellungsantrag, ließen sich aber vom damaligen hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner durch die Garantie beschwichtigen, dass der besonders fossilträchtige Westhang der Grube für weitere 20 Jahre für Grabungen offen bleibe. Nachdem das Oberbergamt 1981 per Planfeststellungsbeschluss die Errichtung und den Betrieb der Deponie genehmigt hatte, begannen im Jahr darauf die Bauarbeiten.
1984, nach Antritt einer von den Grünen tolerierten SPD-Minderheitsregierung – alle vorherigen Beschlüsse zur Deponie Grube Messel waren von einer sozialliberalen Koalition getroffen worden –, verordnete der neue Umweltminister Armin Clauss auf Druck der Grünen einen Baustopp in Messel. Der Betreiber, mittlerweile in Zweckverband Abfallbeseitigung Südhessen (ZAS) umbenannt, klagte dagegen jedoch vor dem hessischen Verwaltungsgerichtshof und bekam Recht, woraufhin die Bauarbeiten wieder aufgenommen wurden. Die hierfür benötigten Gelder wurden durch entsprechende Beschlüsse auf kommunaler Ebene (Landkreis Darmstadt-Dieburg, Stadt Darmstadt, Verbandsversammlung des ZAS) – mit Zustimmung von SPD-Delegierten – vorerst weiter zur Verfügung gestellt.
Ende 1985, zwei Jahre nach der Landtagswahl 1983, traten die Grünen offiziell in die hessische Landesregierung ein. Angesichts der Rechtslage beantragte die Rot-Grüne Regierung im folgenden Jahr beim Oberbergamt, den Planfeststellungsbeschluss wenigstens hinsichtlich der Inbetriebnahme der Deponie auszusetzen. Überdies hatten sich nach den Kommunalwahlen im Frühjahr 1985 die Mehrheitsverhältnisse auch im Landkreis Darmstadt-Dieburg zugunsten von Rot-Grün geändert. Unter anderem votierten nun die Kreistagsvertreter von SPD und Grünen in der Verbandsversammlung des ZAS zusammen mit einem Vertreter der Grünen der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Darmstadt gegen die Bereitstellung neuer Mittel für die Finanzierung der Bauarbeiten an der Deponie und verzögerten damit deren Fertigstellung.
Nachdem im Frühjahr 1987 eine CDU-geführte Regierung die Amtsgeschäfte in Hessen übernommen hatte, wurde der Aussetzungsantrag wieder zurückgezogen, woraufhin die Messeler Bürgerinitiative zur Verhinderung der Mülldeponie, die sich bereits in den 1970er Jahren formiert und seither erfolglos mehrere Klagen gegen die Grube angestrengt hatte, ihrerseits per Eilantrag gegen die Inbetriebnahme vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel klagte und im Dezember 1987 aufgrund von Formfehlern im Planfeststellungsverfahren und neuer Gutachten zur Sicherheit der Deponie Recht bekam, was im November 1988 im Hauptverfahren bestätigt wurde. Obwohl eine Revision dieses Verfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht zugelassen wurde, gaben das Hessische Umweltministerium und der ZAS ihre Pläne hinsichtlich der Mülldeponie Grube Messel endgültig auf, unter anderem weil Nachbesserungen bei der Deponieplanung Kosten von ca. 300 Millionen Mark verursacht hätten. Bis dahin hatte das Projekt bereits 65 Millionen Mark verschlungen.
Ab 1990: Erklärung zum UNESCO-Weltnaturerbe
Nachdem die Grube 1991 vom Land Hessen für 32,6 Millionen Mark gekauft worden war, übertrug es den Betrieb der Grube der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Die Gesellschaft baut seitdem unter bergrechtlichen Bedingungen zu wissenschaftlichen Zwecken Ölschiefer in der Grube Messel ab.
Mittlerweile war die Grube Messel aufgrund zahlreicher Funde von einzigartiger Qualität zu einer Fossillagerstätte von Weltrang aufgestiegen. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst beantragte daher 1994 bei der UNESCO die Aufnahme der Grube Messel in die Liste des Welterbes. Am 8. Dezember 1995 wurde sie unter dem Eintrag Messel Pit Fossil Site zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt.