Gregor Florian Gysi [ˈɡiːzi] (* 16. Januar 1948 in Berlin) ist ein deutscher Politiker (Die Linke, zuvor PDS, SED), Rechtsanwalt, Autor und Moderator.
Im Dezember 1989 wurde Gysi im Zuge der politischen Wende von 1989/1990 zum Vorsitzenden der SED gewählt und verblieb nach der Umbenennung der Partei in PDS bis 1993 in dieser Funktion. Nach der erstmals freien Volkskammerwahl 1990 führte er ihre Fraktion in der Volkskammer der DDR noch von März bis Oktober 1990, bis zu deren Ende durch die deutsche Wiedervereinigung. Als gewählter Volkskammerabgeordneter wurde er einer der 144 Abgeordneten, die nach dem Einigungsvertrag zum 3. Oktober 1990 automatisch Mitglieder des von 1987 bis 1990 amtierenden 11. Deutschen Bundestags wurden. Er war von 1990 bis 1998 Vorsitzender der Bundestagsgruppe der PDS und von 1998 bis 2000 Vorsitzender der PDS-Bundestagsfraktion. Im Jahr 2002 war er fünf Monate einer der Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen in einer „rot-roten“ Koalition zwischen SPD und PDS im von Klaus Wowereit angeführten Senat von Berlin (Senat Wowereit II).
Im Jahr 2005 wurde Gysi wieder Mitglied des Deutschen Bundestages, wo er von 2005 bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion war. Während des dritten Kabinetts Merkel war er von Dezember 2013 bis Oktober 2015 damit Oppositionsführer in der Legislaturperiode des 18. Bundestags. Später war er von 2016 bis 2019 Präsident der Europäischen Linken. Von 2020 bis 2023 war er außenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag. Außerdem eröffnete er 2025 als Alterspräsident des 21. Deutschen Bundestags dessen konstituierende Sitzung.
Gregor Gysi war und ist eine der zentralen und prominentesten Persönlichkeiten der PDS bzw. der Partei Die Linke und wirkte prägend auf das politische Geschehen in der Bundespolitik. Zu seinen politischen Erfolgen zählt die Transformation der vormaligen DDR-Staatspartei SED (der er ab 1967 angehört hatte) zur PDS und nach deren 2007 erfolgter Fusion mit der SPD-Abspaltung WASG schließlich zur Linken. Mit ihren zwischenzeitlich zunehmenden Wahlerfolgen und Mandaten in überregionalen Parlamenten auch in den westdeutschen Ländern trug Gysi maßgeblich zur bundesweiten Etablierung der links von SPD und Bündnis 90/Die Grünen positionierten Partei bei.
Herkunft und familiäres Umfeld
Gregor Gysi wurde als Sohn des Kulturpolitikers und DDR-Diplomaten Klaus Gysi (1912–1999) und von Irene Gysi, geb. Lessing (1912–2007), ebenfalls DDR-Kulturpolitikerin und Leiterin des Verlags Kultur und Fortschritt, in Berlin geboren. Väterlicherseits entstammt er einer Berliner Familie, deren Stammvater, der Seidenfärber Samuel Gysin (* 1681), im frühen 18. Jahrhundert aus Läufelfingen (Schweiz) eingewandert war. Einer seiner Vorfahren väterlicherseits war der Begründer der deutschen Rassegeflügelzucht, Robert Oettel. Gysi hat einen jüdischen Urgroßvater mütterlicherseits und eine jüdische Großmutter väterlicherseits. Gregor Gysis Vater war somit nach der Halacha jüdisch, Gregor Gysi selbst hingegen nicht. „Nach den Nürnberger Rassegesetzen bin ich nur zu 37,5 Prozent jüdisch, nach den jüdischen Gesetzen bin ich überhaupt kein Jude, weil ich keine jüdische Mutter habe.“ Er selbst sei überhaupt kein religiöser Mensch.
Der Vater Klaus Gysi, studierter Ökonom, trat 1931 der KPD bei und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR. Er war unter anderem als Geschäftsleiter des Aufbau-Verlags tätig, später als Botschafter in Italien, als DDR-Kulturminister und Staatssekretär für Kirchenfragen. Er war auch für die Staatssicherheit als „IM Kurt“ tätig.
Mütterlicherseits stammen Gregor Gysis Vorfahren aus der jüdischen Kaufmannsfamilie Lessing, die aus der Nähe von Bamberg kam und zeitweise in Sankt Petersburg lebte und tätig war. Sein Urgroßvater war der nach St. Petersburg ausgewanderte Industrielle Anton Lessing, sein Urgroßonkel der Gründer der Hofbräu AG Bamberg Simon Lessing. Gysis Großvater mütterlicherseits, Gottfried Lessing, Anton Lessings Sohn, ein in Russland lebender Hütteningenieur, heiratete die deutsch-russische Adelige Tatjana von Schwanebach. Dieser Ehe entstammten zwei Kinder: Gregor Gysis Mutter Irene und Gottfried Lessing (1914–1979), der in zweiter Ehe mit der späteren Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing (1919–2013) verheiratet war und als Botschafter der DDR in Kampala (Uganda) erschossen wurde. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Familie aufgrund ihrer deutschen Herkunft nach Deutschland ausgewiesen.
Die Eltern von Gregor Gysi hielten sich während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland auf. Das Paar war im Auftrag der KPD im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und heiratete nach Kriegsende 1945; die Ehe wurde 1958 geschieden.
Irene Gysi war im Kulturministerium der DDR für den Austausch mit dem Ausland zuständig und leitete später die ostdeutsche Filiale des Internationalen Theaterinstituts.
Schulzeit und Studium (1954–1970)
Gregor Gysi wurde in Berlin-Lichtenberg geboren. Er wuchs in Ost-Berlin im Stadtteil Johannisthal im Ellernweg auf. Dort besuchte er von 1954 bis 1962 eine Polytechnische Oberschule, von 1962 bis 1966 die Erweiterte Oberschule „Heinrich Hertz“ (ab 1965 Schule mit mathematischem Schwerpunkt) im Stadtteil Adlershof. Hier erwarb er 1966 das Abitur und gleichzeitig den Abschluss als Facharbeiter für Rinderzucht im VEG Blankenfelde.
Gysi immatrikulierte sich zuerst für ein Studium der Ökonomischen Datenverarbeitung an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst. Auf Betreiben seines Vaters hin bewarb er sich für ein Studium der Internationalen Beziehungen in Moskau, entschied sich dann aber doch, Rechtswissenschaften zu studieren. Dies begann er 1966 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war FDJ-Sekretär seines Jahrganges. Für ein Jahr war er gewähltes Mitglied der Parteileitung der Humboldt-Universität. Sein Studium schloss er 1970 als Diplom-Jurist ab.
Das Einberufungsschreiben für den Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee erhielt Gysi erst nach der Immatrikulation. Als er sein Studium beendet hatte, konnte er sich aufgrund seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt und als alleinerziehender Vater seines Sohnes dem Einzug entziehen. Vor dem Studium absolvierte er eine dreiwöchige vormilitärische Ausbildung auf Rügen.
Juristische Tätigkeit (seit 1971)
Nach dem Abschluss seines Studiums arbeitete Gysi bis 1971 als Richterassistent. Ab 1971 war Gysi einer der wenigen freien Rechtsanwälte in der DDR. 1976 erfolgte seine Promotion zum Dr. jur. mit der Arbeit Zur Vervollkommnung des sozialistischen Rechtes im Rechtsverwirklichungsprozeß. Sein Doktorvater war der Professor für Rechtstheorie Karl A. Mollnau.
In dieser Funktion als Rechtsanwalt verteidigte er auch Systemkritiker und Ausreisewillige wie Robert Havemann, Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs, Bärbel Bohley und Ulrike Poppe. Gysi gab später selber an, er wäre vor allem in Bereichen der Ehescheidung, Zivilrechtsangelegenheiten und Fällen der allgemeinen Kriminalität tätig gewesen. Sogenannte politische Straftaten hätten weniger als 5 Prozent seiner Mandanten ausgemacht.
Von April 1988 bis Dezember 1989 war er Vorsitzender des Kollegiums der Rechtsanwälte in Ost-Berlin und gleichzeitig Vorsitzender des Rates der Vorsitzenden der 15 Kollegien der Rechtsanwälte in der DDR. Diese Funktion war eine Nomenklaturkaderposition, die nur mit Zustimmung des ZK der SED besetzt werden durfte. Am 12. September 1989 war er zusammen mit dem Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel in Prag, um die DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft zur Rückkehr in die DDR aufzufordern. Im Herbst 1989, vor der politischen Wende in der DDR, setzte Gysi sich als Anwalt für die Zulassung des oppositionellen Neuen Forums ein. Von August 2002 bis zu seiner Wiederwahl als Abgeordneter des Bundestages im Jahre 2005 sowie nach seinem Rücktritt als Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Deutschen Bundestag 2016 widmete sich Gysi wieder seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt in Berlin. Dabei vertrat er 2022 einen Aktivisten der Letzten Generation.