La Grande Armée (französisch für die Große Armee) ist der Name, den die kaiserlich-französische Armee zwischen 1805 und 1815 während der Zeit des Französischen Kaiserreichs unter Kaiser Napoleon I. zeitweilig führte. Da es zwischen Ende 1808 und Anfang 1812 keine bestimmte „Armee“ – bzw. Armeegruppe – mit dieser Bezeichnung gab, unterscheidet man in Frankreich häufig zwischen der „Grande Armée von 1805“ (première grande armée; „erste Große Armee“) und der „Grande Armée von 1812“ (deuxième grande armée; „zweite Große Armee“). Analog dazu wird die Armee, die Napoleon nach dem katastrophalen Russlandfeldzug 1812 im Frühjahr 1813 praktisch neu aufgestellt hat, auch als die „Grande Armée von 1813“ bezeichnet. Die Armee, die der Kaiser nach seiner Rückkehr von Elba und nach seiner erneuten Thronbesteigung 1815 neu formierte, wird entsprechend die Grande Armée von 1815 genannt. Nicht zur Grande Armée gehörig waren jedoch die Teile, die nicht vom Kaiser persönlich befehligt wurden, so z. B. die Armée d’Espagne (die französischen Invasionskräfte in Spanien und Portugal) oder die Besatzungstruppen in Tirol.
Am 30. August 1805 ordnete Kaiser Napoleon I. an, dass L’Armée des côtes de l’Océan (französisch für „die Armee an der Küste des Ozeans“), die er ab 1803 für die geplante Invasion von England an der französischen Küste, vor allem bei Boulogne-sur-Mer, versammelt hatte, künftig als „Grande Armée“ zu bezeichnen sei. Der „Grande Armée“ wurden auch die französischen Truppen in Holland und in Norddeutschland (im besetzten Kurfürstentum Hannover) zugeordnet, sie besaß damit zunächst eine Stärke von sechs Armeekorps (corps d’armée). Die Armee wurde nur wenige Tage später durch ein weiteres, neugegründetes Armeekorps unter Marschall Augereau ergänzt, so dass die Grande Armée den Feldzug in Süddeutschland Ende September 1805 gegen Österreich mit sieben Armeekorps eröffnete.
Mehr als ein Viertel der Soldaten der „Armee an der Küste“, die Napoleon sorgfältig über drei Jahre für seine geplante Landung in England zusammengestellt hatte, hatte schon zur Zeit der Monarchie oder in den ersten Jahren der Republik, meist in mehreren Feldzügen gedient und bildete den Kern der Grande Armée. In den ersten Jahren der Revolutionsarmee waren zahlreiche Soldaten sehr rasch zu Unteroffizieren und Offizieren befördert worden, ohne gleichzeitig eine theoretische Ausbildung zu erhalten. Diese Beförderungen wirkten sich zunächst zwar positiv auf die Moral der Truppen aus, hatten aber auch zur Folge, dass in der Grande Armée von 1805 das Durchschnittsalter der Subalternoffiziere höher lag als das ihrer Generale und Korpskommandeure. So führte der Kaiser im Mai 1805 per Dekret in der Armee wieder die förmliche Beförderung nach der Anciennität ein (d. h. nach dem Dienstalter). Als langfristige Auswirkung der bis dahin geltenden „revolutionären“ Praxis machte sich in der Spätzeit der Herrschaft Napoleons (etwa ab 1812) vor allem der Mangel an gut ausgebildeten Stabsoffizieren und taktisch ausreichend geschulten Kommandeuren bemerkbar.
Nach dem geltenden Konskriptionsgesetz vom 5. September 1798, das eine Wehrpflicht für alle unverheirateten Männer vom 20. bis zum 25. Lebensjahr vorsah, war das Rekrutenkontingent im Kriegsfall auf jährlich 60.000 Mann beschränkt worden. Auf Grundlage dieses Gesetzes waren zwischen 1802 und 1805 insgesamt 200.000 Mann einberufen worden (also 20.000 mehr als nach dem Gesetz eigentlich vorgesehen war). Überdies hatte der Senat 1805 einer zusätzlichen Aushebung von 80.000 Mann zugestimmt. Da es in Frankreich, einschließlich der neuerworbenen Gebiete, pro Jahrgang jedoch weit mehr junge Männer gab, als nach dem Konskriptionsgesetz für den Wehrdienst eingezogen werden sollten, erfolgte die Auswahl der eingezogenen Rekruten durch das Los. Da das Gesetz sowohl den Verkauf der Lose als auch die Stellung eines Stellvertreters gestattete, entzogen sich viele Angehörige der besitzenden und der gebildeten Schichten dem Dienst in der Armee, was viele der tatsächlich Eingezogenen als ungerecht empfanden. Nicht zuletzt aus diesem Grund desertierten zwischen 1802 und 1805 jedes Jahr im Durchschnitt etwa acht bis zehn Prozent der Soldaten, vornehmlich neu eingezogene Rekruten. In einigen Einheiten entzogen sich sogar mehr als ein Viertel der eingezogenen Soldaten durch Fahnenflucht dem Waffendienst.
Dieses Ausmaß an Fahnenflucht, das höher war als zu Zeiten der Berufsheere während des 18. Jahrhunderts, steigerte die Bedeutung der langdienenden Freiwilligen in der Armee, die dadurch zwangsläufig den Kern der Einheiten bildeten. Dieses Problem führte dazu, dass der (damalige) Erste Konsul Bonaparte bereits im Herbst 1803 die Errichtung von einem Dutzend Strafbataillonen für die réfractaires anordnete.
Nominell war die französische Armee eine Konskriptionsarmee. Zur Bekämpfung des Widerwillens gegen den Wehrdienst setzte die Armeeführung nicht nur auf länger dienende Freiwillige, sondern auch auf die Anwerbung von Ausländern, die, meist getrennt nach Nationalitäten (vor allem Deutsche, Schweizer, Italiener, Polen und Iren) in mehreren „Fremdenregimentern“ oder „Legionen“ („régiments d’étrangers“ oder „légions d’étrangers“) zusammengefasst wurden (vgl. auch „Grande Armée von 1812“).
Während des Aufbaus der „Grande Armée“ führte Napoleon zahlreiche organisatorische Neuerungen bei der Gliederung und Zusammensetzung der taktischen Einheiten ein, die später richtungsweisend für den Aufbau der Armeen der anderen europäischen Staaten wurden. Diese organisatorischen Veränderungen, die er jeweils einzeln per Dekret anordnete, erfolgten keineswegs systematisch, sie verteilen sich über mehrere Jahre und hatten stets so viele Ausnahmen bzw. Zusätze, dass sie hier nur verkürzt angedeutet werden können. In dieser Zeit (1804) schaffte Napoleon auch die nach der Revolution gegründeten Halbbrigaden (französisch demi-brigades) ab und führte die Bezeichnung „Regiment“ wieder ein, das sich zunächst (bis auf Ausnahmen) aus drei Bataillonen zusammensetzte.
Bis 1808 galt in der Grande Armée, trotz der verschiedenen Reformen durch General Carnot 1793/94, weiterhin das Exerzier-Reglement von 1791, das sich noch stark an das alte königliche Reglement aus der Zeit der Lineartaktik anlehnte. Da Kaiser Napoleon diesem Punkt relativ wenig Aufmerksamkeit schenkte und sich mit allgemeinen Anweisungen begnügte, blieb es in der Praxis jedem Korpskommandeur selbst überlassen, seine Einheiten taktisch zu schulen, dafür ließ er im Lager von Boulogne zwischen 1803 und 1805 umso intensiver die Bewegungen und das Zusammenspiel der Armeekorps üben.
Die größten taktischen Verbände waren die von Napoleon neu eingeführten Armeekorps, an deren Spitze er als Kommandanten (französisch „général en chef“) in der Regel einen Maréchal de France stellte (der schon im Mai 1804 wiedereingeführte Titel wurde nach der Thronbesteigung Napoleons bald in Maréchal d’Empire) geändert. Die Armeekorps können als permanente Armeeabteilungen betrachtet werden, die sich aus Einheiten aller Waffengattungen zusammensetzten, um dadurch weitgehend selbständig operieren zu können. Jedes Armeekorps bestand aus einem Generalstab, der abgesehen von den Dienern und Fuhrleuten etwa 160 bis 170 Personen umfasste (einschließlich einer etwa hundertköpfigen Kompanie Gendarmerie), zwei bis fünf Infanteriedivisionen, eine leichte Kavalleriedivision und eine zusätzliche Artillerie-Reserve von zwei (vor 1808) oder drei bis sechs (nach 1808) Kompanien, eine Pionier-Kompanie sowie einige weitere Unterstützungstruppen.
Bereits während der ersten Feldzüge bewährte sich die von Napoleon eingeführte Einteilung in permanent eingeteilte Armeekorps. Da ihnen alle notwendigen Unterstützungstruppen ständig zugeordnet waren, konnten sie gänzlich unabhängig von der jeweiligen Hauptarmee operieren und sich selbst versorgen. Dank der festgelegten Zusammenstellung der Einheiten konnten sie bei Bedarf sofort selbständig auf Nebenkriegsschauplätzen operieren. Der Kaiser gab den Korpskommandanten nur noch allgemein Ziel und Zeit vor, die Detailausführung überließ er ihnen. Der Vorteil der neuen Formation und der nur allgemein vorgegebenen Regeln fiel damals umso mehr auf, als ihre Gegner (Österreich und Russland 1805 und eingeschränkt Preußen 1806) noch keine permanenten höheren Verbände über der Ebene des Regiments besaßen, sondern ihre Einheiten jeweils ad hoc zu „Kolonnen“, „Abteilungen“ oder „Corps“ formierten. Während des Krieges von 1805 änderte die österreichische Armee die Zusammensetzung ihrer „Kolonnen“ fortlaufend und deren Kommandeure wechselten „fast jeden Tag“, so dass die Kommandeure ihre Einheiten kaum näher kennenlernen und auch kein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln konnten. Sehr überraschend für die Alliierten 1805 waren „die schnellen Märsche“ der einzelnen Armeekorps. Allerdings beruhten diese in der Regel weniger auf besonders außergewöhnlichen Marschleistungen der Truppen, sondern mehr auf der Tatsache, dass ihre Kommandeure kurzerhand auf regelmäßige Ruhetage verzichteten, die sonst bei langen Märschen üblich waren (damals wurde meist an jedem dritten Tag ein Ruhetag eingelegt). Dies brachte die Grande Armée für die Gegner unerwartet schnell zu ihren Einsatzorten, aber sie forderten auch sehr hohe Marschverluste, die sich in den ersten Jahren der Grande Armée nur deswegen nicht gravierend auswirkten, weil es Napoleon meist sehr schnell gelang, die Feldzüge schon nach kurzer Zeit wieder zu beenden.