Gotthelf Bergsträßer (* 5. April 1886 in Oberlosa bei Plauen; † 16. August 1933 bei Berchtesgaden) war ein deutscher Semitist und Arabist. Er war einer der bedeutendsten Orientalisten des 20. Jahrhunderts.
Gotthelf Bergsträßer wurde 1886 im evangelischen Pfarrhaus des vogtländischen Dorfs Oberlosa (heute ein Ortsteil von Plauen) als Sohn des dortigen Pfarrers geboren. Sein Großvater, ebenfalls Pfarrer, war aus Friedewald in Nassau nach Sachsen gekommen und entstammte er einer hessischen Pfarrer- und Beamtenfamilie. Gotthelf Bergsträßer ist sohin entfernt mit dem Philologen und Insektenforscher Johann Andreas Benignus Bergsträsser sowie dem Verleger und nationalliberalen Politiker Arnold Bergsträsser verwandt. Er studierte Philosophie, Sprachwissenschaft, klassische und semitische Philologie an der Universität Leipzig, namentlich bei August Fischer. Er schloss das Studium mit dem Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen ab und unterrichtete ab 1908 zunächst als Lehrer für klassische Sprachen an Gymnasien in Dresden und Leipzig.
Parallel schloss er an der Universität Leipzig 1911 seine Promotion ab und habilitierte sich bereits im Folgejahr für semitische Sprachen. Neben seinem Hauptberuf als Gymnasiallehrer lehrte er anschließend als Privatdozent an der Leipziger Universität. Mit dem Socin-Stipendium unternahm er 1914 eine Studienreise nach Konstantinopel, Syrien und Ägypten. Im Ersten Weltkrieg diente er 1915 kurz im deutschen Heer an der Westfront, bevor er Ende desselben Jahres als ordentlicher Professor an die mit deutscher Unterstützung aufgebaute Universität Konstantinopel (Dârülfünûn) berufen wurde. In seiner Zeit im Osmanischen Reich studierte er die arabischen und aramäischen Dialekte Syriens und Palästinas. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs unternahm er zudem in militärischem Auftrag eine mehrmonatige landeskundliche Studienreise durch Syrien und Palästina.
Nach der Kapitulation des Osmanischen Reichs im Oktober 1918 kehrte Bergsträßer zunächst nach Leipzig zurück. Im Sommer 1919 wurde er außerordentlicher Professor in Berlin und im Herbst desselben Jahres ordentlicher Professor der Semitistik in Königsberg. Im Jahre 1922 wechselte er nach Breslau, 1923 nach Heidelberg und 1926 an die Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er Ordinarius für semitische Philologie und Islamwissenschaft wurde. 1925 wurde er außerordentliches und 1926 auswärtiges Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Seit 1929 war er ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. In den Wintersemestern 1929/30 sowie 1931/32 hielt er jeweils Gastvorlesungen an der Universität Kairo.
Bergsträßer war ab 1921 mit Marie Louise von Loeben verheiratet, die aus dem sächsischen Kuppritz kam, das Paar hatte drei Töchter. Bei einer Bergtour am Watzmann in den Berchtesgadener Alpen verunglückte er 1933 tödlich.
Viele seiner Schriften sind bis heute für die Islamwissenschaft und die Semitistik relevant. Vor allem die Einführung in die Semitischen Sprachen ist bis heute ein international gelesenes Standardwerk. Von herausragender Bedeutung für die Althebraistik versprach seine Hebräische Grammatik zu werden, die als völlige Neukonzeption der in der 28. Auflage von 1909 zuletzt von Emil Kautzsch bearbeiteten Hebräischen Grammatik von Wilhelm Gesenius geplant war, aber Fragment blieb: Von den geplanten vier Bänden (Bergsträßer selbst sprach bescheiden nur von „Heften“) sind nur die ersten beiden Teile erschienen (1918 Schrift- und Lautlehre, 1929 Verbum). Sie werden zusammen mit der Gesenius-Kautzsch-Grammatik von 1909 als Konvolut bis heute immer wieder nachgedruckt.
Auf Einladung der Universität Kairo hielt er 1931/32 an der Philosophischen Fakultät eine Vortragsreihe über philologische Fragen arabischer Quellen, an der auch der damals berühmte Literat Taha Hussein teilnahm. Die Vorträge sind unter dem Titel Uṣūl naqd an-nuṣūs wa-našr al-kitāb (Grundlagen der Textkritik und Werkpublikation) in Kairo publiziert worden (herausgegeben von Muḥammad Ḥamdī al-Bakrī, 2. Auflage. Kairo 1995).
Ein Archiv von Fotos alter Koranmanuskripte für seinen geplanten Apparatus Criticus zum Koran wurde zunächst von Otto Pretzl weiterbearbeitet, aber dieser starb 1941 bei einem Flugzeugabsturz. Das Archiv erbte Anton Spitaler. Er behauptete später, das Archiv sei bei jenem Bombenangriff auf München 1944, durch den das Gebäude der Bayerischen Akademie der Wissenschaften völlig zerstört wurde, verbrannt. Das traf jedoch nicht zu, vielmehr waren die Fotos bis zu Beginn der 1990er Jahre in Spitalers Besitz. Seitdem befindet sich die Sammlung in der Obhut von Angelika Neuwirth an der Freien Universität Berlin, wo es im Rahmen des Projekts Corpus Coranicum digitalisiert und ausgewertet wird.
Die Negationen im Kur'an. 1911 (Digitalisat)
Ḥunain ibn Isḥāq und seine Schule. Sprach- und literaturgeschichtliche Untersuchungen zu den arabischen Hippokrates- und Galen-Übersetzungen. Leiden 1913.
Verneinungs- und Fragepartikeln und Verwandtes im Ḳurʾān. Leipzig 1914; Neudruck 1968.
Sprachatlas von Syrien und Palästina. 1915
Neuaramäische Märchen und andere Texte aus Malula. Verschriftungen mit deutscher Übersetzung. 1915 (Digitalisat)
Hebräische Grammatik. Mit Benutzung der von E. Kautzsch bearbeiteten 28. Auflage von Wilhelm Gesenius’ hebräischer Grammatik, verfasst von G. Bergsträßer, mit Beitragen von M. Lidzbarski, Vogel, Leipzig 1918. (Digitalisat)()
Neue meteorologische Fragmente des Theophrast. Arabisch und deutsch. 1918/9
Hebräische Lesestücke aus dem Alten Testament. Vogel, Leipzig 1920 (Digitalisat)
Zum arabischen Dialekt von Damaskus. Phonetik und Prosatexte. 1924
als Hrsg. und Übers.: Ḥunain ibn Isḥāq, Über die syrischen und arabischen Galen-Übersetzungen. Leipzig 1925 (= Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes. Band XVII, 2). (Digitalisat).