An diesem Tag

Goten

Ostgermanisches Volk

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Die Goten waren ein ostgermanisches Volk, das ab dem 3. Jahrhundert mehrfach in militärische Konflikte mit den Römern verwickelt war. Während der Völkerwanderungszeit bildeten auf dem Boden des Imperium Romanum zunächst die West- und dann die Ostgoten eigene Reiche (Westgotenreich, Ostgotenreich), die ihrerseits 711 bzw. 552 untergingen.

Umstritten ist der Ursprung der Goten. Zur Zeitenwende siedelte im Bereich der Weichselmündung ein Volk, das antiken Autoren wie Tacitus unter dem Namen Gotonen (Gutonen; gotisch Gutans) bekannt war. Der Name wird oft vom gotischen Wort giutan („gießen“) oder gutans („gegossen“) abgeleitet und als „Ausgießer“ gedeutet. Ob diese Völker die Vorfahren der späteren Goten waren, wie früher angenommen wurde, ist umstritten. Nach Berichten des spätantiken Geschichtsschreibers Jordanes stammten die Goten ursprünglich aus Skandinavien, doch stellt dies nach Ansicht der modernen Forschung eher eine Fiktion dar.

Mit dem Ausgangspunkt, dass die Gutonen die Vorfahren der Goten waren, wird die Annahme gestützt, dass in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts ein Teil des Volkes nach Südosten zum Schwarzen Meer zog. Andere Forscher vertreten hingegen die Ansicht, dass die Goten erst im Schwarzmeerraum und damit im Vorfeld der römischen Grenze als eigene Völkerschaft entstanden seien (siehe Ethnogenese). Nach ersten Auseinandersetzungen mit dem Römischen Reich in Südosteuropa zu Beginn der Reichskrise des 3. Jahrhunderts kam es am Ende des 3. Jahrhunderts zur Spaltung in eine östliche (Greutungen) und eine westliche Gruppe (Terwingen), aus denen sich später – vereinfachend gesagt – die Ostgoten (Ostrogothi) und die Westgoten (Visigothi) entwickelten.

Die Greutungen oder Ostgoten wurden um 375 von den Hunnen unterworfen. Nach dem Niedergang der Hunnen Mitte des 5. Jahrhunderts wurden die Ostgoten zunächst römische Foederaten (Verbündete), eroberten aber 488 unter Theoderich Italien, formal im Auftrag Ostroms. Nach Theoderichs Tod zerfiel das Ostgotenreich um 550 unter dem Ansturm der oströmischen Truppen Kaiser Justinians im Gotenkrieg (535–554).

Die Terwingen (die späteren Westgoten) schlugen im Jahre 378 das oströmische Heer unter Kaiser Valens in der Schlacht von Adrianopel vernichtend (Gotenkrieg (376–382)). Sie wurden 382 römische Foederaten und gründeten Anfang des 5. Jahrhunderts ein Reich in Gallien, das von den Franken zu Beginn des 6. Jahrhunderts nach Hispanien verdrängt wurde. Das Westgotenreich unterlag 711 den muslimischen Mauren im Rahmen der islamischen Expansion im Frühmittelalter.

Die Westgoten wurden auch Tervingi (hauptsächlich in ihren Siedlungsgebieten nördlich der Donau) oder Vesigithi bzw. Visigothi (hier jeweils die lateinischen Formen) genannt. Terwingen bedeutet „Waldleute“ (gotisch triu „Baum“). Vesi ist eine prunkende Selbstbezeichnung, die so viel wie „die Edlen/Guten“ bedeutet.

Für die Ostgoten bestehen grundsätzlich zwei Namensformen: Ostrogot(h)i, Ostrogotae und Greutungi (Nebenformen: Greothingi, Grutungi, Grauthungi), wobei Greutungen frei übersetzt „Steppenbewohner“ oder „Strandbewohner“ heißt. Die älteste überlieferte Form von Ostgoten ist Austrogoti (Historia Augusta, Vita Claudii 6,2). Es handelt sich um eine Selbstbezeichnung, abgeleitet aus einem durch Wulfila überlieferten bibelgotischen Lexem, dem Kompositum *Austra-gutans. Im germanischen Vergleich bedeutet austra „östlich“. Anderweitige Deutungen wie „die durch den Sonnenaufgang glänzenden Goten“ sind etymologisch nicht beweisbar. Solche Deutungen erfolgten beispielsweise durch Herwig Wolfram von austr(o)-a als „glänzend, strahlend“, von germanisch *austra (dazu auch Ostern).

Später wurden die Namen Vesigothi und Ostrogothi von Cassiodor, einem hohen römischen Beamten des Ostgotenkönigs Theoderich, in anachronistischer Weise in Westgoten und Ostgoten umgedeutet, als die Trennung der Stämme deutlich wurde. Als dritte Volksgruppe neben Ost- und Westgoten nennt Cassiodor die Gepiden. Sie waren ursprünglich wohl ein eigenes Volk und hatten sich dem Südzug der Goten angeschlossen. Die Gepiden blieben größtenteils im Hinterland, nahe den Karpaten, und spielten politisch eine eher untergeordnete Rolle. Die Westgoten siedelten nördlich der Donau, während die Ostgoten sich an der Mündung des Dnepr ausbreiteten, unter anderem auch auf der Krim. Die Westgoten konstituierten sich in einer von vielen Kleinkönigen beherrschten Oligarchie, während das Königshaus der Amaler bei den Ostgoten (angeblich) seine Macht erhalten konnte. Historisch bezeugt sind die Amaler jedoch erst seit dem späten 4. Jahrhundert n. Chr., der uralte Stammbaum, den Jordanes angab, ist konstruiert.

Jordanes nannte neben West- und Ostgoten eine weitere, angeblich zahlreiche Gruppe, die er als Kleingoten bezeichnet. Diese Kleingoten, denen der gotische Bischof Wulfila angehörte, sollen zu Jordanes’ Zeiten die Gegend von Nikopolis in Moesia besiedelt haben.

Herkunft: Stammeslegende und Realität

Die ersten Erwähnungen der Goten finden sich bei den antiken Geschichtsschreibern Tacitus, Strabon und Claudius Ptolemäus als Gotonen. Aus deren Nachrichten ergibt sich das Bild eines Stammesverbandes mit einem für germanische Verhältnisse bemerkenswert starken Königtum, der zur Zeitenwende nördlich des Weichselknies im Machtbereich der Markomannen siedelte. Westliche Nachbarn an der Ostseeküste waren die Rugier. Ob die südwestlichen Nachbarn, also Vandalen und Lugier, zwei Stammesverbände waren oder einer, ist unklar.

Als Cassiodor im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts im Auftrag des Ostgotenkönigs Theoderich die Historia Gothorum („Geschichte der Goten“) abfasste, griff er zeitlich viel weiter zurück. Da Cassiodors zwölfbändige Fassung nicht erhalten ist, steht nur die verkürzte Überarbeitung durch Jordanes (um 550, De origine actibusque Getarum, kurz Getica) als Quelle für die frühen Stammeslegenden zur Verfügung. Diese Stammeslegenden waren zwar vielleicht mündlich überliefert worden, wurden aber von Cassiodor zumindest nach einflussreichen historiografischen Modellen (Tacitus’ Germania) geordnet und zum Teil erfunden. Cassiodor trug zahlreiche skandinavische und skythische Völkerschaften, deren Namen der klassisch-antiken Geografie und Ethnografie teils schon seit Herodot bekannt waren (insbesondere die häufig mit den Goten verwechselten Geten), und offenbar auch ihre Königslisten zu einer Gotengeschichte zusammen. Erschwert wird die Auswertung der Getica zudem dadurch, dass unklar ist, wie viel von Cassiodors Werk in ihnen überhaupt bewahrt worden ist.

Gemäß der von Jordanes überlieferten Ursprungsgeschichte stammten die Goten vom sagenhaften Stammesgründer Gapt auf der Insel Scandza (Skandinavien) ab. Von dort seien sie unter König Berig mit drei Schiffen in Gothiscandza an der baltischen Küste gelandet und hätten sich nach fünf Generationen unter Filimer auf den Weg Richtung Süden gemacht. Die Spaltung des Volkes in West- und Ostgoten habe sich ereignet, als während der Überquerung eines großen Flusses die Brücke eingestürzt sei.

Diese Darstellung, die auch erst im 6. Jahrhundert bei dem oft wenig zuverlässigen Jordanes auftauchte, lässt sich jedoch nicht bestätigen. Sie ist wahrscheinlich vielmehr als ein topischer Herkunftsmythos anzusehen (siehe Origo gentis). So konnte durch die archäologische Forschung für die oft den frühen Goten zugerechnete Wielbark-Kultur (auch Willenberg-Kultur) keine signifikante Zuwanderung aus Skandinavien festgestellt werden. Der neueren Forschung zufolge ist eher davon auszugehen, dass diese Kultur östlich der Weichsel entstanden ist und sich ab dem 1. Jahrhundert langsam von dort aus nach Südosten verschob, während an der Weichselmündung einige Siedlungen noch bis ins 4. Jahrhundert fortbestanden.

Jüngste Analysen von DNA aus Gräbern, die der Wielbark-Kultur zugeschrieben werden, sprechen allerdings dafür, dass Menschen in diesem Raum tatsächlich von Einwanderern Nordeuropas abstammen, die sich mit der bereits ansässigen Bevölkerung mischten.

Es wird oft angenommen, dass die Goten aus dem Zusammenschluss unterschiedlicher Stämme entstanden. Denkbar ist, dass dem Namen „Goten“ besonderes Prestige anhaftete, weshalb er (ähnlich wie der der Hunnen) von ganz verschiedenen Gruppen geführt wurde. Gemeinsam ist den traditionell den Goten zugerechneten Gruppen, dass sie ihren Verstorbenen keine Waffen ins Grab legten, was für Germanen untypisch ist. Die Aussagekraft dieser Beobachtung ist aber inzwischen umstritten. Einige Forscher (wie etwa Michael Kulikowski) bestreiten inzwischen jeden Zusammenhang zwischen der Willenberg-Kultur und den Goten und nehmen an, es habe überhaupt keine Wanderung der Goten vor dem 3. Jahrhundert gegeben, da sich erst damals die Ethnogenese des Stammes vollzogen habe – und zwar an der Donau, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Imperium Romanum. Genau wie Franken und Alamannen seien die Goten als neuer Großstamm erst an der römischen Grenze entstanden. Der Ausgang der Debatte darüber ist derzeit offen.

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