Giuseppe Marco Antonio Baretti (auch bekannt unter dem Herausgeber-Pseudonym Aristarco Scannabue; geboren am 24. April 1719 in Turin, gestorben am 5. Mai 1789 in London) war ein italienischer Literaturkritiker, Übersetzer, Dichter, Journalist, Dramaturg, Lexikograph und Linguist.
Giuseppe Baretti wurde als ältester Sohn von Luca Baretti und Anna Caterina Tesio in Turin, der Hauptstadt des vom Haus Savoyen regierten Königreichs Piemont und Sardinien, geboren. Um seine Erziehung zu finanzieren, erhob 1733 der Vater, der als Militärarchitekt am Hof angestellt war, für seinen Sohn Ansprüche auf die Einkünfte einer nach dem Tod eines entfernten Verwandten vakanten Kaplanstelle. So wurde der vierzehnjährige Giuseppe der Klerikerlaufbahn geweiht und wahrscheinlich im Seminar der Hauptstadt angemeldet.
Kulturell und wirtschaftlich gesehen reichte Piemont zu dieser Zeit wohl nicht an andere, weiterentwickeltere Staaten in Italien heran, Turin jedoch war allseits anerkannt als der Sitz einer der ältesten Herrscherdynastien und einer der politisch mächtigsten Kräfte in Europa. Zweifellos konnte Turin als kosmopolitisch gelten, nicht nur wegen der vielen dort ansässigen ausländischen Diplomaten, sondern auch wegen seiner Accademia Reale delle Scienze di Torino, die sich eines außerordentlich guten Rufs und großen Zuspruchs sowohl aus dem lokalen Umfeld als auch aus anderen italienischen und ausländischen Staaten erfreute. Auch die neu modernisierte und nun säkulare Universität von Turin war zu einem Vorzeige-Modell geworden, die berühmte Gelehrte und Lehrende anzog, so auch Girolamo Tagliazucchi, der Rhetorik und Griechisch lehrte und in dessen Kreis von Studenten sich der junge Baretti als Literatur-Liebhaber gelegentlich und ganz informell bewegte.
1735 starb Caterina, die Mutter von Giuseppe und seinen drei Brüdern, Filippo, Giovanni und Amedeo. Einen Monat später heiratete der Vater Luca Baretti, die aus einer wohlhabenden und bedeutenden Familie stammende Genoveffa Astrua, die ihrerseits einen Cicisbeo bzw. cavalier servante mit in die Familie einbrachte. Diese familiäre Konstellation führte schließlich zum Bruch Giuseppes mit dem Vater, nicht zuletzt auch weil dieser die Neigung zur Literatur des Sohnes heftig bekämpfte. Am Ende der Fastenzeit 1737 gab Giuseppe Baretti die sichere geistlichen Karriere auf und verließ Familie und Heimatort. Zunächst ging er nach Guastalla und kam bei seinem Onkel Giovanni Battista, dem jüngeren Bruder seines Vaters, unter, der eine Sekretärsstelle am dortigen Fürstenhof innehatte und Giuseppe eine Anstellung bei einem fürstlichen Kämmerer und Händler besorgte. Dort traf Baretti auf den Dichter Carlo Cantoni, der nun Barettis literarische Studien begleitete, ihn unterstützte und von ihm stets – zusammen mit Tagliazucchi – als Lehrmeister gesehen wurde.
In diese Zeit fallen erste lyrische Versuche, die sich an den Großen der italienischen poetischen Tradition in Genres wie der Burleske, des Satirischen und Komischen oder dem italienischen Heldenepos orientierten: an Luigi Pulci, Francesco Berni, Ludovico Ariosto, Niccolò Machiavelli, Antonio Francesco Grazzini und Lorenzo Lippi. Zu diesem Typus von Dichtung – als Gegenentwurf zur als süßlich-frivol eingeschätzten lyrischen Produktion der zahlreichen Dichter aus dem Umkreis der Accademia dell’Arcadia konzipiert – zählt auch diejenige von Vittore Vettori, einem Dichter und Arzt aus Mantua, mit dem Baretti in jenen Jahren korrespondierte, und von diversen anderen, mit denen er später in Venedig und schließlich Mailand (wo er in die Accademia dei Trasformati aufgenommen wurde) Bekanntschaft schloss. Nach dem Aufenthalt in Guastalla verbrachte Baretti ab 1742 zwei Jahre in Cuneo als Angestellter in der neu errichteten Zitadelle. In dieser Zeit entstanden die Stanze al Padre Serafino Bianchi da Novara (veröffentlicht 1744) und die unveröffentlicht gebliebene Liberazione di Cuneo. Nach Turin kehrte Baretti nur kurz 1744 anlässlich des Todes seines Vaters zurück; danach begab er sich auf der Suche nach einer Anstellung weiter nach Mailand und Genua.
Seit dem Frühling 1747 in Venedig verkehrte er schließlich im literarischen Zirkel von Carlo Gozzi, dessen Bruder Gasparo und Luisa Bergalli, denen er freundschaftlich verbunden war, ebenso wie in der Accademia dei Granelleschi. Die Lettere di Giuseppe Baretti torinese ad un suo amico di Milano sopra un certo fatto del Dottor Biagio Schiavo da Este (Venedig 1747) sind eine frühe Probe von Barettis polemischem Schreiben; aus wirtschaftlichen Gründen nahm er den Auftrag zu einer recht mittelmäßig ausgefallenen Übertragung der Tragödien Corneilles ins Italienische in versi sciolti an. In den dazu beigefügten Prefazioni alle tragedie di Pier Cornelio (1747–1748) zeigte Baretti jedoch einige von nun an kontinuierlich in seinem Werk weiterentwickelte Aspekte, die von der Forschung bis heute rezipiert werden: seinen polemischen, dabei aber einnehmenden und modernen Schreibstil, die Einschätzung des italienischen Heldenepos als in diesem Genre unübertroffen, den Vorwurf an die französischen Kritiker der Arroganz und Ignoranz gegenüber anderen, z. B. der italienischen Literatur und Sprache.
1750, wieder zurück in Turin, entwickelte Baretti zunächst ein dramatisch-musikalisches Werk (Musik G. A. Gray), Fetonte sulle rive del Po, anlässlich der Feierlichkeiten für die Hochzeit des zukünftigen Vittorio Amedeo III di Savoia mit der spanischen Infantin Anne Marie de Bourbon-Orléans. Vergebens bemühte er sich um eine feste Anstellung in der sabaudischen Hauptstadt: Die ablehnende Haltung im Senat der Universität gründete sich auf Barettis polemischer Kritik am Nachfolger seines Lehrers Tagliazucchi, dem ‚pedante‘ Giuseppe Bartoli, dem Primo cicalamento di Giuseppe Baretti sopra le Cinque lettere del sig. Giuseppe Bartoli intorno al libro, che avrà per titolo ‚La vera spiegazione del Dittico Quiriniano‘ (1750). Als auch der inzwischen veröffentlichte erste Band seiner Gedichtsammlung Le piacevoli poesie (I: 1750; II: 1764) daran nichts änderte, entschloss sich Baretti, Italien zu verlassen und nach England zu gehen. Maßgeblich an dieser Entscheidung beteiligt war sein lebenslanger Freund und Förderer James Caulfield, Viscount Charlemont, ein Kenner italienischer Literatur, auf den Baretti in Turin getroffen war.
Ab 1751 lebte Baretti in London, zunächst bei seinem Turiner Landsmann, dem seinerzeit berühmten Geiger und Komponisten Felice Giardini, einem Vertreter des Galanten Stils, der in London die Italian Opera leitete. Mittlerweile wurden zwei unveröffentlicht gebliebene musikalische Intermezzi von Baretti aus dieser Zeit nachgewiesen: Don Chisciotte in Venezia und La Filippa trionfante, sowie das 1753 veröffentlichten Projet pour avoir un Opéra italien à Londres dans un goût nouveau und La Voix de la Discorde ou la bataille des violons. Histoire d’un attentat séditieux et atroce contre la vie et les biens de cinquante chanteurs et violonistes. Ob Baretti eine offizielle Anstellung im Musikbetrieb Londons innehatte, ist in der Forschung ungeklärt geblieben, seine Beiträge jedoch sind auf jeden Fall als aufmerksame intellektuelle Einmischungen in den zeitgenössischen Kulturbetrieb der neuen Umgebung einzuschätzen. Nach gründlichem Studium beherrschte Baretti die englische Sprache bald außerordentlich gut und fand schnell Zutritt zu den wichtigsten literarischen Kreisen der englischen Hauptstadt; in kürzester Zeit machte er die Bekanntschaft von Henry Fielding, Charlotte Lennox, Samuel Richardson, Edmund Burke, Oliver Goldsmith und anderen, David Garrick, Joshua Reynolds und Samuel Johnson wurden zu lebenslangen Freunden. In England wurde Baretti zu einem engagierten und geschätzten Vermittler italienischer Sprache, Literatur und Kultur, z. B. durch die Veröffentlichung der Italian Library (1757), einer kommentierten, nach Genres und Themen sortierten Übersicht über die wichtigsten Werke italienischer Literatur samt einer History of the Italian tongue, in der im Übrigen erstmals der Ausspruch Galileos, „E pur si muove!“ [„Und sie bewegt sich doch!“] dokumentiert ist. 1760 erschien Barettis wohl erfolgreichste Arbeit, die ihm zu Ansehen und Einkommen verhalf, A Dictionary of the English and Italian languages, dem eine Italian and English Grammar beigefügt ist, und die in etlichen Auflagen erschien.