Giovanni Soranzo, auch Johannes Surantio (* um 1245 in Venedig; † 31. Dezember 1328 ebenda), war, folgt man der staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, ihr 51. Doge. Seine vergleichsweise lange Regierungszeit von mehr als 16 Jahren reichte vom 13. Juli 1312 bis zu seinem Tod.
Soranzo, der von 1261 bis 1281 zusammen mit seinem Bruder sein Vermögen auf Kreta machte, der wichtigsten venezianischen Kolonie, verdankte seinen Aufstieg einer Reihe von Ämtern in Italien, Dalmatien und auf Istrien ebenso, wie militärischen Aktivitäten an vorderster Front. Bei diesen kämpfte er gegen die verfeindeten Genuesen genauso, wie gegen den Kirchenstaat, er eroberte als Befehlshaber einer Flotte Negroponte (Euböa) zurück, und als Gesandter war er bis nach Sizilien und Ägypten tätig.
Trotz dieser umfassenden Kämpfe war seine Amtszeit als Doge für die Republik eine Zeit des Friedens und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Nur Zara, das heutige Zadar, wurde durch eine Belagerung unterworfen, wie er insgesamt gegenüber Dalmatien eine verstärkte Annexionspolitik führte. Die Intensivierung des Handels wurde durch eine Reihe von Verträgen mit auswärtigen Mächten gesichert, die die Schifffahrtsrouten besser schützen sollten. Diese Routen wurden nunmehr durch Schiffskonvois (mude) regelmäßig bis nach Flandern und England befahren.
Innenpolitisch musste er, zumal eine seiner Töchter und sein Schwiegersohn in die Baiamonte-Tiepolo-Verschwörung von 1310 verwickelt waren, den seither vorherrschenden, rücksichtslosen Strafverfolgungskurs beibehalten. Auch die Abgrenzung des Adels oder Patriziats (nobilitas) gegen Neuaufsteiger wurde nicht wieder aufgegeben, sondern im Gegenteil verstärkt und zunehmend mit öffentlichen Ritualen umgeben, wie etwa bei der Balla d’oro, dem feierlichen Einzug von Neulingen in die Versammlung der erwachsenen Männer der führenden Familien, den Großen Rat.
Die Familie Soranzo, von denen einige Genealogen behaupteten, sie stamme ursprünglich aus Burano, und auch Giovanni Soranzo sei dort 1240 geboren worden, gehörte zu den ältesten aristokratischen Familien Venedigs. Giovanni Soranzo blieb zwar der einzige Doge aus der Familie, doch ging eine Reihe von Prokuratoren aus ihr hervor. Einer von ihnen war Antonio Soranzo, der Vater Giovannis. Der Zweig der großen Familie Soranzo, dem Giovanni angehörte, lebte wahrscheinlich in der Gemeinde Sant’Anzolo im Sestiere San Marco.
Soranzo war mit Francesca da Molin verheiratet, mit der er drei Söhne und drei Töchter hatte (einige von ihnen waren möglicherweise Kinder einer namentlich nicht überlieferten Frau). Die Söhne waren Marino, der eine Caterina heiratete, deren Familienname nicht überliefert ist, dann Nicolò, der schon vor dem Vater starb und in San Zanipolo beigesetzt wurde, sowie der nach dem Großvater benannte Antonio, genannt „Belello“. Soranza war mit Niccolò Querini verheiratet, einem der Verschwörer von 1310, und sie floh mit ihm nach Griechenland – am Ende verbrachte sie ihre Tage in einer Art Klosterhaft. Die zwei anderen Töchter verbrachten ihr Leben gleichfalls im Kloster. Diese beiden waren, neben der genannten Soranza, eine Elena, Nonne in San Giovanni Evangelista auf Torcello, und Fontana, Schwester im Franziskanerkonvent S. Maria.
Zwar nennt eine ganze Reihe von Dokumenten den Namen Giovanni Soranzo, doch ist häufig nicht sicher, ob der spätere Doge gemeint war. Der Name Johannes, bzw. Giovanni erfreute sich größter Beliebtheit, auch in dieser Großfamilie mit ihren Verzweigungen.
Erste Geschäfte (1257), Kreta (bis 1281), Großer Rat
Der 17-jährige Giovanni Soranzo erhielt von einem Pietro Trevisan eine Geldsumme, um damit Geschäfte zu betreiben, welcher Art er auch immer bevorzugen würde. Er und sein Bruder Marino residierten von 1261 bis 1281 in Candia, der Hauptstadt des venezianischen Kreta. 1281 verkauften die Brüder ihren dortigen immobilen Besitz einschließlich ihrer Weingärten in einem Dokument, das zugleich letztmals die Anwesenheit Giovanni Soranzos auf der Insel erweist. Als Angehöriger des Großen Rates war er 1264, von 1266 bis 1268, dann von 1270 und 1275, erneut 1281 und schließlich 1295 genannt.
Podestà auf Istrien (1284), Rückeroberung von Negroponte (1285), Flottenführer (ab 1294) gegen Genuesen
1284 war Giovanni Soranzo Podestà von Parenzo auf Istrien. Vom lokalen Bischof wurde er exkommuniziert, denn dieser war ein Anhänger des Patriarchen von Aquileia und Feind Venedigs.
Nachdem er Kreta verlassen hatte, kämpfte Soranzo gegen die byzantinischen Expansionsbemühungen. Dabei gelang ihm 1285 die Rückeroberung von Negroponte, wo sein Bruder Marino von 1287 bis 1289 als Bailò fungierte.
Bis 1294 finanzierte er drei Kriegsgaleeren, die er in den Dienst der Republik Venedig stellte. Im 1296 abermals aufflammenden Krieg gegen Genua beherrschte er gemeinsam mit Menego Schiavo und seinen 25 Galeeren die Ägäis. Mit dieser Flotte segelten sie 1297, nachdem sie am Bosporus eine genuesische Galeere geentert hatten, ins Schwarze Meer, um das genuesische Kaffa auf der Krim zu erobern. Zwar gelang die Eroberung nicht, aber es gelang den beiden, einige genuesische Schiffe zu zerstören. Von dort kehrte die Flotte nach Negroponte zurück, wo Andrea Dandolo, der Sohn des Dogen Giovanni Dandolo, das Kommando übernahm. Soranzo wurde in Venedig als Kriegsheld ehrenhaft empfangen.
Aufstieg innerhalb Venedigs und auf Istrien, Gesandter auf Sizilien (1300) und in Ägypten (1304)
Bereits unmittelbar nach der Wahl des Pietro Gradenigo zum Dogen gehörte er dessen engstem Beratungsgremium an, dem Kleinen Rat. 1294 war er Podestà von Chioggia, dann Ende des Jahrhunderts von Isola d’Istria., Podestà von Pola im Jahr 1299.
Zusammen mit Andrea Sanudo war er im Jahr 1300 als Gesandter bei Friedrich III. von Sizilien. Danach wurde er zum Conte (Grafen) von Zara in den Jahren 1301 bis 1303 und erneut von 1305 bis 1307. 1304 war er Gesandter am ägyptischen Hof.
Ferrarakrieg (1307–1309), Exkommunikation Venedigs, Niederlage (1309), Prokurator
Soranzo war nicht nur Flottenführer, sondern auch Feldherr im Krieg um Ferrara und gegen die Paduaner. Zunächst war er 1307 als Gesandter bei Azzo VIII. d’Este, um ihm venezianische Unterstützung gegen seine Feinde anzubieten. 1308 eroberte Venedig die Stadt Ferrara, Soranzo wurde dort von November 1308 bis März 1309 Podestà. Dafür verhängte Papst Clemens V. das Interdikt und exkommunizierte Venedig am 27. März 1309. Venedig musste den päpstlichen Truppen weichen, und Soranzo, der als Flottenführer den Unterlauf des Po verteidigen sollte, erlitt gleichfalls eine Niederlage.