An diesem Tag

Gino Luzzatto

Italienischer Wirtschaftshistoriker

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Gino Luzzatto (* 9. Januar 1878 in Padua; † 30. März 1964 in Venedig) war einer der bedeutendsten italienischen Wirtschaftshistoriker. Zunächst als Lehrer in Süditalien tätig, lehrte er an einem Wirtschaftsinstitut in Triest und wechselte 1922 von dort an die Universität Venedig, deren Rektor er wurde. Bereits 1906 war er der Sozialistischen Partei beigetreten. Nach der Machtübernahme durch die Faschisten Mussolinis konnte Luzzatto nur noch unter Schwierigkeiten publizieren. 1925 wurde er mehrere Monate in Haft genommen, 1938 aufgrund der italienischen Rassengesetze – Luzzatto entstammte einer jüdischen Familie – gegen seinen Willen pensioniert. Nach Kriegsende wurde er wieder Rektor und führte das Institut bis 1953.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit konzentrierte er sich unter dem anfänglichen Einfluss von Werner Sombart, dessen Hauptwerk er selbst übersetzte, zunehmend auf die städtische Ökonomie vor allem des Spätmittelalters – sein Hauptaugenmerk lag auf Venedig – und räumte dabei den Händlern gegenüber den Herrschaftsinstanzen und dem grundherrschaftlichen Teil der Wirtschaft einen erheblich vergrößerten Einfluss ein. Dabei wurde er zu einem der besten Kenner der Bestände des venezianischen Staatsarchivs, das er von 1922 bis 1964 fast täglich aufsuchte. Carlo Cipolla beschrieb ihn als einen der „three giants of economic history“, zusammen mit Henri Pirenne und Marc Bloch.

Gino Luzzatto wurde als fünfter und letzter Sohn des Giuseppe und der Amelia Salom geboren. Seine Mutter stammte aus Venedig, sein Vater aus Görz. Er begann sein Studium der Geisteswissenschaften (Lettere) 1894, wie damals für Studenten aus venezianischen Familien üblich, an der Universität Padua, hörte aber auch Rechtsgeschichte bei Nino Tamassia. Nach der Promotion wechselte er nach Florenz ans Istituto Superiore Giovanni Marinelli, wobei er sich besonders für die Untersuchungen des Geografen Giuseppe Pennesi (1851–1909) zu den Entdeckungsreisen interessierte. Seine Doktorarbeit über einen Historiker des 17. Jahrhunderts, nämlich Girolamo Brusoni, wurde 1893 veröffentlicht. Sie weist jedoch keine besondere ökonomische Zielrichtung auf.

Süditalien, Abkehr von der „heroischen“ Geschichtsschreibung

Luzzatto wechselte an ein Gymnasium im süditalienischen Potenza, verfasste Untersuchungen zur neueren Geschichte, wie etwa zum Brigantentum in der Basilicata nach der italienischen Staatsgründung von 1860, eine Untersuchung, die jedoch nie abgeschlossen wurde. Dennoch zeigt sich hierin schon das Ungenügen an der individualistischen, „heroischen“ Geschichtsschreibung, die sich besonders auf die Taten Einzelner, auf die großen Staatsaktionen konzentrierte.

Karl Lamprechts Werke haben Luzzatto dazu veranlasst, sich mit der Geschichte des Feudalismus, mit der Gesellschaft und weniger mit dem „Hof“ zu beschäftigen. Dennoch lag ihm daran, bei der Abkehr von der politisch-dynastischen Geschichtsschreibung nicht in bloß statistisch fassbare Gesichtspunkte abzugleiten. Individuelle Entscheidungen, Situationsbedingtheit und Einmaligkeit der Konstellation waren ihm ebenso wichtig, wie der Blick für die überindividuellen Kräfte. Seine Polemik gegen den unkontrollierten, methodologisch nicht untermauerten Gebrauch der Statistik machte ihn erstmals in weiteren Kreisen bekannt. Ohne die Bedeutung der zahlenmäßigen Erfassung historischer Zustände und Prozesse unterschätzen zu wollen, lehnte er doch die „Manie der Zahlen“ ab.

Urbino, Pisa, Bari, Hinwendung zur Stadt- und Handelsgeschichte (1902–1919)

1901 wechselte Luzzatto von Grosseto, wo er unterrichtet hatte, nach Urbino, wo er seine Studien zu den Marken fortsetzte. Später schrieb er sich in Urbino für Jura ein, um sich methodisch zu schulen und eine Art Gegengewicht zu den seinerzeit geläufigen Methoden zu entwickeln – ohne das Métier zu wechseln. So befasste er sich mit jüdischen Bankiers im herzoglichen Urbino, aber auch mit der aktuellen ökonomischen Entwicklung in Russland. 1904 wurde er in Jura mit der Arbeit Le origini dell’organizzazione finanziaria dei comuni italiani promoviert, doch wurde sie erst 1990 herausgegeben.

Im Jahr 1902 begann Luzzatto als einer der Ersten, bei der Zeitschrift Le Marche mitzuarbeiten, die vor allem von ihrem Herausgeber Amedeo Crivellucci (1850–1914) auf Lokaluntersuchungen ausgerichtet wurde. Auch als Luzzatto 1910 für kurze Zeit nach Padua ging, setzte er seine Tätigkeit dort fort. Erstmals zeigten sich die Möglichkeiten und Interessen Luzzattos in seinen Untersuchungen zur „sottomissione“ (‚Unterwerfung‘) des ländlichen Adels durch die Kommunen in den Marken. Dieses Thema, die Konzentration von Markt und Handwerk in der Stadt, der erzwungene Umzug des feudalen Landadels in die Kommunen und die Rechtsschöpfung aus eigener Kraft haben ihn immer wieder beschäftigt. Doch wandte er sich nach seinem Werk über die Servi weitgehend der Stadtgeschichte zu, zugleich von der Betrachtung der Dominanz der Curtes, der Betriebsgrundherrschaft ab.

Vielmehr sah er die städtischen Impulse als die stärkeren an, und darin wiederum die Rolle der Kaufleute als herausragend. Das zeigen insbesondere seine späteren Schriften zur Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig, die den Handel in den Mittelpunkt rückten. 1910 wurde er an das Istituto Superiore in Bari berufen. Seine 1914 publizierte Handelsgeschichte (Storia del Commercio) liegt schon genau auf der eingeschlagenen Linie. Das gilt ebenso für seine Studie über den kleinen Markenort Matelica. Hierbei analysierte er eine Fiskalorganisation, zog daraus Rückschlüsse auf die politische Ökonomie und schließlich auf die Binnenstruktur der politischen Elite(n). Damit hatte er sich weit von der landläufigen Untersuchung der Rechtszustände etwa anhand von Gesetzestexten und Statuten entfernt, die zwar Ansprüche stellen, meist jedoch ohne erkennen zu lassen, ob die angestrebten Zustände auch erreicht worden sind.

Luzzatto war schon 1906 in Pisa der Sozialistischen Partei beigetreten, konnte sich aber nie für ihren Kollektivismus und ihren Internationalismus erwärmen. Er blieb Individualist und glaubte an die Bedeutung des Einzelnen, war aber zugleich gemäßigter Patriot und trat für die Rechte der „vergessenen Klassen“ ein. Ab 1911 veröffentlichte er zahlreiche Beiträge in Salveminis L’Unità, die allerdings 1920 ihr Erscheinen einstellte. Nach 1918 gestand er, die materialistische Orientierung zu ausschließlich gesehen, darüber die Moral – die kollektive wie die individuelle – unterschätzt zu haben. Nicht umsonst sah er hinter den Kämpfen zwischen Ghibellinen und Guelfen mehr als nur den Kampf zwischen Papst- und Kaiserpartei.

Dabei glaubte Luzzatto an eine positive Wechselwirkung zwischen den Erfahrungen als Historiker und denen als politischer Mensch. So erkannte er, dass Protektionismus und Kolonialismus in Italien aufs Engste zusammenhingen. Sie schützten – ohne ökonomische Berechtigung – die heimischen Industrien und die Landwirtschaft und dienten nur der Verbilligung von Rohstoffen. Dazu lenkten sie von sozialen Problemen ab, wobei Luzzatto nicht so sehr der Mezzogiorno (Süditalien) am Herzen lag, obwohl er in Bari gelebt hatte. Bereits 1912 erörterte er die Kosten der Eroberung Libyens und die Rolle des Irredentismo.

Weltkrieg, Wirtschaftsgeschichte: Triest (1919), Venedig (1922)

Den Ersten Weltkrieg, an dem Italien teilnahm, durchlebte Luzzatto von Anfang an als tenente, also etwa im Rang eines Oberleutnants. 1919 wechselte er von Bari als ordinario di storia del commercio e geografia commerciale nach Triest an die Revoltella. Schließlich lehrte er ab Januar 1922 als Professor Wirtschaftsgeschichte am Istituto superiore di scienze economiche e sociali an der Universität Ca’ Fòscari in Venedig, eines von acht nationalen Wirtschaftsinstituten, die dem Wirtschafts-, nicht dem Bildungsministerium unterstellt waren. Fabio Besta, Luigi Armanni und Tommaso Fornari verstanden es, in einer Vielzahl von kleinen Schritten aus dem Wirtschaftsinstitut eine Universität mit mehreren Fakultäten zu machen, wobei ein auslösender Faktor die Gründung des wirtschaftswissenschaftlichen Instituts Bocconi in Mailand gewesen sein dürfte (1902), ein anderer, die ersten Industrialisierungspläne großen Maßstabs unter Bürgermeister Riccardo Selvatico. Während des Weltkriegs zog das Institut 1917 kurzzeitig nach Pisa um. Luzzatto blieb sein Leben lang, sieht man von der Zeit der Rassengesetze in Italien ab, in Venedig, auch wenn er Angebote anderer Universitäten erhielt, wie etwa 1944 aus Rom.

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