Joseph Gilles Henri Villeneuve ([ʒil vilnœv], ) (* 18. Januar 1950 in Saint-Jean-sur-Richelieu; † 8. Mai 1982 in Löwen, Belgien) war ein kanadischer Automobilrennfahrer. Von 1977 bis 1982 startete Villeneuve bei 67 Formel-1-Grands-Prix, bei 66 von ihnen für die Scuderia Ferrari. In der Formel-1-Saison 1979 wurde er Zweiter der Weltmeisterschaft. Beim Abschlusstraining des Großen Preises von Belgien 1982 kollidierte Villeneuve mit dem Wagen des langsam fahrenden Jochen Mass. Dabei wurde sein Rückenmark durchtrennt; er starb wenige Stunden später.
Gilles Villeneuves Sohn Jacques wurde 1997 Formel-1-Weltmeister; auch Gilles’ jüngerer Bruder Jacques Villeneuve sr. war Automobilrennfahrer.
Gilles Villeneuve war der ältere von zwei Söhnen des kanadischen Klavierstimmers Seville Villeneuve und dessen Ehefrau Georgette (⚭ 1947), geborene Coupal.
Der Vater war aus beruflichen Gründen oft unterwegs, sodass die Kinder längere Zeit mit der Mutter allein waren. 1955 kam Villeneuve in die Grundschule. 1958 zog die Familie nach Berthierville. Als er fünfzehn Jahre alt war, schenkte sein Vater ihm einen MGA, den er ohne Führerschein fuhr. Ebenso nutzte er das Auto seiner Eltern unerlaubt, wobei er einen Unfall verursachte. Mit sechzehn Jahren erhielt Villeneuve die Fahrerlaubnis. Danach nahm er gelegentlich an verbotenen Straßenrennen teil.
Die High School schloss Villeneuve mit der zwölften Klasse ab. Ein reguläres Präsenzstudium an einer Universität kam für ihn nicht in Betracht, da dies zu teuer für seine Eltern gewesen wäre. Darauf begann Villeneuve ein Fernstudium für Maschinenbau, das er aber nicht abschloss. Zwischendurch arbeitete er in der Firma der Eltern seiner späteren Ehefrau Joann Barthe, die er 1970 heiratete. Aus dieser Ehe gingen sein Sohn Jacques Villeneuve (* 1971) sowie eine Tochter (* 1973) hervor. Ab 1979 wohnte Villeneuve mit seiner Familie in Monte Carlo.
Anfänge im Motorsport (1967–1973)
Villeneuves Motorsportkarriere begann 1967 mit lokalen Beschleunigungsrennen. Später arbeitete er in einer Schneemobilfabrik. Er nahm bis 1974 an Schneemobilrennen teil, wurde zunächst Quebec-Meister und im Winter 1974/1975 Weltmeister. In den Sommermonaten besuchte Villeneuve die Jim Russell Racing School, eine professionelle Rennfahrerschule. Sein Lehrer war der ehemalige kanadische Rennfahrer Jacques Couture. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Rennfahrerschule und dem Erhalt der Rennfahrerlizenz kaufte Villeneuve einen zwei Jahre alten Formel-B-Wagen, mit dem er 1971 in den Formelsport einstieg und Rennen der Molson Quebec Formula B bestritt. 1973 gewann Villeneuve sieben von zehn Meisterschaftsläufen der Formel Ford Provincial Series Quebec und entschied die Gesamtwertung für sich.
1974 erhielt Villeneuve ein Cockpit bei der Écurie Canada in der neugegründeten Atlantic Championship, die ein nordamerikanisches Gegenstück zur in Europa und Japan etablierten Formel 2 war. In einem March 74B erreichte er beim Saisonauftakt in Westwood den dritten Rang. Nach zwei Ausfällen brach er sich bei einem Unfall in Mosport das linke Bein, sodass er für zwei Rennen verletzt ausfiel. Sechs Wochen nach dem Unfall kehrte Villeneuve in die Meisterschaft zurück. In Halifax fiel er an siebter Stelle liegend nach einem Dreher aus. Er wurde als Neunter gewertet. Villeneuve beendete seine Debütsaison auf dem 16. Gesamtrang. Beim nicht zur Meisterschaft zählenden Rennen in Trois-Rivières schied er nach einer Kollision aus.
1975 wechselte Villeneuve zu GV Racing. Zuvor hatte er mit seinen letzten finanziellen Mitteln einen aktuellen March 75B sowie einen Cosworth-BD-Motor erstanden. Beim ersten Rennen der Saison in Edmonton gab es Probleme mit der Motoreinstellung und Villeneuve wurde Fünfzehnter. Nach der Überarbeitung des Motors kam er in Westwood als Fünfter ins Ziel. Beim dritten Saisonrennen in Gimli, bei dem Villeneuve von Platz 19 startete, gelang ihm sein erster Sieg. Beim folgenden Rennen in Mont-Tremblant wurde er Zweiter. Bei den letzten beiden Rennen schaffte er es nicht unter die ersten Zehn. In der Fahrerwertung verbesserte er sich auf den fünften Platz.
Vor Beginn der Saison 1976 bestritt Villeneuve im Januar ein Rennen der IMSA GT Championship, in der er zusammen mit Maurice Carter einen Chevrolet Camaro fuhr. Sie fielen mit Motorproblemen aus. 1976 trat Villeneuve wieder für die Écurie Canada in einem March 76B an. Er fuhr in der gesamten Saison ohne ernsthafte Konkurrenz. Er gewann sowohl die kanadische (CASC) als auch die US-amerikanische (IMSA) Meisterschaft der Atlantic Championship. Serienübergreifend entschied er nur eins von den Rennen, zu denen er antrat, nicht für sich. In Kanada setzte er sich mit 120 zu 72 Punkten gegen Bertil Roos, in den USA mit 80 zu 45 Punkten gegen Price Cobb durch. Außerdem gewann er den mit Formel-Atlantic-Fahrzeugen ausgetragenen Grand Prix de Trois-Rivieres. Bei dieser Einzelveranstaltung war James Hunt, der Formel-1-Weltmeister der Saison 1976, sein Teamkollege.
Darüber hinaus ging Villeneuve in diesem Jahr erstmals in Europa bei einem Formelrennen an den Start und bestritt für Ron Dennis’ Project Four Racing in einem March 762-Hart das Rennen der Formel-2-Europameisterschaft 1976 im französischen Pau. Er qualifizierte sich für den zehnten Platz und fiel im Rennen mit Motorproblemen aus.
1977 begann Villeneuve mit vier Rennen in der südafrikanischen Formula Atlantic. Hier startete er für das Team Valvoline auf einem Chevron B39-Ford. Er belegte den elften Platz in der Fahrerwertung. In der Atlantic Championship bestritt Villeneuve seine vierte Saison und trat für die Écurie Canada in einem March 77B-Ford. Die Saison war gekennzeichnet von Zweikämpfen mit Keke Rosberg. Villeneuve siegte in Edmonton, St. Félicien und Québec und entschied die Meisterschaft mit 114 zu 92 Punkten gegen Bobby Rahal für sich.
Außerhalb des Formelsports bestritt er für Walter Wolf Racing vier Sportwagenrennen im Canadian-American Challenge Cup. Er übernahm dabei das Cockpit von Chris Amon. Bei den Rennen in Watkins Glen, Mosport und Trois-Riveres fiel Villeneuve aus. Allein in Road America kam er als Dritter ins Ziel. In der Schlusstabelle erreichte er mit 16 Punkten den zwölften Gesamtrang. Des Weiteren startete Villeneuve mit Eddie Cheever beim 6-Stunden-Rennen von Mosport, das zur Sportwagen-Weltmeisterschaft zählte, in einem BMW 320i. Villeneuve und Cheever erreichten gemeinsam den dritten Platz im Gesamtklassement und den Klassensieg in der Gruppe 5.
1977: McLaren Chance und Wechsel zu Ferrari
Neben seinem Titelgewinn in der Atlantic Championship debütierte Villeneuve 1977 in der Formel 1. Für den Großen Preis von Großbritannien erhielt er das dritte Werkscockpit bei McLaren. Villeneuve wurde dem McLaren-Teamchef Teddy Mayer vom Einsatzfahrer Hunt empfohlen, nachdem beide 1976 beim Grand Prix de Trois-Rivieres Teamkollegen gewesen waren. Auch Chris Amon, dessen Cockpit Villeneuve im Canadian-American Challenge Cup übernommen hatte, empfahl McLaren Villeneuve zu engagieren. Villeneuve startete im älteren McLaren M23-8, seine Teamkollegen Hunt und Jochen Mass im neueren McLaren M26.
Insgesamt waren 36 Fahrer gemeldet, so dass eine Vorqualifikation erforderlich war, die Villeneuve bestand. Während Hunt die Pole-Position erzielte, setzte sich Villeneuve als Neunter gegen Mass, der den elften Platz erreichte, durch. Im Rennen ging er auf dem siebten Platz liegend mit einem vermutlich überhitzten Motor an die Box, in der nur ein Defekt am Thermometer festgestellt wurde. Villeneuve verlor dadurch Positionen und kam schließlich mit zwei Runden Rückstand als Elfter ins Ziel. Nach dem Reparaturstopp fuhr er die fünftschnellste Rennrunde. Villeneuve beschrieb seine Herangehensweise an sein erstes Formel-1-Rennen wie folgt:
Es war Villeneuves einziger Einsatz für McLaren, obwohl er ursprünglich für fünf Rennen der Weltmeisterschaft 1977 verpflichtet worden war. Da Mass den Rennstall zum Ende der Saison 1977 verließ, gab es ein freies McLaren-Cockpit 1978. Teamchef Mayer entschied sich jedoch gegen Villeneuve und verpflichtete stattdessen Patrick Tambay, der ein enger Freund Villeneuves war.