Gilad Atzmon (* 9. Juni 1963 in Jerusalem) ist ein britischer Jazzsaxophonist, politischer Aktivist und Autor israelischer Herkunft. Seine antizionistischen Thesen werden kontrovers diskutiert und stoßen auf Zuspruch in antisemitischen Milieus.
Familie, Militärdienst und Studium
Gilad Atzmon wurde am 9. Juni 1963 in Jerusalem als Sohn von Ariella Atzmon, der früheren Dozentin für Philosophie und Pädagogik an der Hebräischen Universität Jerusalem, geboren. Atzmon selbst berichtet, er sei in einer nicht-religiösen zionistischen Familie aufgewachsen. Sein Großvater war Mitglied in der zionistischen Untergrundorganisation Irgun. Er hatte großen Einfluss auf die gesamte Familie und auf Atzmons Selbstverständnis als israelischer Jude.
Im Juli 1981 trat Atzmon in die israelische Armee ein. Als im Juni 1982 der erste Libanonkrieg ausbrach, empfand er diesen als einen israelischen Aggressionskrieg. Er wurde Mitglied im Musikkorps der Israelischen Luftstreitkräfte, das im Sommer 1984 eine Konzertreise bei den israelischen Truppen im Libanon durchführte. Eine Station war das israelische Internierungslager Ansar im Südlibanon. Bei einer Führung durch das Lager traf Atzmon auf Tausende internierter Palästinenser, die nach seiner Darstellung in der sengenden Hitze ausharren mussten. Die Ursache dieses Umgangs mit den Lagerinsassen vermutete er im Überlegenheitsgefühl der israelischen Gesellschaft, dessen Wurzeln er in den Besonderheiten der „jüdischen Identität“ sah.
Er studierte Komposition und Jazz an der Rubin Academy of Music in Jerusalem. Dann tourte er mit seiner eigenen Band und arbeitete als Produzent und Arrangeur im Bereich der Rock-, Jazz- und Weltmusik, beispielsweise mit Ofra Haza, Jack DeJohnette oder Michel Petrucciani.
Atzmon verließ Israel und ging zunächst nach Deutschland. Seit 1993 hält er sich hauptsächlich in Großbritannien auf. Er studierte Philosophie an der Universität von Essex. Im Jahr 2002 wurde er britischer Staatsbürger. Er lebt mit seiner Frau Tali und zwei Kindern in London.
Atzmons Interesse an Musik wurde durch die Musik von Charlie Parker geweckt. Atzmon spielt Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon, als Nebeninstrumente verwendet er darüber hinaus Klarinette, Sol, Zurna, Flöte und Ziehharmonika. Er war Mitglied der Blockheads und arbeitete als Studiomusiker für Kollegen wie Ian Dury, Paul McCartney, Sinéad O’Connor und Robbie Williams. Seine erste CD legte er 1994 vor (Spiel). Er gründete dann mit Asaf Sirkis und weiteren Musikern das Orient House Ensemble, das nach dem früheren PLO-Hauptquartier in Ostjerusalem benannt ist und mit dem er seit 2000 CDs beim Münchener Jazzlabel enja veröffentlicht hat.
Seine Musik greift folkloristisch orientalische Elemente auf und verbindet sie mit den Traditionen des Bebop. Freie Improvisationen treten neben welt- und popmusikalische Momente. Für diese Stilphase steht Exile, sein zweites Album mit dem Orient House Ensemble und den Gastmusikern Reem Kelani und Dhafer Youssef, das beim BBC Jazz Award 2003 die Kategorie „Bestes Album des Jahres“ gewann; Orient House Ensemble wurde von der BBC im Folgejahr für die Kategorie „Beste Band“ nominiert.
Auf dem Album In Loving Memory of America präsentiert er amerikanische Standards und Balladen mit Streicherarrangements im Stil der Bopper der 1950er Jahre. Er hat dabei, obgleich von Cannonball Adderley beeinflusst, einen leicht rauen, aber lyrischen Ton. Teilweise geht er auch mit seinem Orient House Ensemble und dem Sigamos-Streichquartett auf Konzertreise.
Das Album Songs of the Metropolis wurde von den Musikkritikern im Jazz Journal Critics‘ Poll 2013 zum Best Album 2013 gewählt. In ihm sind Stücke enthalten, die den Metropolen Buenos Aires, Paris, London bzw. Scarborough, Berlin, New York/Manhattan (Sound unten unter Weblinks abrufbar), Tel Aviv gewidmet sind.
Atzmon gilt als einer der Jazzmusiker mit der größten Zahl von jährlichen Liveauftritten. Er steht über 100-mal pro Jahr auf der Bühne. Über das Verhältnis von Jazz und Politik äußert sich Atzmon sehr unterschiedlich. Einerseits ist für ihn Jazz „eine innovative Form des Widerstands“, andererseits lehnt er den Boykott von Künstlern aus politischen Gründen ab. Für Atzmon ist die Schönheit der Musik eine Inspiration, die Welt zu lieben und das Leben zu genießen – trotz aller deprimierenden politischen Entwicklungen, die er mit den Namen George W. Bush, Tony Blair und Ariel Sharon verbindet.
Als Produzent war er in den letzten Jahren für Sarah Gillespie, Elizabeth Simonian, die Weltmusik-Gruppe Yurodny und Robert Wyatt tätig.
Atzmon nimmt für sich in Anspruch, dass seine Leidenschaft für den Jazz mit seinen philosophisch-politischen Interessen eng verbunden sei.
Manche Auftritte Atzmons als Musiker werden von Kritikern zu Protesten genutzt. Dabei steht nicht die Qualität seiner musikalischen Präsentationen zur Debatte, sondern seine politische Meinung. Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen werden Festivalbetreiber von den Gegnern der Auftritte Atzmons mit dessen provokanten Aussagen zur jüdischen Identitätspolitik konfrontiert. Die Auftritte Atzmons wurden bereits im Vorfeld kritisiert, etwa 2011 beim Jazzfestival in Göttingen und beim Festival des politischen Liedes „Raise Your Banners“ in Bradford. Am Martin-Luther-King-Gedenktag im Januar 2012 konzertierte Atzmon auf Einladung des Friends Seminary, einer Eliteschule der Quäker, mit einem Orchester in der Schule, die in New York/Manhattan liegt. Alan Dershowitz bezichtigte daraufhin das Friends Seminary, es würde die politischen Ansichten Atzmons unterstützen. Im Mai 2017 protestierten etwa 15 Personen gegen die Teilnahme von Atzmon an einer Podiumsdiskussion in New York City. Im gleichen Monat wurden zwei Buchvorstellungen Atzmons in Edinburgh und Newcastle kurzfristig abgesagt. Der Leiter des St. Wendeler Jazz-Festivals, Ernst Urmetzer, wurde im September 2017 von dem Wiener Publizisten David Hellbrück aufgefordert, Atzmon wegen seiner politischen Ansichten wieder auszuladen, weil „sich Atzmon selbst in gefährliche Nähe zu Holocaustleugnern rücke.“ Urmetzer lehnte dies jedoch ab, weil er Atzmon „als überzeugten und integren Humanisten, großartigen Musiker und Kosmopoliten“ schätzen würde.
Atzmon publiziert auf zahlreichen Online-Medien wie Al Jazeera Online, World News, Press TV, Rebelion, The Daily Telegraph, Uprooted Palestinians, Veterans Today, Palestine Telegraph, Counterpunch, Dissident Voice, Information Clearing House, Middle East Online, Palestine Chronicle, The People Voice, Redress, The Guardian und vielen anderen. Er ist häufig als Gesprächspartner eingeladen, etwa von Russia Today, Press TV und BBC Persian.
Die Angriffe von Atzmon konzentrieren sich zunehmend auf die israelische Regierungspolitik gegenüber kritischen jüdischen Gruppierungen und Einzelpersonen, denen er einen unangemessenen Umgang mit ihrer jüdischen Identität vorwirft, z. B. Max Blumenthal, Rabbi Alissa Wise, Philip Weiss. Er kritisiert auch Gruppierungen, die die Eigenschaft „jüdisch“ in ihrer Selbstbezeichnung führen, wie etwa „Jewish voice for peace“ oder „Jews for Jeremy Corbyn“ als ethnisch exklusive Gemeinschaften („Jews only“). Sie würden einerseits Nicht-Juden ausschließen und sich andererseits eine moralische Überlegenheit über Nicht-Juden anmaßen. Sie setzten ihre öffentliche Zustimmung und Ablehnung dazu ein, um illegitime Macht auszuüben. Atzmon spricht vom „kosher-Stempel“, den diese Gruppierungen ungefragt erteilen würden. Er bezichtigt sie, die Durchsetzung der Anliegen, für die sie vorgäben einzutreten, z. B. die Befreiung der Palästinenser von der israelischen Besatzung, tatsächlich zu verhindern. Wegen seiner radikalen Kritik an der israelischen Palästinapolitik wird Atzmon von Teilen der palästinensischen Bewegung als „unerwünschter Mitstreiter“ bezeichnet.
Den verheerenden Großbrand im Londoner Grenfell Tower vom 14. Juni 2017 mit 71 Toten erklärte er damit, dass Jerusalemer die Mitzwot, also die religiösen Pflichten im Judentum beachten würden. Er wollte dabei aber nicht „Jerusalemer“ als Synonym für die „Juden“ verstanden wissen, sondern die Brandkatastrophe als Folge der im orthodoxen Judentum üblichen unreflektierten Vorschriftenerfüllung darstellen. Tatsächlich aber waren bei dem Hochhaus Brandschutzvorschriften über Jahre hinweg eben gerade massiv missachtet worden.