Gertrud Auguste Lina Elsbeth Mathilde Petrea von le Fort (* 11. Oktober 1876 in Minden, Westfalen; † 1. November 1971 in Oberstdorf, Bayern) war eine deutsche Schriftstellerin, die als bedeutende Vertreterin des Renouveau catholique in Deutschland gilt. Zu ihren bekanntesten Werken zählen die Hymnen an die Kirche, der Roman Das Schweißtuch der Veronika und die Novelle Die Letzte am Schafott.
Gertrud von le Fort entstammte dem Adelsgeschlecht Le Fort. Sie verbrachte ihre Kindheit in verschiedenen Garnisonsstädten, in denen ihr Vater Lothar von le Fort (1831–1902), ein preußischer Oberst, im Laufe seiner Karriere stationiert war: in Minden, Berlin, Koblenz und Hildesheim. Wichtige Bezugspunkte ihrer Kindheit waren außerdem das Familiengut Boek in Mecklenburg und die märkischen Güter Polßen und Parlow.
Ihre Mutter Elsbeth, geborene von Wedel-Parlow (1842–1918), war eine Tochter des brandenburgischen Gutsbesitzers Moritz von Wedel-Parlow auf Polßen und der Caroline geb. Bauer. Elsbeths Vater war ein Sohn des Landrats Karl Friedrich von Wedel-Parlow, Elsbeths Mutter eine Tochter des Erfinders der Schnellpresse Andreas Bauer.
Lothar, der Vater Gertruds von le Fort, war ein Sohn von Auguste geb. von Medem, und August von le Fort, einem Bruder des Landrats und Gutsherrn zu Boek Carl Peter von Le Fort.
Gertrud von le Fort hatte zwei jüngere Geschwister: die Schriftstellerin Elisabeth (1880–1972) und den Offizier und Besitzer des Ritterguts Boek Stephan (1884–1953). Sie wurde bis zum 14. Lebensjahr im Elternhaus privat unterrichtet, zum Teil durch den Vater anhand des Familienarchivs. Erst anschließend besuchte sie die öffentliche Schule in Hildesheim. 1896 unternahm die Zwanzigjährige ihre erste Auslandsreise nach Wien und Norditalien. 1902 starb ihr Vater, zuletzt Großherzoglicher Kommissar für Polizeiangelegenheiten in Ludwigslust. Gertrud unternahm nun weitere Reisen ins europäische Ausland. Entscheidende Bedeutung für ihr weiteres Leben und Werk hatte ein Aufenthalt in Rom 1907.
Ab 1908 studierte sie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, der Philipps-Universität Marburg und der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin evangelische Theologie, Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, unter anderem als Schülerin Hans von Schuberts und des Religionsphilosophen Ernst Troeltsch, dessen Glaubenslehre (1925) sie postum nach eigenen Vorlesungsmitschriften herausgab.
Ihren Wohnsitz hatte sie mit Mutter und Schwester während des Ersten Weltkrieges auf das Gut Boek verlegt, das der Bruder Stephan 1914 geerbt hatte. Dieser musste wegen seiner Beteiligung am Kapp-Putsch Mecklenburg 1920 verlassen. Gertrud verwaltete das Gut, bis es durch die mecklenburgische Regierung beschlagnahmt wurde, und verließ Mecklenburg einige Monate später ebenfalls.
Zwischen 1922 und 1939 lebte sie in dem von der Familie erworbenen ehemaligen Hotel Konradshöhe in Baierbrunn bei München. Sie suchte, stark von der römisch-katholischen Kirche angezogen, in ihren religionsphilosophischen Studien eine Klärung ihrer konfessionellen Zugehörigkeit und veröffentlichte den Gedichtzyklus Hymnen an die Kirche (1924), ein „Zwiegespräch“ zwischen der „nach Gott verlangenden Seele“ und „der Stimme der Kirche“, durch die Gott antwortet. „Le Fort gibt dadurch zu verstehen, dass nicht zuerst die Kirche den Menschen bekehrt, sondern Gott uns durch die Kirche zu sich ruft. Die Kirche führt den Menschen unmittelbar zu Gott: Sie lässt Gott selbst durch Zeichen und Worte erscheinen.“ Zwei Jahre später, 1926, konvertierte sie in Rom zur katholischen Kirche. Le Fort publizierte anfangs auch unter den Pseudonymen Gerta von Stark und Petrea Vallerin.
In ihren Aufzeichnungen und Erinnerungen (1951) erklärte sie die Konversion als Überwindung der konfessionellen Trennung aus dem Erlebnis der Einheit des Glaubens. Das „zentralchristliche Glaubensgut des Protestantismus“ stamme aus der „Mutterkirche“ und bleibe ihn ihrem Schoß erhalten und geborgen. „Es gehe um die Erkenntnis, dass die Glaubensspaltung ‚in letzter religiöser Schau‘ weniger eine Spaltung des Glaubens sei als eine Spaltung der Liebe“. In einem persönlichen Brief erläutert sie: „Ich habe die katholische Kirche zwar nicht als Gegensätzliches zur evangelischen Kirche erlebt, wohl aber als deren Heimat. […] Es gibt nur eine allgemeine christliche Kirche, die wir im Apostolikum bekennen. Wo dieses Bekenntnis am stärksten lebt, da muss auch der Herzschlag der Kirche sein.“ (Die Tagespost)
Von Baierbrunn aus unternahm Gertrud von le Fort zahlreiche Reisen nach Italien und hielt seit 1933 Vortragsabende in der Schweiz wie auch in Deutschland. Sie schloss Freundschaften mit Theodor Haecker, Erich Przywara (über ihn lernte sie 1932 Edith Stein kennen) sowie dem Diplomaten Paul Petit (über ihn gelang der Kontakt zu Paul Claudel). Ihre Vorstellungen von einem „christlichen Heiligen Deutschen Reich“ und dem Katholizismus standen in krassem Gegensatz zur Ideologie des Nationalsozialismus. Trotzdem konnte sie 1938 ihren Roman Die Magdeburgische Hochzeit im Insel Verlag publizieren. Im Jahr 1939 übersiedelte Gertrud von le Fort nach Oberstdorf im Allgäu, wo bis zu ihrem Tod 1971 ihr Hauptwohnsitz blieb. Zwischen November 1946 und Oktober 1948 lebte sie bei Freunden in der Schweiz.
Gertrud von le Fort war ab 1950 Mitherausgeberin der Zeitschrift Das literarische Deutschland und trat in Verbindung mit Paul Claudel, Hermann Hesse, Reinhold Schneider, Friedrich Gogarten und Carl Zuckmayer.
Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof an der Trettachstraße in Oberstdorf. In ihrem Testament vermachte sie die Einkünfte ihres literarischen Werkes zu gleichen Teilen an die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Heidelberg und die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität München.
Im Zentrum ihrer Romane, Novellen, Erzählungen und Lyrik stehen Glaubensfragen in meist historischen Stoffen; die römisch-katholische Kirche erscheint als Mittlerin und als sittliche Ordnungsmacht. In ihrem Werk geht es von le Fort um die persönliche Glaubensentscheidung, um den Sinn von Leid und Opfer, um die Auseinandersetzung der Kirche mit Unglauben und menschlicher Schwäche sowie um psychologische Darstellungen seelischer Entwicklungen, besonders der Frauen.
1928 publizierte sie Das Schweißtuch der Veronika, dessen Fortsetzung sie 1946 unter dem Titel Der Kranz der Engel veröffentlichte. In Die Letzte am Schafott (1932) beschrieb sie das Schicksal der Märtyrinnen von Compiègne, sechzehn Unbeschuhten Karmelitinnen, die in der Französischen Revolution mit der Guillotine hingerichtet wurden. Georges Bernanos (1888–1948) dramatisierte den Stoff unter dem deutschen Titel Die begnadete Angst (1948); dieses Stück wiederum diente als Vorlage für die Oper Dialogues des Carmélites von Francis Poulenc. Weitere Werke Gertrud von le Forts sind die Hymnen an die Kirche (1924), Hymnen an Deutschland (1932), Die ewige Frau (1934), Die Magdeburgische Hochzeit (1938) und Am Tor des Himmels (1954).
Ihr Frauenbild in Die ewige Frau wurde nach eigener Aussage durch die Begegnung mit Edith Stein wesentlich beeinflusst. Sie beschreibt die Frau als ein kosmisch-metaphysisches Wesen von religiösem Rang nach einem göttlichen Urbild. Jede Frau solle die Rollen von Jungfrau (virgo), Braut (sponsa) und Mutter (mater) in sich vereinen, wobei Maria, die Gottesmutter, das ideale Vorbild darstellt. Nach Karina Binders Analyse entsprechen die weiblichen Figuren in le Forts erzählendem Werk diesem Idealbild. Die Karmeliterinnen Blanche de la Force und Marie de l’Incarnation verkörpern die Jungfräulichkeit durch ihre Selbsthingabe an Christus. Claudia Procula, die Frau des Pontius Pilatus, entwickelt sich von einer egoistischen zu einer selbstlosen Liebenden durch den Blick Christi. Anne de Vitré erkennt schließlich, dass eine Frau dazu bestimmt ist, Leben zu schenken, und opfert ihr eigenes Leben, um das eines Kindes zu retten. Alle drei Figuren – Blanche, Claudia und Anne – verkörpern die Barmherzigkeit und die stellvertretende Funktion im Sinne von Christus. Sie alle opfern ihr Leben für andere und werden durch Gottes Erbarmen zu dem, was sie sind. Le Fort betont, dass die Frau nicht losgelöst von Barmherzigkeit und Hingabebereitschaft gedacht werden könne. Abschließend stellt sie fest, dass die Erfahrung der göttlichen Liebe nur durch die Rückkehr zu menschlicher Barmherzigkeit möglich sei, und hebt die Rolle der Frau als Hüterin des Friedens hervor.