Gert Uwe Postel (* 18. Juni 1958 in Bremen) wurde als Hochstapler bekannt, der zwischen 1980 und 1997 mehrfach mit gefälschten Urkunden als Arzt angestellt worden war. Teilweise bekleidete Postel hierbei als Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy leitende Positionen.
Postel wuchs als einziges Kind eines Mechanikers und einer Schneiderin in Stuhr bei Bremen auf. Nach eigenen Angaben hatte er „eine traurige Kindheit“ und nicht selten Suizidgedanken. Einen Spaß machte er sich als Jugendlicher daraus, den regionalen Weser-Kurier mit kleinen Falschmeldungen aufs Glatteis zu führen.
Nach Abschluss der Hauptschule, laut eigenen Angaben die ehemalige Volksschule Bremen Grolland, heute Schule Grolland, holte Postel durch den Besuch einer Abendschule die Mittlere Reife nach. 1976 schloss er eine Ausbildung zum Zusteller ab und arbeitete anschließend bis August 1977 als Postbote für die Deutsche Bundespost.
Nach dem Tod seiner Mutter 1979, die sich laut Postels Angaben aufgrund psychiatrischer Falschbehandlung umbrachte, sei er „auf die schiefe Bahn geraten“. Noch im selben Jahr bewarb sich Postel mit einem falschen Abiturzeugnis beim Oberlandesgericht Bremen für eine Ausbildung zum Rechtspfleger; nach vier Monaten flog der Schwindel auf. Es wurde jedoch davon abgesehen, eine Jugendstrafe zu verhängen, und Postel auferlegt, 700 DM an eine gemeinnützige Einrichtung zu zahlen.
Hochstapelei als Akademiker und Arzt
Nach dem Auszug aus dem Elternhaus mietete Postel unter falschem Namen und mit falschem akademischem Grad Ende 1979 eine Wohnung in Bremen. Im März 1980 wiederholte er dieses Vorgehen und legte dazu unter anderem einen gefälschten Ausweis der Zahnärztekammer vor. Es sei ihm dabei nicht um Betrug gegangen, sondern nur darum, die Suche im angespannten Wohnungsmarkt zu beschleunigen. Nach Aufdeckung seiner wahren Identität wurde er Ende desselben Jahres durch das Amtsgericht Bremen wegen unbefugter Führung eines akademischen Grades und Verwendung der Berufsbezeichnung „Arzt“ zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 20 DM verurteilt.
Bei der Bewerbung um eine Stelle in einem Fachkrankenhaus für Psychotherapie in Neuenkirchen in der Nähe von Oldenburg wies sich Postel erstmals auch mit einer gefälschten Approbationsurkunde aus, gab an, direkt von der Universität zu kommen und erhielt daraufhin die ausgeschriebene Stelle. Auf seine neue Rolle hatte sich Postel umfänglich durch den Besuch von Psychologie- und Soziologievorlesungen an der Universität Bremen vorbereitet, hatte Fachbücher gelesen und so gut wie möglich die Arztsprache assimilieren gelernt. Ein Vierteljahr lang arbeitete Postel in Oldenburg und übte sein Auftreten als Arzt, bevor er im April 1981 wieder nach Bremen zurückkehrte. Hier bekleidete er vier Wochen lang eine leitende Position im Rehabilitationszentrum beim Berufsbildungswerk des Bremer Reichsbundes, bis eine Richterin in ihm den ehemaligen Rechtspflegeranwärter vom Oberlandesgericht Bremen wiedererkannte. Zwischenzeitlich hatte Postel als Notarzt in Vertretung gearbeitet, bei dieser Tätigkeit Medikamente verordnet und Patienten in Krankenhäuser eingewiesen. Weil Postel Reue zeigte, wurde das Verfahren gegen ihn gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 600 DM eingestellt.
Anfang März 1982 bewarb sich Postel unter dem Namen Dr. Klaus Höfer um die Stelle eines Truppenarztes bei der Bundeswehr und gab an, in Medizin und Psychologie promoviert zu sein. Die 11. Panzergrenadierdivision verlangte zur Überprüfung dieser Angaben die Originaldokumente. Postel erstattete daraufhin vorsorglich Selbstanzeige. Das Verfahren gegen Postel wurde nach § 154 Strafprozessordnung eingestellt.
Kurz darauf, im September 1982, bewarb sich der zu diesem Zeitpunkt 24-jährige Postel als Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy um die in Flensburg ausgeschriebene Stelle eines stellvertretenden Amtsarztes. Dort stellte er sich unter lückenlosen Angaben zu Werdegang und Promotion als Sohn eines Medizinalrates und einer Medizinaldirektorin vor. Seine Angaben zu Prüfungsergebnissen und Berufsweg belegte er mit gefälschten Urkunden. Obwohl die Bewerbungsunterlagen damit noch nicht vollständig waren, wurde Postel eingestellt, nachdem er zuvor Kontakt zu Amtsleiter Wolfgang Wodarg aufgebaut und dessen Vertrauen erworben hatte. Unter Postel sanken die psychiatrischen Unterbringungen auf Antrag von über 95 % der Anträge auf lediglich 10 %. Infolgedessen und aufgrund seiner Fehlleistungen wurde Postels Aufgabenbereich mehr und mehr reduziert.
Einer angedachten Versetzung an eine städtische Beratungsstelle widersprach Postel und schied aus seinem Dienst aus. Kurz bevor er im April 1983 eine neue Anstellung an der Universitätsnervenklinik in Kiel antreten konnte, verlor Postel in Flensburg Unterlagen, unter denen sich zwei Ausweise mit seinem Lichtbild fanden, die allerdings auf unterschiedliche Namen ausgestellt waren. Postel versuchte unterzutauchen und wurde von Polizeibeamten in Bremen aufgegriffen. Im Dezember 1984 erhielt Postel wegen mehrfacher Urkundenfälschung, missbräuchlichen Führens akademischer Titel und Betruges eine einjährige Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung.
Dies hielt ihn nicht davon ab, sich umgehend auf neue Arztstellen zu bewerben. So folgte etwa eine Anstellung in der Privatklinik von Julius Hackethal in Riedering im Landkreis Rosenheim.
Im Jahr 1986 stand Postel in Bremen ein weiteres Mal vor Gericht, weil er einer Staatsanwältin, die seine Annäherungsversuche ablehnte, bis zu deren psychischem Zusammenbruch nachgestellt hatte. Der Gerichtsreporter Gerhard Mauz schrieb, nicht nur in diesem Fall sei Postel mit Frauen bitterböse umgegangen. Wie viele er beschädigt und zerstört habe, sei eine endlose, unsägliche Geschichte. Gisela Friedrichsen schrieb 1998, dass Frauen Postels Weg säumten, und zitierte Peggy Parnass, die ihn „im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erlebt[e]“: „Frauen möchten so gern glauben, daß sie geliebt werden. Jemand wie Postel hat Erfolg bei erfolgreichen Frauen, weil er sie daran erinnert, daß sie eigentlich Frauen sind.“
„Karriere“ nach der deutschen Einheit
Nach seiner Einschreibung für ein Studium der katholischen Theologie in Münster soll Postel nach Eigenangaben am 1. Mai 1991 von Papst Johannes Paul II. in Rom zu einer Privataudienz empfangen worden sein.
In Berlin arbeitete Postel 1994 für wenige Monate im Berufsförderungswerk als psychiatrischer Gutachter, danach war er kurzzeitig bei der Stuttgarter Landesversicherungsanstalt beschäftigt. Beide Stellen gab er von selbst wieder auf.
Als Zeuge wurde Postel Anfang 1995 im „Schubladen-Ausschuss“ des Landtags Schleswig-Holstein vernommen. Hintergrund war seine publik gewordene langjährige Freundschaft zu dem Journalisten Reiner Pfeiffer, der auch als Ghostwriter für das 1985 erschienene Buch von Postel Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy fungiert haben soll. Postel behauptete, maßgeblichen Anteil an der früheren Barschel-Affäre gehabt zu haben. Ob und inwieweit Postel involviert war, konnte nicht sicher eruiert werden.
Auf die „Wirren der deutschen Einheit und die Tatsache […], dass der Eiserne Vorhang einst eine geniale Isolation war“, führt man zurück, dass es Postel trotz seiner Vorgeschichte gelang, sich im sächsischen Zschadraß erfolgreich unter seinem echten Namen für eine Stelle als Oberarzt im Maßregelvollzug im dortigen Fachkrankenhaus für Psychiatrie zu bewerben, die er im November 1995 antrat. Es war Postels mindestens sechste Anstellung als Psychiater. Nach dem Jahreswechsel war das sächsische Kabinett aufgrund der persönlichen Unterstützung von Sozialminister Hans Geisler bereit, Postel eine C4-Professur als Chefarzt in der forensischen Abteilung am Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf anzubieten, einem landeseigenen Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Arnsdorf im Landkreis Bautzen. Postel lehnte jedoch, vermutlich nach einem schwierigen Gespräch mit dem Ärztlichen Leiter Hubert Heilemann, ab. Im Juli 1997 wurde er in Zschadraß enttarnt, nachdem eine Ärztin Besuch von ihren Eltern aus Schleswig-Holstein bekommen hatte, man im Gespräch zufälligerweise auf Postel zu sprechen kam und den Eltern dieser Name bekannt war.