Gershom Scholem (hebräisch ,גרשם שלום geboren 5. Dezember 1897 in Berlin als Gerhard Scholem; gestorben 21. Februar 1982 in Jerusalem) war ein deutsch-israelischer jüdischer Religionshistoriker, der auf Hebräisch, Deutsch und Englisch über 500 Werke publizierte. Er hatte ab 1933 einen Lehrstuhl zur Erforschung der jüdischen Mystik an der Hebräischen Universität Jerusalem inne und gilt als deren Wiederentdecker.
Scholem wurde 1897 als vierter Sohn von Betty Scholem, geb. Hirsch (1866–1946), und Arthur Scholem (1863–1925) geboren. Dieser betrieb eine seit Generationen in Familienbesitz befindliche Buchdruckerei. Die weitgehend assimilierte jüdische Familie ursprünglich schlesischer Herkunft lebte seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Berlin. Auch am höchsten jüdischen Feiertag, dem Jom Kippur, arbeitete Arthur Scholem ebenso wie alle nichtjüdischen Mitbürger, und auch andere jüdische Feiertage wurden in seiner Familie nicht begangen. Arthur Scholem engagierte sich in einer nichtjüdischen Turnerschaft, bis er aus antisemitischen Gründen zur Beendigung seiner aktiven Mitgliedschaft gedrängt wurde.
Gershoms Jugend war geprägt vom geistigen Austausch mit seinem zwei Jahre älteren Bruder, Werner Scholem, der später Reichstagsabgeordneter für die KPD wurde. Werner und Gershom (Gerhard) rebellierten bereits als Jugendliche gegen den autoritären Vater, der sie zu einer kaufmännischen Laufbahn drängte, obwohl seine Druckerei bereits zwei Nachfolger hatte: Die ältesten Söhne, Reinhold (1891–1985) und Erich (1893–1965), lernten das Geschäft und übernahmen es um 1920.
Scholem besuchte von 1904 bis 1915 das Luisenstädtische Realgymnasium in Berlin. Die Auseinandersetzung mit dem umfangreichen Werk Geschichte der Juden von Heinrich Graetz bewog ihn, Hebräisch zu lernen. Anfangs autodidaktisch, lernte er später bei Rabbiner A. J. Bleichrode, einem Urenkel von Rabbi Akiba Eger. Seine Entscheidung für den Zionismus, die er als junger Mensch traf, führte zur weiteren Entzweiung mit dem Vater. Dass sein Sohn – angesichts all seiner religiösen Studien – nicht wenigstens Rabbiner werden wollte, war ihm unverständlich. Kurzzeitig war Gershom Scholem Mitglied von Agudat Israel, trennte sich aber von dieser Gruppe, als er sich bewusst wurde, dass er nicht wirklich an einer jüdisch-orthodoxen Lebensführung interessiert war. 1912 war Scholem aktiv in der Gruppe Jung Juda innerhalb der jüdischen Jugendbewegung, sein Bruder Werner hatte ihn dort eingeführt, die Gruppe jedoch bald darauf verlassen und sich der sozialistischen Arbeiterjugend zugewandt. Werner Scholem suchte nun auch seinen jüngeren Bruder Gershom für den Marxismus zu gewinnen, was zu heftigen Reibereien zwischen beiden führte – erst im September 1914 kam es zu einer erneuten Annäherung, da beide die nationale Kriegsbegeisterung bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges entschieden ablehnten. Um 1914 begann sich Gershom Scholem sich für die Schriften Martin Bubers zu begeistern. 1915 und 1916 war er Herausgeber der nur drei Mal erscheinenden Zeitschrift Die Blau-Weiße Brille, die in der väterlichen Druckerei gedruckt wurde.
1915 begann Scholem in Berlin ein Mathematikstudium (Nebenfach: Philosophie), das er nach mehr als vier Jahren mit dem Staatsexamen abschloss. Ebenfalls 1915 lernte er Walter Benjamin kennen. Sie schlossen eine Freundschaft, die bis zu Benjamins Tod 1940 andauerte. An Benjamin bewunderte Scholem das metaphysische Ingenium (Geisteskraft), von dem er sich später die Erneuerung der Metaphysik aus den Quellen des Judentums versprach – eine Hoffnung, die Benjamin, der sich zum unorthodoxen Marxisten entwickelte, nicht erfüllen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Scholem gemeinsam mit Theodor W. Adorno Benjamins Werke.
Die Freundschaft zwischen Scholem und Benjamin wurde von einem konstanten Briefwechsel getragen, der weniger emotional als philosophisch-moralisch fundiert war. In seinen Memoiren verleugnete Scholem niemals, dass er zuerst Historiker und Philologe war. So hat er sich bei den Fragen zum Marxismus, die Benjamin beschäftigten, nicht eindeutig positioniert, sondern in Benjamin den besseren Metaphysiker gesehen. In Walter Benjamin – Die Geschichte einer Freundschaft beschreibt er mit einer Nüchternheit, die sich nicht die geringste Sentimentalität oder Eitelkeit gestattet, die Stationen ihrer Freundschaft.
Ein Blatt von Paul Klees Angelus Novus bezeichnet die über Jahrzehnte dauernde Verbundenheit der beiden sich auf Augenhöhe verständigenden Denker. Walter Benjamin erwarb das Bild von Klee 1921. Einer der am weitesten verbreiteten Texte Benjamins, Über den Begriff der Geschichte, bezieht sich (in These IX) auf diese aquarellierte Zeichnung. Scholem erinnert sich: „Als er das Bild erwarb, hatten wir Gespräche über jüdische Angelologie, besonders über talmudische und kabbalistische. Einen dieser immer neuen Engel fand er auf dem von ihm unendlich geliebten Bilde wieder.“ Benjamin vermachte bereits 1932 das Bild seinem Freund Scholem, und dieser erhielt es aus dem Nachlass Benjamins.
Während seines Studiums in Berlin lernte Scholem 1917 den mit ihm in derselben Pension lebenden Salman Schasar (Salman Rubaschow) kennen, der ihn zu seiner ersten Übersetzung aus dem Jiddischen anregte. Das von Scholem anonym verfasste Werk erschien 1918 unter dem Titel Jiskor. Ein Buch des Gedenkens an gefallene Wächter und Arbeiter im Lande Israel mit einem Geleitwort von Martin Buber.
Im Juni 1917 wurde Scholem, der sich zeitweilig auch in Heidelberg aufhielt, wo er seine spätere Frau, Elsa (Escha) Burchardt, kennenlernte, zum Militärdienst eingezogen, stellte sich aber erfolgreich geisteskrank (diagnostiziert wurde Dementia praecox). Nach sechs Wochen in einer Beobachtungsstation wurde er entlassen und nach erneuter Untersuchung im Januar 1918 dauerhaft vom Kriegsdienst befreit. Scholem hatte sich zuvor für das Wintersemester 1917/18 für das Studium der Mathematik und Philosophie bei Gottlob Frege und Paul Ferdinand Linke an der Universität Jena eingeschrieben. Er traf hier wieder die ihm schon von Berlin und Heidelberg her bekannte Toni Halle, eine seiner „drei Heidelberger Damen“, und begann hier auch seine Freundschaft mit Werner Kraft.
Gershoms Bruder Werner war von Juni 1915 bis November 1918 Soldat, obwohl er als Sozialist den Krieg entschieden ablehnte. Während der Kriegsjahre pflegten Werner und Gershom Scholem einen intensiven Briefwechsel, in dem sie Kritik am deutschen Kriegsnationalismus äußerten und sich in ihren politischen Positionen annäherten: Werner äußerte neue Sympathien für den Zionismus, bejahte ab 1917 sogar die Gründung eines Judenstaates in Palästina im Falle eines britischen Sieges über das Osmanische Reich. Gershom hingegen begeisterte sich für die marxistische Kritik an der deutschen Kriegsgesellschaft, wie sie in der sozialistischen Jugendbewegung und der USPD geübt wurde, und erklärte sich für das Erfurter Programm der Sozialdemokratie.
Die Annäherung der Brüder endete mit der Novemberrevolution 1918: Werner Scholem nahm sie als Bestätigung, dass eine Revolution in Deutschland möglich sei und mit ihr eine Überwindung des Antisemitismus – begeistert stürzte er sich in die Tätigkeit als revolutionärer Politiker und verwarf alle Palästinapläne: Die britischen Kriegsziele sah er nicht mehr als Emanzipation, sondern als Imperialismus. Gershom hingegen, der sich seit Mai 1918 in der Schweiz zum Studium aufhielt, konnte nichts mehr als „wohlwollende Neutralität“ für die deutsche Revolution aufbringen und konzentrierte sich wieder auf die geistige Aneignung des geistigen jüdischen Erbes.
Gershom Scholem lebte in der Schweiz in engem Kontakt mit Walter Benjamin und dessen Frau Dora. Hier fasste er im Frühjahr 1919 den Entschluss, „das Zentrum meiner Studien auch äußerlich von der Mathematik auf die Judaistik zu verlegen und mich, mindestens für einige Jahre, an ein wissenschaftliches Studium der Kabbala zu machen“. Daraus folgte, dass er seinen Studienort 1919 nach München verlegte und dort alte Bekannte aus Berliner, Heidelberger und Jenaer Zeit wiedertraf: Else Burchardt, Käthe Ollendorf, die Noch-Ehefrau von Johannes R. Becher, Toni Halle und Gustav Steinschneider, den er während seines Militärdiensts in Allenstein kennengelernt hatte. Er erlebte hier aber auch „den aufkommenden Nationalsozialismus an der Universität“ und empfand die politische Atmosphäre in der Stadt unerträglich.