Gerhard Ulrich Anton Vieth (* 8. Januar 1763 in Hooksiel (Herrschaft Jever); † 12. Januar 1836 in Dessau) war ein deutscher Lehrer und Turnpädagoge. Er setzte von der Aufklärung geprägte didaktische Reformen durch und arbeitete vor allem für die Anerkennung einer neuen Körpererziehung.
Der Sohn eines Juristen und Amtmannes besuchte zwischen 1777 und 1781 die Provinzialschule (heute Mariengymnasium) in Jever, anschließend studierte er von 1781 bis 1786 Rechtswissenschaft, Staatswissenschaft, Kameralistik, Mathematik und Physik an der Georg-August-Universität Göttingen und der Universität Leipzig. Unterbrochen wurde das Studium durch eine Hofmeister-Tätigkeit zunächst in Zerbst, später in Leipzig. Nach einer kurzen Tätigkeit als Advokat wurde er im August 1786 an die Hochfürstliche Hauptschule in Dessau berufen, wo er anfangs in allen Fächern unterrichtete. 1799 wurde er Direktor der Schule, ein Jahr darauf Professor für Mathematik, 1819 Schulrat. Zu den Lehrern der benachbarten, europaweit bekannten Dessauer Reformschule Philanthropinum, die 1793 als gescheitert galt und aufgelöst wurde, hielt er zeit seines Lebens – teilweise schon seit 1783 – Kontakt.
1793 heiratete Vieth sein ehemaliges Dienstmädchen Henriette Dorothee Beibler. Aus der Verbindung gingen elf Kinder hervor.
Gerhard August Anton Vieth wurde am 8. Januar 1763 in Hooksiel in der Herrschaft Jever im Oldenburgischen geboren.
Der Vater Julius Eberhard Vieth hatte in der Herrschaft Jever eine Anstellung als Amtmann bekommen, später arbeitete er zusätzlich als Deichinspektor, um den Unterhalt für seine achtköpfige Familie zu verdienen.
Noch im selben Jahr der Anstellung ehelichte Julius Vieth Katharina Auguste Gerdes, die einzige Tochter des Oberpredigers aus Waddewarden. Die junge Frau gebar insgesamt elf Kinder, wovon Gerhard Ulrich Anton das erste war, das überlebte. Ihm folgten zwei Brüder und drei Schwestern.
Die Mutter kümmerte sich zeit ihres Lebens hingebungsvoll um das Wohlergehen ihres ältesten Sohnes. In einem Brief an ihn berichtete sie, wie gerührt sie und sein Vater bei seiner Geburt waren und wie sie ihn während eines „bösen Ausschlags“ zu Hause wieder gesund pflegte. Sie scheint stets die liebevolle Vermittlerin zwischen Vater und Sohn gewesen zu sein. Dies geht aus diversen Briefen hervor, zum Beispiel als es um Gerhards Verlobte geht: „Wie du es dir merken ließest, sie zu heiraten, habe ich (…) heftig mit ihm darüber gestritten, er möchte seine Einwilligung geben [...].“
Bevor er im Alter von 14 Jahren die Gelehrtenschule besuchte, erhielt er bereits Unterricht von einem Hauslehrer. In den Fächern Italienisch und Französisch unterrichtete ihn sein Vater, außerdem entdeckte Gerhard seine Liebe zur Mathematik unter dessen früher Anleitung. Seine Freizeit verbrachte er in der Natur bei Wanderungen oder im elterlichen Garten. Auch seine Musikalität wurde von seinen engagierten Eltern gefördert. Der Vater lehrte ihn erste Stücke auf der Violine, zusätzlich bekam er Unterrichtsstunden bei einem tauben Zimmermann aus Sengwarden.
Im Jahre 1777 besuchte Gerhard vier Jahre die Gelehrten- und Provinzialschule (heute Mariengymnasium) in Jever. Die Hauptunterrichtsfächer waren Latein und Griechisch. Da der Mathematikunterricht wohl nicht ausreichend war, bezahlte der Vater ihm zusätzlich Privatunterricht. Insgesamt schien es dem liebevoll erzogenen Gerhard schwer zu fallen, sich an die vorherrschenden erzieherischen Methoden zu gewöhnen. Er beschwerte sich bei seinen Eltern über die unerträgliche Behandlung, einmal floh er deshalb sogar zu seinen Eltern. Daraufhin schrieb die Mutter dem elfjährigen Gerhard, er solle seine „Geschäfte mit mehr Achtsamkeit betreiben“, da er schon genug „Unruhe“ in die Familie gebracht habe.
Später bezeichnete Gerhard Vieth seine Schule als „verdorben“.
Der Vater wählte die Georgia Augusta Universität in Göttingen für das Studium seines ältesten Sohnes aus. Die Universität war zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung und zeichnete sich durch ihre Lehr- und Zensurfreiheit aus, die sie ihren Lehrenden zugestand sowie die freie Religionsausübung für Reformierte und Katholiken. Sie galt als elitär und besonders vornehm, und wurde vorwiegend vom Adel besucht; dies machte sie umso anziehender für die jungen Männer des aufstrebenden Bürgertums. Auch der Vater selbst hatte dreißig Jahre zuvor dort Rechtswissenschaft, Mathematik und Feldmesskunst studiert, nun konnte er seinem Sohn beim Aufbau seines Stundenplanes und der Wahl der Kollegs behilflich sein.
Im Frühjahr 1781 machte sich Gerhard per Postkutsche auf die lange Reise nach Göttingen. Der Abschied von seiner Familie und seiner Heimat fiel ihm schwer, in seinen Briefen sprach er später oft von Heimweh und davon, wie sehr er seine geliebten Eltern vermisste.
Während seines Studiums in Göttingen war Gerhard immer wieder in großer Geldnot. Er bewegte sich im Kreise von Professoren und Adligen und war so gezwungen, auch seine Kleidung und seine Freizeitaktivitäten dementsprechend zu gestalten. Um sein gesellschaftliches Ansehen zu steigern und sich später besser mit Quellen auseinandersetzen zu können, lernte er fleißig Englisch und Französisch in den Abendstunden. Doch der aufwändige Lebensstil der adligen Gesellschaft überstieg das Budget, das ihm seine Eltern zur Verfügung stellen konnten. Zwar mussten Studenten von Adel für Reit- und für Fechtstunden die doppelte Gebühr von bürgerlichen Studenten zahlen, aber die allgemeinen Lebenshaltungskosten waren dennoch sehr hoch.
Im Frühjahr 1782 fragte ein Regierungsbeamter aus dem Adelsgeschlecht der von Nostitz aus dem Jeverland bei Gerhard an, ob dieser seinen Sohn als Hofmeister an die Universität in Leipzig begleiten wollte. Gerhard war hin- und hergerissen; auf der einen Seite schmeichelte ihm das Angebot, und auch die Aussicht, nach Leipzig zu kommen, reizte ihn, andererseits sah er sich noch nicht im Stande, zu unterrichten, da seiner Meinung nach seine Kenntnisse zu einseitig und nicht weitreichend genug waren. Die Eltern rieten ihm zu diesem Schritt, seine Mutter schrieb: „Dein Auftrag ist wichtig für dich, deine Eltern und deine Geschwister“. Schließlich entschied sich Gerhard, letztlich auch in Hinsicht auf das erste selbst verdiente Geld, für die Anstellung.
Er lebte eine Zeit lang auf einem Gut der Familie von Nostitz in Zerbst, wo er den Sohn der Familie, der zuvor das Philanthropin in Dessau besucht hatte, auf dessen Zeit in Leipzig vorbereiten sollte.
Am 29. September 1782 besuchte er auf der Durchreise nach Leipzig erstmals selbst das Philanthropin in Dessau. Während seiner Zeit in Leipzig studierte Vieth Jura, Kameralwissenschaften, Mathematik und Physik, sportlich betätigte er sich im Voltigieren, Fechten und Schlittschuhlaufen. Voltigieren, als Vorform des Gerätturnens, gehörte damals zum Fechten, da es mit den verschiedenartigen Sprüngen über Hindernisse verbunden war.
Doch das Angebot der Universität, das zu dieser Zeit weniger auf Forschung ausgelegt war, wie Vieth es aus Göttingen kannte, schien ihn weniger zu locken als die Vorzüge des gesellschaftlichen Lebens in adligen Kreisen. Regelmäßig besuchte er mit seinem Schüler Gewandhauskonzerte, die Oper und Theatervorführungen, um dem noch unbeholfen erscheinenden jungen Mann das Verhalten in den entsprechenden Kreisen näher zu bringen.
Während dieser Zeit stieg seine Schuldenlast immer weiter, da die Investitionen für Kleidung und Unterkunft sowie die verschiedenen gesellschaftlichen Unternehmungen sein Hofmeistergehalt weit überstiegen und auch das Geld, das ihm seine Eltern regelmäßig schickten, wiederum nicht ausreichte. Zusätzlich musste Vieth Kredite aufnehmen; in einem Brief an seinen Vater berichtete er über die frühzeitige Rückzahlung der Hälfte einer geliehenen Summe.