Gerhard Niedermayr (* 16. Juni 1941 in Wien; † 17. Juli 2015 ebenda) war ein österreichischer Mineraloge. Er war unter anderem Kurator der Mineraliensammlung am Naturhistorischen Museum Wien und Leiter des Staatlichen Edelsteininstituts. Das seltene Mineral Niedermayrit ist nach ihm benannt.
Gerhard Niedermayr kam 1941 als Sohn von Franz und Maria Niedermayr in Wien zur Welt. Ab 1959 absolvierte er an der Universität Wien ein Studium der Mineralogie und Petrographie, das er 1965 mit einer Dissertation zur Sedimentpetrographie des Wienerwald-Flysches abschloss. Nachdem er studienbegleitend begonnen hatte, an der mineralogisch-petrographischen Abteilung des Naturhistorischen Museums (NHM) mitzuarbeiten, war er dort nach dem Abschluss zunächst Vertragsbediensteter, bevor er 1970 verbeamtet wurde. Anfangs half er Gero Kurat bei der Neuordnung der Mineraliensammlung nach dem System von Klockmann, Ramdohr und Strunz. Außerdem war er an der Neuaufstellung der Meteoritensammlung sowie in den folgenden Jahren an weiteren Umgestaltungen der Sammlungsbestände beteiligt. Als Kurator betreute er mehr als drei Jahrzehnte lang die Mineralien- und Edelsteinsammlung des Museums.
Neben seiner Tätigkeit am Museum hatte der anerkannte Experte für Schmuck- und Edelsteine mehrere Lehraufträge inne. Erstmals unterrichtete er 1970/71 als Vertretung für Gero Kurat an der Akademie für Angewandte Kunst. Zwischen 1981 und 2006 lehrte er an den Universitäten Graz, Innsbruck und Salzburg auf dem Gebiet der praktischen Edelsteinbestimmung. Seit 1980 war Niedermayr als Nachfolger von Kurat Leiter des Staatlichen Edelsteininstituts sowie mehrere Jahre lang auswärtiger Mitarbeiter der Geologischen Bundesanstalt im Bereich der geologischen Landesaufnahme. Im engen Kontakt mit der Gemeinschaft der Mineraliensammler konnte er viele seltene Stücke für die Museumssammlung erwerben. Daneben erarbeitete sich der Wiener durch zahlreiche Publikationen und Vorträge einen internationalen Ruf als Wissenschaftler. Für den Verein der Freunde des NHM und die Österreichische Mineralogische Gesellschaft organisierte er Führungen und Exkursionen im In- und Ausland. Aufgrund seiner Expertise saß er im Vorstand mehrerer Organisationen, darunter der Naturwissenschaftliche Verein für Kärnten, die Österreichische Mineralogische Gesellschaft und die Österreichische Gemmologische Gesellschaft. Außerdem war er Delegierter für Museen und Edelsteinkunde bei der International Mineralogical Association sowie Mitglied des Wissenschaftsbeirats der Kärntner Nationalparke. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2006 war er als ehrenamtlicher Mitarbeiter weiterhin am NHM tätig.
Gerhard Niedermayr war ab 1965 mit der Geologin und späteren BOKU-Bibliotheksdirektorin Elisabeth Scheriau-Niedermayr (1942–1984) verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er noch zwei weitere Male. Niedermayr starb 2015 im Alter von 74 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit und wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Er hinterließ seine dritte Ehefrau und die beiden Kinder aus erster Ehe.
Wissenschaftlich widmete sich Gerhard Niedermayr vor allem drei Bereichen: mineralogisch-petrologischen Untersuchungen, regionaler und topographischer Mineralogie sowie gemmologischen Studien. Ausgehend von seiner Dissertation befasste er sich mit Untersuchungen zur Sedimentpetrologie permoskythischer Serien in den Alpen, insbesondere in Bezug auf Vorkommen und Entstehung von Magnesit in diesen Gesteinen. Bei regionalmineralogischen Studien legte er den Schwerpunkt einerseits auf die topographische Mineralogie Österreichs unter besonderer Berücksichtigung alpiner Kluftmineralisation und von Pegmatiten sowie andererseits – oft in Zusammenarbeit mit internationalen Fachkollegen – auf diverse Mineralvorkommen außerhalb seines Heimatlandes, etwa in Ägypten, Kenia, Madagaskar, Namibia, Nepal oder Grönland. Im Rahmen seiner gemmologischen Arbeiten beschäftigte ihn vor allem die Einschlussdiagnostik von Edel- und Schmucksteinen. Darüber hinaus war er mit verschiedenen Aspekten von natürlichen und synthetischen Materialien befasst.
Franz Brandstätter, Gerald Giester und Branko Rieck benannten das 1995 entdeckte Cadmium-Kupfersulfat-Mineral mit der Summenformel Cu4Cd(SO4)2(OH)6 · 4H2O nach Gerhard Niedermayr. Die Typlokalität des seltenen Niedermayrit befindet sich im Bergbaugebiet Lavrio in Griechenland. Optisch zeichnet sich das Mineral durch winzige, häufig in grünen Krusten miteinander verwachsene Plättchen aus.
1984: Barrande-Medaille des Nationalmuseums in Prag
1999: Ehrennadel in Gold der Freunde des Naturhistorischen Museums Wien
1999: Ernennung zum Korrespondenten der Geologischen Bundesanstalt
2001: Ehrenmitglied der Österreichischen Mineralogische Gesellschaft
2001: Ehrenmitglied der Österreichischen Gemmologischen Gesellschaft
Gerhard Niedermayr verfasste mehr als 500 wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Texte, darunter vor allem Kurzbeiträge in mineralogischen und gemmologischen Zeitschriften. 20 Jahre lang war er Chefredakteur der Zeitschrift MINERALIEN-Welt und bis zu seinem Tod Redakteur für die Beiträge der Reihe „Neue Mineralienfunde aus Österreich“ in der durch den Naturwissenschaftlichen Verein für Kärnten herausgegebenen Zeitschrift Carinthia II.
Gerhard Niedermayr: Beiträge zur Sedimentpetrographie des Wienerwald-Flysches (= Geologische Bundesanstalt [Hrsg.]: Verhandlungen der Geologischen Bundesanstalt). Wien 1966, S. 106–141.
Gero Kurat, Johann Korkisch, Gerhard Niedermayr & Robert Seemann: U-Th-Geochemistry of Permian and Triassic Sediments of the Drauzug, Carinthia Austria (= IAEA [Hrsg.]: Final Report IAEA Contract. Nr. 1374). Wien 1976 (84 S.).
Gerhard Niedermayr, Elisabeth Scheriau-Niedermayr, Anton Beran & Robert Seemann: Magnesit im Perm und Skyth der Ostalpen und seine petrogenetische Bedeutung (= Geologische Bundesanstalt [Hrsg.]: Verhandlungen der Geologischen Bundesanstalt. Jg. 1981, Heft 2). Wien 1981, S. 109–131.
Gerhard Niedermayr: Der Bergbau und die Mineralien von „Bleiberg-Kreuth“ in Kärnten, Österreich (= Verlag Doris Bode [Hrsg.]: Emser Hefte. Jg. 6, Heft 3). Haltern 1985, S. 8–48.
Franz Koller, Reinhard Gratzer & Gerhard Niedermayr: Die Ganggesteine in den Dioriten des nördlichen Waldviertels (= Naturhistorisches Museum Wien [Hrsg.]: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Serie A, 88). Wien 1987, S. 1–21.
Gerhard Niedermayr, Anton Beran & Franz Brandstätter: Diagenetic type magnesites in the Permo-Scythian rocks of the Eastern Alps, Austria (= Borntraeger [Hrsg.]: Monograph Series on Mineral Deposits. Band 28). Stuttgart 1989, S. 35–59.