Georges Charles Brassens (Aussprache [ʒɔʁʒ bʁa.sɛ̃s]; * 22. Oktober 1921 in Sète; † 29. Oktober 1981 in Saint-Gély-du-Fesc bei Montpellier) war ein französischer Dichter und Schriftsteller, vor allem aber ein berühmter Chansonnier.
Georges Brassens war der Sohn des Maurers Jean-Louis (1881–1965) und dessen Frau Elvira Brassens geb. Dagrosa (1887–1962), einer gläubigen und musikliebenden Neapolitanerin. Im Alter von rund 14 Jahren begann der junge Brassens Chansons zu schreiben. Nach Abbruch seiner Schullaufbahn am Collège Paul-Valéry in seiner Heimatstadt zog er 1939 nach Paris. Dort wohnte er bei seiner Tante Antoinette Dagrosa und arbeitete kurze Zeit bei den Renault-Werken im nahen Boulogne-Billancourt als Lehrling.
Als Frühaufsteher verbrachte er ganze Tage in der Bibliothek beim Studium der Meister der französischen Dichtkunst. In genauer Analyse der gewählten Sprachbilder, Themen und rhythmischen Kadenzen erwarb er sich autodidaktisch einen großen Fundus poetischer Kenntnisse. 1942 veröffentlichte er 13 Gedichte unter dem Titel A la venvole. Im März 1943 wurde er als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich deportiert und musste in der Flugzeugmotorenfertigung in Basdorf kriegsverlängernde Arbeit leisten. Als er ein Jahr später die Genehmigung erhielt, für zehn Tage nach Paris zu fahren, kehrte er nicht nach Deutschland zurück und versteckte sich bis zur Befreiung von Paris im Spätsommer 1944 in der französischen Hauptstadt.
Nach dem Krieg fand er eine Unterkunft in der Wohnung von Jeanne Le Bonniec und ihrem Ehemann, Marcel Planche, in der Impasse Florimont 9 im 14. Arrondissement von Paris. Jeanne, 30 Jahre älter als er, blieb seine mütterliche Freundin bis zu ihrem Tode. Brassens schrieb berühmt gewordene Lieder auf ihren Mann (Chanson pour l’Auvergnat), für sie (Jeanne) und auf ihre Ente (La cane de Jeanne). Das erste Chanson, das er öffentlich vortrug, war jedoch Le gorille, oberflächlich betrachtet ein frivoles Couplet über einen brunftigen Affen, in seiner Pointe ein Plädoyer gegen die Todesstrafe. Es wurde später von Franz Josef Degenhardt in eine deutsche Fassung (Vorsicht! Gorilla), von Jake Thackray in eine englische Fassung (Brother Gorilla) und von Fabrizio De André ins Italienische (Attenti al gorilla) übertragen.
1952 hatte Brassens seine ersten erfolgreichen öffentlichen Auftritte im Pariser Cabaret der Chanteuse Patachou, der er seine Chansons angeboten hatte. Sie hatte jedoch kurzerhand befunden, dass diese viel sinnvoller von ihm selbst vorzutragen seien. Bald folgten aufgrund seiner rasch wachsenden Popularität die ersten Schallplattenaufnahmen. In den 1950er und 60er Jahren wurde Brassens zu einem der angesehensten Vertreter des künstlerischen französischen Chansons. Politisch stand er, wie sein Kollege Léo Ferré, den Anarchisten nahe und sang öfters zugunsten der Fédération Anarchiste und deren Zeitung, Le Libertaire bzw. Le Monde libertaire.
Brassens lebte zurückgezogen und zog persönliche Freundschaften dem Starrummel vor. Ein Satz von ihm (aus Le Pluriel): „Wo mehr als vier zusammenhocken, wird’s ein Deppenhaufen.“
Er wohnte auch nicht mit seiner estnischen Lebensgefährtin Joha Heiman (1911–1999) zusammen (La non-demande en mariage), die er liebevoll „Püppchen“ nannte und die ihn auf seinen Tourneen und bis zu seinem Lebensende in seinem Alltag begleitete. Nach Erscheinen jeder neuen Langspielplatte trat er jeweils einige Monate in Frankreich auf.
Außerhalb seines Heimatlandes trat er nur gerade viermal auf: zweimal in Luxemburg sowie einmal in Großbritannien (dieses Konzert wurde als einzige Brassens „Live“-Aufnahme veröffentlicht) und 1958 in der Schweiz.
In dem Film Porte des Lilas (auf Deutsch: Die Mausefalle) von René Clair (1956) spielt Brassens den „artiste“ und singt dort auch einige seiner Chansons, darunter das Titellied. In dem Film Françoise et Udo spielt er 1968 sich selbst.
Die 1970er Jahre waren bereits von schwerer Krankheit überschattet. Brassens litt an Nierenkrebs, wurde 1980 operiert und starb 1981 nahe seiner Geburtsstadt. Er ruht im Familiengrab auf dem Friedhof Le Py, gegenüber dem seinem Leben und Werk gewidmeten Museum „Espace Brassens“ in Sète, nicht weit vom Meer, so wie er es sich in seinem Chanson Supplique pour être enterré à la plage de Sète gewünscht hatte. Nach seinem Tod wurde der Pariser Park, in dessen Nähe an der Rue Santos-Dumont er eine Wohnung hatte und den er oft besuchte, auf den Namen Parc Georges Brassens umbenannt.
Brassens gilt als einer der Großmeister des literarisch anspruchsvollen Chansons in der französischen Kultur. Den Reiz seiner Liedtexte macht eine einzigartige Mischung aus der Sprache der klassischen französischen Poesie und des Argot aus. Sie verweben einfühlsame mit sarkastischen Gedanken, ergänzt durch eine herbe, manchmal gewollt ans Obszöne grenzende Erotik. Die Musik, die sich oft an den Swing anlehnt, ordnet sich mit weniger eingängigen Melodien der bänkelsängerartigen Textdarbietung unter. Um die unmittelbare Wirkung seiner Texte nicht zu verdecken, trug Brassens seine (zuvor am Piano ausgearbeiteten) Chansons stets nur mit einfachster Instrumentierung vor: seiner akustischen Gitarre und dem Kontrabass seines ständigen Konzertbegleiters Pierre Nicolas.
Neben eigenen Texten vertonte er auch Werke französischer Dichter der unterschiedlichsten Epochen wie François Villon (Ballade des dames du temps jadis), Louis Aragon, Victor Hugo, Lamartine, Paul Verlaine und Paul Fort.
Obwohl Brassens vor seiner Karriere als Chansonnier unter verschiedenen Pseudonymen für anarchistische Zeitungen geschrieben hatte, verfasste er keine politisch engagierten Chansons wie einige seiner Kollegen, etwa Leo Ferré oder Jean Ferrat. Er glaubte nicht daran, durch ein „kleines Chanson“ die Gesellschaft verändern zu können. Zudem war seine Lebensanschauung individualistisch und nicht kollektivistisch, seine Auffassung von Anarchie eher die eines Libertins, dem die Freiheit des Individuums über alles geht. Mourir pour des idées thematisiert seine Skepsis, für Ideale zu sterben. Les Deux Oncles bezieht in der Auseinandersetzung zweier politisch dogmatischer Onkels, der eine auf Seiten der Briten, der andere auf Seiten der Deutschen, Position für einen eigenen jeden Nationalismus ablehnenden Mittelweg. Le Temps ne fait rien à l’affaire zeigt die Menschen vorbestimmt und durch die Geschichte unbelehrbar. Grand-père und La Rose, la bouteille et la poignée de mains beklagen einen allgemeinen moralischen Niedergang.
Eines der wenigen Chansons, mit denen Brassens zu einer zeitgenössischen politischen Debatte beitrug, ist Le Gorille, in dem er mit Mitteln des Humors seine Missbilligung der Todesstrafe und der sie verhängenden Richter ausdrückt. Überhaupt sind die Vertreter von Recht und Ordnung häufig die Zielscheibe von Kritik und Spott, etwa in Hécatombe, wo eine Gruppe von Marktfrauen eine Polizeistreife massakriert. Zwischen 1952 und 1964 wurde fast die Hälfte von Brassens’ Chansons vom staatlichen Radiosender RTF mit einem Sendeverbot belegt, weil sie entweder Polizei und Justiz attackierten oder als anstößig empfunden wurden. Brassens’ Freude an der Provokation um ihrer selbst willen zeigt etwa der Reigen von Flüchen in La Ronde des jurons. In anderen Liedern bezeichnet er sich als „Pornograf der Musik“ (Le Pornographe) oder „Unkraut“ (La Mauvaise Herbe) und spielt mit seinem schlechten Ruf (La Mauvaise Réputation), der in Les Trompettes de la renommée gleichsam zu seinem Markenzeichen geworden ist, den die Skandalpresse von ihm erwartet.
Brassens’ überragende Freiheitsliebe zeigt sich auch in seinen Liebesliedern, in denen die Heirat stets als ein negatives, die Freiheit der Liebe einengendes soziales Konstrukt vorgeführt wird (La non-demande en mariage, La Marche nuptiale). Die Liebe selbst kann romantische und zärtliche Ausdrücke annehmen wie etwa der ergebene Kniefall in Je me suis fait tout petit, bleibt jedoch meist bodenständig und oft humorvoll. Brassens’ Erzähler nehmen das Leben und die Frauen, wie sie sind, und können mit Verlusten und Untreue umgehen. In Les amoureux des bancs publics beobachtet ein älterer Mann junge Liebespaare, die sich auf Parkbänken küssen, und sagt bereits das Ende ihres Liebesglücks voraus. In Embrasse-les tous sind Frauen, all ihren Vergehen zum Trotz, die Heilung für alle Krankheiten. Brassens scheut auch nicht den Gebrauch von expliziter sexueller Sprache, etwa in Quatre-vingt-quinze pour cent. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist Le Blason, ein Lied, das völlig den weiblichen Geschlechtsteilen gewidmet ist, diese jedoch auf viele Arten euphemistisch umschreibt. Auf Vorwürfe der Misogynie reagierte Brassens in seiner typischen Art mit dem provokant-ironischen Chanson Misogynie à part, das die Gleichsetzung von Chansonnier und Chanson hinterfragt.