George F. Kennan (* 16. Februar 1904 in Milwaukee, Wisconsin; † 17. März 2005 in Princeton, New Jersey; vollständig George Frost Kennan; meist nur kurz George Kennan) war ein US-amerikanischer Historiker und Diplomat. Sein Name ist verbunden mit dem Marshallplan sowie der Containment-Politik in der Zeit des Kalten Krieges. Er wird zu den Vertretern des klassischen Realismus in den Internationalen Beziehungen gezählt.
Er studierte an der Princeton University und später an der Universität Berlin. Zwischen 1926 und 1961 arbeitete er für das Außenministerium der Vereinigten Staaten, unter anderem in Moskau, Berlin, Prag, Lissabon und London. Während der Präsidentschaft Harry S. Trumans war Kennan im US-Außenministerium von 1947 bis 1949 als erster Director of Policy Planning, anschließend als Counselor (höchstrangiger Berater) unter Außenminister Dean Acheson tätig. Von Mai bis September 1952 war er Botschafter der Vereinigten Staaten in der Sowjetunion, von 1961 bis 1963 in Jugoslawien. Er galt als einer der sechs „Weisen“ der US-Außenpolitik in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im Jahr 1957 erhielt er den Pulitzer-Preis, 1976 den Pour le Mérite und 1982 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Kindheit, Jugend und Studium (1904–1926)
Kennan wurde am 16. Februar 1904 in Milwaukee, Wisconsin, als Sohn von Kossuth Kent Kennan, einem prominenten, aber nicht sehr vermögenden auf Steuerrecht spezialisierten Rechtsanwalt, und Florence James Kennan geboren. Über weite Strecken seiner Kindheit glaubte er, dass seine Mutter bei seiner Geburt starb, sie erlag jedoch zwei Monate später einer Bauchfellentzündung infolge eines Blinddarmdurchbruchs. Er lernte durch seine Familie während eines sechsmonatigen Aufenthalts 1912 in Kassel und an der Milwaukee Normal Deutsch. Nachdem er die achte Klasse übersprungen hatte, besuchte er ab Herbst 1917 die Internatsschule St. John’s Northwestern Military Academy in Delafield, an der vorwiegend Jungen aus schwierigen Verhältnissen unterrichtet wurden.
Von 1921 bis 1925 studierte er an der Princeton University. Im Sommer 1924 bereiste er zusammen mit einem Studienfreund Europa und besuchte das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien. Er beendete sein Studium in Princeton mit einem respektablen, aber nicht brillianten Abschluss. An der St. John’s und in Princeton hatte er Latein und Französisch gelernt.
1925 bestand er die Aufnahmeprüfung für den Auswärtigen Dienst. Den Sommer 1926 verbrachte er in Heidelberg, Berlin und Bansin. In dieser Zeit las er Goethe und Oswald Spengler, um besser Deutsch zu lernen.
Erster Abschnitt im Diplomatischen Dienst (1926–1928)
Kennan verbrachte sieben Monate an der Foreign Service School in Washington, D.C. und wurde dann nach Genf und Hamburg versetzt. Kennan beschloss, seine Bildung zu vervollkommnen. Er wollte zunächst aus dem Diplomatischen Dienst ausscheiden und wieder an die Universität zurückkehren.
Ausbildung zum Russlandspezialisten (1928–1931)
1928 bot das Außenministerium der Vereinigten Staaten Beamten, die bereit waren, sich zu Fachleuten für Arabisch, Russisch, Chinesisch oder Japanisch ausbilden zu lassen, eine dreijährige Rückkehr an die Universität an. Kennan nutzte – wie auch sein Freund Charles E. Bohlen – diese Chance: Zunächst wurde er ins Baltikum versetzt, das bis kurz zuvor zum Machtbereich Russlands gehört hatte. Dort war er als Vizekonsul in Tallinn tätig, wo er Privatunterricht in Russisch nahm. Zum Wintersemester 1929/30 schrieb er sich an der Universität Berlin ein. Bereits nach einem Jahr erwarb er das Übersetzer-Diplom am Seminar für Orientalische Studien.
1930/31 studierte er Russische Geschichte an der Universität in Berlin. Dort lernte er auch die Norwegerin Annelise Soerensen kennen, die er im September im norwegischen Kristiansand heiratete. Die beiden hatten miteinander vier Kinder und bis 2005 acht Enkel und zwei Urenkel.
Von Herbst 1931 bis Herbst 1933 arbeitete Kennan in Riga im Russlandreferat. Er wurde dort zu einem Fachmann für Wirtschaftsfragen.
Nach dem Wahlsieg Franklin D. Roosevelts wurde die UdSSR anerkannt, und es wurden Botschafter ausgetauscht. So arbeitete Kennan ab Winter 1933/34 unter Botschafter William C. Bullitt und Geschäftsträger Loy W. Henderson in Moskau. Spaso House wurde als Residenz des Botschafters ausgewählt. Nach dem Mord an Sergei Kirow am 1. Dezember 1934 verschärften sich die Repressionen, die von 1936 bis 1938 im Großen Terror mit seinen Denunziationen und den Moskauer Prozessen kulminierten.
Im Januar 1937 trat der Roosevelt-Vertraute Joseph E. Davies den Posten als Botschafter der Vereinigten Staaten in Moskau an. Er hatte den Auftrag, die politische und militärische Stärke der Sowjetunion zu bewerten und war außerdem entschlossen, weitere Meinungsverschiedenheiten mit den Sowjets zu vermeiden und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zu eruieren. Mit seiner Herangehensweise, seinen Umgangsformen und seinen Meinungen erschien Davies indes Kennan und den anderen Berufsdiplomaten kein ernsthafter Botschafter zu sein, sondern ein Politiker, der nur aus Gefälligkeit berufen worden war. Zumal 1941 Davies das Werk Mission to Moscow über seine Zeit als Botschafter veröffentlichte, in denen er die 1937 einsetzenden Schauprozesse rechtfertigte und Stalin positiv beurteilte, wurde Kennans Kritik an Davies von den meisten Historikern übernommen. Tatsächlich war Davies weniger naiv, als seine Untergebenen meinten. Nach Einschätzung des Kennan-Biographen John Lewis Gaddis lagen Davies und Kennan in ihrem Urteil über die Schauprozesse gar nicht so weit auseinander, denn auch wenn Kennan davor warnte, die Geständnisse könnten erzwungen worden sein, hielt er die Schuld der Angeklagten aus der Sicht des Regimes für wahrscheinlich.
Dass Davies 1937 die Ablösung Kennans in Moskau unterstützte, wurde von Historikern unterschiedlich interpretiert. Während Wilson D. Miscamble die Differenzen zwischen Kennan und Davies betont, sieht David Mayers den Botschafter ernsthaft um Kennans Gesundheit besorgt. Kennan selbst war jedenfalls bereit, Moskau zu verlassen.
Kennan kehrte 1937 nach Washington zurück. Im selben Jahr wurde dort die seit 1924 bestehende Russland-Abteilung des Außenministeriums aufgelöst und in die Westeuropa-Abteilung integriert. Kennan sah darin eine Abwertung der Tätigkeit der amerikanischen Russlandkenner und der von ihm in Moskau geleisteten Arbeit und zugleich den Ausdruck des Desinteresses des offiziellen Washington gegenüber der riesigen Sowjetunion. Kennan fungierte offiziell als Referatsleiter Russland im State Department; das Referat bestand 1938/39 jedoch aus nur einer Person.
Kennan fühlte sich ignoriert und übersehen. In seinen Überlegungen zu den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen entwarf er die Vorstellung, die Russen seien in ihrer Geschichte von „asiatischen Horden“ beeinflusst worden und hielten Ausländer deshalb für Feinde. Die Größe des Landes trage zu „Extremismus“ bei, während der russische Charakter die Züge eines „typisch orientalischen Despotismus“ und gleichzeitig einen „Minderwertigkeitskomplexes“ aufweise. Der Historiker Thomas G. Paterson charakterisiert Kennans Schlussfolgerungen als deterministisch und subjektiv. Feindschaft und tiefes Misstrauen gegenüber den Sowjets wie auch der Rat, Geduld zu üben, seien zu den Eckpfeilern von Kennans Denken geworden.