George Washington Appo (* 4. Juli 1856 in New Haven, Connecticut; † 17. Mai 1930 in New York City) war ein amerikanischer Krimineller chinesisch-irischer Abstammung. Nach einer „Karriere“ als Taschendieb, Trickbetrüger und im Drogenhandel sowie zahlreichen Haftstrafen war er Kronzeuge einer Untersuchungskommission zur Polizeikorruption in New York. Danach war der auch weiterhin kriminell tätige Appo gleichzeitig betreuter Schützling und Verdeckter Ermittler der Society for the Prevention of Crime (SPC). Aufgrund seiner öffentlichen Bekanntheit spielte er sich später selbst am Broadway. Verarmt starb er mit 73 Jahren auf Wards Island.
George Appos Vater war Lee Ah Bow alias Quimbo Appo (ca. 1825–1912). Dieser stammte aus der chinesischen Provinz Zhejiang, war 1847 nach San Francisco gekommen und damit einer der ersten Chinesen in dieser Stadt. 1849 versuchte Quimbo sich als Goldsucher und ging dann an die Ostküste der Vereinigten Staaten, wo er sich in Boston, New York und New Haven aufhielt und 1854 die aus Dublin stammende Irin Catherine Fitzpatrick heiratete. 1856, wenige Wochen nach der Geburt ihres Kindes George, siedelte die Familie nach Manhattan ins Armenviertel Five Points um, das damals einander befehdende ethnische Gruppen beherrschten und das von der korrupten Tammany Hall kontrolliert wurde. Dort arbeitete Quimbo als Teehändler.
1859, George war nicht einmal drei Jahre alt, geriet sein Vater in Streit mit seiner betrunkenen Frau, tötete die dazu gekommene Hauswirtin und verletzte zwei weitere Hausbewohner. Quimbo Appo wurde zunächst zum Tode verurteilt. In einem zweiten Prozess wurde die Strafe auf zehn Jahre reduziert. Als er nach vier Jahren vorzeitig entlassen wurde, war seine Frau inzwischen mit Georges kleiner Schwester in Richtung Kalifornien geflohen und dabei bei einem Schiffsunglück umgekommen. George war allein in New York zurückgelassen worden.
Nach zwei weiteren Morden, zahlreichen weiteren Gewalttaten und mehreren langen Haftstrafen war Quimbo Appo zum bekanntesten Chinesen der Stadt aufgestiegen und allgemein als „Chinese Devil Man“ und „Devil Appo“ bekannt. Er endete schließlich im Gefängnis-Irrenhaus Matteawan State Hospital for the Criminally Insane, wo er, geistig umnachtet, 1912 starb.
George Appo wuchs deshalb ohne seine Familie im Slum von Five Points auf. In der heute nicht mehr existierenden Donovan’s Lane, genannt „Mördergasse“, der schäbigsten Straße in den Five Points, kam er die nächsten Jahre bei einer fremden Familie unter. „Ich wurde nicht großgezogen, sondern großgeprügelt“, sagte Appo später dazu. Eine Schule besuchte er nie. Seine begrenzten Lese- und Schreibfähigkeiten erwarb er bei späteren Gefängnisaufenthalten von Mithäftlingen.
Sobald er dazu in der Lage war, verdiente George Appo seinen Lebensunterhalt als Zeitungsjunge. Früh schloss er sich mit einem Freund, dem Iren George Dolan, einer Straßengang an und wurde als Taschendieb aktiv. Wie Appo später schilderte, war Taschendiebstahl für ihn eine Art Sucht. „Wenn du Nervenkitzel suchst, versuch einfach mal einem Mann die dicke Patte aus der Innentasche zu ziehen. Es ist einzigartig – da ist das Ding auch schon und du hast deine Finger drauf, aber dieser kurze Moment, in dem es geschickt und sicher in deine Richtung wandert, das ist der Moment, in dem gibt's so ein Wahnsinnsgefühl; Feuer läuft deinen Rücken rauf und runter.“
Schon seit frühester Jugend trank er und wurde auch schon als Jugendlicher opiumabhängig. Neben seinen Diebstählen verdiente er sich auch als „Anreißer“ (Kundenschlepper) der chinesischen Opiumhöhlen in New Yorks Chinatown ein Zubrot.
Als Taschendieb muss Appo sich recht geschickt angestellt haben, so ein Appo-Biograf, denn es dauerte mehrere Jahre bis zu seiner ersten Festnahme. 1872 wurde er das erste Mal ertappt und in eine schwimmende Erziehungsanstalt, das Schiff „Mercury“, eingewiesen, wo er harte Disziplin, eine laxe Ausbildung und sexuelle Übergriffe erlebte. Nach 14 Monaten wurde er wegen guter Führung – er hatte einen Kameraden vor dem Ertrinken gerettet – vorzeitig entlassen. Sofort nahm er seine alte Tätigkeit wieder auf. Im April 1874 wurde er erneut wegen Taschendiebstahls verhaftet und diesmal vom New Yorker Stadtrichter John K. Hackett zu zweieinhalb Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Da Appo so klein und schmächtig war, musste für ihn extra eine Gefängniskluft angefertigt werden.
Im April 1876 entlassen, wurde er bereits einen Monat später von einem Mann, dem er gerade Geld entwendet hatte, verfolgt und angeschossen. Er entging seiner Festnahme nur, weil er von einer befreundeten Familie unter der Matratze ihres Bettes versteckt wurde. Acht Monate später wurde er von einem Streifenpolizisten beim Diebstahl ertappt. Dafür wurde er im Januar 1877 von Richter Henry A. Gildersleeve erneut zu zweieinhalb Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er verbüßte diese Strafe im Clinton-Gefängnis, wo er von betrunkenen Wärtern misshandelt wurde. Während seiner Haftstrafen litt Appo besonders unter Drogenentzug. Ein Gefängnisarzt schilderte später detailliert, wie der Entzug Appos ganzen Organismus angriff und sein Schreien die anderen Gefangenen wachhielt.
Im Januar 1879 wurde der 22-jährige Appo, wie er selbst beschrieb, als „physisches Wrack“ und „verletzt fürs Leben“ entlassen und ging an die Öffentlichkeit. Im August 1880 wurde er festgenommen, weil er einen Falschspieler durch einen Messerstich in den Bauch schwer verletzt hatte. Er wurde wegen Mordversuchs angeklagt, aber das Gericht erkannte auf Notwehr und sprach ihn frei. Im März 1882 wurde Appo erneut festgenommen (der Polizeibeamte schoss sich dabei selbst in die Hand) und im April von Stadtrichter Frederick Smyth wegen schweren Diebstahls zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Ins Gefängnis Sing Sing eingeliefert, misshandelten ihn die Wachen ebenfalls und schlugen ihm mit einer Schaufel die Vorderzähne aus. Daraufhin versuchte er Selbstmord durch Opiumtinktur zu begehen. Währenddessen wurde ein Untersuchungsausschuss über die Zustände in den New Yorker Gefängnissen eingesetzt, vor dem auch Appo Anfang 1883 aussagte. Daraufhin wurden die schlimmsten Missstände beseitigt.
Seine letzte Haftstrafe hatte Appo genutzt, um sich weiterzubilden. Außerdem beschäftigte er sich erstmals mit moralischen und religiösen Fragen. Im Dezember 1884 wegen guter Führung entlassen, versuchte Appo, mit einem Empfehlungsschreiben der „Gefangenenhilfe“ zunächst vergeblich auf einem Schiff anzuheuern, dann arbeitete er kurz in einer Hutfabrik. Seiner eigenen Erzählung nach kündigte er den Job aber, als er fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt wurde.
Auch später musste er noch mehrmals Gefängnisstrafen absitzen, unter anderem elf Monate wegen Schmuckdiebstahls in Philadelphia, die er bis 1887 in Einzelhaft im Eastern State Penitentiary verbüßte, sowie 1889 wegen Taschendiebstahls in New York. Einmal wurde er in einer Opiumhöhle wegen illegalen Waffenbesitzes festgenommen, konnte sich aber durch Bestechung des Polizeidetektivs der Haft entziehen.
Appos Idealvorstellung eines Menschen, der er zeit seines Lebens nachstrebte, war die eines „good fella“ („good fellow“), eines „guten Kerls“. Heute wird dieser im kriminellen Gang-Milieu entstandene Begriff mit „Mafia-Gangster“ gleichgesetzt. Appo dagegen verstand diesen Begriff noch in seiner ursprünglichen Bedeutung: Dass man von seinen Gefährten als clever, aber auch als vertrauenswürdig und spendabel angesehen wird. Appo selbst beschrieb das so: „In den Augen und nach Meinung der Unterwelt ist ein ‚guter Kerl‘ ein dreister Gauner (‚nervy crook’), einer, der Geld auftreibt und wieder ausgibt.“ Ein „guter Kerl“ war tapfer und verschwiegen: „Ich wurde viele Male von Möchtegern-Brutalos angegriffen und habe mich verteidigen müssen. Und ich habe nie nach der Polizei geschrien, um dann vor Gericht Rache zu nehmen, auch wenn ich beim Kampf das Meiste abgekriegt hatte“, schrieb Appo später. Mehr als einmal sei er mit verbundenem Kopf im Krankenhaus aufgewacht, habe einfach seine Sachen genommen und sei weggegangen, ohne jemanden zu denunzieren.