Georg Friedrich Reichenbach, ab 1811 Ritter von Reichenbach (* 24. August 1771 in Durlach; † 21. Mai 1826 in München), war ein bayerischer Erfinder, Ingenieur und leitender Beamter.
Reichenbach gilt als Mitbegründer der Optomechanischen Industrie in Bayern. Er war einer der Gründer des Mathematisch-Feinmechanischen Instituts und des einige Jahre jüngeren Optischen Instituts, der Wirkungsstätten von Joseph von Fraunhofer und Reichenbach, die beide mit ihren geodätischen und astronomischen Instrumenten Weltruf erlangten.
Er gilt auch als Wegbereiter der Dampfmaschine in Bayern. Durch die Erneuerung und Erbauung der Berchtesgaden-Rosenheimer Soleleitung mit ihren Wassersäulenmaschinen hat er allerhöchste Anerkennung erfahren. Er wurde Oberberg- und Salinenrat und als Direktor des Ministerial-Baubüros Leiter des Straßen-, Brücken- und Wasserbaus in ganz Bayern.
Reichenbach war der dritte Sohn des Geschützbohrmeisters Johann Friedrich Reichenbach, der 1772 von Kurfürst Karl Theodor zum Leiter des neuen kurpfälzischen Geschützbohrwerkes in Mannheim berufen wurde. Der junge Reichenbach besuchte die Elementar- und Lateinschule und vier Jahre lang die dortige Militärschule, lernte aber auch praktische mechanische Arbeit in der Werkstatt seines Vaters. Er interessierte sich für die astronomischen Instrumente in der von Abbé Roger Barry geleiteten Mannheimer Sternwarte und brachte sich selbst die zu ihrem Verständnis notwendigen mathematischen Kenntnisse bei. Als er schließlich einen eigenen Spiegelsextanten anfertigte, machte Abbé Barry den Grafen von Rumford auf ihn aufmerksam, der veranlasste, dass er mit kurfürstlicher Förderung 1791 in Begleitung des acht Jahre älteren und mit den dortigen Verhältnisses bereits vertrauten Joseph Baader nach Großbritannien reiste, um die führenden Betriebe der industriellen Revolution kennenzulernen. So sah er bei Boulton & Watt in Soho, Birmingham, den Bau von Dampfmaschinen, verbrachte einige Zeit in einer größeren Eisengießerei, traf Jesse Ramsden und besuchte die größeren Sternwarten. In Edinburgh ließ er sich in höherer Mathematik fortbilden. 1793 kehrte er nach Mannheim zurück, wo er zum Leutnant der Artillerie ernannt wurde und im Rahmen der Rumfordschen Modernisierung der Bayerischen Armee im Geschütz-Gieß- und Bohrhaus tätig war. 1796 wurde er ans Zeughaus in München versetzt. Hier stellte er fest, dass es keine einzige Werkstatt für mathematische oder astronomische Instrumente gab und man sich auch für einfache Reparaturen an die Werkstatt Brander bzw. Höschel in Augsburg wenden musste. Er begann daher, in seiner Freizeit mit einer selbst gebauten kleinen Kreisteilungsmaschine zunächst Winkelinstrumente für die Forstkammer und kleine Spiegelsextanten herzustellen. Da mit diesen Instrumenten jedoch nur ganze Minuten abgelesen werden konnten, dachte er über eine wesentlich genauere Teilungsmethode nach, deren Grundprinzip er 1800 fand, als er in Cham im Quartier lag.
1801 wurde der mittlerweile zum Hauptmann beförderte Reichenbach beauftragt, in Amberg die später als Königlich Bayerische Gewehrfabrik bekanntgewordene erste Fabrik Bayerns zu errichten, in der im industriellen Maßstab produziert wurde. 1806 folgte dem ein Gieß- und Bohrhaus in Augsburg.
1802 hatte er die Planung seiner Kreisteilungsmaschine abgeschlossen und vereinbarte mit dem Feinmechaniker Joseph Liebherr ihren Bau in seiner Werkstatt. Zu der Zeit lernte er Ulrich Schiegg kennen, für dessen Observatorium im Gebäude der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Alten Akademie er zwei astronomische Instrumente in der Werkstatt anfertigte. Durch Schiegg lernte er auch Joseph Utzschneider kennen, der bereit war, das zur Erweiterung des Geschäfts erforderliche Geld zur Verfügung zu stellen und so gründeten die drei 1804 das anfänglich Mechanische Werkstätte genannte Mathematisch-Feinmechanische Institut. Gleich danach wurde der junge Fraunhofer eingestellt, der von Reichenbach mit den Worten begrüßt wurde: Das ist der Mann, den wir suchen; der wird leisten, was uns noch fehlt. Das Unternehmen war zwar erfolgreich, aber die von Reichenbach angestrebte Perfektion ließ sich ohne das benötigte Flintglas nicht erreichen, das damals nur in Cork und Birmingham hergestellt, oft nicht in der benötigten Qualität und Menge und nach Napoleons Kontinentalsperre gar nicht mehr erhältlich war. Um dem abzuhelfen, richtete Utzschneider 1806 in dem kurz zuvor von ihm erworbenen säkularisierten Kloster Benediktbeuern eine Hütte für optisches Glas ein, die zunächst von Pierre-Louis Guinand, ab 1807 von Fraunhofer geleitet wurde. 1809 wurde von Utzschneider, Reichenbach und Fraunhofer das Optische Institut in Benediktbeuern gegründet, das das optische Glas herstellte und gemäß einer Preisliste an das Mathematisch-Feinmechanische Institut lieferte.
Neben seinen Aufgaben als Offizier und seiner feinmechanischen Arbeit war Reichenbach als Maschinenbauer immer wieder mit der in Bayern noch neuen Dampfmaschine befasst. Schon 1803 stellte er eine Dampfmaschine für den Prägestock der Münze her. Im Auftrag der Regierung fertigte er ein funktionsfähiges Modell einer Dampfmaschine für die Universität Landshut an. Weitere Ideen über transportable Dampfmaschinen erörterte er 1816 in einer Denkschrift an die Bayerische Akademie der Wissenschaften, die Joseph Baader zu einem geharnischten Protest veranlasste.
Die Erneuerung der Soleleitung von Bad Reichenhall nach Traunstein und der Bau des Abzweigs von Siegsdorf nach Rosenheim war das wichtigste Vorhaben des 1807 zum Generaladministrator der Salinen ernannten Utzschneider. Der anfänglich für die Erneuerung der Pumpen bestimmte Joseph Baader wollte keinen verbindlichen Fertigstellungstermin zusagen und zerstritt sich mit Utzschneider. Deshalb wurde das von Reichenbach geleitete Mathematisch-Feinmechanische Institut zu einem Angebot aufgefordert und im Juni 1807 aufgrund eines Befehls König Maximilians I. entsprechend beauftragt. Lediglich der Bau der Pumpen im Brunnhaus Fager und Seebichl verblieben bei Baader. Diese Entscheidung war der Anlass zu einer erbitterten Fehde zwischen Baader und Reichenbach, in der er Reichenbach immer wieder herabwürdigte, aber stets von den Fakten widerlegt wurde. Reichenbach entwickelte seine erste Wassersäulenmaschine, von der er vor der Produktion sicherheitshalber ein Modell anfertigte und dem König vorführte. Im August konnte er dem König die Aufstellung der ersten Maschine vom Typ I in Unternesselgraben anzeigen. Im Zuge des Baus des Abzweigs Siegsdorf–Rosenheim baute Reichenbach eine verbesserte Version (Typ II) seiner Wassersäulenmaschine. Die ersten vier Maschinen baute Reichenbach in München im Mathematisch-Feinmechanischen Institut, dann wurden die Maschinen nach Reichenhall in eine größere Werkstatt gebracht, in der die Wassersäulenmaschinen vom Typ II hergestellt wurden. Ende des Jahres 1810 war die gesamte Leitung vollendet, deren Leistung rund ein Drittel über der vertraglich geforderten lag. Zur Anerkennung wurde Reichenbach geadelt und zum Oberberg- und Salinenrat ernannt.
Er erweiterte anschließend die Werkstatt in Reichenhall um eine Hammerhütte mit Rennschmiede, Hammerwerk, Walzwerk und einer Pfannenschmiede, mit der auch die Salinen in Traunstein und Rosenheim versorgt wurden. Deren erhöhte Leistung erforderte eine neue Loch- und Schneidemaschine für die Bleche.
1811 nahm Reichenbach seinen Abschied vom Militär, um sich ganz seinen Aufgaben im Mathematisch-Feinmechanisches Institut widmen zu können. Dabei wurde er von König Maximilian I. zum Ritter des Bayerischen Zivilverdienstordens ernannt und aufgrund der Ordensstatuten als Ritter von Reichenbach in den persönlichen Adelsstand erhoben.
In diesem Jahr erschien auch Reichenbachs Schrift Theorie der Brücken-Bögen und Vorschläge zu eisernen Brücken in jeder beliebigen Grösse, in der er Brücken aus gusseisernen Rohren vorschlug. Für die 1813 durch ein Hochwasser zerstörte Isarbrücke über den rechten Arm des Flusses reichte er einen entsprechenden Entwurf ein, aber nach einer Verfügung des Königs wurde schließlich eine Steinbrücke gebaut. In den 1830er Jahren ließ sich Antoine-Rémy Polonceau von seinen Theorien zum Bau der Pont du Carrousel in Paris anregen, der weitere Röhrenbrücken folgten.