An diesem Tag

Georg Picht

Deutscher Religionsphilosoph und Pädagoge

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Georg Picht (* 9. Juli 1913 in Straßburg; † 7. August 1982 in Hinterzarten) war ein deutscher Philosoph, Theologe und Pädagoge. Er prägte 1964 den Begriff der „Bildungskatastrophe“, mit dem er die Situation des seinerzeitigen Bildungswesens in der Bundesrepublik charakterisierte und eine breite Debatte auslöste.

Seine Mutter war Greda Picht, die Schwester von Ernst Robert Curtius, der auch Pichts Patenonkel war. Sein Vater Werner Picht war u. a. Abteilungsleiter im preußischen Kulturministerium und Publizist zu Themen der Erwachsenenbildung. Zum Freundeskreis der Familie zählten Albert Schweitzer, Eugen Rosenstock-Huessy und Charles Du Bos.

Weil Picht Asthma hatte, war die Mutter mit ihm nach Hinterzarten gezogen, wo er von dem Altphilologen Josef Liegle, aber auch von seiner Mutter Privatunterricht erhielt. Erst die letzten vier Schuljahre besuchte er ein Gymnasium in Freiburg.

Picht studierte Altphilologie und Philosophie in Freiburg, Kiel und Berlin bei Wilhelm Szilasi, Wolfgang Schadewaldt, Eduard Fraenkel und Johannes Stroux. In Freiburg wurde er akademischer Schüler von Martin Heidegger. Nach einer Tätigkeit bei Hans Lietzmann in der Kirchenväterkommission der Berliner Akademie der Wissenschaften 1938/39, wo er Texte von Ambrosius bearbeitete, unterrichtete er an der Schule Birklehof in Hinterzarten Alte Sprachen, bis die Nationalsozialisten 1942 das Internat übernahmen. Picht wechselte 1942 als Lehrbeauftragter an das Institut für Altertumswissenschaften in Freiburg und promovierte im selben Jahr mit einer Arbeit über die stoische „Ethik des Panaitios“.

Georg Picht war seit 1936 mit der Pianistin und Cembalistin Edith Picht-Axenfeld verheiratet. Der Ehe entstammt unter anderem der langjährige Leiter des Deutsch-Französischen Instituts Robert Picht. Georg Picht gehörte schon seit seinen jungen Jahren zu den engsten Freunden von Carl Friedrich von Weizsäcker (Vetter 2. Grades mütterlicherseits) und Hellmut Becker. Im Jahr 1963 hielt Picht die Laudatio auf Weizsäcker anlässlich der Verleihunges des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. 1965 erhielt er selbst als erster den Theodor-Heuss-Preis. Bis zu seinem Tod lebte er in Hinterzarten auf dem Birklehof. Sein Grab befindet sich auf dem Freiburger Hauptfriedhof in Feld 57d in der Nähe der Mitscherlich-Kapelle.

Desillusioniert durch die Reaktion der Institution Universität auf den Nationalsozialismus suchte Picht nach dem Krieg eine „Form des Daseins, die mich nötigen sollte, die Wirklichkeit von Wort und Gedanken Tag für Tag in der Gestaltung des Lebens einer Gemeinschaft zu bewähren.“ So gründete er 1946 im Gebäude der ehemaligen Privatschule Birklehof ein Internatsgymnasium und war dort zehn Jahre lang Schulleiter. Erziehung betrachtete er als Grundpfeiler des Menschseins. Seine Vorstellungen waren dabei sehr liberal und tolerant. „Erziehung ist in den wichtigsten Bereichen eine Kunst des Geschehenlassens, nicht eine Kunst der Formung. Und eine Pädagogik, die sich vermißt, nach dem Gleichnis Gottes die Menschen auf ein Entwicklungsziel hin bilden zu können, verfängt sich in einem Selbstbetrug, der nur die unheilvollsten Folgen haben kann.“ Picht, der selbst an der Musik stark interessiert war, hob die Bedeutung der musikalischen Erziehung für die Bildung stark hervor. In dieser Zeit kooperierte er eng mit der Sozialistin Minna Specht, der Leiterin der Odenwaldschule, obwohl beide weltanschaulich weit auseinander lagen. In seiner Funktion als Leiter einer Freien Schule war Picht von 1953 bis 1963 Mitglied im Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen, an dessen erster Empfehlung er bereits beteiligt war. Um den Freien Schulen mehr Gehör zu verschaffen, war er auch Mitbegründer der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime.

Schon Ende der 1940er Jahre begann Picht mit dem Aufbau eines lexikographischen Platon-Archivs am Birklehof, das lange von der DFG unterstützt wurde und unter anderem der sprachwissenschaftlichen und pädagogischen Nachwuchsausbildung im Bereich des Altgriechischen dienen sollte. Ein Ergebnis dieser Arbeiten ist die 1951 verfasste Dokumentation der ersten Darstellung der Vorsokratiker bei Hippias von Elis. Dazu wurden verschiedene Seminare durchgeführt und den Lehrern der Schule die Möglichkeit gegeben, wissenschaftliche und pädagogische Arbeit zu verbinden. Der Plan eines umfassenden Platon-Lexikons, für das laut Hellmut Flashar, Mitarbeiter in den 1950er Jahren, 750 Zettelkästen mit umfangreichen Stellennachweisen angelegt waren, wurde nicht realisiert. Mitte der 1950er Jahre war die Arbeit am Platon-Archiv praktisch zum Erliegen gekommen, auch wenn die Finanzierung durch die DFG noch bis weit in die 60er Jahre weiterlief. Das Material ging in den 1970er Jahren an das Altphilologische Institut der Universität Tübingen und wurde durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach ausgewertet.

Im Jahr 1951 fand an der Universität Tübingen das von Carl Friedrich von Weizsäcker und Walther Gerlach initiierte „Tübinger Gespräch“ statt, an dem eine Reihe prominenter Wissenschaftler, Pädagogen und Bildungspolitiker, unter anderem Picht als Leiter des Birklehofs, teilnahmen, die in einer Resolution zur Bildungspolitik mündete. 1961 gehörte Picht zu den Unterzeichnern des Tübinger Memorandums.

Picht prägte 1964 den Begriff der „Bildungskatastrophe“, mit dem er die Situation des seinerzeitigen Bildungswesens in der Bundesrepublik charakterisierte und eine breite Debatte auslöste. In den in Christ und Welt veröffentlichten Artikeln prangerte er die im internationalen Vergleich niedrigen Bildungsausgaben in Deutschland an, kritisierte u. a. die geringe Quote an Abiturienten, die großen Unterschiede zwischen Stadt und Land und forderte grundlegende Reformen des dreigliedrigen Schulsystems und der Erwachsenenbildung, weil sonst wesentliche Nachteile im internationalen Wettbewerb der Wirtschaft zu befürchten seien.

Die Verbindung von Theorie und Praxis, um die Picht als Pädagoge bemüht war, bestimmte auch das Verhältnis des Protestanten Picht zu kirchlichen Institutionen. So war er von 1958 bis 1982 der Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Bei der Einweihung eines Anbaus formulierte er 1977:

„Christlicher Glaube steht von seinem Ursprung her zu jeder Gestalt menschlichen Wissens, also auch zur modernen Wissenschaft, einschließlich der Theologie, in kritischer Distanz. Er kann sich von der Wissenschaft nicht dispensieren, aber er kann sich auch nicht mit ihr identifizieren.“

Ähnlich wie in Bezug auf die Wissenschaft sah er auch das Verhältnis von Kirche als Institution zum individuellen Glauben kritisch:

„Daß es die weltliche Organisation geben muß, die wir ›Kirche‹ nennen, und daß die pneumatischen Gemeinschaften, die sich immer wieder bilden, dem Wehen des Geistes in der Geschichte nicht zu genügen vermögen, kann aus der Teilhabe der einzelnen Christen an der Gemeinschaft der (dem Glauben geschenkten) ›Zoe‹ [= göttliche Lebenskraft, Lebendigkeit] nicht abgeleitet werden. Es ergibt sich vielmehr daraus, dass die ›Zoe‹ im ›Bios‹ (im kreatürlich-irdischen Leben) gelebt wird und sich hier zu erweisen hat. Es ergibt sich also aus der Verantwortung des Volkes Gottes in dieser Welt. durch diese Verantwortung legitimiert sich die verfaßte Kirche. Sie hat den Auftrag, dem Wehen des Geistes in der Geschichte Raum zu geben. Aber das kann sie nur, solange sie weiß, daß sie über den Geist nicht zu verfügen vermag. Sie ist nicht im Besitz des Geistes; sie verhält sich zum Geist, wie sich der ›Bios‹ zur ›Zoe‹ verhält. Und die Geschichte der christlichen Kirchen beweist, daß sie vom Geist auch verlassen werden können.“

Picht wies immer wieder darauf hin, dass Rationalität für Christen sinnvoll, notwendig und geboten sei, der wahre Glaube aber nur intuitiv und unmittelbar erfahren werden könne. „Seine Wirkung in die Kirche entsprang einer fast verborgenen Frömmigkeit, die ihn in kritisch leidender Distanz zu aller gutgemeinten öffentlichen Kirchlichkeit hielt“, so sein Freund Carl Friedrich von Weizsäcker. Zugleich sah Picht es als Aufgabe der Kirche an, den Glauben in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen.

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