An diesem Tag

Georg Christian Kessler

Gründer der ersten deutschen Sektkellerei

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Georg Christian von Kessler (* 30. März 1787 in Heilbronn; † 16. Dezember 1842 in Stuttgart) gründete am 1. Juli 1826 in Esslingen am Neckar gemeinsam mit Heinrich August Georgii die Firma „G. C. Kessler & Co.“, heute die älteste Sektkellerei Deutschlands. Zugleich gilt der Fabrikant als ein „Wegbereiter der württembergischen Industrie“.

Georg Christian wurde als viertes Kind des Stadtgerichtsassessors und Organisten Johann Wilhelm Kessler (* 5. April 1756 in Walldorf, Sachsen-Meiningen; † 10. September 1825 auf Gut Neuhof, Oberamt Neckarsulm) und der Schneidermeistertochter Johanna Christine Gesswein (* 18. Januar 1753 in Heilbronn; † 9. November 1798 in Heilbronn) in Heilbronn geboren. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte Georg Christian das Gymnasium in Heilbronn. Dann verließ er das Gymnasium, um eine Ausbildung zu beginnen. Eine akademische Laufbahn, wie sie Kesslers älterer Bruder Heinrich (* 30. März 1783 in Heilbronn; † 10. März 1842 in Oppenweiler) einschlug, blieb ihm künftig verwehrt. Den Wunsch seines Vaters, eine Ausbildung zum Silberarbeiter zu absolvieren, lehnte er ab. Stattdessen begann er in Neuwied eine Kaufmannslehre in einem Einzelhandelsgeschäft für Farben, Gewürze und Lederwaren. Für die Stelle musste ein Lehrgeld von 300 Gulden bezahlt werden. Vermittelt wurde ihm die Lehrstelle von Freunden seines Vaters, der inzwischen den Plänen seines Sohnes zugestimmt hatte. Während seiner Lehrzeit nahm Kessler Sprachunterricht bei einem Priester, der während der Französischen Revolution emigriert war. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse wechselte er 1804 nach drei Lehrjahren – das vereinbarte vierte Lehrjahr hatte ihm sein „Principal“ erlassen – als Comptorist in eine Lederwarenhandlung nach Mainz, das damals zu Frankreich gehörte und für seine feinen Lederwaren bekannt war.

Wie Kessler zu Veuve Clicquot-Fourneaux et Cie. nach Reims gekommen ist, darüber gibt es zwei Lesarten. Die Quellen des Hauses Clicquot berichten, dass Kessler am 1. Juli 1807 auf Empfehlung von Ludwig (Louis) Bohne als Commis (Buchhalter) eingestellt wurde. Bohne stamme aus einer Mannheimer Familie und sei 1801 in Basel mit François Clicquot zusammengetroffen, der nach einem Vertreter für seine Firma gesucht habe. Kessler selbst hat später gesagt, einer seiner Schulkameraden sei in dem Champagner-Weinhandlungsgeschäft Veuve Clicquot Fourneaux & Cie. in Reims als Buchhalter angestellt gewesen und für diese Firma gereist. „Es war ihm überlassen, seinen Stellvertreter vorzuschlagen, und seine Wahl fiel auf mich.“ Kessler berichtet weiter, er sei mit gemischten Gefühlen nach Reims gefahren, weil er sich der Aufgabe nicht ganz gewachsen fühle. Aber dann habe es sich doch alles wesentlich besser angelassen und er sei sehr schnell und fest im Sattel gesessen.

Um 1807 befand sich das Unternehmen wegen der durch Napoleon verhängten Kontinentalsperre in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, weil Großbritannien als wichtiges Absatzgebiet für Champagner weggebrochen war. Zudem war im Oktober 1805 François Clicquot verstorben, der Inhaber der 1772 von seinem Vater Philippe Clicquot-Muiron gegründeten Weinhandlung. Seine Witwe Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin (1777–1866) entschied sich, das Unternehmen weiterzuführen, seit 1806 mit dem Wein- und Textilhändler Alexandre Jérôme Fourneaux als zweitem Teilhaber, wobei jede Partei die für damalige Verhältnisse hohe Summe von 80.000 Francs investierte. Nach Ablauf des Gesellschaftervertrages mit Fourneaux im Sommer 1810 führte sie das Unternehmen als Einzelgesellschafterin weiter.

Der katastrophale Ausgang des Russlandfeldzuges im Jahr 1812 und die sich abzeichnende Niederlage Napoleons nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 spiegelten sich auch am schlechten Geschäftsverlauf des Hauses Clicquot wider. Seit 1806, als Barbe-Nicole das Unternehmen führte, war der Umsatz um 80 Prozent zurückgegangen. Die Verkaufsagenten hatten immer weniger Erfolg, weil die Kunden durch Kontributionen und hohe Steuern zur Finanzierung des Krieges belastet wurden; zudem wurden die Reisen immer gefährlicher und das Verkaufsgebiet aufgrund des Rückzugs der französischen Heere immer kleiner. In diesen schwierigen Jahren, als Barbe-Nicole viele Mitarbeiter entlassen musste, erwies sich Kessler als tüchtiger Mitarbeiter. Er lernte schnell die Besonderheiten des Champagnergewerbes und erhielt bereits am 20. Juli 1810 Prokura, nachdem sich Barbe-Nicole von Alexandre Jérôme Fourneaux getrennt hatte. Jetzt bezieht Kessler ein festes Gehalt von 1200 Livres, außerdem erhält er für jede Weinbestellung, die über 100 Livres hinausgeht, 2 Livres und 2½ Centimes für jede Flasche.

Allerdings ließ ihn seine württembergische Heimat nie ganz los. Im Dezember 1811 musste er nach Heilbronn reisen, weil man ihn „mit Gewalt“ für die Armee des Königs von Württemberg anwerben wollte. Kessler wird jedoch Anfang 1812 von der Musterungskommission in Stuttgart für wehruntauglich erklärt und endgültig aus den Listen gestrichen.

Kessler kam nach Reims, als sich das Champagnergeschäft im Umbruch befand. Im Jahr 1801 veröffentlichte Jean-Antoine Chaptal ein richtungweisendes Buch über Verbesserung des Weins, in dem erstmals der chemische Zusammenhang zwischen Hefe und Zucker sowie zwischen Gärung und Alkoholentstehung beschrieben wird. Obwohl die Kunst der Schaumweinerzeugung seit dem 17. Jahrhundert bekannt war, beschrieb Chaptal zum ersten Mal mit wissenschaftlichem Blick den gesamten Prozess vom Spülen der Flaschen bis zum Verkorken des Champagners. Sein Buch diente vielen Weinhändlern der Champagne als Leitfaden zum Aufbau des lukrativen Schaumweingeschäfts, mit dem ein bis zu viermal höherer Preis gegenüber stillem Fasswein erzielt werden konnte. Heute noch wird der Zusatz von Zucker zur Erhöhung des Alkoholgehalts während der Gärung als chaptalisieren bezeichnet.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde der vin mousseux trüb getrunken, weil die für die Gärung zugesetzte Hefe nur teilweise vom schäumenden Wein getrennt werden konnte. Beim Umfüllen des Schaumweins von der Gärflasche mit dem abgesetzten Trub in die Verkaufsflasche – das so genannte Transvasieren – ging ein großer Teil der bei der Gärung entstandenen Kohlensäure verloren. Bei Veuve Clicquot lernte Kessler das neue, von Anton (Antoine) Müller entwickelte Rüttelverfahren kennen. Dabei werden die Schaumweinflaschen nach der Gärung und Lagerung so lange vorsichtig gerüttelt, bis sich die Hefe und der Trub im Flaschenhals auf dem Korken abgesetzt haben. Nach etwa sechs Wochen hat sich die gesamte Hefe am Ende des Flaschenhalses gesammelt, dann wird der Korken geöffnet und die Hefe schießt, getrieben vom Innendruck der Flasche, heraus. Vor dem Verschluss der Flaschen mit dem Versandkorken wird ein klein wenig gesüßter Wein – der liqueur d’expédition – zugesetzt.

Schaumwein wurde damals etwa ein bis eineinhalb Jahre in kühlen Kellern in Flaschen auf der eigenen Hefe gelagert. Dies bedeutet, dass der moussierende Wein etwa zwei Jahre nach der Ernte auf den Markt kam. Damit war für die Erzeuger ein hohes finanzielles Risiko verbunden. Neben den technischen Schwierigkeiten, einen klaren, perlenden Schaumwein zu produzieren, bestand immer die Gefahr hoher Verluste durch Glasbruch. Ein Vorteil gegenüber der Fassweinerzeugung war jedoch, dass sich der einmal vergorene, aber noch nicht von der Hefe getrennte Schaumwein über viele Jahre in Flaschen stabil lagern ließ, während Wein in Holzfässern bereits nach wenigen Monaten an Qualität verlor.

Mit dem heutigen Geschmacksbild eines frischen, spritzigen und tendenziell trockenen Schaumweins hatte der moussierende Wein – die Bezeichnung „Champagner“ setzte sich erst um 1860 allmählich durch – wenig zu tun. Im frühen 19. Jahrhundert wurde Schaumwein nicht als Aperitif vor dem Essen gereicht. Damals war er vielmehr ein schäumender, für den heutigen Geschmack extrem süßer Dessertwein, der sehr kühl serviert wurde. Schaumweine hatten damals häufig 200 Gramm Restzucker je Liter. Um den Wunsch der Kunden nach süßen Schaumweinen zu befriedigen, füllten die Produzenten großzügige Dosen an in Wein gelöstem Zucker oder Weinbrand in die entheften Flaschen, bevor sie mit dem Versandkorken verschlossen wurden. Russische Kunden verlangten noch süßere Qualitäten. Weine mit 300 Gramm Zucker galten als angenehm – selbst Eiswein hat heute kaum mehr als 200 Gramm Zucker. Ein Champagner der Kessler-Zeit entsprach somit einem extrem süßen Dessertwein mit Kohlensäure, der sehr kalt getrunken wurde.

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