Georg-August Zinn (* 27. Mai 1901 in Frankfurt am Main; † 27. März 1976 ebenda) war ein deutscher Jurist und Politiker (SPD). In den Jahren 1950 bis 1969 war er hessischer Ministerpräsident.
Georg-August Zinn wurde am 27. Mai 1901 als zweites Kind des Oberingenieurs Konrad Zinn und dessen Frau Marie Zinn, geborener Hinterthür, in Frankfurt-Sachsenhausen geboren. Neben einer älteren Schwester hatte er noch zwei jüngere Brüder. Bedingt durch häufige Berufswechsel des Vaters war die Familie mehrfach gezwungen, den Wohnort zu wechseln.
Zinn besuchte die Holbeinschule und das Sachsenhäuser Gymnasium in Frankfurt am Main, die Oberrealschule in Bielefeld und die Oberrealschule vor dem Holstentor in Hamburg. Nach einer kurzen Zeit als Soldat an der Westfront im Jahr 1918 legte er im März 1920 das Abitur an der Oberrealschule I in Kassel ab.
Schon früh kam Georg-August Zinn auch mit den Sorgen und Nöten der Arbeiter und ihrer Familien in Berührung, so dass er sich trotz des Umstandes, aus einem eher zentrumsnahen Elternhaus zu stammen, den Sozialdemokraten zugehörig fühlte. Noch vor seinem Abitur trat er 1919 der SPD bei.
Nur kurz nach seinem Abitur starb im Mai 1920 sein Vater, so dass die Familie fast gänzlich ohne Versorgung dastand. Die ursprüngliche Idee, ein Studium aufzunehmen, musste fallengelassen werden, da er als ältester Sohn die Ernährung der Familie sicherzustellen hatte. Die von Zinn schon länger durchgeführten Nachhilfestunden für technische Angestellte der Fa. Henschel & Sohn reichten nicht aus, so dass er sich entschloss, eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung in Kassel zum Kommunalbeamten zu beginnen. Nach Ende der Ausbildung arbeitete Zinn als Kommunalbeamter im gehobenen Dienst bei der Stadt Kassel.
Ab 1923 ließ er sich ohne Bezüge beurlauben und absolvierte ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Göttingen und Berlin, welches er im Jahr 1927 mit dem Ersten und 1931 mit dem Zweiten juristischen Staatsexamen beendete. Danach schied er aus der Kasseler Stadtverwaltung aus und ließ sich in Kassel als Rechtsanwalt nieder.
Politik in der Weimarer Republik
Schon zu dieser Zeit war Georg-August Zinn für die Sozialdemokraten politisch aktiv. In Göttingen trat er einer sozialistischen Studentenbewegung bei, in Berlin war er darüber hinaus Vorsitzender der dortigen Sozialistischen Studentenbewegung. Im Jahr 1925 wurde er in die Leitung des Kurhessischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in Kassel gewählt, eines zum Schutz der Republik im Jahr 1924 gegründeten demokratischen Bündnisses. Im November 1929 wurde Zinn für die SPD als jüngster Abgeordneter ins Kasseler Stadtparlament gewählt.
Dort wurde er einer der schärfsten Gegner von Roland Freisler, dem späteren Präsidenten des Volksgerichtshofs. In einer scharfen Auseinandersetzung im Stadtparlament, bei der Freisler in der ihm eigenen Art tobte, bestellte Zinn einen Krankenwagen und Zwangsjacken, um einen Tobsüchtigen abholen zu lassen.
Arbeit und Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung nahmen Übergriffe gegen die demokratischen Parteien stetig zu. Trotzdem wurde Zinn bei der Kommunalwahl am 16. März 1933 als einer von 16 Sozialdemokraten erneut in das Kasseler Stadtparlament gewählt. Im Juni untersagte ihm der Kasseler Polizeipräsident die Ausübung des Mandats.
Zinn und weitere aufrechte Demokraten versuchten, sich den Nationalsozialisten entgegenzustellen. Nach der Besetzung des sozialdemokratischen „Kasseler Volksblattes“ durch die Nationalsozialisten lagerten im Verlagsgebäude noch Pistolen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Da die Waffen nicht an die Nationalsozialisten fallen sollten, verkleideten sich Zinn und sein Freund Willi Goethe als Bauarbeiter und schafften es, die Waffen in Schubkarren unter alten Zementsäcken aus dem Gebäude zu entfernen und in der Fulda zu versenken.
Als Anwalt setzte sich Georg-August Zinn weiterhin gegen das Nazi-Regime ein. Er verteidigte unter anderem den Kasseler Bezirkssekretär der SPD und späteren Fraktionsvorsitzenden der SPD Hessen Rudolf Freidhof, der wegen „Greuelpropaganda“ angeklagt wurde, weil er auf Misshandlungen der SA hingewiesen hatte. Zinn und sein Bruder Fritz fotografierten die in Krankenhäusern liegenden, von der SA misshandelten Bürger in ihren Betten und legten die Aufnahmen dem Staatsanwalt vor, sodass das Verfahren gegen Freidhof eingestellt wurde.
Im Juli 1933 wurde Zinn mit einer Gruppe führender Sozialdemokraten unter dem Vorwurf, er gehöre zu den „ehemaligen Freunden Philipp Scheidemanns“, des früheren SPD-Reichskanzlers und Oberbürgermeisters Kassels, in „Schutzhaft“ genommen.
Nach seiner Freilassung musste er Durchsuchungen seiner Anwaltspraxis über sich ergehen lassen, außerdem wurde ihm verboten, als Verteidiger in politischen Prozessen aufzutreten. Dies führte zwar zu einem Rückgang der Anzahl seiner Klienten, hinderte Zinn aber nicht daran, sich weiterhin als Anwalt für Juden und „Zigeuner“ einzusetzen.
Aufsehen erregte auch eine von Zinn im Namen des früheren preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD) vor dem Landgericht erwirkte einstweilige Verfügung gegen den damaligen NSDAP-Gaupropagandaleiter und späteren Gauleiter Karl Gerland.
Nach der Verhaftung und den Repressalien der Nationalsozialisten – die Mutter Zinns war zwischenzeitlich ebenfalls inhaftiert worden – wurde Zinn vorsichtiger, hielt jedoch Kontakt zur Widerstandsgruppe Roter Stoßtrupp, zu deren Führungsstab auch sein jüngerer Bruder Karl gehörte. Nach dessen Verhaftung und Verurteilung durch den Volksgerichtshof zu sieben Jahren Haftstrafe gelang es Georg-August Zinn, auch während der Haftzeit engen Kontakt zu seinem Bruder zu halten. Mehrfach konnte er Kassiber in und aus dem Zuchthaus schmuggeln. Karl Zinn wurde im Januar 1939 aus der Haft entlassen; er blieb weiter unter der Beobachtung der Gestapo und wurde während dieser Zeit regelmäßig gemaßregelt. Er starb im Jahr 1943 in Berlin bei Aufräumarbeiten durch eine Bombe.
Im Jahr 1940 wurde Zinn zur Wehrmacht eingezogen, zuerst zu einer neunmonatigen vormilitärischen Ausbildung in einer Wehrmannschaft, die unter der Leitung der SA stattfand. Diese Ausbildung wurde im 21. Jahrhundert posthum in Zeitungsberichten und auf einer Tagung zur Vorstudie zur NS-Vergangenheit hessischer Landtagsabgeordneter als eine mögliche Belastung Zinns durch eine Einbindung in NS-Organisationen diskutiert. Den Sachverhalt stufte der Historiker Hans-Peter Klausch auf einer Historikertagung als keinen den ehemaligen Ministerpräsidenten belastenden Faktor ein. Zu dieser Zeit, so Klausch, hätten „Hunderttausende diese vormilitärische Ausbildung durchlaufen“.