Marie-Geneviève-Charlotte Thiroux d’Arconville, geborene d’Arlus, genannt Geneviève Thiroux d’Arconville (* 17. Oktober 1720 in Paris; † 23. Dezember 1805 ebenda) war eine französische Schriftstellerin, Übersetzerin und Naturforscherin. Als Forscherin auf dem Gebiet der Chemie wurde sie für ihre Studien über Fäulnisprozesse bekannt. Ihre Arbeiten stellten Grundlagenforschung zu Zersetzungsprozessen dar. Die Ergebnisse stellte sie 1766 in dem Essai pour servir à l’histoire de la putréfaction („Aufsatz über die Geschichte der Fäulnis“) vor. Sie veröffentlichte zudem, durchweg anonym, zahlreiche philosophische, literarische und historische Schriften sowie Übersetzungen. Weitere Manuskripte, die sie in zwölf Bänden hatte zusammenstellen lassen, galten lange Zeit als verloren und wurden erst 2007 wiederentdeckt. Seitdem ist eine umfangreiche Literatur über die Autorin entstanden.
Marie-Geneviève-Charlotte d’Arlus wurde am 17. Oktober 1720 als Tochter von Françoise Gaudicher und André Guillaume d’Arlus (auch Darlus) geboren. Sie hatte eine Schwester, Marie Angélique, die später Denis-François Angran d’Alleray, den letzten Seigneur von Vaugirard heiratete. Ihr Vater war ein wohlhabender Steuerpächter (Fermier général). Die Mutter starb, als Geneviève d’Arlus viereinhalb Jahre alt war; erzogen wurde sie danach von einer Gouvernante, von der sie in ihrer unveröffentlichten Autobiografie sagte: „une gouvernante incapable de m’élever“ (dt.: „eine Gouvernante, die unfähig war, mich aufzuziehen“). Wie ihr Neffe Pierre Bodard de la Jacopière schrieb, beschränkte sich ihre Erziehung zunächst auf die häuslichen Pflichten der Frau, nach eigenen Angaben lernte sie erst mit acht Jahren lesen. Mit vierzehn Jahren wurde sie bereits mit Louis-Lazare Thiroux d’Arconville verheiratet, einem wohlhabenden Juristen, Rat am Parlement de Paris und späterem Vorsitzenden einer Berufungskammer (Chambre des Enquêtes). Die drei Söhne des Paares wurden 1736, 1738 und 1739 geboren. Der älteste Sohn Louis Thiroux de Crosne wurde Richter und Intendant der Normandie und Lothringens, später Polizeipräsident von Paris (Lieutenant Général de police); 1794 starb er unter der Guillotine. Die beiden anderen Söhne, Louis Lazare Thiroux de Gervillier und Charles Thiroux de Mondésir, schlugen eine militärische Laufbahn ein.
Gemäß ihrem ersten Biografen Hippolyte de La Porte soll sie zunächst sehr lebenslustig gewesen sein und ein aktives gesellschaftliches Leben geführt haben. Er erzählt die Anekdote, dass sie nicht weniger als elfmal hintereinander Aufführungen der Mérope von Voltaire besucht habe, weil sie das „Spektakel“ so geliebt habe. Dies habe sich aber geändert, nachdem sie im 22. oder 23. Lebensjahr schwer an Pocken erkrankt sei und ihr entstellende Narben geblieben seien. Sie habe sich nunmehr wie eine viel ältere Frau gekleidet und öffentliche Auftritte vermieden. Stattdessen habe sie sich weitgehend intellektuellen Studien und Vergnügungen zugewandt. Élisabeth Bardez, eine heutige Biografin, meldet jedoch an dieser Beschreibung gewisse Zweifel an und verweist auf Passagen bei De La Porte, die einen anderen Eindruck erwecken, so etwa: „Die Freuden der Jugend lagen ihr sehr am Herzen, und man ist ganz überrascht zu erfahren, dass eine Frau, die sich der Wissenschaft widmete, so gern kleine fröhliche Bälle veranstaltete – ganz in der Nähe ihres Schlafzimmers, wo auf ihrem Bett ein Skelett zum Zweck des Studiums und der Demonstration der Anatomie lag.“
Ausbildung und wissenschaftliche Tätigkeit
Jedenfalls begann d’Arconville sich autodidaktisch akademisch fortzubilden. Dazu gehörte das Studium von Englisch, Latein, Italienisch und Deutsch. Sie erreichte einen Wissensstand, der trotz der schlechten Ausbildung in ihrer Kindheit weit über dem Wissensstand von Frauen ihres Jahrhunderts lag. Sie etablierte regelmäßige Kontakte mit zahlreichen führenden Literaten, Wissenschaftlern und Historikern, darunter Voltaire, Diderot, Condorcet, Turgot, Malesherbes, Lavoisier, Jean-Baptiste Louis Gresset, Jean-Baptiste de La Curne de Sainte-Palaye, François Poulletier de la Salle, Pierre-Joseph Macquer und Antoine François de Fourcroy. Bodard schrieb bewundernd, dass sie trotz ihrer so eingeschränkten Erziehung all ihre geistigen Kräfte auf die Wissenschaft konzentrierte und, da sie das alles aus eigenem Entschluss und aus eigenen Mitteln tun musste, mit Recht sagen konnte, „dass sie selbst ihr eigenes Werk war“. De La Porte rühmte ihren Geist und Charakter in Gesprächen und merkte an, dass sie wie alle Personen, die diese Qualitäten in großem Umfang besitzen, dazu neigte, eine gewisse Dominanz auszuüben – freilich nie im Übermaß und gemildert durch ihre Güte und Großzügigkeit.
Ab Anfang der 1740er Jahre besuchte sie im Jardin des Plantes Kurse über Physik, Anatomie, Botanik, Naturgeschichte und Chemie, die, von der Monarchie finanziert, kostenlos angeboten und meist auf Französisch, nicht auf Latein gehalten wurden. Es gab für die Kurse keine Prüfungen und Diplome. Da es keine formale Bildung für Frauen gab, boten ihr diese Kurse die Möglichkeit, die Naturwissenschaften bei prominenten Wissenschaftlern zu studieren. Insbesondere studierte sie Chemie bei Guillaume-François Rouelle, der bei seinen Schülern wegen seiner unterhaltsamen Vorlesungen beliebt war. Andere Frauen, die die Bildungsangebote im Jardin des Plantes nutzten, waren Madame Roland und Félicité de Genlis.
Neben dem Erwerb von Wissen konnte Geneviève Thiroux d’Arconville im Jardin des Plantes Kontakte und Freundschaften mit anderen Wissenschaftlern, Schriftstellern und Philosophen knüpfen, die sich auf ihre wissenschaftlichen Schriften auswirkten. Sie hatte rege soziale und wissenschaftliche Kontakte mit Lavoisier und Fourcroy sowie mit dem Arzt Pierre-Joseph Macquer, bei dem sie studierte und mit dem sie korrespondierte. Mit dem Entdecker des Cholesterins, François Poulletier de la Salle, korrespondierte sie über Aspekte der Fäulnis. Durch diese Bekanntschaften schuf sie sich ein „privates Forschungsteam“, das sie bei der Übersetzung und Korrektur von Shaws und Monros Werken und der Abfassung ihres eigenen Essai pour servir à l’histoire de la putréfaction unterstützte.
Nach eigener Aussage führte ihr Interesse an Chemie sie zu den verwandten Gebieten der Landwirtschaft und besonders der Botanik. Mit dem Botaniker des Jardin des Plantes, Bernard de Jussieu, studierte sie Pflanzen und organische Chemie. Seine Methode zur Klassifizierung von Pflanzen war für ihre Studien sehr hilfreich. Durch Jussieus Großzügigkeit konnte sie ihr Arboretum in ihrem Landhaus in Crosne, einem Vorort von Paris, mit exotischen Pflanzen bereichern, deren Verwesung sie beobachtete. In ihrem Arboretum stellte sie fest, dass in Pflanzenwurzeln bestimmte Substanzen vorhanden waren, die die Fäulnis behinderten. Bei ihren Experimenten fand sie jedoch, dass diese Wirkungen im Vergleich zu Metallsalzen und Harzen eher schwach waren. Eine Ausnahme stellte, wie sie schrieb, die Myrte dar, deren Pflanzensaft im Experiment die Zersetzung von Fleisch mehr als sechs Monate lang verhinderte. Ihre Untersuchungen über die Pflanzenzersetzung veranlassten sie zu allgemeineren Studien in Chemie.
Ihre medizinischen Studien betrieb sie unter anderem gemeinsam mit Jean-Baptiste Sénac, dem Leibarzt von König Ludwig XV., und ihrem Lehrer Pierre-Joseph Macquer. Macquer, der das Dictionnaire de Chimie geschrieben hatte, förderte ihre wissenschaftliche Arbeit und stellte sie der wissenschaftlichen Gemeinschaft von Paris vor, darunter wichtigen Wissenschaftlern des 18. Jahrhunderts. Macquer, den sie als Mentor und Ausbilder ansah, widmete sie ihr Essai pour servir à l’histoire de la putréfaction.
Für ihre Forschungen richtete Thiroux d’Arconville in Paris und Meudon Laboratorien ein, in denen sie Experimente durchführte, um die Fäulnis zu studieren. Innerhalb von zehn Jahren, zwischen 1754 und 1764, führte sie eine Serie von etwa dreihundert Experimenten zur menschlichen Galle und zur Konservierung von Fleisch durch, bei denen sie 32 Klassen von Konservierungsmitteln, einschließlich Mineralsäuren und Basen, erprobte. Jeden Zustand des Zerfalls ihrer Proben erfasste sie sorgfältig unter Berücksichtigung von Zeit, Temperatur und Wetter. Bei der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse fügte sie zehn großformatige Tabellen bei, die in absteigender Folge die Wirksamkeit der unterschiedlichen Konservierungsmittel aufzeigten. Dabei führte sie im Gegensatz zu Herman Boerhaave und John Pringle auch aus, dass Fäulnisprozesse sowohl im Tier- als auch im Pflanzenleben eine Rolle spielen. Bei der Veröffentlichung ihres Buches ergänzte sie noch die jüngste französische Übersetzung der Arbeiten von David Macbride, der ebenfalls zu dieser Thematik forschte.