Gaspare Pacchierotti (auch Gasparo, und Pacchiarotti; getauft am 21. Mai 1740 in Fabriano (Ancona); † 28. Oktober 1821 in Padua) war ein italienischer Opernsänger und Kastrat (Sopran). Er hatte eine internationale Karriere, die ihn bis nach London führte, und war einer der letzten ganz großen Kastraten.
Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Einer seiner Vorfahren soll der Renaissance-Maler Jacopo del Pecchia, genannt „Pacchierotto“, aus Siena gewesen sein. Laut Zanatta ist bekannt, dass Gaspare vor seinem 12. Lebensjahr kastriert wurde.
Vermutlich hatte er Unterricht an der Kathedrale von Forlì oder mit Ferdinando Bertoni am Markusdom in Venedig. Seine Stimme soll anfänglich zwar füllig gewesen sein und einen Umfang bis c′′′ gehabt haben, aber etwas unstabil und nasal. Daher sang er zunächst nur secondo-Partien und musste viel Fleiß und Übung darauf verwenden, seine Gesangstechnik zu perfektionieren.
Sein Operndebüt hatte Pacchierotti mit 19 Jahren im Teatro dei Nobili in Perugia in Baldassare Galuppis Le nozze di Dorina in einer Frauenrolle (wie üblich bei Kastraten).
In Venedig trat er am 28. Februar 1765 für drei Jahre eine Solistenstelle am Markusdom an und sang im selben Jahr in Innsbruck bei der Hochzeit von Peter Leopold von Habsburg-Lothringen mit der spanischen Infantin Maria Luisa die kleine Partie des Acronte in Romolo ed Ersilia von Johann Adolph Hasse. Die Stars dieser Aufführung waren der Kastrat Gaetano Guadagni und die Sopranistin Anna De Amicis.
In Venedig sang Pacchierotti 1766 den Ulisse am Teatro San Giovanni Grisostomo (1766) in Florian Gassmanns Oper Achille in Sciro. Im Jahr 1769 sang er zum ersten Mal eine primo-uomo-Partie am Teatro San Benedetto, als er für den erkrankten Guadagni (oder Guarducci?) einsprang, und wurde für seine Leistung sehr bewundert. Bei der Oper handelt es sich wahrscheinlich um Galuppis Il re pastore (UA: 17. Juli 1769).
Laut Ferris war Pacchierotti, im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen, ein sehr bescheidener und zurückhaltender Mensch, weshalb man über sein Privatleben nur wenig wisse.
Als er (in Venedig 1765 ?) einige Aufführungen neben der berühmten Primadonna Caterina Gabrielli zu singen hatte, und nachdem sie ihre erste Bravourarie gesungen hatte, soll der Sopranist in eine Art Panik ausgebrochen sein, aus Furcht, er habe keine Chance gegen sie. Daher flüchtete er hinter die Kulissen, und rief: „Povero me, povero me! Questo é un portento!“ („Ich Armer, ich Armer! Das ist ein Wunder!“). Nur mit Mühe soll man ihn dazu gebracht haben, auf die Bühne zurückzukehren, aber als er schließlich doch sang, war die Gabrielli selber von seinem Gesang ganz hingerissen.
1770 verließ Pacchierotti die Lagunenstadt und folgte einem Ruf als primo uomo nach Palermo. Es heißt, die damals berühmte Primadonna Anna De Amicis (die ihn schon als secondo uomo kannte) habe ihn zunächst nicht als primo uomo akzeptieren wollen, änderte jedoch ihre Meinung von „Verachtung zu ehrlicher und herzlicher Bewunderung“, nachdem sie mit ihm gesungen und ihn gehört hatte. Die De Amicis wurde dann für mehrere Jahre seine Bühnenpartnerin am Teatro San Carlo von Neapel, wo er 1771 zum ersten Mal in Jommellis Ifigenia in Tauride sang. Am selben Theater folgten bis 1776, immer neben Anna De Amicis, Auftritte unter anderem in Pasquale Anfossis Nitteti (UA: 13. August 1771), Ezio von Antonio Sacchini (UA: 4. November 1771) und Alessandro nell’Indie von Niccolò Piccinni (UA: 12. Januar 1774). Der böhmische Komponist Josef Mysliveček wirkte ebenfalls während dieser Zeit in Neapel und komponierte für Pacchierotti die männlichen Hauptrollen in seinen Opern Romolo ed Ersilia (UA: 13. August 1773), und Ezio (30. Mai 1775)
Während dieser Zeit hatte Pacchierotti außerdem Auftritte in Bologna in Bertonis Olimpiade (Karneval 1773), am Hoftheater von Neapel in Glucks Orfeo (Karneval 1774), und war auch in Mailand am Regio Ducal Teatro (Karneval 1775).
1776 verließ er Neapel für immer und trat danach zunächst in Rom und Florenz auf. Im selben Jahr sang er in Forlì die Rolle des Arbace in Metastasios Artaserse (Komponist: Bertoni ?), und rührte in einer Szene, in der er freiwillig anstelle seines (Bühnen-)Vaters in den Tod gehen musste, mit seinem ausdrucksvollen Gesang das ganze Publikum und das Orchester so sehr, dass die Musiker ihren Einsatz vergaßen. Als er den Dirigenten aufforderte zu spielen, antwortete dieser: „Ich weine, O Signore…“.
Pacchierotti hatte auch die Ehre, bei der Eröffnung der Mailänder Scala am 3. August 1778 als primo uomo mitzuwirken, in der Rolle des Asterio in Antonio Salieris L' Europa riconosciuta.
Danach begab er sich zum ersten Mal nach London, wo er einen durchschlagenden Erfolg hatte, unter anderem als Arbaces in Bertonis Artaserse (UA: 23. Januar 1779), und als Aeneas in Enea e Lavinia von Antonio Sacchini (UA: 25. März 1779). In beiden Opern sang er neben Antonia Bernasconi und dem Bass Valentin Adamberger. Er avancierte zum Publikumsliebling und gab bis 1791 noch mehrere Gastspiele in England (siehe auch die Opernliste unten). Aus seiner Londoner Zeit sind einige gute Beschreibungen seiner Gesangskunst erhalten. Die gesamte Familie von Charles Burney war von Pacchierottis Gesang hingerissen und Susan Burney schrieb an Fanny über seinen Auftritt in Sacchinis Oper Rinaldo: „...Pacchierotti hat mich bezaubert, nicht nur in seinen Arien, sondern auch mit jedem Wort in den Rezitativen.“ Über seinen spektakulären Stimmumfang und seine Verzierungskunst schrieb sie später:
1780–1781 war er wieder in Italien, um im Teatro San Benedetto in Venedig als Rinaldo in Bertonis Armida abbandonata (UA: 26. Dezember 1780), und in Giuseppe Sartis Oper Giulio Sabino zu singen (UA: Januar 1781).
Es folgte von 1782 bis 1784 sein zweites Londoner Engagement, mit Auftritten in Venanzio Rauzzinis L’eroe cinese (UA: 16. März 1782) und Creusa in Delfo (UA: 29. April 1783), sowie in Bertonis Cimene (UA: 7. Januar 1783) und in Pasquale Anfossis Issipile (UA: 8. Mai 1784). Er wirkte in London 1784 auch bei einem Händel-Konzert mit, bei dem Auszüge aus den Oratorien Joshua und Israel in Egypt erklangen.
Zurück in Venedig, arbeitete er ab Ende 1784 in den folgenden Jahren häufig mit dem Komponisten Francesco Bianchi (1752–1810) zusammen, der für ihn Hauptrollen in mehreren seiner Opern schrieb: Il disertore (UA: 26. Dezember 1784), Alessandro nell’Indie (UA: 28. Januar 1785), L’orfano cinese (UA: 30. Januar 1787), La morte di Cesare (UA: 27. Dezember 1788) und Daliso e Delmita (UA: 12. Juni 1789).
1786 sang er in Paris vor Königin Marie Antoinette, die zu ihm sagte: „Wenn Eure Londoner Pflichten beendet sind, Pacchierotti, erinnert Euch, dass Ihr dann unser seid. In drei Jahren sehen wir uns wieder“. Wegen des Ausbruchs der Französischen Revolution kam es jedoch nicht dazu.
Bei seinem letzten London-Aufenthalt 1791 sang er neben Gertrud Elisabeth Mara noch einmal eine seiner Glanzrollen, die Titelpartie in Ferdinando Bertonis Quinto Fabio, und außerdem die männlichen Hauptrollen in Sacchinis Armida und in Sartis Idalide. Er lernte auch Joseph Haydn kennen, der ihn bei Aufführungen seiner Kantate Arianna a Naxos, persönlich begleitete.