Gary Leon Ridgway (* 18. Februar 1949 in Salt Lake City, Utah) ist ein US-amerikanischer Serienmörder aus Seattle. Er wurde im Jahre 2003 wegen 48 gestandener Morde an Frauen zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Jahre 2011 gestand er einen 49. Mord. Er wurde unter dem Namen Green River Killer bekannt, da er seine ersten Opfer vornehmlich im oder in der Nähe des Green River deponierte.
Seiner Verhaftung war eine der umfangreichsten und langwierigsten Ermittlungen in der Geschichte der USA vorangegangen.
Ridgway wurde als zweiter von drei Söhnen in Salt Lake City geboren. Zu seiner dominanten Mutter fühlte er sich von früh an hingezogen, weniger zu seinem Vater, einem Busfahrer. Die Eltern stritten bisweilen gewalttätig. Andererseits wusch die Mutter dem folgsamen Sohn die Genitalien, wenn er bis ins frühe Teenageralter das Bett genässt hatte. Ereignisse wie diese erregten Ridgway und stießen ihn gleichermaßen ab. Seine Mutter soll sich in der Öffentlichkeit frei und ungeniert gezeigt haben. Bei Bustouren durch den Strip, ein Prostituiertenviertel, soll der religiös-konservativ geprägte Vater gegenüber dem Sohn seine Abneigung gegen den ihn umgebenden „Abschaum“ geäußert haben. Gleichwohl verkehrte er mit Prostituierten.
Mit elf Jahren lebte Ridgway in SeaTac, einem Außenbezirk von Seattle im Bundesstaat Washington nahe dem Flughafen, einer Gegend, in die es viele zog, weil die Immobilienpreise niedrig waren und – unterbezahlte – Arbeitsstellen zur Verfügung standen. Spielbanken, billige Motels und Bordelle, Anziehungspunkte für Prostituierte, Drogenhändler, Kleinkriminelle und Ausreißer prägten das Bild des Stadtviertels. Mit 16 Jahren machte Ridgway erste Gewalterfahrungen: Er stach einen Sechsjährigen mit einem Messer nieder und lief anschließend lachend davon. Die Tat blieb ungeahndet. Ansonsten galt er als durchschnittlicher Teenager mit unterdurchschnittlichen Schulleistungen. Talent hatte er im American-Football-Spiel und war sozial unter Gleichaltrigen gut eingebunden. Er galt als freundlich und wenig eloquent. Gerne veranstaltete er im lokalen Jugendclub Partys und näherte sich Mädchen an.
Als junger Mann arbeitete er in einer Lastwagenfabrik und leistete seinen Militärdienst bei der U.S. Navy. Ein Jahr später, im Jahr 1970, heiratete er. Das Ehepaar zog nach San Diego, wo Ridgway stationiert war. Seine Frau blieb längere Zeit allein, wenn Ridgway mit der Navy im Südpazifik weilte. Beide gingen Affären ein, wobei Ridgway die seiner Frau nicht duldete. Die Ehe wurde geschieden; 1973 heiratete Ridgway erneut. Seine zweite Ehefrau gab später zu Protokoll, Ridgway habe sie als Sexobjekt und Haushälterin betrachtet, Sex sei häufig im hohen Gras des nahe gelegenen Green River ausgeübt worden. Die Geburt eines Sohnes im Jahr 1975 ließ Ridgway sich einem religiös geprägten Lebensabschnitt zuwenden. Er las die Bibel und wandte sich den Baptisten, später der Pfingstbewegung zu. Gleichzeitig ging er seinen Gewaltfantasien nach. Unvermittelt würgte er seine Frau bis zur Bewusstlosigkeit und integrierte die Praxis in Sexspiele. 1981 wurde auch diese Ehe geschieden. Nun lebte er seine sexuellen Bedürfnisse hemmungslos aus. Später sagte er den Behörden: „Wenn ich meine zweite Frau umgebracht hätte, hätte ich niemals je eine weitere Frau getötet.“
Mehr als ein Jahr nach seiner Scheidung begann Ridgway eine der größten Mordserien in der Geschichte der USA. Dazu fuhr er mit seinem Wagen durch die Straßenstriche rund um Seattle und lud Prostituierte und Ausreißerinnen auf seinen Pick-up, um mit ihnen entweder zu sich nach Hause oder zu Lieblingsplätzen im Wald rund um den Green River zu fahren, an denen er Geschlechtsverkehr mit ihnen hatte. Anschließend ermordete er sie nach dem häufig gleichen Muster: Von hinten legte er ihnen überraschend den Arm um den Hals und würgte sie zu Tode. Danach verging er sich an der Leiche. Diverse Taten verübte er in seinem Schlafzimmer und verwischte die Spuren schnell. Die Leichen brachte er in die Wälder rund um den Green River oder andere abgelegene Plätze. Nachts kehrte er häufig zurück, um erneut Geschlechtsverkehr mit den toten Frauen auszuüben oder ihre Körper zu verstümmeln. Schmuck, den er den Frauen abgenommen hatte, legte er dann bisweilen an seinem Arbeitsplatz aus, wobei es ihn reizte, wenn Kolleginnen diesen an sich nahmen und ihn trugen. Er soll zum Verkauf auch Garagenflohmärkte veranstaltet haben. Ridgways Wesen soll auf die Frauen unbedarft, geradezu harmlos gewirkt haben, weshalb sie grundsätzlich Vertrauen zu ihm hatten. Selbiges verstärkte sich insofern, als er zu seinem Sohn eine intensive Beziehung aufbaute und ihn jedes zweite Wochenende zu sich nahm oder bei den nächtlichen Fahrten mit den Frauen mitnahm. Die Spielsachen im Haus wirkten auf die weiblichen Gäste einladend und beruhigend.
Ridgway bevorzugte keinen besonderen Frauentyp. Erheblich war nur, dass er sie als „Abfall“ betrachten konnte. Das jüngste bestätigte Opfer war 14, das älteste 38 Jahre alt, darunter Schwarze, Weiße jeglicher Haarfarbe, Lateinamerikanerinnen, Dicke, Dünne, Große und Kleine ohne besondere Präferenz. Ridgway gab an, so viele Frauen ermordet zu haben, dass er sich unmöglich an alle erinnern könne. Die höchsten Schätzungen belaufen sich auf über 71 vermutete Opfer. 49 Morde wurden bestätigt.
Leichenfunde und Green River Task Force
Am 15. Juli 1982 fanden Kinder die Leiche der sechzehnjährigen Ausreißerin Wendy Lee Coffield im Green River treibend. Sie war erwürgt worden. Die Polizei nahm an, dass es sich hierbei um ein Opfer häuslicher Gewalt handelte. Vom 12. bis zum 15. August wurden vier weitere Frauenleichen im oder in der Nähe des Green River gefunden. Nun kam der Polizei der Verdacht, es mit einem Serienmörder zu tun zu haben. Die Untersuchungen leitete Dave Reichert vom King County Sheriff's Office. Ridgway war als Kunde des Straßenstrichs dort bereits bekannt, da er von einer Undercover-Beamtin des Freiertums überführt war. Anhand seiner Kreditkartenabrechnung konnten sie in Erfahrung bringen, dass er einen enormen Benzinverbrauch hatte. Während dieser Jahre soll Ridgway öfter seinen Pick-up gewechselt haben, um nicht aufzufallen. Nachdem am 30. April 1983 die 18-jährige Prostituierte Marie Malvar verschwunden war, identifizierte deren Freund den Pick-up Ridgways als denjenigen, in den sie auf dem Pacific South Highway zuletzt eingestiegen war. Ridgway bestritt, mit ihr Kontakt gehabt zu haben, registrierte jedoch im Zusammenhang mit den Leichenfunden erstmals den Arm der Justiz. Am 20. November 1983 gab die Polizei bekannt, dass 11 Frauen, die man im South King County tot aufgefunden hatte, von demselben Mann ermordet worden seien.
Am 16. Januar 1984 berief das Kings County Sheriff's Office die größte Task-Force seit dem Fall Ted Bundy ins Leben. Sie bestand aus Personen vom Port of Seattle Police Departement, vom Seattle Police Departement, vom Pierce County Sheriff's Office, von der Washington State Patrol, vom FBI und der Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Washington, Green River Task Force genannt. Über Jahre versuchte sie, Beweise gegen die mehr als 12.000 Verdächtigen zu sammeln, ließ die besonders gefährdeten Orte überwachen, sammelte jedes Indiz vom Fundort der Leichen und katalogisierte es, jedoch meist erfolglos.
Am 2. April 1984 wurden fünf weitere skelettierte Überreste von Frauen gefunden. Die Anzahl der Opfer wurde offiziell mit 20 angegeben, die Dunkelziffer auf 30 geschätzt. Am 20. April 1984 wurden nochmals Überreste von zwei Körpern gefunden, darunter die der 36-jährigen Amina Agisheff, die zuletzt im Jahr 1982 in Seattle gesehen worden war. Sie wurde nur am Rande mit den anderen Morden in Verbindung gebracht. Im Mai 1984 meldete sich der aufgrund seiner Straßenstrichpräsenz bereits aktenkundige Ridgway bei der Green River Task Force und absolvierte freiwillig einen Lügendetektor-Test, den er problemlos bestand. Am 29. November 1984 meldete sich die Prostituierte Rebecca Garda Guay bei der Polizei und sagte aus, sie sei von Ridgway während einer „Verabredung“ gewalttätig attackiert worden. Er habe sie gewürgt, doch sie konnte fliehen. Ridgway bestritt dies nicht, behauptete aber, sie habe ihm während des Oralsexes in den Penis gebissen und er habe sich gewehrt. Im Dezember 1984 gab die Polizei die Zahl der Opfer mit 42 an. Mittlerweile hatte sich sogar Ted Bundy, ebenfalls berüchtigter Frauenmörder, mit einem Brief an die Task-Force gewandt, in dem er ein psychologisches Profil des Green-River-Mörders entworfen hatte. Am 6. Februar 1986 durchsuchte die Polizei ergebnislos ein Haus in der Nähe des Seattle-Tacoma International Airport. Während des Jahres 1986 geriet die Green River Task Force immer mehr unter Beschuss der Öffentlichkeit, die eine schnelle Verhaftung des Täters forderte. Den Beamten wurde vorgeworfen, dass, wenn die Opfer nicht aus der untersten sozialen Schicht kämen, sich die Polizei engagierter mit dem Fall befasst und den Mörder längst gefasst hätte.