Garri Kimowitsch Kasparow (russisch Га́рри Ки́мович Каспа́ров, wiss. Transliteration Garri Kimovič Kasparov, kroatisch Gari Kimovič Kasparov, * 13. April 1963 als Garik Weinstein in Baku, Aserbaidschanische SSR, Sowjetunion) ist ein sowjetischer bzw. russischer Schachweltmeister und Schachbuchautor armenischer und jüdischer Abstammung. Er wuchs in Aserbaidschan auf. 2014 nahm er die kroatische Staatsbürgerschaft an.
Kasparow war von 1985 bis 1993 offizieller Weltmeister des Weltschachbundes FIDE. Nachdem er sich 1993 von dieser Organisation im Streit getrennt hatte, blieb er noch bis 2000 der vom Großteil der Schachwelt anerkannte Träger dieses Titels. Am 10. März 2005 beendete Kasparow, an der Spitze der Weltrangliste stehend, offiziell seine professionelle Schachkarriere. Er gilt als einer der stärksten Spieler der Schachgeschichte.
Seit dem Rückzug vom Schach ist Kasparow als russischer Oppositionsaktivist tätig. Er war Vorsitzender der Vereinigten Bürgerfront und gründete unter anderem das oppositionelle Bündnis „Das andere Russland“, das mit der Begründung, es handele sich um keine Partei, nicht zu den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2007/2008 zugelassen wurde. Am 13. Dezember 2008 gründete er zusammen mit Boris Nemzow die außerparlamentarische Oppositionsbewegung Solidarnost.
Im Juni 2013 erklärte er, Russland für die weitere Zukunft aus Angst vor Verfolgung verlassen zu haben. Nach seiner Flucht lebte er mit seiner Familie in New York City in den USA. 2014 erlangte er die kroatische Staatsbürgerschaft und unterhält seitdem einen Wohnsitz in Podstrana nahe Split.
Kasparow wurde am 13. April 1963 als Garik Weinstein in Baku geboren. Seine Mutter Klara Schagenowna Kasparjan (1937–2020) war Armenierin und stammte aus Bergkarabach.
Sie war Musiklehrerin. Sein jüdischer Vater Kim Moissejewitsch Weinstein (1931–1971) spielte Violine und war der Bruder des aserbaidschanischen Komponisten Leonid Weinstein. Beide Eltern hatten Hochschulbildung und ließen ihren Sohn bereits frühzeitig eine Atmosphäre von Intellekt und Bildung genießen.
Als Fünfjähriger lernte Kasparow, dessen Muttersprache Russisch ist, von seinem Vater die Schachregeln. In Kasparows eigenen Worten: „Ich hatte noch nie Schach gespielt, aber ich sah gespannt zu, wie sie sich abmühten […] und schließlich resigniert aufgaben. Am nächsten Morgen zeigte ich ihnen den zur Lösung führenden Zug.“ Ab dem siebten Lebensjahr erhielt Garik Weinstein im Palast der Jungpioniere in Baku regelmäßig Schachunterricht.
1971 starb sein Vater im Alter von 39 Jahren an einem malignen Lymphom. Als Kasparow zwölf Jahre alt war, änderte die Mutter seinen Namen von Weinstein in Kasparow, die russifizierte Variante ihres Mädchennamens Kasparjan (armenisch Գասպարյան).
Mit zehn Jahren kam er in die Schachschule des dreimaligen Schachweltmeisters Michail Botwinnik. Dieser wurde Kasparows Schach-Ziehvater und zugleich Vorbild, Trainer und Kritiker. 1976 und 1977 wurde er Juniorenmeister der Sowjetunion. Mit 15 Jahren übernahm Kasparow in der Schachschule schon eine Art Assistentenfunktion und erhielt als Auszeichnung eine Ehrenurkunde des Präsidenten des Obersten Sowjets der Aserbaidschanischen SSR.
1979 erhielt Kasparow den Titel Internationaler Meister. Bereits 1980 erhielt der damals 17-Jährige den Titel eines Großmeisters, noch im selben Jahr gewann er in Dortmund überlegen die Jugend-Weltmeisterschaft. Der einflussreiche aserbaidschanische Politiker Heydər Əliyev förderte Kasparow ab 1979.
Der Russe Anatoli Karpow hatte 1975 den Amerikaner Bobby Fischer als Schachweltmeister abgelöst. Der sowjetische Schachverband erwartete, dass die übrigen sowjetischen Schachgroßmeister Karpow in seinen weiteren Weltmeisterschaftkämpfen unterstützten, aber nicht gegen ihn anträten. Dem widersetzte sich der junge Garri Kasparow. Er weigerte sich, seine Schachanalysen Anatoli Karpow für dessen Weltmeisterschaftskampf 1981 gegen Viktor Kortschnoi zur Verfügung zu stellen. Um Kasparow im darauf folgenden Weltmeisterschaftszyklus an der Herausforderung des Weltmeisters Karpow zu hindern, verweigerte man ihm 1983 wegen angeblicher Sicherheitsbedenken die Ausreise zum Match im Kandidatenturnier gegen Viktor Kortschnoi. Damit war Kasparow aus dem Kandidatenturnier zur Herausforderung des Weltmeisters ausgeschieden. Kortschnoi wollte aber nicht kampflos weiterkommen und schlug daher ein neu zu vereinbarendes Match gegen Kasparow vor. Dieses Match kam zustande und wurde von Kasparow überzeugend gewonnen. Damit war der Weg frei für die Weltmeisterschaftskämpfe gegen Anatoli Karpow.
Kasparow qualifizierte sich in den Kandidatenkämpfen 1983/84 in überzeugender Manier als Herausforderer des Weltmeisters. Im Viertelfinale schlug er in Moskau Alexander Beliavsky mit 6:3, im Halbfinale in London Viktor Kortschnoi mit 7:4 und im Finale in Vilnius Ex-Weltmeister Wassili Smyslow mit 8,5:4,5. Kasparows Wettkampf gegen Anatoli Karpow um die Schachweltmeisterschaft 1984 begann am 10. September 1984 in Moskau. Gespielt wurde nach dem Modus, der seit der Weltmeisterschaft 1978 üblich war: Weltmeister sollte werden, wer zuerst sechs Partien gewonnen hatte, Remispartien zählten nicht. Nachdem Karpow mit 4:0 Siegen in Führung gegangen war, wechselte Kasparow seine Wettkampftaktik. Anstatt weiter ungestüm und erfolglos anzugreifen, spielte er auf Remis und wollte möglichst lange standhalten. Karpow schaffte nach einer langen Remisserie den fünften Sieg, doch dann machten sich Erschöpfungserscheinungen beim Weltmeister bemerkbar. Er baute körperlich wie psychisch immer mehr ab, verlor 11 Kilogramm Gewicht und musste mehrmals ins Krankenhaus eingeliefert werden, während Kasparow fit blieb.
Kasparow verkürzte den Rückstand innerhalb weniger Partien auf 3:5, ehe das Match am 15. Februar 1985 nach 48 Partien mit über 300 Spielstunden ergebnislos abgebrochen wurde. Der Abbruch erfolgte unter bis heute ungeklärten Umständen durch den damaligen FIDE-Präsidenten Florencio Campomanes, der ihn offiziell mit „Rücksichtnahme auf die Gesundheit beider Spieler“ begründete. In seiner Autobiografie Politische Partie von 1987 beschuldigte Kasparow Campomanes, seinen Kontrahenten Karpow und die Schachverantwortlichen der UdSSR des Komplotts gegen ihn. Gleichzeitig gab er aber zu, dass seine Chancen auf den Titel durch den ergebnislosen Abbruch erheblich gestiegen seien. Die FIDE setzte für den Oktober 1985 wiederum in Moskau eine Wiederholung des Wettkampfes unter verändertem Modus an. Die Anzahl Partien war auf 24 begrenzt, Sieger sollte sein, wer als erster 12,5 Punkte erzielte, wobei Remispartien mitzählten. Ein Ergebnis von 12:12 sollte als Titelverteidigung des Weltmeisters gelten. In diesem zweiten WM-Kampf 1985 siegte Kasparow mit 13:11. Damit wurde er am 9. November 1985 der 13. und mit 22 Jahren jüngste Weltmeister der Schachgeschichte.
Garri Kasparow verteidigte seinen WM-Titel in drei weiteren Begegnungen mit Karpow: 1986 kam es in London (die ersten 12 Partien) und Leningrad (die letzten 12 Partien) zu einem Revanchewettkampf, nachdem die FIDE überraschend das 1963 abgeschaffte Revancheprivileg des Weltmeisters wieder eingeführt hatte. Kasparow verteidigte seinen Titel mit 12,5:11,5. 1987 spielten die beiden Kontrahenten ihren Wettkampf in Sevilla: Mit einem Sieg in der 24. Partie gelang Kasparow ein 12:12 und durch den Gleichstand die Titelverteidigung. 1990 war Karpow über die Kandidatenkämpfe erneut qualifiziert. Den je zur Hälfte in New York City und Lyon ausgetragenen Wettkampf gewann Kasparow mit 12,5:11,5.
1993 kam es zu Streitigkeiten zwischen Kasparow und der Weltschachorganisation FIDE, die ihm den WM-Titel daraufhin entzog. Kasparow gründete im Anschluss daran mit dem als Herausforderer qualifizierten Großmeister Nigel Short den neuen Verband Professional Chess Association (PCA) und gewann die PCA-Schachweltmeisterschaften 1993 in London gegen Nigel Short (6 Siege, 1 Niederlage, 13 Unentschieden) und 1995 in New York City gegen Viswanathan Anand (4 Siege, 1 Niederlage, 13 Unentschieden).