Garegin Arakel Jeghischei Ter-Harutjunjan (armenisch Գարեգին Առաքել Եղիշեի Տեր-Հարությունյան, genannt Garegin Nschdeh, armenisch Գարեգին Նժդեհ, englisch Garegin Nzhdeh; * 1. Januar 1886 im Dorf Güznüt (Kyuznut), Kreisgebiet Nachitschewan, Gouvernement Eriwan, Russisches Kaiserreich; † 21. Dezember 1955 in Wladimir, Sowjetunion) war ein armenischer Staatsmann und Militärstratege. Er kollaborierte im Zweiten Weltkrieg mit dem Deutschen Reich gegen die Sowjetunion in der Hoffnung der Befreiung Armeniens. Der angenommene Name Nschdeh bedeutet auf Deutsch Pilger, auch Auswanderer.
Nschdehs Vater war ein Dorfpriester der armenischen Kirche namens Jeghische. Er starb, als Nschdeh noch ein Kind war. Nschdeh wurde zunächst in seinem Heimatdorf auf Armenisch unterrichtet, kam dann auf eine russischsprachige Schule in Nachitschewan und wechselte später an das Gymnasium in Tiflis im heutigen Georgien. 1902 schrieb er sich in die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Petersburger Universität ein. 1904 musste er die Hochschule wegen seiner revolutionären Verbindungen verlassen. Im selben Jahr hatte er sich der Armenischen Revolutionären Föderation (ARF) angeschlossen (nach anderer Quelle erst 1908).
1906 zog Nschdeh das erste Mal nach Bulgarien, wohin er im Lauf seines Lebens noch häufig zurückkehrte. In dieser Zeit verwendete er auch zum ersten Mal sein Pseudonym Nschdeh. 1907 beendete er mit Hilfe des bulgarischen Freiheitskämpfers Boris Sarafow unter dem Namen Dimitar Nikolow sein Studium an der staatlichen Militärschule in Sofia. Im Anschluss daran wollte er sich einer Gruppe armenischer Fedayi um Murad Sebastazi anschließen und sich ins osmanische Westarmenien begeben. Die gleichzeitig stattfindende persische Verfassungsrevolution um Yeprem Khan änderte seine Pläne, und er schloss sich im November 1907 als Offizier einer armenischen Kampfgruppe in Persien an, um für die Einführung eines Parlaments zu kämpfen. Am 6. September 1908 wurde Nschdeh von den russischen Behörden bei einem Heimatbesuch gefasst und zusammen mit 163 weiteren Mitgliedern der Armenischen Revolutionären Föderation der Prozess gemacht. Er verbrachte die nächsten drei Jahre zum Teil in Gefängnissen in Julfa, Nachitschewan, Nowotscherkassk und Sankt Petersburg, wo er verhört wurde. Etwa im März 1912 verließ er heimlich das Land und begab sich erneut nach Bulgarien.
Im September 1912 bildete Nschdeh zusammen mit Andranik Ozanian eine armenische Kompanie in der Makedonisch-Adrianopeler Landwehr, einem Freiwilligenverband der bulgarischen Armee. Dort kämpfte Nschdeh in den Balkankriegen in Makedonien und Thrakien als Unteroffizier gegen die Osmanen. Dabei wurde er am 18. Juni 1913 verwundet und mit dem bulgarischen Militärorden für Tapferkeit IV. Klasse ausgezeichnet.
Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges kehrte Nschdeh zusammen mit Andranik Ozanian im Rahmen einer Amnestie nach Russland zurück, unter der Bedingung, sich am abzeichnenden Krieg gegen die Osmanen anzuschließen. Im Oktober 1914 war Nschdeh zunächst stellvertretender Kommandant der zweiten armenischen Freiwilligeneinheit, die zusammen mit zaristischen Truppenteilen im Osten Anatoliens gegen das Osmanische Reich kämpfte. Zwischen Mai 1915 und Juli 1916 war er an den Kämpfen um Van (Wan), Çatak (Schatach), Bahçesaray (Moks), Sparkert und Muradiye (Berkri) beteiligt. Am 19. Juli 1915 wurde Nschdeh zum Leutnant (Porutschik) befördert. Er wurde in der russischen Armee mehrfach ausgezeichnet, darunter dem Georgskreuz II. und III. Klasse, dem Orden des Heiligen Wladimir III. Klasse und dem Annenorden IV. Klasse.
Nach der russischen Revolution im Februar 1917 und dem sich abzeichnenden russischen Rückzug von der Front sahen sich die verbleibenden armenischen Einheiten einer mehrfachen osmanischen Übermacht gegenüber. Nschdeh, der sich zu dieser Zeit unter anderem in und um Alexandropol aufhielt, gelang es in armenischen und jesidischen Dörfern aufgrund seiner rhetorischen Fähigkeiten Freiwillige in großer Zahl zu mobilisieren, um Selbstverteidigungseinheiten aufzustellen und sich der drohenden Fortsetzung des Völkermordes an den Armeniern durch die Türken entgegenzustellen. Im Dezember 1917 hatte die russische Armee de facto aufgehört zu existieren. Armenische Einheiten übernahmen ihre Stellungen, die dem osmanischen Vormarsch aber nur wenig entgegensetzen konnten. Nschdeh deckte den armenischen Rückzug und ermöglichte den armenischen Einheiten, den Fluss Achurjan zu überqueren und ohne Verluste Alexandropol zu erreichen. Im Mai 1918 spielte Nschdeh erneut eine entscheidende Rolle, als er die zahlenmäßig deutlich überlegene osmanische Armee in der von ihm befehligten Schlacht von Karakilisa (heute: Wanadsor) stoppen konnte. Etwa zeitgleich konnten die Armenier in der Schlacht von Sardarapat und der Schlacht von Abaran vor den Toren Jerewans die Osmanen abwehren und zum Rückzug aus Ostarmenien zwingen. Dadurch konnte – drei Jahre nach dem Beginn des Völkermordes an den Armeniern – eine möglicherweise völlige Zerschlagung der armenischen Nation verhindert werden.
Demokratische Republik Armenien
Nach dem Sieg über die Osmanen wurde die Demokratische Republik Armenien gegründet und Nschdeh zum Gouverneur von Nachitschewan ernannt. Aufgrund einer Typhuserkrankung sowie den gleichzeitig im Land aufflammenden von den Osmanen unterstützten tatarischen (aserbaidschanischen) Aufständen konnte er diese Position nicht antreten. Ab Ende 1918 war Nschdeh mit der Befriedung der heutigen armenischen Provinz Ararat beschäftigt und war von März bis August 1919 mit seinen Truppen in Garni stationiert. Im August wurde Nschdeh zum Hauptmann (Kapitan) befördert.
Im September 1919 wurde Nschdeh mit seiner aus 180 Soldaten bestehenden Truppe in die Region Goghtan-Sjunik im vormals russischen Ujesd Sangesur entsandt, welche zum damaligen Zeitpunkt zwischen Armenien und Aserbaidschan umstritten und Schauplatz ethnischer Auseinandersetzungen war. Eine aserbaidschanische Invasion der Region wurde im November 1919 zurückgeschlagen. Um die Ordnung in Sangesur wiederherzustellen, ging Nschdeh auch gewaltsam gegen die aserbaidschanische Zivilbevölkerung vor und führte Vertreibungen durch. Nschdeh war zu dieser Zeit in den Regionen Kapan und Meghri gebunden. Deshalb konnte er weder das Massaker von Agulis am 24. und 25. Dezember 1919 verhindern, als 1400 Armenier in Agulis (heute Yuxarı Əylis) ermordet wurden, noch die vollständige Vertreibung der Armenier aus Goghtan. Im April 1920 führte Nschdeh zusammen mit Drastamat Kanajan (Dro) seine Truppen von Kapan nach Bergkarabach, um die dort bedrängten Armenier vor aserbaidschanischen Massakern zu beschützen. Kurz zuvor waren im März 1920 bis zu 30.000 Armenier im Schuscha-Pogrom von aserbaidschanischen Truppen ermordet worden. Nach der Machtübernahme der Sowjets in Aserbaidschan mussten sich Nschdeh und Dro mit ihren Truppen im Mai 1920 aber auf sowjetischen Druck zurückziehen und unter Zusicherung einer gerechten Lösung für die Armenier Bergkarabachs die Kontrolle der Region an den armenischen Bolschewiken Sargis Hambardsumjan übergeben.
Nachdem Dro im Juli 1920 Sangesur Richtung Jerewan verlassen hatte, übernahm Nschdeh die Führung der armenischen Streitkräfte im Süden der Region um Kapan und Meghri, wobei Poghos Ter-Dawtjan für die Verteidigung des Nordens rund um Sissian zuständig war. Als schließlich am 10. August 1920 in einem sowjetisch-armenischen Abkommen die Übergabe von Karabach, Sangesur und Nachitschewan an die Sowjets beschlossen wurde und der Anschluss an Aserbaidschan drohte, schwor Nschdeh das Land bis zum Tod zu verteidigen. Am 25. August 1920 wurde ihm in einer Zeremonie in Kawart der Titel Sparapet von Sjunik verliehen, in Anlehnung an Mchitar Sparapet, der im 18. Jahrhundert Sjunik gegen die Safawiden und Osmanen verteidigt hatte. Ende August 1920 marschierte die Rote Armee in Sangesur ein und besetzte Goris und Kapan. Nschdeh musste sich nach Meghri zurückziehen, wo er sich gegenüber den von Norden kommenden Sowjets und den von Osten und Westen kommenden Türken und Aserbaidschanern behaupten konnte. Aufgrund massiver Unterzahl konzentrierte sich Nschdeh auf Einsätze in der Nacht, hinter feindlichen Linien und unter Ausnutzung des bergigen Geländes der Region. Armenien selbst konnte keine Unterstützung leisten, da es alle Kräfte für die Verteidigung gegen die Türken benötigte. Im Oktober 1920 gelang es Nschdeh unter der armenischen Bevölkerung, unzufrieden über die brutale Behandlung durch die Sowjets und die Türken, eine Rebellion anzuzetteln und die Region um Kapan innerhalb weniger Tage unter seine Kontrolle zu bringen. Auch im Westen konnten die Türken und Aserbaidschaner bis Ordubad zurückgeworfen werden. Eine weitere sowjetische Invasion wurde im November 1920 abgewehrt und Sangesur wurde zurückerobert. Am 22. November 1920 marschierte Nschdeh in Goris ein.