Gabriele Helene Henriette Münter (* 19. Februar 1877 in Berlin; † 19. Mai 1962 in Murnau am Staffelsee) war eine deutsche Malerin. Sie gilt neben Paula Modersohn-Becker als bekannteste Vertreterin des Expressionismus in Deutschland. Darüber hinaus schuf sie ein umfangreiches zeichnerisches Werk, fotografierte und war auf dem Gebiet der Druckgrafik tätig.
Gabriele Münter war Mitglied der Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) und Mitbegründerin der Malergemeinschaft Der Blaue Reiter. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs orientierte sie sich in einer Phase privater und wirtschaftlicher Schwierigkeiten künstlerisch neu. In den 1920er Jahren versuchte sie, an Kunstströmungen wie die Neue Sachlichkeit anzuschließen, vervollkommnete ihr zeichnerisches Können und erreichte gegen Ende des Jahrzehnts eine sehr produktive Schaffensperiode. Während des Nationalsozialismus zog sie sich aufgrund von Repressionen und dem ihrer Kunst entgegengebrachten Unverständnis zurück und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg wiederentdeckt.
Lange Zeit wurde Münter hauptsächlich als Lebensgefährtin Wassily Kandinskys und gefühlsorientiert-naive Blauer-Reiter-Epigonin rezipiert. Erst seit den 1990er Jahren veränderte sich diese Sichtweise. Seither wird das genreübergreifende, vielfältige Werk der Künstlerin als eigenständige Schöpfung wahrgenommen.
Münter rettete einen bedeutenden Teil der Werke Kandinskys durch die Zeit des Zweiten Weltkriegs. 1957 schenkte sie der Stadt München eine Auswahl ihrer eigenen Bilder, alle Werke Kandinskys aus ihrem Besitz und einige Gemälde von Künstlern des Blauen Reiters.
Gabriele Münter wurde am 19. Februar 1877 als jüngstes der vier Kinder von Wilhelmine Münter (geb. Scheubler) und ihrem Mann, dem Zahnarzt Carl Münter, in der elterlichen Wohnung Unter den Linden 58 (heute Hausnummer 40) in Berlin geboren. Ihre Eltern waren in den USA zu Wohlstand gekommen, aufgrund des Sezessionskriegs jedoch in ihre Heimat Deutschland zurückgekehrt. Ein Jahr nach Münters Geburt zog die Familie ins westfälische Herford, dann nach Koblenz. 1886 starb ihr Vater. Die Mutter, zu der Münter eine enge Bindung hatte, ließ ihrer Tochter wenig Erziehung oder Förderung angedeihen. Da die Mutter darüber hinaus viel Zeit auf Reisen oder im Krankenhaus verbrachte und die Kinder über längere Zeit alleine ließ, wuchs Münter für die damalige Zeit erstaunlich unbeaufsichtigt auf. Ihre direkte, unkonventionelle und manchmal schroff oder unbeholfen wirkende Art im Umgang sowie ihr unvoreingenommener Blick werden auf diese ungewöhnliche Jugendzeit zurückgeführt.
Schon in der Schulzeit hatte sich ihre künstlerische Begabung gezeigt. Deswegen begann sie im Frühjahr 1897 Privatunterricht bei dem Genre- und Porträtmaler Ernst Bosch zu nehmen und besuchte für kurze Zeit die Damenkunstschule von Willy Spatz in Düsseldorf. Die staatlichen Akademien waren Frauen in der Kunst damals noch verschlossen. Als im November 1897 auch die Mutter starb, gab sie die Ausbildung wieder auf. Durch das elterliche Erbe finanziell unabhängig, besuchte sie im folgenden Jahr gemeinsam mit ihrer Schwester Verwandte mütterlicherseits in den USA. Zwei Jahre lang reisten die Schwestern durch Missouri, Arkansas und Texas.
Im Jahr 1899 bekam Münter von ihrer Schwester eine Boxkamera „Kodak Bull’s Eye No. 2“ geschenkt. Mit dieser begann sie regelmäßig zu fotografieren und die Amerikareise zu dokumentieren. Obwohl Münter bis zu diesem Zeitpunkt noch nie fotografiert hatte, ist die künstlerische Qualität der Bilder bemerkenswert. Davon abgesehen entstanden während der Reise zahlreiche Zeichnungen, auf denen Münter hauptsächlich Menschen, aber auch Landschaften und Pflanzen festhielt.
Ausbildung und Reisen mit Kandinsky
1901 zog Gabriele Münter auf Anraten ihrer Freundin Margarete Susman nach München. Auch an der dortigen Kunstakademie wurden künstlerisch begabte Frauen noch nicht aufgenommen. Münter setzte daher, wie von Susman empfohlen, ihr Studium an der Damenakademie des Künstlerinnen-Vereins fort. Dort studierte sie zunächst in der Anfängerklasse von Maximilian Dasio und in der Aktklasse von Angelo Jank. Weil sie mit dem Unterricht an der Damenakademie nicht zufrieden war, wechselte sie an das Schulatelier der Grafiker Heinrich Wolff und Ernst Neumann und widmete sich dort der Drucktechnik des Holzschnitts.
Im Winter 1901 war Münter beim Besuch einer Ausstellung der Künstlergruppe „Phalanx“ von den Werken des Bildhauers Wilhelm Hüsgen so begeistert, dass sie beschloss, die Bildhauerei zu erlernen. Sie wechselte an die kleine, fortschrittliche Malschule, die zu der Künstlergruppe gehörte und ebenfalls den Namen „Phalanx“ trug. Dort schrieb sie sich in die Bildhauerklasse ein und nahm außerdem Unterricht im Aktzeichnen bei Wassily Kandinsky. Er gab auch den Malkurs, bei dem sie sich erstmals mit der Technik der Malerei und mit dem Einsatz von Farbe beschäftigte. Im Sommer 1902 fand dieser Kurs in Kochel am See statt, wo Kandinsky Freilichtmalerei unterrichtete. Dort entstand Münters erstes bekanntes datiertes Gemälde, Bayerische Landschaft. Es erinnert entfernt an ihre Fotografie Blick über einen Zaun in die Landschaft, Moorefield, Arkansas.
Im Sommer 1903 hielt sich die Malklasse im oberpfälzischen Kallmünz auf. Münter malte in dieser Zeit wie auch in den kommenden Jahren meist kleinformatige Landschaftsbilder im spätimpressionistischen Stil, bei denen sie die Farbe pastos auftrug. Von Kandinsky hatte sie die Spachteltechnik mit gestückeltem Farbauftrag gelernt. Zwischen ihr und ihrem Lehrer entstand ein Liebesverhältnis, das die beiden geheim hielten, da Kandinsky mit seiner Cousine Anja Schemjakina verheiratet war. Um dieser Situation zu entkommen, unternahmen Münter und Kandinsky ab 1904 ausgedehnte Reisen u. a. in die Niederlande, nach Tunesien, Italien und nach Frankreich.
Die in den Niederlanden entstandenen Skizzen führte Münter erst nach ihrer Rückkehr nach München als Gemälde aus. Auch in Tunesien malte sie wenig, skizzierte viel und nahm 180 Fotografien auf, hauptsächlich von Landschaften und von den Gassen und Torbögen der tunesischen Städte. In Rapallo, wo das Paar Ende 1905 einige Zeit verbrachte, entstanden ungefähr 20 Gemälde, die die Landschaft um die ligurische Stadt zeigen.
Von 1906 bis 1907 lebten Münter und Kandinsky ein Jahr lang in Paris. Während Kandinsky im Vorort Sèvres wohnte, mietete sie ein Zimmer im Künstlerviertel Montparnasse, wo sie einen Kurs für Pinselzeichnung bei Théophile Steinlen an der Académie de la Grande Chaumière besuchte und ihre Maltechnik verfeinerte. Sie schuf zahlreiche Holz- und Linolschnitte, es entstand über ein Viertel ihres grafischen Werkes. Die ca. 70 Gemälde aus dieser Zeit zeigen häufig den Park von Saint-Cloud im Wechsel der Jahreszeiten. Daneben malte sie einige Ansichten von Sèvres und dem Nachbarort Bellevue. 1907 ergaben sich für Münter erste Ausstellungsmöglichkeiten, u. a. wurden sechs ihrer Ölstudien im „Salon des Artistes Indépendants“ gezeigt und sie wurde erstmals in der Presse erwähnt.
Wieder zurück in München, beschlossen Münter und Kandinsky, das Reisen zu beenden und sich fest niederzulassen. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort entdeckten sie Murnau am Staffelsee für sich. Münter beschrieb ihre Begeisterung fast 50 Jahre später so: „[…] nirgends hatte ich eine solche Fülle von Ansichten vereint gesehen, wie hier […], zwischen See und Hochgebirge, zwischen Hügelland und Moos.“
Zusammen mit den beiden Malern Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky, die in München-Schwabing ihre Nachbarn waren, quartierten sie sich von Mitte August bis Ende September 1908 im Gasthof „Griesbräu“ am Obermarkt ein. Die vier malten gemeinsam, diskutierten und lernten voneinander. In diesen sechs Wochen entwickelte Münter sich weg vom nachimpressionistischen Stil und fand ihre eigene, expressionistischere Form der Malerei. Drei Jahre später schrieb sie dazu in ihr Tagebuch: „Ich habe da nach kurzer Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch – zum Fühlen eines Inhaltes, zum Abstrahieren – zum Geben eines Extraktes.“