Gabriel Narutowicz (* 17. März 1865 in Telšiai (Gouvernement Kowno, heutiges Litauen); † 16. Dezember 1922 in Warschau; Vorname auch Gabryel) war ein polnischer Wasserbauingenieur und Politiker. Er war der erste Präsident der Zweiten Polnischen Republik und wurde fünf Tage nach seinem Amtsantritt bei einem politisch motivierten Attentat ermordet.
Gabriel Narutowicz stammte aus einer polnischen Kleinadelsfamilie (Szlachta) aus Telšiai im heutigen Litauen, die ihre Wurzeln in der Königlichen Republik (I. Rzeczpospolita) hatte, die wiederum 1795 infolge der dritten polnischen Teilung aufhörte zu bestehen. Seit damals und damit auch zur Geburtszeit von Gabriel Narutowicz gehörte Litauen und der größte Teil Polens zum Russischen Zarenreich.
Gabriels Vater Johannes (Jan) Narutowicz war Bezirksrichter und Gutsbesitzer in Brėvikiai nahe Telšiai in Samogitien, einer der fünf ethnografischen Regionen von Litauen.
Wegen seiner Teilnahme am Januaraufstand von 1863/1864 gegen die russische Herrschaft kam der Vater ein Jahr in Haft. Er starb, als Gabriel erst ein Jahr alt war.
Gabriels Mutter Victoria Szczepkowska war Johannes dritte Frau. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie die Erziehung ihrer Söhne. Die gebildete, von der Philosophie der Aufklärung faszinierte Frau hatte großen Einfluss auf die Entwicklung und Weltanschauung von Gabriel und seinen Geschwistern. Durch die nach dem Aufstand von 1863 forcierte Russifizierung wären ihre Kinder gezwungen gewesen, eine russische Schule zu besuchen.
Sie wich deshalb nach Libau im Gouvernement Kurland (heute Liepāja in Lettland) aus, wo Narutowicz das deutschsprachige Nikolai-Gymnasium absolvierte.
Narutowicz musste sein Studium der Mathematik und Physik 1886 in St. Petersburg wegen einer Lungentuberkulose abbrechen und die Erkrankung in einer einjährigen Kur in Davos behandeln. Anschließend studierte er 1887–1891 Bauwesen am Eidgenössischen Polytechnikum (heute Eidgenössische Technische Hochschule, ETH) in Zürich, wo er als Diplom-Ingenieur graduierte.
Narutowicz fand seine erste Beschäftigung nach dem Studium beim Bau der Eisenbahnstrecke nach St. Gallen.
Dann arbeitete er als Bauingenieur drei Jahre im Baubüro für Wasserversorgung und Kanalisation der Stadt St. Gallen und war anschließend ein Jahr lang Sektionsingenieur des Kantons St. Gallen beim Bau des rheintalischen Binnenkanals (Teil der österreichisch-schweizerischen Rheinregulierung). Seine Arbeiten erhielten 1896 Auszeichnungen auf der Internationalen Ausstellung in Paris.
Narutowicz erhielt im gleichen Jahr in der Nachbargemeinde Untereggen das Schweizer Bürgerrecht. Nun begann für ihn eine erfolgreiche Schaffensperiode bei dem in der Schweiz im Wasserbau führenden St. Gallener Ingenieurbüro von Louis Kürsteiner.
Narutowicz’ Arbeiten an den Kraftwerksbauten Kubel bei St. Gallen (1898–1901 und vier Erweiterungen bis 1907), Le Refrain am Fluss Doubs im Jura (Inbetriebnahme 1909) und Monthey im Wallis sowie an mehreren bedeutenden Wasserversorgungs- und Kanalisationsanlagen brachten ihm hohes Ansehen. Innerhalb des Unternehmens stieg er bald vom Ingenieur zum Bürochef und schließlich zum Teilhaber auf.
Unter seiner Leitung entstand in Vorarlberg zwischen 1906 und 1908 das Wasserkraftwerk Andelsbuch als eines der damals größten und modernsten Kraftwerke Österreich-Ungarns.
Nach einem Lehrauftrag für Wasserversorgung und Kanalisation der ETH Zürich im Jahr 1906 ernannte ihn 1907 der Schweizerische Bundesrat zum ordentlichen Professor für Wasserbau am Eidgenössischen Polytechnikum. Narutowicz verließ 1908 das Ingenieurbüro Kürsteiner, zog mit seiner Familie nach Zürich und trat sein Amt an. Gegenüber der reinen Forschung stellte er seine praxisnahe Lehre in den Vordergrund und führte mit großem Einsatz nebenher ein eigenes Ingenieurbüro für Wasserbau. Er erhielt Aufträge aus der Schweiz (Etzelwerk bei Einsiedeln), Italien (Montjovet auf dem Fluss Dora Baltea im Aostatal Italien) und Spanien (Buitreras auf dem Río Guadiaro in der Provinz Málaga).
Von 1913 bis 1920 war Narutowicz Dekan der Fakultät für Wasserbau an der ETH in Zürich. Er war ständiges Mitglied des Baureferats der Stadt Zürich, Mitglied des Ausschusses für Wasserwirtschaft des Eidgenössischen Departements des Innern und Delegierter der Schweizer Regierung in der Internationalen Kommission zur Rheinregulierung. Mitglied dieser Kommission wurde er am 15. April 1914 als Nachfolger des aus Altersgründen ausscheidenden Karl von Graffenried. Am 15. Dezember 1914 wurde er für das Jahr 1915 zum Vorsitzenden gewählt. Auch im Jahre 1919 führte er den Vorsitz. Bei seiner Rückkehr nach Polen trat er von all diesen Ämtern zurück.
Als Krönung seiner Ingenieurlaufbahn gilt das Aarekraftwerk Mühleberg unterhalb von Bern. Es wurde unter seiner Projekt- und Bauleitung 1917–1920 erstellt und fand damals als eines der modernsten und größten Mitteldruck-Speicherkraftwerke europaweit Beachtung. Die damit verbundene berufliche Belastung veranlasste ihn 1919, seine Professur an der ETH Zürich aufzugeben.
Schon während seiner Studienzeit half er Polen, die aus dem russischen Machtbereich geflüchtet waren. Er hielt auch Kontakt zu polnischen Exil-Organisationen wie der sozialistischen Partei im Exil, die sich Proletariat nannte. Dafür stellten die russischen Behörden einen Haftbefehl gegen ihn aus und forderten seine Rückkehr. Da Narutowicz 1895 Schweizer Bürgerrecht erhalten hatte, konnte er mit dieser Bedrohung leben.
Gabriel Narutowicz versuchte, nicht Partei zu ergreifen, sondern zwischen den zerstrittenen Flügeln zu vermitteln und den Opfern des Ersten Weltkriegs zu helfen. Nach Kriegsausbruch unterstützte er die Politik Józef Piłsudskis, der die Wiederherstellung eines unabhängigen polnischen Staates anstrebte.
Er engagierte sich darüber hinaus für die polnischen Interessen „als einer durch geschichtliche Mission und durch Zivilisation mit dem Westen verbundenen Nation“ z. B. durch einen Vortrag in Bern.