Mehmet Fuat Sezgin (* 24. Oktober 1924 in Bitlis; † 30. Juni 2018 in Istanbul) war ein türkischer Orientalist, Islamwissenschaftler und Wissenschaftshistoriker. Er lehrte ab 1961 an der Universität Frankfurt am Main, war dort bis zu seiner Emeritierung Professor für Geschichte der Naturwissenschaften sowie Gründer und erster Direktor des Instituts für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften (IGAIW). Sezgin gilt als Pionier der Erforschung der islamischen Wissenschaftskultur in arabischer Sprache. Mit seiner Geschichte des arabischen Schrifttums hat er ein international angesehenes Standardwerk geschaffen.
Fuat Sezgin wurde nach Angaben seiner Mutter Cemile Hanım (1897–1976) am 24. Oktober in Kızılmescid (später Inönü), einem Stadtteil der anatolischen Kleinstadt Bitlis geboren. Sein Vater Mirza Mehmet Efendi (1888–1943) war als Arabischlehrer, Kadi und Mufti tätig. Mit seinem älteren Bruder Servet (* 1919) und seinem jüngeren Bruder Refet (* 1925) wuchs er in Bitlis auf. Nach einem Umzug besuchte Sezgin von 1931 bis 1936 die Grundschule in Karaköse. Die Sekundarschule und das Gymnasium absolvierte er in Erzurum.
Fuat Sezgin begann 1942 ein Ingenieurstudium an der İstanbul Teknik Üniversitesi, wechselte aber schließlich in die Abteilung Arabischer und Persischer Philologie an der Philologischen Fakultät der Universität Istanbul, wo er von 1943 bis 1951 studierte. Der dort lehrende deutsche Islamwissenschaftler Hellmut Ritter, seinerseits Schüler von Carl Brockelmann, prägte Fuat Sezgins Forschung nachhaltig. ِ1950 wurde Sezgin an der Philosophischen Fakultät Istanbul promoviert. Seine Doktorarbeit behandelte den Korankommentar Maǧāz al-Qurʾān von Abū ʿUbayda Maʿmar ibn al-Muṯannā († 210/825). In seiner 1956 publizierten Habilitationsschrift Buhârî'nin Kaynakları Hakkında Araştırmalar untersuchte er die Quellen des al-Buchari (810–870), und argumentierte, dass al-Buchari auf eine Kette schriftlicher Quellen zurückgreift, die bis in den frühen Islam des 7. Jahrhunderts zurückreichen. Die in der Habilitation aufgestellten Thesen haben die Forschung nachhaltig beeinflusst, sind jedoch auch auf viel Widerspruch gestoßen.
Ab 1953 arbeitete Fuat Sezgin als Dozent für Islamwissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Dort fasste er ein Jahr später den Plan, Carl Brockelmanns bio-bibliographisches Nachschlagewerk Geschichte der Arabischen Litteratur zu überarbeiten und mit neuen Handschriftenfunden zu ergänzen. Als das Militär im Mai 1960 in der Türkei putschte, verlor Sezgin zusammen mit 146 weiteren Dozenten seine Lehrerlaubnis.
Forschung und Lehre in Frankfurt
1961 kam Sezgin auf Einladung von Rudolf Sellheim zunächst als Gastdozent an die Frankfurter Universität. Hier wurde die Geschichte der Naturwissenschaften im arabisch-islamischen Kulturkreis zum Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit und zu dem Fach, für das er sich 1965 ein zweites Mal habilitierte. Die Arbeit behandelt Werk und Schaffen des arabischen Alchimisten Dschābir ibn Hayyān. Weiterhin beschäftigte er sich mit der Geschichte des arabisch-islamischen Schrifttums, wobei er den erfassten Zeitraum auf Autoren bis circa 1039 n. Chr. beschränkte. 1967 erschien der erste Band seiner Geschichte des arabischen Schrifttums, den er Willy Hartner widmete. In den folgenden Jahren erhielt er für das Vorhaben großzügige Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Weitere Bände erschienen in schneller Folge und mit der Unterstützung mehrerer Mitarbeiter, die ihm bei Sammlung, Ordnung und Redaktion assistierten. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete Sezgin am Abschluss von Band 18, der sich der Geschichte der arabisch-islamischen Philosophie widmen sollte, jedoch nicht fertiggestellt wurde. Die Reihe wurde zu einem wissenschaftsgeschichtlichen Standardwerk und hat das Zitationskürzel GAS.
Bei einer Durchsicht von Manuskripten in der Bibliothek des Imam-Reza-Schreins in der iranischen Pilgerstadt Maschhad entdeckte Sezgin 1968 vier der sieben verloren geglaubten Bücher der Arithmetica des Diophantos von Alexandria in arabischer Übersetzung. Die Bibliothekare hatten die Werke dem Autor Costa ben Luca latinus (Qustā b. Lūqā al-Ba'labakkī) aus Bagdad zugeschrieben.
Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften
1978 wurde Sezgin der erste Träger des Preises für Islamwissenschaft der König-Faisal-Stiftung von Saudi-Arabien. Diese und weitere Auszeichnungen machte er zum Grundstock einer Stiftung, mittels der er 1982 das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften (IGAIW) an der Universität Frankfurt gründete. Die Institution widmet sich der Erforschung und Vermittlung der Wissenschaftsgeschichte im arabisch-islamischen Kulturraum vom 7. bis ins 19. Jahrhundert. Das Institut beherbergt neben einer umfangreichen Fachbibliothek seit 1983 eine Lehrsammlung. Diese umfasst auf zwei Etagen etwa 800 Nachbauten von Instrumenten und Geräten verschiedener Wissensdisziplinen, u. a. Astronomie, Zeitmessung, Navigation, Medizin und Alchemie. Eckhard Neubauer ergänzte die Sammlung zudem mit zahlreichen historischen Musikinstrumenten, die im arabisch-islamischen Kulturraum genutzt wurden.
Nach dem Vorbild der Frankfurter Sammlung von Rekonstruktionen und Nachbauten entstand 2008 das Istanbuler Museum für die Geschichte der Wissenschaft und Technologie im Islam (türkisch: İstanbul İslam Bilim ve Teknoloji Tarihi Müzesi). Es befindet sich im ehemaligen Stallgebäude des Sultans im Gülhane-Park unterhalb des Topkapı-Palastes und gehört heute zur türkischen Fuat-Sezgin-Stiftung für die Erforschung der Wissenschaftsgeschichte im Islam.
Am 12. Mai 2017 verhinderte der Zoll die unangemeldete Ausfuhr zahlreicher Bücher, die Sezgin aus dem Institut an der Universität Frankfurt in das Museum in Istanbul verbringen wollte. Die Ausfuhr einer ersten Ladung Bücher war Sezgin bereits gelungen; eine zweite wurde jedoch von der Zollfahndung gestoppt. Hessische Behörden gingen davon aus, die Bücher seien mit öffentlichen Geldern beschafft worden, und es handle sich um national wertvolles Kulturgut. Während den polizeilichen Untersuchungen wurde Sezgins Arbeitszimmer im Institut für mehrere Monate versiegelt. Polizei und Staatsanwaltschaft gewährten Sezgin und seinen Mitarbeitern Zugriff auf nötige Bücher und Unterlagen. Ermittlungen wegen Untreue und Verstoß gegen das Kulturgutschutzgesetz wurden später eingestellt, jedoch blieben die Besitzverhältnisse der betroffenen Bücher ungeklärt. Im Juni 2017 wurde Fuat Sezgin von seinen Aufgaben als Direktor des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften entbunden.
Nach längerer Krankheit starb Fuat Sezgin in Istanbul am 30. Juni 2018 im Alter von 93 Jahren. Er wurde neben dem Museum im Gülhane-Park bestattet. Zu den Trauergästen gehörte Staatspräsident Erdoğan.
Fuat Sezgin war mit der Orientalistin Ursula Sezgin verheiratet, mit der er in Kronberg im Taunus lebte. Die gemeinsame Tochter Hilal Sezgin ist Autorin und Journalistin.
König-Faisal-Preis für Islamwissenschaft (1979)
Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main (1980)
Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1982)
Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2001)
Benennung eines Platzes in Ankara nach Sezgin in dessen Anwesenheit (2012), mit einem Relief Sezgins von Aslan Başpınar