An diesem Tag

Fritz Reuter (Musikpädagoge)

Deutscher Komponist, Musikwissenschaftler und Pädagoge

Anúncio

Fritz Reuter (* 9. September 1896 in Löbtau; † 4. Juli 1963 in Dresden) war ein deutscher Musikwissenschaftler, Musikerzieher, Komponist und Kapellmeister. Reuter war einer der bedeutendsten deutschen Musikpädagogen des 20. Jahrhunderts. 1952 wurde er als erster Lehrstuhlinhaber für Musikpädagogik an eine deutsche Universität berufen. Außerdem war er Institutsdirektor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Humboldt-Universität zu Berlin. 1955 gehörte er zu den Initiatoren der ersten Hallischen Musiktage.

Fritz Reuter entstammte einer sächsisch-erzgebirgischen Handwerkerfamilie. 1896 wurde er als Sohn des Bau- und Zimmermeisters Friedrich August Reuter (geboren 1868) in der Dresdener Arbeitervorstadt Löbtau geboren. Sein Vater arbeitete sich zum Inhaber eines Baugeschäfts empor. Reuters Mutter Johanna, geb. Noack (geboren 1878), hatte sorbische Wurzeln und war die treibende Kraft in seiner musikalischen Ausbildung. Er erhielt Klavierunterricht bei Max Stranssky und Richard Schmidt, beide Lehrer am Dresdner Konservatorium, sowie Theorieunterricht bei Paul Walde. Schmidt machte ihn auch mit der Barockmusik Johann Sebastian Bachs vertraut, die Reuter lieben lernte. 1912 legte er ein Examen ab und lehrte später selbst Musiktheorie und Klavier an der 1914 von Walde gegründeten „Dresdner Lehranstalt für Musik“. Reuter kam früh mit der Musikpädagogik des Dresdner Musikschuldirektors Richard Kaden – sein spiritus rector – in Berührung, die in einer Traditionslinie mit den Ansätzen des Philosophen Karl Christian Friedrich Krause stand.

Reuter besuchte zunächst die Bürgerschule, 1916 legte er die Reifeprüfung am Annenrealgymnasium in Dresden ab. Während des Ersten Weltkrieges (1916/17) wurde er in Dresden zum Infanteristen (Grenadier) ausgebildet, aber nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Nicht Willens das Unternehmen seines Vaters zu übernehmen, brach er mit seinem Elternhaus und begann stattdessen ein Musikstudium. Dieses finanzierte er sich durch zwei „Riemann-Stipendien“, die er für die besten musikwissenschaftlichen Jahresarbeiten erhielt, sowie studienunterbrechend als Korrepetitor am berühmten Dresdner Zirkus Sarrasani (1917) und als Theaterkapellmeister in Allenstein/Ostpreußen. Zeitgleich studierte Reuter in Leipzig am Königlichen Konservatorium der Musik und am Seminar für Musikwissenschaft „Collegium musicum“. Zu seinen Lehrern gehörten u. a. Otto Weinreich und Robert Teichmüller in Klavier, Stephan Krehl in Komposition und Bernhard Porst in der Kapellmeisterausbildung sowie Hugo Riemann, Hermann Abert und Arnold Schering in Musikwissenschaft. Außerdem hörte er bei Albert Köster und Eduard Sievers in Germanistik sowie bei Eduard Spranger, Theodor Litt, Johannes Volkelt und Hans Driesch in Philosophie und Pädagogik.

1922 wurde er an der Universität Leipzig mit der Dissertation Die Geschichte der deutschen Oper in Leipzig am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts (1693–1720) zum Dr. phil. promoviert. Die Referenten der Arbeit waren Hermann Abert und Rudolf Kötzschke.

Nebenberuflich arbeitete Reuter zunächst auch als Musikkritiker für die Leipziger Musik- und Theater-Zeitung, die 1921 erschien. Wegen seiner Tätigkeit als Komponist wurde er 1921 Lehrer für Musiktheorie am Königlichen bzw. Landeskonservatorium der Musik zu Leipzig. Dort führte er auf Empfehlung Riemanns das Generalbassspiel in die Theorielehre ein. Außerdem widmete er sich der psychologischen Grundlegung der Gehörbildung. Darüber hinaus war er ab 1922 am Kirchenmusikalischen Institut des Leipziger Konservatoriums tätig, wo er kirchliche Komposition und Musiktheorie sowie Geschichte der Kirchenmusik unterrichtete. Zusätzlich übernahm er 1924/25 an der Universität Leipzig einen Lehrauftrag für die Pädagogik der Schulmusik. Ab 1932 lehrte er auch Musikgeschichte. Infolge eines Gutachtens Reuters in den 1920er Jahren führte der Sächsische Landtag das Schulfach „Musik“ an Volksschulen und höheren Schulen ein. 1925 wurde er darüber hinaus Mitglied der Prüfungskommission für das musikalische Staatsexamen an der Universität Leipzig. Neben seiner Hochschuldozentur legte Reuter 1931 das Staatsexamen für das höhere Lehramt in den Fächern Musik und Deutsch ab.

Insbesondere aufgrund seiner Daghestanischen Suite für Orchester (1927), die er für autonome Sowjetrepublik Dagestanische ASSR komponiert hatte, und seinem Dirigat von Leipziger Arbeiterchören („Michaelsche Chöre“) verlor er nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 seine Lehraufträge. Auch pflegte er Kontakte mit jüdischen Musikern (u. a. Alfred Szendrei vom Leipziger Sinfonie-Orchester, dessen Dirigierkunde er 1956 herausgeben sollte) und sozialdemokratischen Politikern. Seine Werke wurden mit einem Aufführungsverbot belegt und die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft kündigte die laufenden Verträge mit Reuter. Szendrei, der die Uraufführungen seines Cellokonzerts (1929 zusammen mit dem Cellovirtuosen Fritz Schertel im Mitteldeutschen Rundfunk) und seiner Kantate Huttens letzte Tage (1930 zusammen mit dem Bariton Karl Kamann) verantwortet hatte, attestierte dem Komponisten 1970 in seinen autobiographischen Aufzeichnungen ein „starkes Talent“. Reuter und Szendrei schlossen Freundschaft und pflegten – unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg – Briefkontakt.

Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.429.811). 1934 wurde er zusätzlich Mitglied der NSV und im Nationalsozialistischen Lehrerbund.

Nach den Stationen als Studienreferendar und -assessor wurde er 1934 Studienrat für Musik und Deutsch an der Rudolf-Hildebrand-Schule in Leipzig-Connewitz. Dort baute er ein Schüler-Blasorchester auf. 1937 wechselte er an das Sächsische Ministerium für Volksbildung nach Dresden und erhielt ebendort die „Aufsicht über die schulmusikalischen Angelegenheiten“ im Gau Sachsen. 1944 wurde er zum Oberstudienrat befördert. Bis 1945 lehrte er an einer Oberschule in Dresden-Plauen.

Der Musikhistoriker Fred K. Prieberg (2009) stufte einzelne Aussagen in älteren Beiträgen zu Reuter als „Geschichtsfälschung“ ein. So habe er vor 1933 – bis auf seine Lehrverpflichtungen – keine „prominenten Ämter“ innegehabet und dann im Dritten Reich im Schuldienst Karriere gemacht. Andererseits schlug Reuter in den 1940er Jahren die Nachfolge Günther Ramins (Thomaskantor) als künstlerischer Leiter des Musischen Gymnasiums Leipzig, das 1941 von den Nationalsozialisten gegründet worden war, aus.

Professuren in Halle und Berlin

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 wurde er zunächst aus dem Schuldienst entlassen. Er wurde Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und von der sowjetischen Besatzungsmacht als Dramaturg und Kapellmeister an der Volksoper in Dresden-Gittersee, den späteren Landesbühnen Sachsen, verpflichtet. 1946 erfolgte seine Entnazifizierung, so konnte er u. a. nachweisen, dass er eine Jüdin unterstützt hatte und von der Gestapo überwacht worden war. Gemäß seinem Schüler Günther Noll (1997) hielt er den Kontakt „zu seinen jüdischen Freunden aufrecht und half ihnen bei der Flucht, trotz der damit verbundenen existentiellen Gefährdungen, versteckte sie auch bei sich zu Hause“.

1949 wurde er von der Landesregierung von Sachsen-Anhalt auf Antrag der Pädagogischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum Professor mit Lehrauftrag ernannt. Im Gegensatz zu anderen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern der Fakultät wurde er in der DDR kein Mitglied einer Blockpartei. Zusätzlich lehrte Reuter ab 1950 Musiktheorie und Komposition an der Staatlichen Hochschule für Theater und Musik Halle. 1952 wurde er an der Universität Halle zum Professor mit Lehrstuhl berufen. Ferner stand er dem dortigen Institut für Musikerziehung von 1949 bis 1955 als Gründungsdirektor vor. In Halle etablierte Reuter einen Jahresfachlehrgang für kriegsgediente Musiklehrer, die so ihren Fachabschluss nachholen konnten.

Von 1955 bis zu seinem sowjetkritischen Abgang 1962 leitete er das Institut für Musikerziehung an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort setzte er sich für den Neubau eines Konzertsaales ein. Reuters Nachfolger in Berlin wurde sein Schüler Werner Busch.

Anúncio

Bald in der World in Stories App

Audio, Offline-Download, keine Werbung und mehr.

Premium entdecken
Fritz Reuter (Musikpädagoge) | World in Stories