Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg (* 5. September 1902 in London; † 10. August 1944 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Verwaltungsjurist und Reserveoffizier, der am Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt war.
Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg war der vierte Sohn von Friedrich Graf von der Schulenburg, welcher zum Zeitpunkt der Geburt Militärattaché an der Deutschen Botschaft London war. Seine Mutter war Freda-Marie geb. Gräfin von Arnim. Der spätere Mitverschwörer Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg war ein Cousin seines Vaters. Im März 1933 heiratete er in Berlin die Kaufmannstochter Charlotte Kotelmann (1909–1991), mit der er sechs Kinder hatte. Die älteste Tochter Fredeke (1934–2010) heiratete 1951 den Journalisten und späteren Fernsehkorrespondenten Gerd Ruge.
Fritz-Dietlof von der Schulenburg, seine vier Brüder (Johann Albrecht, Wolf-Werner, Adolf-Heinrich und Wilhelm) sowie seine Schwester, die Künstlerin und Ordensfrau Tisa von der Schulenburg, wuchsen, bedingt durch den Beruf des Vaters, unter anderem in Berlin, Potsdam, Münster sowie auf dem familieneigenen Schloss Tressow in Tressow, Mecklenburg, auf. Die Kinder kamen zunächst in die Obhut einer strengen Erzieherin. Nach dem Abitur am Katharineum zu Lübeck studierte Schulenburg 1920 an der Georg-August-Universität Göttingen Rechtswissenschaft. Seit Ostern 1920 war er Fuchs im Corps Saxonia Göttingen. 1923 legte er das Staatsexamen am Oberlandesgericht Celle ab. Den fünfjährigen Vorbereitungsdienst leistete er in Potsdam und im Landkreis Ostprignitz. Er unterbrach 1924 für drei Monate sein Referendariat und reiste als Matrose auf einem Kohlendampfer nach Südamerika. Er bestand 1928 die Assessorprüfung und kam nach Recklinghausen, wo er bis 1932 in der Kreisverwaltung arbeitete. Hier herrschte die katholische Zentrumspartei vor, mit deren staatstragender Rolle in der Weimarer Republik er nicht einverstanden war.
Von der Schulenburg verstand sich als Teil einer nationalen Elite, die sich in erster Linie durch die staatstragenden Säulen Militär und Berufsbeamtentum definierte. Bürger außerhalb dieser Strukturen waren für ihn bestenfalls „Zivilisten“ oder nur Mob. Allerdings verstand sich diese Elite als sehr patriarchales System, in dem Beamte und Militärs auch die Aufgabe hatten, zum Wohle des Volkes zu agieren. Deshalb beschäftigte sich von der Schulenburg mit Themen wie der Agrarverschuldung und der Bodenreform nach Adolf Damaschke. Seine Vorstellungen vom Bauernstand und von sozialer Gerechtigkeit hatten ihm bald den Titel „roter Graf“ bei seinen Kollegen eingetragen. In Potsdam verkehrte er im Haus des Ex-Sozialdemokraten August Winnig. Hans Bernd Gisevius, Mitverschwörer des 20. Juli 1944, bezeichnete ihn als „sozialistischen Grafen“. Allerdings hat Schulenburg auch klar Stellung gegen den Bolschewismus bezogen.
Eine erste politische Organisation, der Schulenburg beitrat, war 1930 die Bündische Reichsschaft unter Kleo Pleyer, wo die Ideen Oswald Spenglers aus dem Werk Preußentum und Sozialismus populär waren. Im gleichen Jahr kam es zu ersten direkten Kontakten mit der NSDAP, womit er auf der Linie seiner Familie lag. Zum 1. Februar 1932 trat Schulenburg der Partei bei (Mitgliedsnummer 948.412). Im selben Jahr wurde er nach Ostpreußen nach Labiau und Heiligenbeil versetzt, wo er auch aktiv am Aufbau des NS-Landvolks bei Friedrich Doepner mithalf. Dabei kam es ihm nicht auf den aristokratischen Reichslandbund an, sondern er dachte an sozialpolitische Einschnitte. Es machte ihm dabei keine Probleme, den Eid auf die demokratische Verfassung Preußens zu unterlaufen. Schulenburg galt als Anhänger des „norddeutschen“ Nationalsozialismus, der in erster Linie durch die Brüder Gregor Strasser und Otto Strasser gekennzeichnet war.
Die Familie von der Schulenburg wies Ende Januar 1933 17 Mitglieder mit Parteimitgliedschaft auf, bis Kriegsende 1945 beachtliche 41, davon 26 Männer und 15 Frauen. Der Bruder Wolf-Werner war bereits 1930, der Vater im Dezember 1931 eingetreten. Auch viele Ehefrauen im „Clan“ traten in die NSDAP ein.
Im März 1933 zum Regierungsrat in Königsberg (Preußen) ernannt, gewann Fritz-Dietlof von der Schulenburg sowohl in der Verwaltung als Referatsleiter für politische Fragen als auch in der NSDAP immer mehr Einfluss. Er galt als Prototyp eines neuen „linken“ Führers in der NSDAP mit alter preußischer Tradition, ein „brauner Graf“. Seine neuen Aufgaben waren zu dieser Zeit in erster Linie die Gleichschaltung der Beamten in seinem Einflussbereich und personelle Nachbesetzung durch NSDAP-Mitglieder. Der wichtigste Fall war der bisherige Oberpräsident Ostpreußens Wilhelm Kutscher, den der Gauleiter Erich Koch am 1. Juni 1933 ablöste. Schulenburg setzte dies mit eigener Initiative beim Innenminister Göring und sogar bei Hindenburg durch, indem er den SS-Mann Graf zu Dohna-Finckenstein einschaltete. Seine Bewunderung für Hitler drückte er so aus:
Schulenburg kam jedoch immer öfter in Konflikt mit seinem Vorgesetzten, dem Gauleiter Erich Koch, der eher die alten Kämpfer belohnen wollte, als eine neue Verwaltungselite heranzubilden. Schließlich ließ er sich im November 1934 nach dem Röhm-Putsch, bei dem auch sein Idol Strasser umkam, als Landrat in den Kreis Fischhausen versetzen. Die Konflikte mit Koch wurden im Lauf der Jahre immer stärker, sodass 1937 das Reichsministerium des Innern ihn als Polizeivizepräsident nach Berlin versetzte, wo sein direkter Vorgesetzter Graf von Helldorf wurde, der auch in der Partei durch seine Leutseligkeit und Verschuldung auffiel. Helldorf hatte sich lange gegen die Zuweisung Schulenburgs gewehrt, wider Erwarten verstanden sich die beiden sehr unterschiedlichen Beamten ausgezeichnet. Schon im August 1939 wurde Schulenburg zum Regierungspräsidenten und Vertreter des Oberpräsidenten der Provinz Schlesien unter Gauleiter Josef Wagner ernannt. Von der Führung des NS-Staats wurde Schulenburg damals bereits als politisch unzuverlässig eingestuft und 1940 aus der NSDAP ausgeschlossen.
Trotz der Vorbehalte der Beamten gegenüber den Plänen Hitlers und trotz des Schocks nach der Affäre um die Entlassung des Heereschefs, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch (1938), bei der die bisherige Führung der Reichswehr entfernt wurde, meldete sich Schulenburg zum Fronteinsatz. Ohnehin war nach Abberufung seines Vorgesetzten, des Gauleiters und Oberpräsidenten Josef Wagner, seine Stellung als Regierungspräsident in Breslau unhaltbar geworden. Als Leutnant der Reserve ging er im Mai 1940 zum Ersatzbataillon des als aristokratisch geltenden Infanterie-Regiments 9 der 23. Infanterie-Division in Potsdam, dem er ab 1. Juni auch hauptberuflich angehörte.
Schon früh beobachtete Schulenburg mit wachsender Sorge und Empörung die das Regime begleitenden Rechtswidrigkeiten. Er nahm Verbindung zu gleichgesinnten oppositionellen Kräften aus den verschiedenen Lagern auf. Bereits im Juni 1940 plante er mit dem Theologen Eugen Gerstenmaier, der für das Auswärtige Amt arbeitete, ein Attentat auf Adolf Hitler während der Siegesparade in Paris, die aber abgesagt wurde.
Er zog mit seinem Regiment in den Deutsch-Sowjetischen Krieg und erhielt 1941 das Eiserne Kreuz. Mit den Erfahrungen an der Ostfront wurde er 1941/42 mehr und mehr zum Kritiker des Krieges. Während dieser Zeit wechselte er häufig seine Aufgaben, da das Innenministerium ihn mit verschiedenen Sonderaufgaben zur Verwaltungsvereinfachung versah, unter anderem durch Entsendung in das von Herbert Backe geleitete Reichsamt für Agrarpolitik. Im Frühjahr 1943 war er längere Zeit in Paris, um für das Heeresamt Personalreduzierungen zu entwerfen. Im Militärdienst war er Ordonnanzoffizier auf der Krim und kam zuletzt zurück zum Ersatzbataillon nach Potsdam. Seine Frau und Kinder zogen im Herbst 1943 von Breslau zurück nach Mecklenburg auf das Gut in Klein Trebbow, das dem Schwager Carl Ulrich von Barner (1899–1978) gehörte. Dort konnte er neben seiner Frau Charlotte nur seine einzige Schwester Tisa von der Schulenburg mit ins Vertrauen ziehen.