Friedrich Zawrel (* 17. November 1929 in Lyon als Friedrich Pumperla; † 20. Februar 2015 in Wien) war ein österreichischer Überlebender des Kinder-Euthanasie-Programms während der Zeit des Nationalsozialismus.
Friedrich Zawrels Kindheit zählt zu den am besten dokumentierten Lebensläufen von Kindern in Österreich zwischen 1938 und 1945. Im Alter von elf Jahren hatte Zawrel bereits fünf Jahre in drei Erziehungsheimen und bei Pflegeeltern verbracht, ehe er im Jänner 1941 in die Krankenanstalt Am Spiegelgrund eingewiesen wurde. Dort wurden ungefähr 7.500 Patienten – darunter etwa 800 Kinder – ermordet. Unter Heinrich Gross und Ernst Illing war er dort Medikamentenversuchen und sadistischen Methoden ausgeliefert und wurde als Studienobjekt für Krankenschwesternschülerinnen benutzt.
Ohne Schulabschluss und Berufsausbildung wurde Zawrel mehrmals durch Eigentumsdelikte straffällig und daraufhin 1975 von Gross, der jetzt ein vielbeschäftigter Gerichtsgutachter war, begutachtet. Zawrel äußerte ihm gegenüber Vorwürfe über dessen NS-Vergangenheit. Gross fertigte für Zawrel ein negatives Gutachten an, in dem er sich auf Passagen aus Illings 1943 im Nationalsozialismus angefertigten Gutachten berief, und empfahl die dauerhafte Unterbringung in einer Anstalt für gefährliche Rückfallstäter. Zawrel konnte mit Unterstützung des Journalisten Wolfgang Höllrigl, des Arztes Werner Vogt und der „Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin“ jedoch Gross’ Verstrickungen bekanntmachen; er selbst wurde 1981, nach einem neuerlichen und diesmal unvoreingenommenen Gutachten, entlassen.
Als Zeitzeuge trug Zawrel später wesentlich zur Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Medizin am Spiegelgrund bei und wurde dafür mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Stadt Wien und dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich geehrt.
Als Friedrich Zawrel geboren wurde, arbeitete seine Mutter Leopoldine Pumperla (* 1910), die wegen der großen Arbeitslosigkeit in Wien keine Arbeit gefunden hatte, in einer Seidenspinnerei in Lyon. Ehe sie von ihrer Schwangerschaft wusste, versuchte sie von Friedrichs Vater loskommen, der gelernter Schlosser war, aber seit seinem 18. Lebensjahr und dem Tod seiner Mutter Alkoholiker war. Friedrichs Eltern waren nicht verheiratet, weshalb er zunächst nach seiner Mutter Pumperla hieß. Erst als im Jahr 1939 die Eheschließung der Eltern erfolgte, bekam er den Familiennamen Zawrel. Die Ärzte und Schwestern in Lyon versuchten vergeblich, Leopoldine zu überreden, Friedrich zur Adoption freizugeben. Da sie jedoch nicht genug Geld für eine Betreuung Friedrichs während ihrer Arbeitszeit verdiente, verlor sie die Arbeit.
Wieder zurück in Wien, wohnten sie in der Schiffmühlenstraße 49 in Kaisermühlen, einem Stadtteil des 22. Wiener Gemeindebezirks. Sie lebten gemeinsam mit Leopoldines Schwestern (Grete und Frieda, geboren 1922 und 1924) und Brüdern (Anton und Karl, geboren 1915 und 1919) sowie Friedrichs Geschwistern, die 1931 (Erika) und 1933 (Kurt) geboren wurden, in einer vom Schimmelpilz befallenen Wohnung. Friedrich hatte am Fußende des Bettes, in dem seine Tanten schliefen, seinen Schlafplatz. Leopoldine Pumperla ging jeden Tag sehr früh aus dem Haus, um in Herrschaftshäusern in Salmannsdorf und in der Innenstadt Putzarbeiten zu verrichten; sie ging zu Fuß, für die Straßenbahn reichte das Geld nicht. Friedrichs Tanten und Onkel, die auf ihn „aufpassten“, waren, wie die übrigen Hausparteien, arbeitslos. Fallweise erbettelten sich Friedrich und andere Kinder in einem nahegelegenen Kloster der Salvatorianerinnen etwas zu essen. Als er eines Tages zu Hause vor Hunger in Ohnmacht fiel, wurde er im Kloster einige Tage aufgepäppelt. Wenn Friedrichs Vater zu Besuch kam, war er immer betrunken, und oft schlug er Leopoldine, Anton und Karl, da er wollte, dass die beiden Brüder auszögen. Er ließ sich Schnitzel und Bier vom Wirt holen und aß alles alleine auf, während Friedrich daneben stand und ihm zusah.
Schließlich konnte Leopoldine das Geld für die Miete nicht mehr aufbringen. Mit der Delogierung am 20. Juli 1935 kamen Friedrich und Kurt in die Kinderübernahmestelle der Stadt Wien; Grete, Frieda und Erika kamen zu Pflegeeltern, Karl in das Erziehungsheim Lindenhof in Eggenburg. Im Gesundheitsblatt wurde Friedrichs psychisches Verhalten als lebhaft beschrieben. Am 20. Oktober 1935 wurde Zawrels Bruder Kurt von Frau Maria Heilinger als Pflegekind ausgesucht. Als ihr eine Schwester sagte, dass sie den Bruder, Friedrich, dazunehmen müsse, meinte sie: „Nein, den nehm ich nicht, der ist viel zu schiach [hässlich]“, ehe sie ihn widerwillig doch nach Kaiserebersdorf in die Dreherstraße 69 mitnahm. Unterwegs kaufte sie für Kurt Schokolade, Friedrich bekam nichts. In dem ebenerdigen Zweifamilienhaus bewohnten Maria Heilinger und ihr Mann Alois sowie ihre Eltern die eine, ihr Bruder mit seiner Familie die andere Seite, wobei die beiden Familien in ständigem Streit lebten. Vor dem Haus war ein Brunnen, aber es gab weder Strom noch Gas oder Kanalisation. Der Pflegevater war zunächst arbeitslos, bekam jedoch aufgrund seiner Mitgliedschaft bei der Vaterländischen Front bald eine Stelle als Hilfsarbeiter in der Holzfabrik Slavonia. Kurt wurde von den Pflegeeltern verwöhnt und zu Verwandtenbesuchen mitgenommen, Friedrich wurde zu Arbeiten herangezogen und musste auf Holzscheiten knien. Er musste sich um die hinter dem Haus in einem Stall gehaltenen Ziegen, Hasen, Hühner und manchmal Schweine kümmern, von denen sich die Familie ernährte, und er musste das Wasser zum Gießen des im Garten wachsenden Gemüses vom Brunnen holen. Wenn seine Mutter ihn besuchen kam, wusste er nicht, was er mit ihr reden sollte, da die Heilingers immer dabei waren. Beim Abschied von seiner Mutter weinte er, was Frau Heilinger nicht mochte. Vielmehr sollte der Junge sie „Mutter“ und ihren Mann „Vater“ nennen, Friedrich nannte sie jedoch weiterhin Frau und Herr Heilinger. Als er im September 1936 mit der Volksschule begann, konnte er seine Hausaufgaben erst abends machen, wenn es finster wurde und er die ihm aufgetragenen Arbeiten erledigt hatte. In der Schule waren er und drei oder vier im Kloster lebende Waisenkinder ausgegrenzt; ihre Klassenkameraden waren Kinder der umliegenden Wirte oder Gärtner, die den Lehrern Obst und Gemüse mitbrachten und Geld hatten, wenn „für die armen Kinder in Afrika“ Spenden gesammelt wurden.
Im März 1938 fuhren die Pflegeeltern mit Friedrich zum Heldenplatz, um Hitlers Einmarsch zu bejubeln. Dabei nahm der Pflegevater Friedrich zum ersten Mal an die Hand. Der Schuldirektor wurde ausgewechselt. Zawrel wurde von seinem Lehrer nur kritisiert und dem Gespött der Klasse ausgesetzt. Als sie etwa eine Allee zeichnen sollten, links und rechts mit Hakenkreuzfahnen, präsentierte der Lehrer Zawrels Zeichnung als Verhöhnung der Hakenkreuzfahne. Weil er ein Gedicht über selbige Fahne nicht im Sinne des Lehrers betonte, wurde den Pflegeeltern geschrieben. Die Söhne der Gärtner und Wirte kamen mit Braunhemden zur Schule und waren schon Pimpfe.
Im Oktober 1939 wollte Friedrich seine Mutter suchen und lief weg. Planlos herumstreunend wurde er von einem Polizisten aufgegriffen und wieder zurückgebracht. Er wurde beschuldigt, dem Bruder der Mutter dreißig Reichsmark gestohlen zu haben, und kam einen Monat später wieder in die Kinderübernahmestelle und danach in das Wiener Zentralkinderheim. Dort wurde im Unterricht der Völkische Beobachter gelesen und je nach Meldung das passende Partei-, Hitlerjugend- oder Wehrmachtslied gesungen. Nach dem Unterricht wurden die Buben damit beschäftigt, ihre Betten immer wieder neu zu „bauen“: Machte einer es nicht ordentlich, mussten alle von vorne beginnen; irgendein Makel fand sich immer. Die Schwester forderte dann dazu auf, sich bei demjenigen dafür zu bedanken, dass er ihnen ihre Freizeit „versaut“ hatte, woraufhin sie ihn verhauten und die Schwester alle Betten wieder aufriss. Sie durchschauten die Taktik nicht. Auf die Toilette durften die Kinder nur stündlich. Musste jemand außerhalb der Zeit, ließ die Schwester die anderen vor ihren Betten antreten und sie mussten mit dem davor stehenden Stockerl Kniebeugen machen. Anschließend befahl sie ihnen, jenem Kind „beizubringen“, sich diszipliniert zu verhalten und nicht mehr außerhalb der Zeit aufs Klo zu müssen.