An diesem Tag

Friedrich Torberg

Österreichischer Schriftsteller und Journalist

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Friedrich Torberg (* 16. September 1908 in Wien als Friedrich Kantor; † 10. November 1979 ebenda) war ein Schriftsteller, Journalist, Publizist, Übersetzer, Drehbuchautor und Herausgeber, der sich als tschechischer Österreicher und Jude bezeichnete und zur Prager deutschen Literatur gezählt wird.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen sein Erstlingswerk, der Roman Der Schüler Gerber, und danach Die Mannschaft sowie seine Spätwerke, die Anekdotensammlungen Die Tante Jolesch und Die Erben der Tante Jolesch. Torberg war unter anderem Übersetzer der Bücher Ephraim Kishons, Gründungsherausgeber der Zeitschrift FORVM und als Literaturkritiker bekannt. Sein Pseudonym „Torberg“ bildete der Schriftsteller um 1930 anlässlich seiner ersten Veröffentlichungen aus den Nachnamen seiner Eltern Kantor und Berg.

Friedrich Torberg entstammte einer deutschsprachig-jüdischen Prager Familie. Sein Vater Alfred Kantor (1874–1931) ging als leitender Angestellter einer Prager Spiritusfabrik nach Wien, wo Therese Berg eine Filiale der elterlichen Selchwarenproduktion leitete. Sie heirateten Ende des Jahres 1900 in Prag. Seine ältere Schwester Sidonie („Sidi“) (1902–1941) und die Mutter wurden am 3. November 1941 in das Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo sie umgekommen sind. Die jüngere Schwester Ilse Daus („Sili“) konnte 1939 nach Palästina emigrieren, wo sie als Kinderbuchillustratorin reüssierte und mit dem Komponisten Avraham Daus zwei Töchter hatte.

Friedrich Torberg kam in der Porzellangasse, am Alsergrund, zur Welt. (Im gleichen Häuserblock, von der Berggasse aus zugänglich, lebte 1891–1938 Sigmund Freud.) Er besuchte die Volksschule in der Grünentorgasse und das Realgymnasium Wasagasse. In Wien trat Torberg der Wasserballsektion des jüdischen Sportvereins SC Hakoah Wien bei, nachdem in der Fußballmannschaft aufgrund der großen Erfolge und des daraus resultierenden regen Andrangs keine Spieler mehr aufgenommen wurden.

Als der Vater 1921 zum Prokuristen seiner Firma befördert worden war, kehrte die Familie nach Prag zurück. Dort erhielt Torberg 1924 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, die er bis 1945 innehatte. Torberg litt sehr unter dem dortigen Schulsystem, das noch aus der untergegangenen Monarchie stammte. In Wien hatte Torberg Schulen besucht, an denen die Schulreform des Reichsratsabgeordneten Otto Glöckel bereits durchgeführt worden war. Da Torberg in dieser Zeit auch in verschiedenen Varietés auftrat und Gedichte verfasste, bestand er 1927 die Reifeprüfung am Deutschen Realgymnasium in Prag-Smíchov zunächst nicht, sondern erst im Jahr darauf.

Ab 1927 arbeitete Torberg beim Prager Tagblatt unter anderem als Sportreporter und Theaterkritiker. Er freundete sich mit Egon Erwin Kisch, Alfred Polgar und Joseph Roth an. Auch André Malraux, Bertrand Russell und Ernst Toller lernte er in dieser Zeit kennen. In Wien war er Stammgast im Café Herrenhof, in dem auch die Schriftsteller Hermann Broch, Robert Musil und Franz Werfel verkehrten. Ebenso war er im Café Rebhuhn und im Café de l’Europe, damals Treffpunkt der Halbwelt, anzutreffen.

1928 begann Torberg an der Universität Prag zuerst Philosophie, später Rechtswissenschaften zu studieren. Als nach drei Semestern eine erste Prüfung anstand, brach er das Studium ab. Im selben Jahr wurde Hagibor Prag tschechoslowakischer Meister im Wasserball. Torberg hatte beide Tore zum 2:0-Sieg geworfen. Des Autors Begeisterung für Sport zeigt sich auch in der Schilderung des Schiausflugs im Schüler Gerber.

1935 erschien Die Mannschaft, Roman eines Sportlebens, der von den Erlebnissen des jungen Harry und seiner Wasserballmannschaft handelt. Als regelmäßiger und begeisterter Besucher von Fußballspielen des SC Hakoah Wien schrieb er 1959 im Essay Warum ich darauf stolz bin anekdotenreich seine Erinnerungen an diese Mannschaft und ihre Spiele nieder.

1929 absolvierte Torberg beim Leipziger Tageblatt ein einjähriges Volontariat. In diesem Jahr war er laufend zwischen Wien, Leipzig und Prag unterwegs. Unter anderem schrieb er in Prag für die Wochenzeitschrift Selbstwehr und kam dabei mit radikalen Zionisten in Kontakt. 1935 schrieb Torberg eine Zeitlang für den von deutschsprachigen Emigranten in der Tschechoslowakei gegründeten Prager Mittag, der ihn mit dem Angebot, Sportberichte und Theaterkritiken schreiben zu können, gelockt hatte. Diese Anstellung endete wenig später, als Torberg nach einem Weltrekord des Schwimmers Peter Fick seinen Artikel unbekümmert mit der Überschrift Neuer Fick-Rekord versah.

1930 debütierte Torberg mit Hilfe seines Prager Mentors Max Brod als Romanautor. Brod sandte das Manuskript von Der Schüler Gerber hat absolviert (Titel der Erstausgabe, später nur noch Der Schüler Gerber) an den Verlag Paul Zsolnay mit der Maßgabe, bei Annahme Torberg direkt zu verständigen, bei einer Ablehnung jedoch ihn, Brod. In diesem ersten und wirtschaftlich erfolgreichsten Roman thematisierte Torberg seine schlechten Schulerfahrungen. Er schildert darin den Abiturienten Kurt Gerber, einen Einzelgänger und Schwärmer, der unter den Zwängen des Schulsystems, vor allem aber unter seinem scheinbar allmächtigen Mathematiklehrer („Gott“ Kupfer), leidet. Die Erstauflage betrug 5000 Stück. Innerhalb eines Jahres wurde das Werk in sieben Sprachen übersetzt. Dieser Erfolg bedeutete nicht nur eine materielle Absicherung, sondern auch die Aufnahme in die „legendäre Prager deutsche Dichterszene“.

Emigration in die Schweiz und nach Frankreich

Im „Dritten Reich“ wurden Torbergs Bücher ab 1933 von den Nationalsozialisten verboten. In Österreich nahm er 1937 aus Geldnot ein Angebot an, das bekannte Volksstück Der Pfarrer von Kirchfeld von Ludwig Anzengruber als Drehbuch zu adaptieren. Die anfänglich vorgesehenen Partner Otto und Egon Eis sagten wegen Verhinderung bzw. Desinteresse die Mitarbeit ab, stimmten aber zu, gegenüber dem Produzenten als Mitarbeiter in Erscheinung zu treten. Das Drehbuch schrieb Torberg schließlich mit einem anderen Drehbuchautor unter dem gemeinsamen Pseudonym „Hubert Frohn“, einem „steirischen Heimatdichter aus Judenburg“.

Das Pseudonym war nötig, da in Deutschland Filme mit jüdischer Mitwirkung nicht mehr aufgeführt werden durften, österreichische Filme jedoch vom deutschen Markt abhängig waren und an die Filmherstellung in Österreich ohne jüdische Mitarbeiter kaum zu denken war – bedeutende Filmschaffende in Österreich waren Juden, zu denen 1933 zahlreiche Flüchtlinge aus Deutschland hinzukamen. Als Beispiel für „die Weise, […] auf welche damals Filme entstanden sind“, beschrieb Torberg diese Anekdote in Die Erben der Tante Jolesch.

Im März 1938, zur Zeit des Anschlusses Österreichs, hielt sich Torberg zufällig in Prag auf. Am 20. Juni emigrierte er zunächst nach Zürich, wo er sich in Sicherheit sah. Der Schriftsteller wurde bald Stammgast im Grand Café Odeon. Im Frühjahr 1939 wurde jedoch seine Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert. Torberg kam der Ausweisung zuvor und ging nach Paris. Den Sommer 1939 verbrachte er in Frieden an der Côte d’Azur und wurde als tschechoslowakischer Staatsbürger bei Kriegsbeginn auch nicht interniert.

Im Oktober schloss er sich der tschechoslowakischen Exilarmee an, die sich damals formierte. Bereits die Grundausbildung überforderte Torberg wegen seines Herzproblems. Zunächst zu Büroarbeiten eingeteilt, wurde er nach sieben Monaten als untauglich entlassen. Torberg erhielt aber gültige Ausweisdokumente. Am 12. Juni 1940, zwei Tage vor der Besetzung der Stadt Paris durch deutsche Truppen, konnte er zusammen mit Oskar Karlweis die Stadt verlassen und gelangte an die spanische Grenze, wo er 20 Stunden vor der Grenzschließung durch deutsche Truppen entkommen konnte. Über Porto schlug er sich (öfters illegal) nach Lissabon durch. Nur dort, in der Hauptstadt, waren Visa für die USA zu bekommen, doch Ausländern war der Aufenthalt in der überfüllten Stadt untersagt.

Durch Vermittlung von Freunden wurde Torberg zwar offiziell vom P.E.N.-Club als einer von damals zehn Outstanding German Anti-Nazi-Writers erfasst, das angekündigte Visum ließ jedoch auf sich warten, „möglicherweise deshalb“, erklärte Torberg in Die Erben der Tante Jolesch, „weil meine Reisedokumente mich vor dem Konsul weder als German noch als Austrian legitimierten; vermutlich mußte man erst in Washington rückfragen, ob man auch mit tschechoslowakischem Paß ein Anti-Nazi-Writer sein konnte.“ Mit dem Visum vom 11. September 1940 konnte Torberg am 9. Oktober 1940 den Kontinent verlassen.

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