Friedrich Pollock (später Frederick Pollock, geboren 22. Mai 1894 in Freiburg im Breisgau; gestorben 16. Dezember 1970 in Montagnola, Tessin) war ein Ökonom und Soziologe. Er war Mitbegründer des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, als dessen Geschäftsführer und Finanzverwalter er jahrzehntelang tätig war. Seine Forschungen prägten wesentlich Max Horkheimer, der als Sozialphilosoph das Institut über ein Vierteljahrhundert lang leitete und mit dem ihn eine enge, in der Jugend geschlossene, lange Freundschaft verband. Mit seiner in der Emigration entwickelten Theorie des Staatskapitalismus trug Pollock zur politökonomischen Fundierung einer späteren Version der Kritischen Theorie bei.
Leben und administrative Tätigkeit
Friedrich Pollock wurde am 22. Mai 1894 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Freiburg im Breisgau geboren. 1910 zog die Familie nach Stuttgart. Von 1911 bis 1915 erhielt er eine kaufmännische Ausbildung. Zu Beginn dieser Zeit lernte er Max Horkheimer kennen, ebenfalls ein Fabrikantensohn aus jüdischer Familie. Ihre lebenslange Freundschaft besiegelten beide 1911 mit einem schriftlichen Freundschaftsvertrag, in dessen Präambel es hieß:
Dieser Vertrag, der im Laufe ihres Lebens immer wieder durch Beschlüsse und Memoranda erneuert und ergänzt wurde, fasste das Freundschaftsideal als „totalitär, nämlich die ganze Person umfassend und durchdringend“ in radikaler Verbundenheit, wie Philipp Lenhard in der ersten Pollock-Biografie (erschienen 2019) schreibt.
Zwischen 1913 und 1915 absolvierten sie in Brüssel, Manchester und London gemeinsam Volontariate, die sie auf ihre zukünftigen Aufgaben in der väterlichen Nachfolge als Firmenleiter vorbereiten sollten. Großzügig ausgestattet mit finanziellen Mitteln, verhielten sich die Freunde wie „wohlhabende Junggesellen“, die regelmäßig junge Damen zum Abendessen ausführten und erste amouröse Erfahrungen sammelten. Von 1916 bis 1918 leistete Pollock seinen Militärdienst ab, ohne an die Front zu müssen. Nachdem er in München gemeinsam mit Max Horkheimer als Externer das Abitur nachgeholt hatte, studierte er von 1919 bis 1922 Ökonomie, Soziologie und Philosophie in München, Freiburg und Frankfurt am Main; sein Studium schloss er 1923 in Frankfurt mit der Promotion bei Siegfried Budge über die Geldtheorie von Marx ab.
Gründung des Instituts für Sozialforschung
Während des Studiums hatte Pollock Felix Weil kennengelernt, den Sohn eines argentinischen Getreidehändlers und Multimillionärs. Das große Erbe, das ihm seine Mutter hinterlassen hatte, ermöglichte es ihm, zum späteren Mäzen des Instituts für Sozialforschung zu werden. Pollock und Weil verband eine lebenslange Freundschaft. Über Weil lernte er Karl Korsch kennen. Am Pfingstwochenende 1923 nahm Pollock an der von Korsch und Weil organisierten Marxistischen Arbeitswoche in Geraberg (Thüringen) teil – dabei war Korsch für deren inhaltliche Ausrichtung und Weil für die materielle Ausstattung zuständig.
Von Weil stammte die Idee zur Gründung eines von der Parteipolitik unabhängigen marxistischen Instituts. Pollock war 1923 an der Gründung des – am 22. Juni 1924 offiziell eröffneten – Instituts für Sozialforschung beteiligt, dessen Name auf seinem Vorschlag beruhte. Erster Direktor wurde der Austromarxist Carl Grünberg, der bis dahin als Professor für Wirtschaftsgeschichte Nationalökonomie an der Universität Wien gelehrt hatte und Begründer der Zeitschrift Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung war. Pollock übernahm geschäftsführend die Verwaltung. Stiftungsträgerin des Instituts wurde die dafür eigens gegründete Gesellschaft für Sozialforschung mit Felix Weil als Stiftungsvorsitzendem. Das mütterliche Erbe Weils reichte für den Bau des Instituts und die Ausstattung der Bibliothek; zur Finanzierung des laufenden Institutsbetriebs blieb man auf die Unterstützung von Felix Weils Vater, Hermann Weil, angewiesen. Dieser ließ der Gesellschaft für Sozialforschung jährlich 120.000 Mark oder 30.000 Dollar zukommen.
Carl Grünberg, der mit dem Direktor des Moskauer Marx-Engels-Instituts, Dawid Borissowitsch Rjasanow, befreundet war, hatte mit diesem eine Gesamtausgabe der Marx-Engels-Manuskripte geplant. Zu diesem Zweck wurde die Marx-Engels-Archiv-Verlagsgesellschaft zur Förderung der Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) ins Leben gerufen, deren Geschäftsführer Felix Weil zusammen mit Pollock wurde. 1928 erlitt Grünberg einen Schlaganfall. Vertretungsweise übernahm Pollock daraufhin die Leitung des Instituts für Sozialforschung. Zugleich nahm er eine Lehrtätigkeit als Privatdozent an der Universität Frankfurt auf. 1930 wurde Max Horkheimer zum neuen Direktor ernannt. Im gleichen Jahr fiel die Entscheidung, eine Zweigstelle in Genf (Societé Internationale de Recherche Sociale) in Kooperation mit der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) zu errichten. Pollock wurde mit deren Leitung beauftragt, woraufhin er sich ab 1931 hauptsächlich in der Schweiz aufhielt. Neben dieser Zweigstelle wurden auch Büros in Paris und London eingerichtet, in planender Voraussicht eines erwarteten faschistischen Umsturzes und zur Vorbereitung einer Emigration des Instituts.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 emigrierte Pollock gemeinsam mit Horkheimer über Genf und Paris nach New York. Dort wurde er geschäftsführender Direktor des International Institute for Social Research an der Columbia University. Im Februar 1933 wurde in Genf die Société Internationale des Recherches Sociales (SIRES) als Nachfolgerin der deutschen Gesellschaft für Sozialforschung gegründet. Auf Weils Vorschlag wurde Pollock ihr Stiftungsdirektor. Als Testamentsvollstrecker und Treuhänder der Hermann-Weil-Familienstiftung schloss Felix Weil mit der SIRES eine Schenkungsvereinbarung, um aus den dem Familienvermögen zufließenden Dividenden die jährlichen Zuwendungen an das Institut zu sichern. Nachdem es Mitte der 1930er Jahre zu einem Erbschaftsstreit unter den Nachkommen Hermann Weils gekommen war, wurde ab 1937 die Einkommensstiftung in eine Kapitalstiftung umgewandelt. Die jährlichen Zuwendungen wurden durch eine einmalige Zuwendung in Höhe von 2.660.000 Schweizer Franken abgelöst; Felix Weil vermachte SIRES zudem in vollem Umfang einen Kapitalfonds von 883.000 Dollar als Schenkung. Am 1. Januar verfügte SIRES über einen Kapitalstock von 4.560.000 Schweizer Franken, ein Jahr später waren es nur noch 3.560.000 Schweizer Franken; der Schwund von einer Million war auf den Börsencrash von 1937 und Fehlspekulationen Pollocks zurückzuführen.
Die nachfolgenden Sparmaßnahmen bekamen nicht nur die über zweihundert unterstützten Wissenschaftler zu spüren, deren Honorare, Stipendien und unbürokratische Zuwendungen gekürzt wurden; Pollock versuchte auch, die festangestellten Institutsmitglieder davon zu überzeugen, sich nach alternativen Einkommensquellen umzusehen. Wie sein Biograf schreibt, schmälerte dies nicht Pollocks Rolle als „Organisator konkreter Solidarität“, etwa in seinem Engagement als Vizepräsident der Ende 1936 ins Leben gerufenen Organisation „Selfhelp of German Emigres from Central Europe“ (mit Paul Tillich als Präsidenten), in deren Netzwerk das Institut praktische Hilfe leistete. Aufgrund der prekär gewordenen Finanzlage ging das Institut zunehmend dazu über, mit anderen Organisationen und Stiftungen zusammenzuarbeiten, um Drittmittel einzuwerben, so arbeitete der neu angekommene Theodor W. Adorno zunächst mit einer halben Stelle für das von Paul Lazarsfeld an der Princeton University geleitete „Radio Research Project“. Oft ist aus Emigrantenkreisen Pollock und Horkheimer vorgeworfen worden, dass sie selbst auf großem Fuß gelebt hätten, während sie anderen das Gehalt kürzten; wahr ist, dass keiner der beiden jemals ernsthafte Existenzängste verspüren musste.
Pollock heiratete 1935 seine Jugendfreundin Andrée („Dée“) Marx, die zu diesem Zeitpunkt mit 37 Jahren einmal verheiratet und geschieden war, er selbst war 41 Jahre alt. Bereits vier Jahre später erlag seine Frau einem Krebsleiden. Dées Tod und der Kriegsausbruch stürzten ihn in Trauer, Wut und Ohnmachtsgefühle, die er in eine spezifische Form der Produktivität verwandelte. Sie spornten Pollock zur Niederschrift seiner Staatskapitalismus-Theorie (siehe unten) an, die mit dem Übergang von der liberalen Markt- zur faschistischen Befehlswirtschaft die Ablösung des Primats der Ökonomie durch das Primat der Politik registrierte und damit einen theoretischen Paradigmenwechsel des Instituts anzeigte. Vorausgegangen war dem die Veröffentlichung von Horkheimers Aufsatz Die Juden und Europa (1939), der unter deutlichem Einfluss der Pollockschen Theorie verfasst worden war.