Friedrich Melchior Baron von Grimm (* 26. September 1723 in Regensburg; † 19. Dezember 1807 in Siebleben) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist, Theater- und Musikkritiker und Diplomat in Paris. Grimm war Herausgeber der Correspondance littéraire, philosophique et critique, die eine vollständige Geschichte der französischen Literatur in den Jahren 1753 bis 1790 darstellt. Über die Musik und Literatur kam Grimm mit den Enzyklopädisten in Kontakt.
Friedrich Melchior Grimm war der Sohn des lutherischen Pastors Johann Melchior Grimm (1682–1749) und dessen Ehefrau Sibylle Margarete Koch (1684–1774). Er wurde am 26. September 1723 in der Neupfarrkirche, an der sein Vater Pfarrer war, getauft; Pate war der Handelsmann und Hausgerichtsassessor Friedrich Reinhardt. Seine Mutter war die Tochter von Johann Georg Koch, evangelischer Pfarrer in Regensburg, und dessen Ehefrau Dorothea Cordula Wonna. Als Gymnasiast besuchte Friedrich Melchior Grimm das lutherische städtische Gymnasium poeticum. Er wohnte bei seinem Bruder, dem Regensburger Pfarrer und Superintendenten Ulrich Wilhelm Grimm (1716–1778) und dessen Ehefrau im Palais Löschenkohl am Neupfarrplatz. Dort wohnte auch die Familie des kursächsischen Gesandten, Johann Friedrich von Schönberg, dessen Söhne ebenfalls das Gymnasium poeticum besuchten. Bereits während der Schulzeit bewies Melchior Grimm lebhaftes Interesse an Literaturgeschichte, las den Versuch einer Critischen Dichtkunst und begann einen längeren Briefwechsel mit Johann Christoph Gottsched und dessen Ehefrau Luise Adelgunde Victorie Gottsched.
Von 1742 bis 1745 studierte Melchior Grimm an der Universität Leipzig zunächst Theologie wie bereits sein Bruder Ulrich Wilhelm, dann auch Jura, interessierte sich aber mehr für Literatur und Philosophie. Neben Gottsched wurde Johann August Ernesti einer seiner Lehrer. Letzterem verdankte er seine kritische Wertschätzung der klassischen Literatur. Mit 19 Jahren dramatisierte Grimm den Roman Die asiatische Banise von Heinrich Anselm von Ziegler und Kliphausen. Das Stück begeisterte Gottsched so sehr, dass er es 1743 in seiner Sammlung Die deutsche Schaubühne veröffentlichte. Die Inszenierung war ein wirtschaftlicher wie künstlerischer Misserfolg. Fortan verlegte sich Grimm mehr auf die Interpretation, Kritik und Übersetzung von französischen Werken, gefördert durch seinen alten Bekannten aus Regensburg, den kursächsischen Gesandten Schönberg. Ein Schwerpunkt wurde die Mémoire sur la satire von Voltaire. In Sachsen entwickelte Grimm sich zum Kenner der Opern von Johann Adolf Hasse; in Grimms Nachlass befanden sich einige Partituren, die Mehrzahl davon Werke von Hasse, darunter auch einige Autographen. Im September 1745 war Grimm anwesend bei der Wahl Kaiser Franz I. in Frankfurt am Main, dann kehrte er nach Regensburg zurück, wo er vier Jahre lang eine Anstellung als Hauslehrer beim Grafen von Schönberg hatte.
Um 1747 zog sein Freund Gottlob Ludwig von Schönberg nach Frankreich. Grimm folgte ihm nach zusammen mit Schönbergs jüngerem Bruder, und sah im Februar 1749 die Oper Platée von Jean-Philippe Rameau. Bald wurde er zum Sekretär von August Heinrich von Friesen ernannt. Durch seinen Dienstherrn, der ein Neffe des Marschalls von Sachsen, Moritz Graf von Sachsen, war, wurde Grimm schon bald in die Gesellschaft eingeführt. Auf einer Festivität des Geheimdiplomaten Baron Ulrich von Thun (1707–1788) lernte Grimm im August 1749 in einem Landhaus in Fontenay-sous-Bois, dessen Besitzer Friedrich Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg war, Emanuel Christoph Klüpfel und Jean-Jacques Rousseau kennen. Durch letzteren wurde er mit Denis Diderot bekannt. Rousseau schrieb, dass Grimm ein Cembalo besaß und Vorleser des ältesten Sohnes von Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg wurde. Grimm, Rousseau und Diderot waren häufig zusammen. Zu seinem Bekanntenkreis gehörten auch Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, Jean-François Marmontel, André Morellet und Claude Adrien Helvétius. Im August 1750 fing Grimm an, Briefe an den Mercure de France zu schreiben und die Leser über Luther und die zeitgenössische deutsche Literatur (nach der Auffassung von Gottsched) zu unterrichten und begann so einen grenzüberschreitenden Kulturaustausch.
Als 1752 in Paris der Buffonistenstreit zwischen Anhängern von Giovanni Battista Pergolesi und den Vertretern der Tragédie lyrique nach dem Vorbild Jean-Baptiste Lullys ausbrach, stellte sich Grimm zusammen mit Rousseau in das Lager der Neuerer, empfahl aber vorerst – so namentlich in der Lettre de M. Grimm sur Omphale (1752) – die erneuerte Tragédie lyrique eines Jean-Philippe Rameau. Später ergriff er in seiner Satire Le petit prophète de Boehmisch-Broda (1753) offen Partei für die italienische Opera buffa. Es wurde vermutet, dass der Ursprung von Grimms Begeisterung für die italienische Opernkunst bei der Schauspielerin und Primadonna Marie Fel zu suchen war. Als der verliebte Grimm von ihr abgewiesen wurde, verfiel er in Lethargie; Rousseau und Abbé Raynal kümmerten sich um ihn. Als Sieger gingen allerdings zunächst die Anhänger von Lully hervor. 1754 verbannte die Académie Royale de musique alle italienische Musik.
Zu Stanisław Antoni Poniatowski, dem früheren Liebhaber von Katharina II. von Russland und späteren König von Polen pflegte er freundschaftliche Beziehungen.
Seine Rolle in der Verteidigung der italienischen Oper, seine Vorliebe für Ironie und Klatsch und sein Ruf als witziger Gesprächspartner führten dazu, dass Grimm ein gern gesehener Gast bei Hofe und in den Salons der politischen und künstlerischen Avantgarde war, z. B. bei Marie Thérèse Rodet Geoffrin und Suzanne Curchod, der Ehefrau von Jacques Necker. Wegen seines stets weiß gepuderten Gesichtes und seines manchmal diktatorischen Charakters nannte man ihn bald in Anspielung auf einen katalanischen Ritterroman Tirant le Blanc („Tirant der Weiße“).: In der Tat sei „seine Toilette […] für ihn eine wahre Staatsangelegenheit“ gewesen.
Im Jahre 1754 reisten Grimm und Paul Henri Thiry d’Holbach in den Süden Frankreichs. Grimm erwähnte Holbach, dessen Übersetzungen aus dem Deutschen und dessen Publikationen fast immer in seiner Correspondance. Holbachs Le christianisme dévoilé bezeichnete Grimm in seiner Rezension als das „kühnste und schrecklichste Buch, das jemals irgendwo in der Welt erschienen ist“. Er wies darauf hin, dass man zwar nichts Neues aus dem Buch lernen könne, es aber dennoch Interesse wecke.
Als 1755 sein Freund Friesen plötzlich starb, avancierte Grimm zum Kabinettssekretär von Louis Philippe I. de Bourbon, duc d’Orléans. Als solcher begleitete er Louis-Charles-César Le Tellier, Herzog von Estrées, von April 1756 bis September 1757 auf dessen Feldzug nach Westfalen. Anfang 1759 wurde Grimm zum Gesandten der Stadt Frankfurt am Main am französischen Hof ernannt. Als er im August desselben Jahres die Ernennung des Herzogs Victor-François de Broglie zum Marschall in einem durch die französische Regierung unter König Ludwig XV. abgefangenen Brief kritisierte, verlor er diesen Posten wieder. Dies schadete aber seiner Karriere in den Pariser Salons nicht.
Die „Correspondance littéraire, philosophique et critique“
Ab 1747 schickte Abbé Guillaume Thomas François Raynal seine Nouvelles littéraires an den Hof in Sachsen-Gotha; beeinflusst von ihm begann Grimm 1753 die Correspondance littéraire, philosophique et critique. Es handelt sich um Briefe mit literarischen Porträts, Anekdoten, Kritiken und Erzählungen aus dem gesellschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Leben der Metropole, berichtete aber auch über Neuigkeiten auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Diese Correspondance „in kleiner Schrift eng beschrieben, ohne Bilder, ohne viele leserfreundliche Absätze“ wurde anfangs alle zwei Wochen versandt. Sie wurde in Zweibrücken von Hand geschrieben, um die französische Zensur zu vermeiden, und unkontrolliert durch Diplomatenpost zu den Abonnenten gebracht. Ein Abonnent der Correspondance musste sich verpflichten, die Blätter nicht weiterzugeben und vor allem auch, nichts daraus drucken zu lassen. Die Correspondance wurde so zu einer der wichtigsten Zeitschriften des 18. Jahrhunderts, wenn auch mit einem eingeschränkten, ausschließlich hochadligen Leserkreis. Zu den Lesern gehörten etwa 15 deutsche Fürsten, aber kein einziger Franzose. Die Liste der Abonnenten beginnt 1753 mit den drei Brüdern Friedrichs II., die sich im sparsamen Preußen die Kosten teilten, und nennt weiter Luise Dorothea von Sachsen-Meiningen, Karoline Luise von Hessen-Darmstadt (ab 1754), Gustav III. von Schweden und dessen Mutter Luise Ulrike von Preußen (ab 1756), die Zarin Katharina die Große (ab 1763), Dmitri Alexejewitsch Golizyn (1764–1781), Stanislaw II. (ab 1767), den Großherzog der Toscana (seit 1768), die Markgrafen von Baden-Durlach und Ansbach, die Prinzessin von Nassau-Saarbrücken, Friedrich Michael von Pfalz-Birkenfeld und Karl August von Weimar. Auch Friedrich II. von Preußen (bis 1766) gehörte zu den Lesern. Friedrich bekam sein gratis Exemplar zuerst von Luise Dorothea. Grimm sandte ihm drei Jahre lang kostenlos seine Briefe, aber Friedrich weigerte sich 1766, den Autor der Correspondances zu empfangen, da er zu beschäftigt sei. Sie begegneten sich erst 1769 zum ersten Mal und unterhielten einen längeren Briefwechsels, der sich bis zum Mai 1786, drei Monate vor des Königs Tode, erstreckt.