Friedrich Liebling (* 25. Oktober 1893 in Augustowka, Galizien, Österreich-Ungarn, heute Awhustiwka (russisch: Awgustowka), Rajon Kosowa, Oblast Ternopil, Ukraine als Salomon Liebling; † 28. Februar 1982 in Zürich, Schweiz) war ein Psychologe aus der Schule der Individualpsychologie Alfred Adlers.
Salomon Liebling war der älteste Sohn einer jüdischen Familie in Augustowka, Westgalizien. Seine Mutter hieß Sara (genannt Salie) Apter, sein Vater (oder Stiefvater) war der Gastwirt Leib Liebling. Er hatte neun Geschwister, von denen vier schon als Kleinkinder starben. Die fünf anderen Geschwister waren: Antonia (Toni oder Taube, geb. 1891), Rifka (geb. 1896), Chaje (Klara, geb. 1897), Nuchim (Wilhelm, geb. 1900) und Julja (geb. 1908). Seine erste Schulbildung erhielt Liebling zusammen mit den Kindern des Gutsbesitzers des großen Guts in Augustowka. Als ältester Sohn trug er früh Verantwortung und kümmerte sich um seine Geschwister. Ob Liebling die Matura absolvierte, ist ungewiss. Dies wäre in dem Bezirkshauptort Brzezany, wo es ein Gymnasium gab, möglich gewesen, doch machte der frühe Tod des Vaters möglicherweise seine Ausbildungspläne zunichte. Dieser starb 1911 und hinterließ sechs Kinder im Alter von 3 bis 20 Jahren.
Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit in Wien
Im Februar 1913 kam Liebling nach Wien, vermutlich, um Medizin zu studieren. Die Akten der Universität Wien enthalten jedoch keine Unterlagen über eine Immatrikulation. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anfang September 1914 meldete er sich als Freiwilliger und war die nächsten vier Jahre lang Soldat, vor allem an der polnisch-russischen Grenze. Die Kriegserlebnisse machten ihn zum lebenslangen Pazifisten.
Nach Kriegsende kehrte Liebling 1919 nach Wien zurück. In seinen Meldeunterlagen gab er als Religion jetzt «konfessionslos» statt zuvor «mosaisch» an. Seine Mutter Salie, seine Schwestern Antonia und Julia sowie der Bruder Wilhelm kamen zwischen 1918 und 1923 nach Wien; die Familie lebte in einer gemeinsamen Wohnung in der Fröbelgasse 19 in Ottakring. Die Schwestern Antonia und Klara waren bereits 1914 in die USA emigriert; Antonia wurde jedoch von den amerikanischen Einwanderungsbehörden abgewiesen und musste nach Europa zurückkehren. Über das Schicksal von Rifka ist nichts bekannt. 1923 erlangte Liebling das Heimatrecht in Wien, wurde also Österreicher, und 1927 änderte er durch die altkatholische Taufe seinen Vornamen «Salomon» offiziell zu «Friedrich». 1929 heiratete er die ebenfalls konfessionslose Maria Ulbl (geb. 23.11.1894 in Graz, gest. 03.02.1972 in Zürich), die 1921 aus der katholischen Kirche ausgetreten war. Das Paar hatte bereits zwei Töchter: Erna (Erna Grob-Liebling, geb. 8. August 1921, gest. 13. März 2011 in Philadelphia, USA) und Lillian (Lillian Rattner-Liebling, geb. 3. April 1924, gest. 30. März 2001 in New York, USA). Beide wurden in Graz geboren und lebten dort mehrere Jahre bei ihrer Mutter, die im Gemüseladen ihrer Eltern arbeitete. Ab 1929 waren Lieblings Ehefrau und Töchter ebenfalls in der Fröbelgasse 19 in Wien gemeldet. Friedrich Liebling, gemeldet als Kaufmann, und sein jüngerer Bruder Wilhelm, gelernter Gold- und Silberarbeiter, führten in den 1920er und frühen 1930er Jahren verschiedene Handelsfirmen, teils als Gemischtwarenhandel, später für Textilien und Schuhe. Vermutlich war die ganze Familie am Geschäft beteiligt, dessen Sitz sich ebenfalls in der Fröbelgasse 19 befand.
Im Februar 1934 kam der Austrofaschismus gewaltsam an die Macht; der sozialdemokratische «Schutzbund» wurde blutig unterdrückt und in unmittelbarer Nachbarschaft der Familie wurde ein Arbeiterheim beschossen. In dieser Zeit löste sich die Familiengemeinschaft auf. Ab Mai 1934 war Friedrich Liebling im Eckhaus Spitalgasse 17/Rummelhardstraße 2 im Stadtteil Alsergrund gemeldet, Ehefrau und Töchter wohnten separat in einer Wohnung im 16. Bezirk. Liebling war im Adressbuch als «Handelsvertreter» eingetragen.
Vermutlich bereits 1919 hatte Liebling Pierre Ramus kennengelernt, der sein politisches Denken stark beeinflusste. Pierre Ramus, mit bürgerlichem Namen Rudolf Grossmann, war ein Vertreter des gewaltlosen Anarchismus und Pazifismus. Ramus hatte sozial-libertäre Gruppen initiiert, die sich u. a. mit den Schriften von Kropotkin und Tolstoi befassten. Neben seiner publizistischen Tätigkeit hielt er Vorträge und veranstaltete in seinem Haus in Klosterneuburg wöchentlich stattfindende Diskussionsgruppen, zu denen sich Studenten, Arbeiter, Künstler, Ärzte, Juristen und Psychologen versammelten, um über gewaltlose, freiheitliche Formen des Zusammenlebens zu diskutieren. Auch Alfred Adler nahm an diesen Gesprächen zeitweise teil.
Im Kreis um Alfred Adler fanden ebenfalls wöchentlich Diskussionsrunden statt, teilweise im Haus der Familie Adler, oft auch im Kaffeehaus. Liebling wurde Schüler von Alfred Adler. Es war die Zeit des Roten Wien, in der Adlers Individualpsychologie, neben Freuds Psychoanalyse, weite Verbreitung fand, nicht zuletzt im Rahmen der Wiener Schulreform. Durch zahlreiche Erziehungsberatungsstellen, die von Individualpsychologen geführt und den öffentlichen Schulen angegliedert waren, sowie durch Vorträge und Publikationen wurde die Individualpsychologie bekannt. Liebling wurde Teil der kultur- und gesellschaftskritischen tiefenpsychologischen Bewegung, die vom Roten Wien ausging. Er war vor allem in der Jugendarbeit tätig und arbeitete mit Adlers Mitarbeitern Arthur Holub und Alexander Neuer zusammen.
Der Anschluss Österreichs an Nazideutschland veranlasste Liebling und seine Familie 1938 zur Flucht in die Schweiz. Seine Mutter und die Geschwister Antonia und Wilhelm blieben in Wien und wurden 1942 Opfer der Schoa: Seine Mutter starb im Ghetto Theresienstadt, Antonia wurde ins Ghetto Izbica bei Lublin und von dort weiter in ein Vernichtungslager deportiert, Wilhelm wurde nach Maly Trostinez bei Minsk verschleppt und dort ermordet.
Liebling, seine Frau und die beiden Töchter fanden zuerst Zuflucht in Schaffhausen, wo sie aber nur in relativer Sicherheit lebten; es gab wiederholt Aufforderungen, die Schweiz zu verlassen. Für Flüchtlinge bestand in der Schweiz von 1933 bis 1945 ein Arbeitsverbot. Liebling verbrachte viel Zeit in Bibliotheken. Ab 1945 veröffentlichte er zusammen mit seinen Pflegesöhnen Josef und Leo Rattner über 200 Aufsätze und Artikel in diversen Zeitschriften und Tageszeitungen, teilweise unter Pseudonym. Ein oft verwendetes Pseudonym war «Polybios». Erst 1950 erhielt er die formelle Aufenthaltsbewilligung. 1951 zog er nach Zürich und begann 1952 mit Josef Rattner, der soeben das Philosophie- und Psychologiestudium mit dem Doktorat abgeschlossen hatte, den Aufbau der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle, die später als „Zürcher Schule für Psychotherapie“ bekannt wurde.
Psychologische Beratungs-, Lehr- und Forschungstätigkeit in Zürich
Liebling und Rattner berieten Ratsuchende in vielen Einzelgesprächen zu den unterschiedlichsten Lebensfragen. Sie luden die Ratsuchenden auch in therapeutische Gruppen unterschiedlicher Größe ein, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und Bildungsgrad der Teilnehmenden gemischt waren. Als erste Psychologen im deutschsprachigen Raum arbeiteten sie ab 1955 auch in Großgruppen, die später bis zu mehreren hundert Personen umfassten. Angeregt dazu wurden sie durch die Arbeiten von Samuel Richard Slavson und Jacob Levy Moreno sowie durch die offenen Kreise in den Anfängen der Tiefenpsychologie um Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und insbesondere Alfred Adler, der ein demokratisches Nebeneinander aller Teilnehmenden befürwortete. Die Intention von Liebling und Rattner war, psychologische Erkenntnisse allen Interessierten zugänglich zu machen sowie Gemeinschaftsgefühl und gegenseitige Hilfe bei den Teilnehmenden zu fördern.
In diesen Großgruppen sowie in allen anderen Gesprächen Lieblings und Rattners wurden persönliche Entwicklungsprozesse mit einer umfassenden psychologischen und humanistischen Bildung verbunden. Ziele wie Gewaltlosigkeit im zwischenmenschlichen Umgang, Solidarität und Selbstbestimmungsfähigkeit wurden sowohl theoretisch als auch am praktischen Beispiel erörtert. Psychologie sollte für alle Menschen lehr- und lernbar sein. Diese Großgruppengespräche zogen viele Menschen an; bereits 1961 fanden sie wöchentlich und aufgrund der Teilnehmerzahl in einem gemieteten Saal einer Gewerkschaft statt.