Johann Christian Friedrich Hölderlin (* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Herzogtum Württemberg; † 7. Juni 1843 in Tübingen, Königreich Württemberg) war ein deutscher Dichter, der zu den bedeutendsten Lyrikern seiner Zeit zählt. Sein Werk lässt sich innerhalb der deutschen Literatur um 1800 weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuordnen.
Friedrich Hölderlin war der Sohn des Klosterhofmeisters Heinrich Friedrich Hölderlin (1736–1772) und dessen Ehefrau Johanna Christiana Hölderlin, geb. Heyn (1748–1828). Die Herkunftsfamilien der Eltern gehörten dem gesellschaftlichen Stand der Ehrbarkeit an. Hölderlins Mutter stammte aus einer württembergischen Pfarrersfamilie, die sich auf Regina Bardili, geb. Burckhardt (1599–1669), zurückführen lässt.
Als Klosterhofmeister verwaltete der Vater seit 1762 in landesherrlichem Auftrag die Güter des ehemaligen Dominikanerinnenklosters in Lauffen am Neckar. Seine Amtswohnung befand sich im Amtshaus des Klosterhofmeisters. Hier lebte er mit seiner Frau bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1772. Der Sohn Friedrich, der 1770 als erstes Kind geboren wurde, erlebte seine ersten beiden Lebensjahre in diesem Haus. Während man früher glaubte, dass er in dem Amtshaus geboren wurde, gilt dies heute als unsicher.
Am 7. April 1771 wurde Friedrichs nächstjüngere Schwester Johanna Christiana Friderica geboren, die am 16. November 1775 verstarb. Am 5. Juli 1772, im Alter von zwei Jahren, verlor er seinen Vater durch einen Schlaganfall. Sechs Wochen nach dessen Tod kam seine Schwester Maria Eleonora Heinrica (* 15. August 1772) zur Welt, in Hölderlins Briefen „Rike“ genannt.
Nach dem Tod des Vaters musste die Mutter vom Amtshaus in das private Wohnhaus der Familie Hölderlin umziehen, das sich in der Nähe befand. In diesem privaten Wohnhaus lebte sie als Witwe von 1772 bis 1774 mit ihren Kindern und mit zwei Tanten Hölderlins. Möglicherweise war es auch Hölderlins Geburtshaus. Zur Zeit seiner Geburt wohnten dort die beiden Tanten. Da bei Geburten nur Frauen anwesend sein durften, könnte es sein, dass Hölderlins Mutter zu den Tanten ging, um dort zu entbinden. Heute ist dieses Hölderlinhaus in Lauffen ein Hölderlin-Museum und Veranstaltungszentrum.
Hölderlins verwitwete Mutter heiratete im Oktober 1774 Johann Christoph Gok (1748–1779), Weinhändler und später auch Bürgermeister in Nürtingen. Die Familie zog in den „Schweizerhof“ in Nürtingen, ein repräsentatives Anwesen mit ländlichem Umgriff in der Neckarsteige, das Gok bereits vor der Heirat gekauft und renoviert hatte, aber nur mit Geld seiner Frau im Lauf der Zeit abzahlen konnte. Friedrich und seine Schwester Heinrike bekamen hier einen Halbbruder, Karl Gok (1776–1849). Johann Christoph Gok starb schon am 13. März 1779 durch eine Lungenentzündung, als Hölderlin knapp neun Jahre alt war, so dass seine erst 30-jährige Mutter zum zweiten Mal Witwe wurde.
In Nürtingen besuchte Hölderlin von 1776 bis 1784 die Lateinschule, außerdem bekam er Klavier- und Flötenunterricht. In der Stadtkirche St. Laurentius wurde er am 18. April 1784 konfirmiert.
In dem Haus in Nürtingen wohnten Hölderlin rund zehn Jahre bis 1784 und seine Mutter bis 1798. Auch während seiner Studienjahre hielt er sich in den Ferien oft hier auf. Das Haus in Nürtingen war auch in den darauf folgenden Jahren immer wieder Zufluchtsort für den nach einer Stellung in der Gesellschaft suchenden Dichter. Das Gefühl der Heimkehr nach Nürtingen beschrieb er in seinem Gedicht Die Heimath (1798); in der erweiterten Fassung (1800) ist auch von „der Mutter Haus“ die Rede.
In Nürtingen schrieb er auch an seinem Briefroman Hyperion, wobei ihn sein Bruder Karl unterstützte.
Hölderlin folgte zunächst dem Wunsch seiner Mutter, die sich für ihn den Beruf des Pfarrers vorstellte. Zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung an einer Klosterschule erhielt er ab 1782 in Nürtingen bei Nathanael Köstlin Privatunterricht in Griechisch, Hebräisch, Latein und Rhetorik. In dieser Zeit lernte er den fünf Jahre jüngeren Friedrich Wilhelm Joseph Schelling kennen, der 1783/84 ebenfalls die Lateinschule in Nürtingen besuchte.
Nach bestandenem Landexamen im September 1783 besuchte Hölderlin ab Oktober 1784 die evangelische Klosterschule in Denkendorf (1784–1786) und ab Oktober 1786 das Seminar in Maulbronn (1786–1788). In Maulbronn erlebte er eine erste Liebe zu Louise Nast (1768–1839), der Tochter des Klosterverwalters Johann Conrad Nast. Die Verlobung mit ihr löste Hölderlin jedoch 1790 wieder auf. In einem Brief an Louise Nast schreibt er Anfang 1790 aus Tübingen: „Es ist und bleibt mein unerschütterlicher Vorsatz, Dich nicht um Deine Hand zu bitten, bis ich einen Deiner würdigen Stand erreicht habe. […] ich will heiter Dir Glück wünschen, wenn Du einen Würdigen wählst, und Du wirst dann erst einsehen, daß Du mit Deinem mürrischen, mißmutigen, kränkelnden Freunde nie hättest glücklich werden können.“ Auch die wichtige und innige Freundschaft mit Immanuel Nast, Skribent im Leonberger Rathaus und Louises Cousin, wird stillschweigend aufgekündigt.
Während des anschließenden Theologiestudiums an der Universität Tübingen (1788–1793) war er Stipendiat im Tübinger Stift. Zu seinen Lehrern zählte Karl Philipp Conz. Hölderlin schloss in Tübingen Freundschaft mit den späteren Philosophen Hegel und Schelling, mit denen er sich intensiv austauschte. Mit seinen Freunden Rudolf Magenau und Christian Ludwig Neuffer gründete er einen „Dichterbund“. Eine Liebesbeziehung verband ihn mit Elise Lebret, der Tochter des Universitätskanzlers Johann Friedrich Lebret. 1792 erschienen erste Gedichte Hölderlins in Gotthold Stäudlins Musenalmanach. Hölderlin schloss das Studium erfolgreich ab, entschied sich dann aber – nach seiner Entlassung aus dem Tübinger Stift im September 1793 – nicht Pfarrer, sondern Dichter zu werden. Bereits im November 1791 hatte er in einem Brief an seinen Freund Christian Ludwig Neuffer herausgestellt: „Daß ich noch im Kloster bin, ist Ursache die Bitte meiner Mutter. Ihr zu lieb kann man wohl ein paar Jahre versauren.“
Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, war Hölderlin nach dem Studium zunächst als Hauslehrer für Kinder wohlhabender Familien tätig. Nur über die Vermittlung von Freunden und Bekannten gelang es ihm, an solche „Hofmeisterstellen“ zu kommen.
Am 23. Mai 1793 hatte sich die Majorsgattin Charlotte von Kalb (1761–1843) in einem Brief an Friedrich Schiller gewandt und ihn gebeten, ihr bei der Suche nach einem neuen Hofmeister für ihren zehnjährigen Sohn Fritz behilflich zu sein. Charlotte von Kalb galt als enge Vertraute und Freundin Friedrich Schillers. Am 20. September 1793 hatte Hölderlins Förderer Gotthold Stäudlin in einem Brief an Friedrich Schiller Hölderlin als neuen Hofmeister empfohlen. Nach einem kurzen Besuch Hölderlins bei Schiller in Ludwigsburg am 1. Oktober 1793 und der Zustimmung durch Charlotte von Kalb am 23. Oktober 1793 reiste Hölderlin am 20. Dezember 1793 zunächst zu Fuß nach Stuttgart und von dort mit der Postkutsche weiter nach Nürnberg. Über Erlangen und Coburg gelangte er nach Waltershausen im Grabfeld. Dort traf er am 28. Dezember 1793 ein und begann seine Stellung als Hauslehrer. Für seinen Zögling Fritz gab sich Hölderlin zwar Mühe, kam aber mit ihm nicht zurecht, wie vor ihm schon der Dorfpfarrer und der vorige Hauslehrer. Zu der Hausgemeinschaft gehörte auch Wilhelmine Kirms, die Gesellschafterin der Frau von Kalb. Über die 22 Jahre alte Frau schrieb Hölderlin in einem Brief an seine Schwester: „Die Gesellschafterin der Majorin, eine Wittwe aus der Lausiz, ist eine Dame von seltnem Geist und Herzen, spricht französisch und Englisch, und hat so eben die neuste Schrift von Kant bei mir gehohlt. Überdiß hat sie eine ser interessante Figur.“ Als Wilhelmine Kirms im Dezember 1794 in ihren Heimatort Meiningen zurückkehrte, war sie schwanger; im Juli 1795 gebar sie eine Tochter, die am 20. September 1796 starb. Dass Hölderlin der Vater des Kindes war, lag bis vor kurzem nahe, war aber nur eine unbelegte Vermutung; auch andere Männer kamen als Vater in Frage. Tatsächlich fand im Mai 2020 eine Nachfahrin Hölderlins, Christine Doris Schmidt, den Taufbucheintrag in Weimar, der im besagten Sommer 1795 offiziell belegt, dass Freiherr Heinrich von Kalb (HE Major von Kalb) am 12. Juni 1795 in Weimar Vater einer Tochter wurde. Charlotte von Kalb, die im Dezember 1794 mit Wilhelmine Kirms über Erfurt nach Weimar reiste, wie der Kaufmann Ernst Schwendler in seinem Brief an die Meininger Hofrätin Heim bestätigte, gab sich als die leibliche Mutter aus, um den Ehebruch ihres Mannes zu vertuschen und um Wilhelmine zu schützen. Das ehelich getaufte Mädchen auf den Namen Eleonore von Kalb wurde kurze Zeit später als verstorben gemeldet, damit Wilhelmine ihre Tochter unter anderem Namen (Louise Agnese) heimlich nach Waltershausen mitnehmen konnte, wo das Kind ein Jahr später wie viele andere Kinder an den Blattern verstarb und von einer Amme anonym auf dem Gottesacker in Meiningen beerdigt wurde, wie Adolf Beck 1957 herausfand und in seinem Aufsatz „Die Gesellschafterin Charlottens von Kalb“ im Jahrbuch Nummer 10 der Hölderlin-Gesellschaft beschrieb. Charlotte von Kalb war nur auf dem Papier die Mutter, da sie 1793 nach der schweren Geburt ihres Sohnes August Wilhelm keine Kinder mehr bekommen konnte, wie Charlottes Liebhaber Jean Paul in einem Brief an seinen Freund Christian Otto schrieb. Laut den Sittengesetzen u. a. in Waltershausen und Sachsen-Weimar war es zu Hölderlins Lebzeiten für Bürger und Bürgerinnen ohne adelige Herkunft sehr gefährlich, ein uneheliches Kind zu bekommen, denn Unzucht zog empfindliche Strafen nach sich, wie der Kreisheimatpfleger Reinhold Albert in seinen Heimatblättern über das Grabfeld zu berichten weiß. Hätte Hölderlin Wilhelmine tatsächlich geschwängert, hätte ihn sein Brotherr, Freiherr Heinrich von Kalb, nach einer zweiwöchigen Gefängnisstrafe höchstpersönlich am Pranger öffentlich auspeitschen dürfen. Hölderlins Ruf wäre somit ruiniert gewesen.