Das Frauenwahlrecht in Nordeuropa wurde früher als in anderen europäischen Staaten eingeführt und hatte eine Vorreiterrolle inne. Das aktive und passive Frauenwahlrecht in Finnland wurde am 28. Mai 1906 vom Parlament beschlossen und am 20. Juni 1906 proklamiert. Damit war Finnland zwar weltweit das erste Land, das Frauen das volle aktive und passive Wahlrecht verlieh, aber es unterstand damals noch Russland, war also kein unabhängiger Staat. Schweden war zwar das erste Land Europas, in dem Frauen das kommunale Wahlrecht erhielten, aber eines der letzten, in dem das Frauenwahlrecht auf nationaler Ebene eingeführt wurde: Witwen und unverheiratete Frauen, die Steuern bezahlt hatten, durften in Schweden auf kommunaler Ebene und Provinzebene seit 1862 wählen. Die Einführung des Frauenwahlrechts trat auf nationaler Ebene erst am 26. Januar 1921 in Kraft. Noch langsamer verlief die Entwicklung in Großbritannien: Die volle Gleichheit mit Männern in Bezug auf das aktive und passive Wahlrecht erst am 2. Juli 1928 erreicht. Als fünfter Staat der Erde nach Neuseeland, Australien, Finnland und Norwegen nahm Dänemark mit Island 1915 das Frauenwahlrecht ins Grundgesetz auf. Es lässt sich in einigen Staaten ein Zusammenhang zwischen den Bestrebungen für die Einführung des Frauenwahlrechts und nationalen Tendenzen, religiösen Bewegungen, der Gründung von Frauenorganisationen und anderen Faktoren zeigen.
Untersuchung möglicher Einflussfaktoren auf die politische Repräsentation von Frauen
Strukturelle Ähnlichkeiten der nordeuropäischen Staaten als Hintergrund für vergleichbare Entwicklungen
Die Tatsache, dass Skandinavien bei der Einführung des Frauenwahlrechts in Europa Vorreiter war, hat auch mit strukturellen Ähnlichkeiten der Staaten zu tun. Die Bevölkerung in Schweden, Finnland und Norwegen war überwiegend von der Landwirtschaft geprägt. Der Nationalismus war die vorherrschende politische Strömung. Schweden und Dänemark waren im 19. Jahrhundert unabhängige Staaten, aber Norwegen, Finnland und Island waren von fremden Mächten beherrscht. Die nationale Freiheit, die zu Unabhängigkeitsbestrebungen führte, verband sich mit dem Wunsch nach persönlicher Freiheit, der in dem Wunsch nach dem Frauenwahlrecht einen Ausdruck fand. In Skandinavien herrschte ein allgemeiner Widerstand gegen Neues. Frauen genossen zwar relativ viel Freiheit, etwa wenn es um bezahlte Arbeit außer Haus ging. Doch die Kultur sah paradoxerweise vor, dass Frauen ihren männlichen Verwandten unterstanden.
Die Literatur trug in Skandinavien mehr zur Frauenbewegung bei als in allen anderen Regionen. Menschen wie die schwedische Autorin Fredrika Bremer oder die erste norwegische Frauenrechtlerin Camilla Collett machten die Situation von Frauen zum Thema und führten zur Gründung von Frauenvereinigungen, so 1871 in Dänemark und 1885 in Norwegen und Schweden.
Wesentlich für den Fortschritt der Bewegung zur Einführung des Frauenwahlrechts in Finnland war eine fast völlige Alphabetisierung der Frauen um 1900. Während in Finnland die Frauenbewegung maßgeblichen Anteil an der Bildung von Frauen hatte, lässt sich dies von der norwegischen Frauenbewegung nicht sagen.
Der Nationalismus war für die Einführung des Frauenwahlrechts von größerer Bedeutung als der Feminismus. Frauen verkörperten nationale Werte und durch die Einbeziehung von Frauen in den Kreis der Wahlberechtigten wurden nationale Ideale unterstützt. Von daher war die Einführung kein radikaler, sondern ein konservativer Akt.
Nur etwa 12 Prozent der Bevölkerung Finnlands sprachen Ende des 19. Jahrhunderts Schwedisch, aber sie stellten die Oberschicht und Schwedisch war die Amtssprache. 1863 wurde ein Dekret veröffentlicht, das vorschrieb, dass innerhalb von 20 Jahren die Gleichstellung von Schwedisch und Finnisch erreicht werden sollte. Frauen spielten wegen ihrer Bedeutung für das Schulwesen in diesem Prozess eine besondere Rolle. Inspiriert von John Stuart Mills Buch Die Hörigkeit der Frau gründete eine Gruppe von Frauen um Alexandra Gripenberg im Mai 1884 die Suomen Naisyhdistys (Finnischer Frauenverein), die erste finnische Frauenorganisation. 1892 gründete Lucina Hagman die Union of Women’s Societies, in der auch Männer Mitglieder werden konnten. Diese Gruppe war radialer als der Suomen Naisyhdistys: Sie teilte die Einstellung der Jungfinnischen Partei, die die völlige Unabhängigkeit Finnlands von Russland anstrebte. Das Frauenwahlrecht war in Finnland ein Ziel von mehreren und dem Bestreben untergeordnet, Freiheit von Russland zu erreichen. Wie in Indien, so gingen auch in Finnland Nationalismus und die Entwicklung der Demokratie Hand in Hand: Frauen waren auf allen Ebenen aktiv am Widerstand beteiligt. Durch einen Generalstreik wurde das Frauenwahlrecht 1905 erzwungen.
Auch in Norwegen spielte der Nationalismus eine wichtige Rolle. 1814 war das Land als ein Ergebnis der Napoleonischen Kriege von der dänischen Oberherrschaft unter schwedische Herrschaft gekommen, was von der Bevölkerung abgelehnt wurde. Frauen und Männer kämpften gemeinsam für ein norwegisches Parlament, und schließlich konnte ein solches, wenn auch unter schwedischer Kontrolle, gegründet werden. Jedoch durften nur etwa 8 Prozent der Bevölkerung wählen. Eine hart erkämpfte Verfassungsänderung führte 1884 dazu, dass das Männerwahlrecht ausgeweitet wurde. Die Frauenrechtlerin Gina Krog gründete in Folge mehrere Vereinigungen mit dem Ziel, auch Frauen an die Urnen bringen zu können.
In Island blockierte der dänische König, unter dessen Oberherrschaft das Land stand, zwei Gesetze zum Frauenwahlrecht, die der isländische Althing beschlossen hatte. Auch hier waren also die Themen Nationalismus und Frauenwahlrecht verwoben. Der Kampf zielte zunächst auf eine interne Selbstverwaltung ab, die Island 1874 erreichte, doch es stand immer noch unter dänischer Überwachung, wofür es in der dänischen Regierung einen eigenen Minister gab. Dies führte in den 1880er und 1890er Jahren zu zahlreichen Konflikten. Erst 1903 wurde eine isländische Regierung mit einem eigenen Ministerium in Reykjavik zugestanden.
Abweichend von dieser Linie gab es in Schweden keine Vermischung der Themen nationale Unabhängigkeit und Frauenwahlrecht. Doch die Argumente der Frauenwahlrechtsorganisation für die Einführung des Wahlrechts riefen im Bild der guten Mutter und des guten Hauses Verbindungen zum Nationalismus wach: Alle Bürger sollten vor dem Gesetz gleich sein und die traditionelle Rolle der Frau als Mutter habe ihr Fähigkeiten verschafft, die sie in die politische Sphäre einbringen solle.
Belohnung für die Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung
Sowohl in Norwegen als auch in Finnland wurde das Frauenwahlrecht als eine Belohnung für die Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegungen gesehen. Auch sollte durch die Einführung erreicht werden, dass Frauen weiterhin Patriotinnen blieben.
In Schweden wie auch in den Niederlanden war die Einführung des Frauenwahlrechts kein revolutionärer oder auch nur radikaler Akt, sondern im Gegenteil das Ergebnis der Erkenntnis, dass das Frauenwahlrecht zur Stabilisierung der Demokratie beitragen und das Bollwerk gegen revolutionäre Bestrebungen verstärken werde.
Die Unterstützung für das Frauenwahlrecht in Finnland war in ländlichen Gebieten stärker als in den Städten. Möglicherweise lag dies daran, dass die bäuerliche Bevölkerung das Frauenwahlrecht für eine Maßnahme hielten, die ihrer konservativen Einstellung entsprach, und keine Angst vor einem eventuellen revolutionären Potential bei den Wählerinnen hatten. Die Finnisch sprechende Bevölkerung war leichter für das Frauenwahlrecht zu gewinnen als die Schwedisch sprechende Oberschicht.
Religiöse Faktoren und die Abstinenzbewegung
Die Historikerin Irma Sulkunen betont den Einfluss religiöser Erweckungsbewegungen, in denen in Finnland vor allem Frauen aktiv waren, auf die frühe Erlangung des Frauenwahlrechts. Sie hatten Ende des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit und verfügten über enge Verbindungen zur Finnischen Partei, die das Ideal einer agrarischen Gesellschaft vertrat.