Johann Franz Wilhelm Eduard Radziwill (* 6. Februar 1895 in Strohausen, heute Rodenkirchen in der Wesermarsch; † 12. August 1983 in Wilhelmshaven) war ein deutscher Künstler des Magischen Realismus. Sein Œuvre umfasst verschiedene Schaffensperioden: ein expressionistisches Frühwerk, ein magisch-realistisches Hauptwerk und ein symbolistisches Spätwerk. Bekannt sind rund 850 Ölbilder, 2000 Aquarelle, Zeichnungen und bemalte Postkarten sowie 35 druckgrafische Arbeiten.
Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in dem Nordseebad Dangast bei Varel am Jadebusen, das ihn künstlerisch inspirierte. In der Zeit des Nationalsozialismus gehörte er der NSDAP an und fungierte als lokaler Propaganda- und Kulturfunktionär. Sein Opportunismus zahlte sich zunächst für seine Karriere aus und er wurde 1933 als Lehrender für Freie Kunst an die Kunstakademie Düsseldorf berufen. Bereits 1935 wurde er jedoch entlassen. Die vermutlich von Gegnern eines internen Machtkampfes kolportierten Vorwürfe bezogen sich dabei auf sein Frühwerk, das später auch als „entartet“ bezeichnet wurde. Noch bis 1938 bemühte er sich um die Gunst des Regimes und konnte mehrfach ausstellen. Ein dann verfügtes Verbot für Einzelausstellungen galt bis zum Ende der NS-Zeit. Seine „stramm linientreuen[…] Jubelbilder“ übermalte er nun systemkritisch.
Kindheit, Jugend und Erster Weltkrieg
Franz Radziwill wurde als ältestes von sieben Kindern des Töpfermeisters Eduard Radziwill (1859–1922) und seiner Ehefrau Karoline, geborene Suhrendorf (1871–1948) in Rodenkirchen-Strohausen/Wesermarsch geboren. Nach dem Umzug der Familie 1896 wuchs er zunächst im Bremer Arbeiterviertel Walle auf, dann in Bremen-Findorff. Die Eltern schickten ihn auf die Freischule an der Großenstraße im Stephaniviertel. Ab 1909 folgte eine vierjährige Maurerlehre. Dank hervorragender Ergebnisse der Gesellenprüfung wurde Radziwill 1913 an der Technischen Staatslehranstalt Bremen zum Architekturstudium und zum Studiengang für Industrielle Formgebung zugelassen. In Abendkursen an der Bremer Kunstgewerbeschule widmete er sich dem figürlichen Zeichnen. Durch seinen Mentor, den Architekten Karl Schwally, fand Radziwill Zugang zu Künstlerkreisen in Worpswede und Fischerhude, darunter Bernhard Hoetger, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Jan Bontjes van Beek, Olga Bontjes van Beek und Clara Rilke-Westhoff. Der Erste Weltkrieg unterbrach die künstlerische Entwicklung. 1915 wurde Radziwill eingezogen und bis 1918 als Sanitätssoldat in Russland, Flandern und Nordfrankreich eingesetzt. In englischer Kriegsgefangenschaft fasste er den Entschluss: „Wenn ich da lebend rauskomm, wird mein Leben in völlig anderen Bahnen laufen. Dann werde ich Maler.“
Nach der Entlassung aus britischer Gefangenschaft fand er in dem Bremer Friseur Gustav Brocks einen Förderer, der ihm in der Innenstadt seine Perückenmacherstube unter dem Dach als Atelier und Wohnung zur Verfügung stellte. Die Obernstraße 3 blieb bis zur Übersiedlung nach Dangast im Jahr 1923 Radziwills postalische Adresse. Das Gemälde Häuser in Bremen (Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg) aus der Zeit um 1919 ist mit der Widmung „An Gustav Brocks“ ein Zeugnis dieser Freundschaft. Im selben Jahr gründete Radziwill mit Heinz Baden u. a. den Malerbund Der grüne Regenbogen. Die Gruppe stellte ihre Arbeiten im April 1919 in der Kunsthalle Bremen und anschließend im Kunstsalon Maria Kunde in Hamburg aus.
In Hamburg lernte Radziwill die Kunsthistoriker und Sammler Wilhelm Niemeyer und Rosa Schapire kennen, die passive Mitglieder der expressionistischen Künstlergruppe Brücke und mit deren Vertretern, insbesondere Karl Schmidt-Rottluff, eng befreundet waren. Radziwills Arbeiten ernteten begeisterte Kritiken, z. B. in den Zeitschriften Kunstblatt und Cicerone. Bis 1954 blieb die intensive Freundschaft mit Niemeyer bestehen, wie der dokumentierte Briefwechsel bezeugt. Niemeyer vermittelte auch den Kontakt zu Karl Schmidt-Rottluff, der dem jüngeren Kollegen den Rat gab, zum Malen in das Fischer- und Bauerndorf Dangast zu reisen, nachdem er dort selbst mit Erich Heckel und Max Pechstein von 1907 bis 1912 die Sommermonate verbracht hatte. Die postalische Anschrift der Brücke, deren Geschäftsführer Erich Heckel war, war in diesen Jahren der Gasthof „Zum Fürsten Bismarck“ in Dangastermoor. 1920 wurde Radziwill als jüngstes Mitglied in die Freie Secession in Berlin aufgenommen. Er lernte Künstler und Schriftsteller wie George Grosz, Rudolf Schlichter, John Heartfield, Wieland Herzfelde und Bertolt Brecht kennen. Das Berlin der 1920er Jahre war für Radziwill nach eigener Aussage ein einzigartiger Ort kultureller Produktivität und Begegnung.
Als Radziwill 1921 erstmals den Ort Dangast besuchte, wohnte er zunächst im Dorfkrug und dann zur Untermiete bei einer Fischerfamilie, bis er sich 1923 zur Übersiedlung entschloss. Im selben Jahr nahm er an Gemeinschaftsausstellungen in Berlin, Hamburg und New York teil. Durch Verkäufe seiner Werke konnte er ein Fischerhaus in der heutigen Sielstraße 3 erwerben, das er später ausbaute und in dem er bis zu seinem Tod wohnte und arbeitete. Im selben Jahr (1923) heiratete er Johanna Gerhardine Haase (1895–1942) aus Tweelbäke bei Oldenburg.
Mit der Übersiedlung nach Dangast geriet Radziwill in eine Umbruchphase und wandte sich vom Expressionismus ab. In der Folgezeit änderte er seine künstlerische Handschrift grundlegend. In Gedichten und lyrischer Prosa setzte er einen Neuanfang. Das dörfliche Leben in unmittelbarer Nähe zur Natur der Wattenmeerregion lieferte ihm die Impulse für einen stilistischen Richtungswechsel, der mit dem intensiven Selbststudium Alter Meister einherging. Mit den neuen nachexpressionistischen Werken trat Radziwill bereits 1924 in Berlin an die Öffentlichkeit: In der Juryfreien Kunstschau war er neben Giorgio de Chirico, Otto Dix, Paul Klee und Oskar Schlemmer mit 17 Gemälden vertreten. 1925 fand Radziwills erste große Einzelausstellung im Oldenburger Augusteum statt. Es begann die lebenslange Freundschaft mit dem Oldenburger Nervenarzt Georg Düser, der sein größter Sammler werden sollte.
Studienreisen nach Holland und Dresden
1925 reiste Radziwill erstmals in die Niederlande. In Museen studierte er die Malerei des Goldenen Zeitalters. Im holländischen Küstenort Schoorl schloss er Freundschaft mit dem Künstler Mattheus (Thee) Lau, den er in den folgenden Jahren zum gemeinsamen Malen regelmäßig besuchte. In Amsterdam lernte Radziwill den Kunsthändler Aaron (Jack) Vecht kennen, in dessen Kunstzaalen A. Vecht er vielfach ausstellte.
Im Winter 1927/1928 ermöglichte ihm ein Stipendium Hamburger Sammler einen mehrmonatigen Studienaufenthalt in Dresden, um sich mit den Originalen von Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus zu befassen. Die Begegnung mit den Hauptwerken der deutschen Romantik lieferte Radziwill entscheidende Anregungen für seine Landschaftsgemälde. Otto Dix, der ab Sommer 1927 Professor an der Kunstakademie in Dresden war, stellte Radziwill ein Atelier zur Verfügung. Inspiriert von der Begegnung mit Dix, schuf Radziwill in der Dresdner Zeit zahlreiche Menschendarstellungen. Dix seinerseits porträtierte Radziwill, ein wenig schmeichelhaftes Konterfei, das 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ eine besondere Rolle spielen sollte.
1927 wurden erste Ölgemälde von öffentlichen Sammlungen angekauft. Walter Müller-Wulckow vom Oldenburger Landesmuseum erwarb das Ölgemälde Bankhausgarten (1937 beschlagnahmt/verschollen) und Gustav Hartlaub für die Kunsthalle Mannheim das Ölbild Morgen an der Friedhofsmauer, 1924 (Kunsthalle Mannheim). 1928 war Radziwill an der Ausstellung „Deutsche Kunst Düsseldorf“ beteiligt und erhielt für das Ölbild Die Straße, 1928 (Museum Ludwig, Köln) die Goldene Medaille der Stadt Düsseldorf. Ab 1929 folgten zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen, u. a. in Düsseldorf und Amsterdam. Radziwill wurde von etablierten Galerien wie Neumann & Nierendorf in Berlin und Andreas Becker in Köln vertreten. Dort hatte er Kontakt zur sozialistisch orientierten Künstlergruppe Die Kölner Progressive (auch Gruppe progressiver Künstler), zu denen Maler wie Heinrich Hoerle, Franz Seiwert und Jankel Adler gehörten. 1931 schloss Radziwill sich in Berlin der revolutionären Novembergruppe an.