Franz Oppenheimer (geboren am 30. März 1864 in Berlin; gestorben am 30. September 1943 in Los Angeles) war ein deutscher Arzt, Soziologe und Nationalökonom, der sich auch für den Zionismus einsetzte. Er gilt als wichtiger Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft.
Franz Oppenheimer wurde als drittes Kind der Lehrerin Antonie Oppenheimer, geb. Davidson, und des Rabbiners der jüdischen Reformgemeinde Berlin Julius Oppenheimer (gest. 1909) geboren. Er war ein Bruder des Biochemikers Carl Oppenheimer und der Schriftstellerin Paula Dehmel.
Nach seinem Studium der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin promovierte er 1885 bei Paul Ehrlich in Medizin. Während seines Studiums wurde er 1881 Mitglied der Burschenschaft Alemannia Freiburg und 1882 der Burschenschaft Hevellia Berlin. Aus der gemeinsamen Mitgliedschaft in der Hevellia ergab sich auch die enge Freundschaft zu seinem späteren Schwager Richard Dehmel. Oppenheimer genoss unter den Burschenschaftern Berlins den Ruf als gefürchteter Mensurfechter, trat aber 1885 aus der Hevellia aus, nachdem sie antisemitische Restriktionen bei der Mitgliederaufnahme eingeführt hatte.
Nach Abschluss seines Studiums war er bis 1895 als praktischer Arzt in einem Armenviertel Berlins tätig. Nebenbei beschäftigte er sich ab 1890 mit sozialpolitischen Fragestellungen und wurde zunehmend publizistisch tätig. Als Chefredakteur der Welt am Montag arbeitete er im selben Gebäude wie Friedrich Naumann, den er dort kennenlernte und der dort Die Hilfe herausgab. 1896 veröffentlichte Oppenheimer seine erste wissenschaftliche Arbeit, Die Siedlungsgenossenschaft. In ihr findet sich das bis heute bekannte Oppenheimersche Transformationsgesetz. 1902 gehörte er zur „Neuen Gemeinschaft“ um Heinrich Hart in Berlin-Friedrichshagen und zum Ausschuss der „Deutschen Gartenstadtgesellschaft“ um u. a. Wilhelm Bölsche.
Am 3. Januar 1909 war er in Berlin unter den Mitbegründern der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Im gleichen Jahr promovierte er in Kiel mit einer Arbeit über David Ricardo zum Dr. phil. Von 1909 bis 1917 war Oppenheimer Privatdozent in Berlin, anschließend für zwei Jahre Titularprofessor. 1919 nahm er einen Ruf auf den von Frankfurter Kaufleuten, unter anderem Karl Kotzenberg, gestifteten Lehrstuhl für Soziologie und theoretische Nationalökonomie an der Universität Frankfurt an. Diese erste Soziologie-Professur Deutschlands hatte er bis 1929 inne. Sein Nachfolger wurde Karl Mannheim.
Von 1934 bis 1935 lehrte Oppenheimer in Palästina. 1936 wurde er zum Ehrenmitglied der American Sociological Association ernannt. Im Januar 1939 gelang Oppenheimer mit seiner Tochter die Ausreise nach Japan, wo er an der Keiō-Universität in Tokio einen Lehrauftrag hatte, den er jedoch nicht ausüben konnte, weil das Kulturabkommen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Japan die Beschäftigung von jedem verbot, der den Nationalsozialisten missfiel. Obgleich Inhaber eines Non-Quota-Visums, wurde ihm die Aufenthaltserlaubnis in Japan wieder entzogen. Er musste es verlassen und ging bis 1940 nach Shanghai. Von dort aus emigrierte Oppenheimer in die USA und ließ sich in Los Angeles nieder, wo bereits seine jüngere Schwester Elise Steindorff, die Frau Georg Steindorffs, wohnte. 1941 war Oppenheimer Gründungsmitglied des American Journal of Economics and Sociology. Er schrieb noch mehrere Bücher in englischer Sprache, die bis heute unveröffentlicht sind.
Oppenheimer war in erster Ehe von 1890 bis 1913 mit Amalie Martha Oppenheim und in zweiter Ehe ab 1916 mit Mathilda Hanna Horn, geb. Holl, verheiratet. Eine Tochter, Eva, und zwei Söhne, Ludwig (Yehuda) und Heinz Reinhard (Hillel), entstammten der ersten Ehe. Die Tochter Renata Ellen, das einzige Kind aus zweiter Ehe, heiratete den Schauspieler Ernest Lenart.
Franz Oppenheimer starb am 30. September 1943 in Los Angeles. Seine Urne wurde am 21. Mai 2007 in ein Ehrengrab auf dem Frankfurter Südfriedhof überführt.
Bei Oppenheimer, an den Methoden der naturwissenschaftlichen Forschung geschult, findet man zahlreiche Versuche, ähnlich strenge Gesetzes-Aussagen in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften herauszuarbeiten. Auf über 1200 Seiten wird in Band IV vom System der Soziologie eine soziologisch geprägte historische Abhandlung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas von der Völkerwanderung bis zur Gegenwart angeboten, die sich nicht auf die für Historiker übliche Darstellung bekannter Fakten beschränkt, sondern eine Erklärung der Zusammenhänge auf der Basis immer gleicher sozialer Gesetzmäßigkeiten versucht. Seine zentralen soziologischen Thesen über den Staat fanden weltweit Beachtung und wurden in mindestens zehn Sprachen übersetzt. Auf dem Weg über Albert Jay Nocks Our enemy, the state (1935) beeinflussten Oppenheimers Thesen zumindest radikal-liberale und anarchistische Denker nachweislich, obgleich Oppenheimer selber als liberaler Sozialist eher andere Schlüsse zog.
Gute Theorien und Theoretiker erkennt man nach Oppenheimer an ihren Prognosen. Richtig erkannte soziale Gesetze ermöglichen richtige Vorhersagen zukünftiger Entwicklungen. Entsprechend hat sich Oppenheimer in seinem utopischen Roman Sprung über ein Jahrhundert (1932) weiter vorgewagt als jeder andere Gesellschaftswissenschaftler seiner Zeit.
1932 bereits sah er atomare Waffen kommen, deren Vernichtungskraft so gewaltig sein würde, dass die Völker keine Kriege mehr gegeneinander wagen würden. Als andere noch den Erbfeind Frankreich zum Nachbarn wähnten, schilderte er für das Jahr 2032 ein geeintes, grenzenloses Europa mit vorwiegend überschaubaren, regionalen Verwaltungen. Er sah, während die Welt ihre schwerste Wirtschaftskrise erlebte, eine Gesellschaftswirtschaft voraus, die keine Krisen mehr kennen würde und in der vor allem freie, selbständige Menschen ihre Arbeit genossenschaftlich geeint organisieren würden. Drei Jahre bevor in Deutschland überhaupt der erste Fernsehsender auf Sendung ging, prognostizierte er, dass im Jahre 2032 ein Bildtelefon in jedem Haushalt stehen würde und lautlose (Elektro-)Fahrzeuge in damals unvorstellbarer Zahl über gut ausgebaute Straßen gleiten würden.
Nach Oppenheimer gibt es drei staatstheoretische Quellen:
die Philosophie befasst sich mit dem Staat, so wie er sein sollte,
der Jurist befasst sich mit der äußeren Form des Staates und
die Soziologie mit dem Inhalt, dem Leben der Staatsgesellschaft.
Die von Oppenheimer weiter entwickelte soziologische Staatsidee geht zurück auf Gerrard Winstanley (1609–1676) und Henri de Saint-Simon (1760–1825). Danach zeigt die Geschichtsforschung, dass jeder Staat „seiner Entstehung nach ganz und seinem Wesen nach auf seinen ersten Daseinsstufen fast ganz eine gesellschaftliche Einrichtung (ist), die von einer siegreichen Menschengruppe einer besiegten Menschengruppe aufgezwungen wurde mit dem einzigen Zwecke, die Herrschaft der ersten über die letzte zu regeln und gegen innere Aufstände und äußere Angriffe zu sichern. Und die Herrschaft hatte keinerlei andere Endabsicht als die ökonomische Ausbeutung der Besiegten durch die Sieger. Kein primitiver ‚Staat‘ der Weltgeschichte ist anders entstanden …“.
„Jeder Staat der Vergangenheit und Geschichte, dem dieser Name unbestritten zukommt, jeder Staat vor allem, der in seiner Entwicklung zu höheren Stufen der Macht, der Größe und des Reichtums weltgeschichtlich bedeutsam geworden ist, war oder ist ein Klassenstaat, das heißt eine Hierarchie voneinander über- und untergeordneten Schichten oder Klassen mit verschiedenem Recht und verschiedenem Einkommen.“
„Der unversöhnliche Zwiespalt der Theorien vom Staate erklären sich daraus, dass keine von ihnen vom soziologischen Gesichtspunkte aus entstanden ist. Der Staat ist ein universalgeschichtliches Objekt und kann nur durch breit spannende universalgeschichtliche Betrachtung in seinem Wesen erkannt werden. Diesen Weg (…) hat bisher, außer der soziologischen, keine Staatstheorie beschritten. Sie alle sind als Klassentheorien entstanden.“ (Gesammelte Schriften, Bd. 2, S. 312)