François Maurice Adrien Marie Mitterrand [fʀɑ̃ˈswa mitɛˈʀɑ̃] (* 26. Oktober 1916 in Jarnac, Charente; † 8. Januar 1996 in Paris) war ein französischer Politiker der Sozialistischen Partei (PS) sowie von 1981 bis 1995 französischer Staatspräsident.
François Mitterrand wurde in Jarnac in der Nähe von Cognac in Südwestfrankreich als fünftes von sieben Kindern geboren. Yvonne, seine Mutter, war die Tochter von Jules Lorrain, der eine Zeitlang Cognac herstellte, bevor er sich als Essigproduzent in Jarnac niederließ. Joseph Mitterrand, der Vater, arbeitete bei der Eisenbahn und leitete dort zuletzt den Bahnhof Angoulême. Dann übernahm er die Essigfabrik des Schwiegervaters.
In Angoulême besuchte François Mitterrand die Klosterschule Collège Saint-Paul, die er 1934 mit dem Baccalauréat (Abitur) abschloss. Danach studierte er an der Sorbonne in Paris bis 1939. Sein Studium beendete er mit einer Licence der Lettres (Sprachen, Literatur und Geisteswissenschaften), einem Diplôme d’études supérieures im Öffentlichen Recht sowie einem Diplom der École libre des sciences politiques (Sciences Po). Während dieser Zeit neigte der junge Mitterrand zu nationalistischen, teils rechtsextremen Ansichten. Der israelische Historiker Michael Bar-Zohar behauptete 1996 sogar, er sei vor dem Zweiten Weltkrieg Mitglied der rechtsextremen Untergrundorganisation Cagoule gewesen.
Nach Abschluss des Hochschulstudiums meldete sich Mitterrand 1937 zum Militärdienst bei der Infanterie der französischen Kolonialtruppen. Er traf dort einen alten Freund, den jüdischen Sozialisten Georges Dayan, den er einst vor antisemitischen Angriffen der Action française geschützt hatte. Im September begann Mitterrand seinen Dienst im 23. Regiment der kolonialen Infanterie. Nach dem deutschen Überfall auf Polen erklärte Frankreich am 3. September 1939 Deutschland den Krieg. Mitterrand wurde kurz nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt zum Waffendienst an der Maginot-Linie in der Nähe von Montmédy eingezogen. Sein Dienstgrad war der eines Sergent chef.
Während der Schlacht um Frankreich wurde Mitterrand am 14. Juni 1940 bei Verdun bei einem Tieffliegerangriff durch einen Granatsplitter an der Brust verwundet und geriet am 18. Juni in deutsche Gefangenschaft. Er war im Stammlager IX A (heute Trutzhain) und im Stammlager IX C in Rudolstadt-Schaala interniert. Dort wurde er als Zwangsarbeiter im Straßenbau und der Landwirtschaft eingesetzt. Am 16. Dezember 1941 glückte ihm im dritten Versuch die Flucht.
Nach Frankreich zurückgekehrt, arbeitete er vom Mai 1942 an für das Vichy-Regime in der Verwaltung der Kriegsgefangenen und erhielt dafür von Marschall Philippe Pétain am 16. August 1943 den Francisque-Orden. Gleichzeitig hielt er Charles de Gaulle in London über geheime Kanäle der Résistance auf dem Laufenden. Zusammen mit dem ebenfalls aus deutscher Kriegsgefangenschaft entflohenen General Henri Giraud und anderen ehemaligen französischen Kriegsgefangenen bildete er ein Widerstandsnetzwerk namens RNPG. Die Gestapo führte im November 1943 in Vichy eine Razzia auf der Suche nach „François Morland“ durch. Dies war der (vom Namen der Pariser Métro-Station Sully-Morland abgeleitete) Deckname Mitterrands in der Résistance. Mitterrand floh daraufhin nach London und trat der Exilregierung de Gaulles bei. Als Kabinettsmitglied war er für die Angelegenheiten der Kriegsgefangenen zuständig. Gegen Ende des Krieges kämpfte Mitterrand in Deutschland und wurde an der Front nahe Reichenbach am Heuberg bei Tuttlingen, Württemberg, von deutschen Soldaten gefangen genommen. Mit der Heubergbahn wurde er nach Spaichingen transportiert und später von französischen Truppen befreit.
Von 1946 bis 1958 war François Mitterrand Abgeordneter der französischen Nationalversammlung. Er war in dieser Zeit Mitglied der bürgerlich-gemäßigten Union démocratique et socialiste de la Résistance (UDSR). Im Mai 1948 nahm er zusammen mit Winston Churchill, Harold Macmillan, Paul-Henri Spaak, Albert Coppé, Altiero Spinelli und Konrad Adenauer an einer Konferenz in Den Haag teil, die die europäische Einigung vorbereitete. Zwischen 1947 und 1957 hatte er verschiedene Ministerposten inne. Während der Vierten Republik gehörte Mitterrand elf verschiedenen Regierungen als Staatssekretär oder Minister an. 1952, 1953 und 1956–1957 war er Ministre d’État, von Juni 1954 bis Februar 1955 Innenminister – in dieser Zeit eskalierte der Konflikt mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung zum Krieg – und von Februar 1956 bis Mai 1957 Justizminister. Während seiner Amtszeit wurden 45 algerische Unabhängigkeitskämpfer hingerichtet, die überwiegende Mehrheit der an ihn gerichteten Gnadengesuche lehnte Mitterrand ab. Von 1953 bis zu ihrer Auflösung 1964 war Mitterrand Parteivorsitzender der UDSR.
In der französischen Staatskrise von 1958 stellte sich Mitterrand gegen de Gaulle, dessen Algerienpolitik er gleichwohl guthieß. Nach Gründung der Fünften Republik verlor die UDSR ihre wichtigsten Politiker (mit Ausnahme Mitterrands selbst) und versank in Bedeutungslosigkeit. 1959 soll auf Mitterrand auf der Avenue de l’Observatoire in Paris ein Anschlag verübt worden sein, dem er durch einen Sprung hinter eine Hecke entkam. Dieser Anschlag verschaffte ihm hohe mediale Aufmerksamkeit, jedoch wurden auch Beschuldigungen laut, wonach Mitterrand den Anschlag selbst inszeniert habe. Von 1959 bis 1962 war er Senator des Département Nièvre und ab 1962 erneut Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung, wo er in der Mitte-links-Fraktion Rassemblement démocratique zusammen mit den Abgeordneten der Parti radical saß. Ein Besuch in China 1961 während des sogenannten Großen Sprungs nach vorn trug zur Anerkennung der Volksrepublik China durch Frankreich 1964 bei, die deutlich vor der durch die Bundesrepublik Deutschland erfolgte.
Aufstieg zum Anführer der Linken
Mitterrand wurde 1964 Präsident des Conseil général des Départements Nièvre. Mit der Veröffentlichung des Buchs Le Coup d’État permanent (dt. Der permanente Staatsstreich) im Mai 1964 gelang ihm der Durchbruch als wichtigstem linken Herausforderer de Gaulles, den er beim Referendum zur Einführung der Fünften Republik 1958 noch einen „neuen Diktator“ genannt hatte. Er gründete im selben Jahr die kleine Mitte-links-Partei Convention des institutions républicaines (CIR), die er bis zu ihrer Auflösung 1971 führte. Obwohl seine Gruppierung relativ klein war, wurde er bei der Präsidentschaftswahl am 5. Dezember 1965 Kandidat des Parteienbündnisses Fédération de la gauche démocrate et socialiste (FGDS), dem auch die sozialistische Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO) und der linksliberale Parti radical angehörten. Er schnitt von allen Kandidaten der Linken mit 31,72 % der Stimmen im ersten Wahlgang am besten ab und wurde daraufhin in der Stichwahl vom gesamten linken Lager (neben den Parteien der FGDS auch vom Parti communiste français und Parti socialiste unifié) unterstützt. In der Stichwahl am 19. Dezember 1965 unterlag er de Gaulle mit 44,8 % der Stimmen.
Von 1965 bis 1968 war Mitterrand Vorsitzender der FGDS, des Bündnisses der nicht-kommunistischen Linken. Bei der Wahl zur Nationalversammlung im März 1967 erzielte die Linke insgesamt und vor allem die FGDS ein unerwartet gutes Ergebnis. Die FGDS war anschließend mit 121 Abgeordneten deutlich vor den Kommunisten die zweitgrößte Fraktion in der Nationalversammlung, hinter den regierenden Gaullisten. Das konservative Regierungslager hatte nur noch eine knappe Mehrheit.
Die Unruhen im Mai 68 trafen die französische Linke unvorbereitet: Die Streiks wurden nicht durch die Gewerkschaften angeführt und die Demonstrationen, ihre Ziele und Losungen nicht von den linken Parteien bestimmt. Die Zersplitterung der französischen Linken, außer der Kommunistischen Partei, sowie ihre geringe organisatorische Kraft machten sich nachteilig bemerkbar. Am 28. Mai 1968 behauptete Mitterrand ein „Machtvakuum“, schlug die Bildung einer Übergangsregierung vor und erklärte seine Kandidatur für eine vorgezogene Präsidentschaftswahl. Damit hatte er die Situation gründlich verkannt. Staatspräsident de Gaulle löste die Nationalversammlung auf, und bei der Neuwahl im Juni 1968 errangen die Gaullisten und Konservativen eine überwältigende Mehrheit, die Sitzzahl der FGDS halbierte sich. Nach dieser Niederlage löste sich das Bündnis auf. Als de Gaulle im April 1969 vom Präsidentenamt zurücktrat und eine Neuwahl auslöste, kandidierte Mitterrand nicht. Alle linken Kandidaten schieden im ersten Wahlgang aus, neuer französischer Staatspräsident wurde Georges Pompidou.