An diesem Tag

Flucht nach Varennes

Fluchtversuch des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Familie am 20./21. Juni 1791

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Als Flucht nach Varennes (französisch Fuite à Varennes) wird der Fluchtversuch des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Familie aus dem revolutionären Paris in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 bezeichnet. Wohin sie letztlich wollten und welche Motive sie leiteten, ist in der Forschung umstritten.

Die Flucht endete vorzeitig in dem kleinen Ort Varennes-en-Argonne, nachdem Ludwig von einem Postmeister erkannt worden war. Capitaine Jean-Louis Romeuf führte die königliche Familie unter Geleitschutz durch die Nationalgarde nach Paris zurück, wo der König kurzfristig von seinen Rechten und Pflichten suspendiert wurde. Da die Abgeordneten der Nationalversammlung zu diesem Zeitpunkt keine Alternative zur geplanten Einführung der konstitutionellen Monarchie in der Verfassung von 1791 sahen, einigten sie sich darauf, den Fluchtversuch als „Entführung“ auszugeben, und beließen Ludwig auf seiner Position als König.

Das Vertrauen der meisten Abgeordneten in seinen guten Willen hatte Ludwig durch seinen Fluchtversuch indes nachhaltig erschüttert; das Ereignis gab republikanischen Gruppierungen in Frankreich starken Auftrieb. Die Mitglieder des Club des Cordeliers erklärten noch am Tag der Flucht: „Endlich sind wir frei und ohne König.“ Eine durch sie knapp einen Monat später organisierte Demonstration für die Abschaffung der Monarchie endete im Massaker auf dem Marsfeld.

Seit dem Sturm auf die Bastille hatte es wiederholt Pläne gegeben, Ludwig XVI. solle aus dem revolutionären Paris oder sogar aus Frankreich fliehen. Am 16. Juli 1789 hatten der spanische Botschafter Carlos José Gutiérrez de los Ríos y Rohan-Chabot und Charles Philippe, ein Bruder des Königs, vorgeschlagen, er solle sich nach Metz absetzen. Nachdem die Poissarden am 6. Oktober 1789 seine Übersiedlung aus dem Schloss Versailles in den Palais des Tuileries erzwungen hatten, wo er de facto ein Gefangener war, versuchte Graf Mirabeau ihn davon zu überzeugen, sich in die Normandie abzusetzen. Frankreich zu verlassen würde den König dem Verdacht aussetzen, sich mit dem Ausland verschworen zu haben. Von den Provinzen aus könne er aus einer Position der Stärke heraus eine Verfassung mit einer starken monarchischen Exekutive aushandeln. Im Dezember 1789 plante Thomas de Mahy de Favras, ein Leutnant der Leibwache von Prinz Louis Stanislas Xavier, einem weiteren Bruder des Königs, ihn nach Metz oder Peronne zu entführen. Der Plan wurde aufgedeckt, de Favras wurde als Hochverräter gehenkt. Lange Zeit hatte sich Ludwig XVI. gegen eine Flucht, die ihm besonders von seiner Frau nahegelegt wurde, ausgesprochen. Ein Sinneswandel stellte sich erst ein, als Angehörige der Nationalgarde und der Pariser Sansculotten am 18. April den alljährlichen Osterausflug der königlichen Familie ins Schloss Saint-Cloud verhinderten, weil sie ihn verdächtigten sich nach Brüssel in die Österreichischen Niederlande absetzen zu wollen, wo sein Schwager Leopold II. herrschte. In Wahrheit wollte er unbeobachtet die Kommunion aus der Hand eines eidverweigernden Priesters empfangen. Im Bewusstsein seiner persönlichen Unfreiheit plante das Königspaar nun tatsächlich seine Flucht in die lothringische Festung Montmédy, deren Kommandant François-Claude-Amour de Bouillé ihm treu ergeben war. Da Mirabeau kurz zuvor gestorben war, musste sich das Königspaar auf andere Berater verlassen, namentlich Louis Auguste Le Tonnelier de Breteuil und Marc Marie Marquis de Bombelles, die aber länger im Ausland gelebt hatten und deswegen mit den inneren Verhältnissen Frankreichs nach dem Bastillesturm nicht vertraut waren. Bouillés Beteiligung brachte ihm 1792 eine wenig schmeichelhafte Erwähnung in der Marseillaise ein, die seit 1879 die französische Nationalhymne ist.

Der Liebhaber der Königin Marie-Antoinette, Hans Axel von Fersen, organisierte die Flucht. Unter einem Vorwand ließ er in regelmäßigen Abständen zwischen Paris und Montmédy Kavallerieposten und Wechselpferde aufstellen. Außer ihm und de Bouillé war noch Außenminister Armand Marc de Montmorin Saint-Hérem eingeweiht. Möglicherweise war auch General La Fayette Teil des Komplotts, der als Kommandant der Nationalgarde für die Bewachung der Tuilerien verantwortlich war. Ließ er den König absichtlich entkommen, um selber Staatschef zu werden oder um ihn wieder einzufangen und so sein schwindendes Prestige aufzubessern? Neben dem König und der Königin, die sich als Kammerdiener und Kammerzofe verkleideten, reisten ihre Kinder mit: die zwölfjährige Marie Thérèse und der vierjährige Louis Charles. Madame Elisabeth, die Schwester des Königs, gab sich als seine Kinderfrau aus. Die wahre Gouvernante der Kinder, Madame de Tourzel, aus deren Memoiren die Einzelheiten der Flucht bekannt sind, mimte unter dem Namen der Baronin Korff die Herrin der Reisegesellschaft. Außerdem reisten drei Leibwächter mit. Die echte Baronin Korff war zur Sicherheit dieselbe Strecke mit der gleichen Anzahl von Begleitern gefahren. Niemand hatte sie nach ihrem Pass gefragt. Hinter Châlons sollte de Bouillé die Flüchtlinge mit Soldaten erwarten und sicher nach Montmédy begleiten.

Ludwig ließ bei seiner Abreise eine Proklamation zurück, die direkt an das französische Volk gerichtet war. Darin erläuterte er die Gründe seiner Flucht: Er sei in den Tuilerien ein Gefangener gewesen, was er aber geduldet habe, solange er auf die Wiederherstellung von Ordnung und Wohlergehen habe hoffen können. Als Gründe für seine Flucht nannte er die Zerstörung seines Königtums, die Verletzung seines Eigentums und die Bedrohung seiner persönlichen Sicherheit. Verantwortlich für all das seien die revolutionären Klubs und die radikale Pariser Publizistik. Er warf der Nationalversammlung vor, aus der Monarchie ein «vain simulacre», ein „leeres Trugbild“ gemacht zu haben. In ihrer konstitutionellen Form sei sie «un gouvernement métaphysique et philosophique impossible dans son exécution», „ein metaphysisches und philosophisches Regierungssystem, das in der Praxis nicht funktionieren kann“. Daher rief er «ses fidèles sujets», „seine treuen Untertanen“ dazu auf, endlich die bösen Absichten der Revolutionäre zu durchschauen, die das Vaterland unter dem Vorwand seiner Erneuerung zerstören wollten:

Kleinere Zwischenfälle hatten die Flucht, die zunächst vom 12. Juni auf den 15. Juni verschoben worden war, bis zum 20. Juni, einem Montag, verzögert. Um keinen Verdacht zu erregen, waren die Königin und die Kinder noch am Abend im Garten spazieren gegangen. Marie-Antoinette hatte Anweisungen für eine kleine Ausfahrt für den folgenden Tag gegeben und sich dann zurückgezogen. Gegen 22 Uhr weckte die Königin die Kinder. Hierauf wechselten alle ihre Kleidung, der Dauphin musste Mädchenkleider tragen. Über einen komplizierten Weg durch die Zimmerfluchten begaben sie sich in einzelnen kleinen Gruppen durch den Personalausgang ins Freie, wo sie Fersen in der Uniform eines Kutschers mit einer Droschke erwartete. Zunächst kam Tourzel mit den Kindern, danach Madame Elisabeth mit einem Leibgardisten. Sie berichtete, dass sich kurzfristig der General Lafayette und der Pariser Bürgermeister Jean-Sylvain Bailly zu einer Abendaudienz eingefunden hätten. Die Königin kehrte in den Salon zurück, wo ihre Abwesenheit nicht bemerkt worden war. Um 22 Uhr 45 ging die königliche Familie wie gewohnt auseinander. Die Abfahrt verzögerte sich um fast zwei Stunden, bis der König endlich kam und wenig später Marie-Antoinette.

Um halb ein Uhr nachts stiegen die königlichen Flüchtlinge in eine Mietkutsche und fuhren los. Unbehelligt passierten sie die Stadtgrenze an der Rotonde de la Villette und stiegen in eine bequemere Berline um. Gegen zwei Uhr war Bondy erreicht, wo die restlichen Leibwächter warteten und Fersen verabschiedet wurde.

Um sechs Uhr rollte die Berline durch Meaux, vor sieben Uhr durch La Ferté-sous-Jouarre. Mehrmals wurden unvorhergesehene Rasten eingelegt, bei denen Bauern und Postillons das Königspaar erkannten. Es kam zu weiteren Verzögerungen, als die Gespanne zwischen Chaintrix und Châlons zwei Mal stürzten und dabei die Zügel rissen. Es brauchte mehr als eine Stunde, den Schaden zu beheben. Auch in Châlons wurden die Reisenden erkannt, ohne dass man ihnen feindselig begegnete. Die Verspätung der Flüchtlinge brachte währenddessen die Soldaten Bouillés in große Verlegenheit. Sie hatten das Aufsehen der Bevölkerung erregt, die glaubte, die Soldaten wären gekommen, um die im August 1789 abgeschafften Feudalrechte wiederherzustellen. Es kam zu Zusammenstößen, woraufhin Bouillé sie zurückzog.

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